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Me, myself & Italy – Teil I

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Ich bin weg. Urlaub, Kurztrip, Roadmovie. Und die Wunschliste ist mal wieder lang und ambitioniert: Tessin, Lombardei, Aostatal, Piemont & Ligurien. Im schnellen Wechsel zwischen Land und Stadt. Wobei Land hier stellvertretend für „Berg“ steht, der neuen Leidenschaft will schließlich gefrönt werden.

So weit, so wenig ungewöhnlich. Rundreisen mit häufigen Ortswechseln entsprechen durchaus meinem touristischen Schema. Was diesen Urlaub besonders macht: ich reise alleine. Zum ersten Mal in meinem Leben, sieht man von Wochenendbesuchen in deutschen Großstädten ab. Aber jetzt mal Urlaub alleine – und zwar so richtig. Gründe dafür gibt es viele, nicht alle sind eindeutig zu benennen. Auf der Sonnenseite zu verbuchen: im eigenen Tempo reisen, ohne Kompromisse und langwierige Gruppenentscheidungen. Und wer schon mal mit mir unterwegs war, weiß was Tempo heißen kann. Meine Schritte sind schnell, meine Taktung hoch. Ich langweile mich schnell und will: viel. In den letzten Wochen mehrte sich zudem der dringende Wunsch, mehr zu lesen und vor allen Dingen: mehr zu schreiben. Das erhoffte ich mir ganz elementar von einer Reise mit mir alleine: und so wie sich die Sache hier gerade gestaltet, bei Paninopause mit Macbook im Café in Brera – scheint der Plan ganz gut aufzugehen.¹

Die gesammelten und aufgeschobenen Themen der letzten Wochen und Monate habe ich dabei – im leichten Teil des Handgepäcks. Das glyk nehme ich mit ins Aostatal und über Tom McCarthy soll in Turin geschrieben werden. Wo, wenn nicht in Sichtweite des Grabtuches, ließe sich besser über dieses furiose Satin Island berichten? Aber jetzt mal schön der Reihe nach. Alles auf Start. Pfeffer on Tour, Klappe die Erste:

Von Schiffen

Die Reise beginnt mit einer angenehmen Überraschung, zumindest für mich. Die Dame am Schalter der Autovermietung kämpft mit dem Reservierungssystem. Und verliert. Meinen mehrmaligen Hinweis, dass ich es gar nicht sonderlich eilig habe und sie sich bitte nicht stressen lassen soll, ignoriert sie, stresst sich ziemlich, beginnt zu fluchen, entschuldigt sich wiederholt, öffnet dann eine Schublade und sagt: „ich hoffe, wir können die Unannehmlichkeit mit einem Upgrade ausgleichen.“ Mir war bis dato zwar gar nicht unannehmlich zu Mute, aber Upgrade, das klingt im Reisebusiness: gut, sehr gut, nach mehr Beinfreiheit und Champagner. Und ich mag Beinfreiheit. Nächste Szene: Pfeffer im Schiff. Bestellt war ein Kleinwagen ohne Extras. Geliefert wurde: ein Großwagen mit Extras. Ich mag Extras. Und ich mag gute Bord-Entertainment-Systeme. Auch meine Zweifel, wie zur Hölle ich denn mit einem Auto dieser Länge in oberitalienischen Innenstädten seitlich einparken sollte, wurden alsbald zerstreut: von einem Extra, das ich auf den ersten 500 gefahrenen Kilometern schon sehr zu schätzen gelernt habe. Kamera auf der Rückseite. Mit Spurassistent oder wie auch immer das heißen mag. Funktioniert in jedem Fall und lässt auch einen Autolegastheniker wie mich die reichlich engen Milaneser Parklücken meistern. Das Gute an einem Auto dieser Größe ist gleichzeitig die Krux an einem Auto dieser Größe. Mein Gepäck ist enorm. Die Outdoortasche, der Wanderrucksack, Klettersteig-Zeug, Jogging-Ausrüstung, eine mittelschwere Bibliothek und eine Reisetasche mit „normalem“ Gepäck. Der Kofferraum ist voll.

Ticino, ti voglio tanto bene.

Ich breche früh auf. Es ist dunkel und kalt, auf der Fahrt zieht Nebel auf. Im Rheintal, 30 Kilometer vor Chur, hebt er sich und die Sonne zündet die Bündner Alpen an. Ich denke an Adrian, den ich vor 2 Wochen im Churer Kabinett der Visionäre traf und der von der Wettergrenze Graubünden erzählte. Recht hatte er.

Benjamin singt: „I wish we could open our eyes / to see in all directions at the same time.“ Große Freude. Urlaub. Hurra. Erster Stopp: Lugano. Wie viele Schweizer Städte dieser Lage mittelschwer Bausünden-belastet. Aber deshalb bin ich nicht hier, also nicht der Stadt wegen. Ich fahre mit der Bergbahn vom Stadtteil Paradiso zur Mittelstation des Monte San Salvatore und wandere zum Zustieg der Via ferrata d´arrampicata. Der Klettersteig beginnt gleich ziemlich ambitioniert, sehr steil und ausgesetzt, mit ganz schön wenig Tritten oder Stiften, um nicht zu sagen: gar keinen. Pfeffer im Seil, mit Puddingarmen und einem dicken Grinsen im Gesicht. Sportliche Geschichte und ziemlich genau das, was ich wollte: eine neue Schwierigkeitstufe. Der See schiebt sich ins Panorama, mit der Höhe eröffnet sich die Sicht auf die Tessiner Alpen. Auf dem Gipfel dann: Sonne satt, blauer Himmel, blauer See. Abstieg zurück nach Paradiso, Leinen los, ab an Bord, ab nach Italien.

Milano

Autofahren und Italien. Ein Klischee. 200 Meter nach der Grenze wird das erst mal gehupt. Wirklich.

Ich muss lachen. Die Musik von Max Richter stellt sich als hervorragender Navigationsbegleiter durch die Mailänder Innenstadt heraus. Ich biege ab. Und biege ab. Und biege ab. Und biege ab. Und frage mich, ob das WIRKLICH die schnellste Route zum Hotel sein kann. Ich komme an. Und fahre 35 Minuten um „den Block“. Dann fahre ich in ein Parkhaus. Glück gehabt, das Hotel hat eine Vereinbarung mit dem Parkhausbesitzer. 25 Euro. Pro Nacht. Und für den nächsten Tag wird mir ein Parkplatz vor der Tür versprochen.

Das Hotel ist: absurd. Ich wollte das so. Für Mailand hab ich Prunk gebucht. Turin wird minimal, Genua ist bislang noch offen. Pagen in Uniform, Teppich, Stuck und Staffage bis zum Anschlag, nein: über den Anschlag hinaus. Wobei Anschlag auch irgendwie richtig ist,  vong Ästhetik her.

Vorhänge, Tagesdecken und Teppiche, so schwer und floral, dass man sich durchaus vorstellen kann, sie schluckten nicht nur alles verfügbare Tageslicht (was sie tatsächlich tun), sondern krümmten auch noch den Raum. Das Ganze dann auf – für italienische Innenstädte – nicht ungewöhnlichen 6 Quadratmetern. Ich habe Mühe, all das Dekor neben meinem Bett zu stapeln und sorge mich auch etwas um die Stabilität dieses Arrangements. Es sollen schon Sterne mit weniger Masse in sich zusammengefallen sein.

Schnell raus, durchatmen, ab zum Dom, der mich tatsächlich sehr beeindruckt. Ich war schon öfter mal in großen Kirchen. Im Petersdom, in der Hagia Sophia, im Kölner Dom. Aber immer wieder stellt sich Überwältigung ein. Und wie so oft, kommt das eine nicht ohne das andere aus: Unterwältigt war ich nämlich auch, das bislang einzige Mal auf dieser Reise. In der eher kurzen Warteschlange atmet mir äußerst geschwätziges Ehepaar aus Österreich in den Nacken. Ich beschließe nach wenigen Minuten, meinen Platz zu opfern und stelle mich nochmals neu an, diesmal gefolgt von stoisch gelassenen Japanern. Ich verliere ca. 3. Minuten Mailand  und gewinne vermutlich mehrere Jahre Lebenszeit.

Der Abend kommt, ab ins Restaurant. Eine DER Situationen, auf die ich recht gespannt war. Ich gehe nicht alleine essen. Falsch. Ich ging nicht alleine essen. Zumindest nicht in „richtige“ Restaurants. Bis gestern. Ab zum Dinner in die Chiara Fiori – und zwar mit allem Drum und Dran. 3 Gänge + dolci & caffè. Und ein komisches Gefühl bei der Sache: kam nicht auf. Zumindest keines, das sich nicht durch einen beherzten Schluck Moretti hätte auflösen lassen. In den Pausen zwischen den Gängen lese ich. Oder werde vom grandiosen Service-Personal unterhalten. Oder ich mache das, was ich auch sonst ganz gerne tue: ich beobachte die Umwelt. Und wenn möglich: mich selbst, während ich die Umwelt beobachte. Das Essen ist – Überraschung – grandios. Burrata in Fenchelsud / Pasta mit Kapern und Sardellen / Tartar von der Forelle mit Artischocken und Mandeln. Happy Pfeffer.

In der Bar treffe ich Chunyŏng aus Südkorea. Europa wegen sexueller Freiheit, Mailand wegen Mode. Er erzählt, dass er nirgends so einsam war, wie in seiner Heimat, die Abweichung mit sozialer Isolation sanktioniert. Eine Landkarte von Gaysia, die mir schon öfter beschrieben wurde. Mailand ist für ihn Mekka in mehrfacher Hinsicht. Möglichkeitsraum in Sex und Stoffen. Chunyŏng ist young, gifted & gay – wie so viele hier.

Heimweg durch die Via Monte Napoleone, vorbei an Prada, Gucci und Versace. Tausende von Taschen um mich. Ein Panoptikum aus hohen Preisen, hohen Mauern & hohen Wangenknochen. Mailand, die Stadt der Gier, Geilheit und gated communities.

Zur Kunst, zum Fieber

Ich falle ins Dekor, hoffe, dass mir all die Ornamente im Nacht nicht den Atem rauben werden und schlafe ein. Tag 2 beginnt mit Blumenbouquets! Und noch mehr Blumenbouquets. Der Frühstücksraum riecht nach den Niederlanden. Wahnsinn, Teil 2. Aber all die Opulenz ist ein guter Kompagnon, wenn es um ausgedehntes Schlemmen geht.

Mailand schläft noch, es ist ja auch erst halb neun, die Straßen sind leer, über der Stadt liegt Nebel. Ich gehe ins Museo del Novecento und schaue mir die Futuristen an. „All things move, all things run, all things are rapidly changing. A profile is never motionless before our eyes, but it constantly appears and disappears.“ Ich mag das ganz gern, trotz all seiner geistesgeschichtlichen Ambivalenzen. Zwei Stockwerke darüber: die Schnitte von Lucio Fontana. Mag ich auch, sehr sogar. Hinter einer seiner Lichtskulpturen sieht man auf die Schlange zum Dom. Wow! Mein Timing scheint gut gewesen zu sein. Große Kirchen, große Schlangen.

In einem anderen Stockwerk entdecke ich die Scheiße von Pierro Manzoni, schmunzle, denke an Yves und den Kunstzirkus und an die Lektorin, mit der ich die ganze „Scheiße“ besprochen, beschrieben und diskutiert habe. 100 Mal. Oder öfter. Schön war das, hallo Lektorin, viel Spaß in Paris!

Un caffè und weiter in die Pinacoteca di Brera. 17 mal Sebastian und richtig große Bilder. In mehreren Räumen hängen Hinweis-Schilder, die das Rauchen verbieten. Die Größe erschlägt mich. Auch körperlich. Im Museum selbst ist die Restaurationsabteilung mitausgestellt. Als Raum-im-Raum-Konzept mit Glasverschalung und Roboterarmen. Sehr geil. Soll man nicht fotografieren, aber ich habe das Hinweis-Schild erst gesehen, nachdem ich es fotografiert habe. Kopfkino läuft, Film ab.

Jetzt geht es gleich zum Abendessen und morgen noch vor Sonnenaufgang ins Aostatal, auf den Berg bzw. Felsen. Bild- und Textbeweise folgen.

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¹ Nicht nur der Vollständigkeit halber soll auch der nicht ganz so sonnigen Argumentations-Seite  die Stirn geboten werden: ich wollte alleine reisen, weil ich alleine lebe. Und obgleich mein Freundeskreis aus ungewöhnlich vielen ebenfalls allein lebenden Menschen besteht: mit zunehmendem Alter nehmen die Paare und die sie umgebenden Verpflichtungen deutlich zu. Alleine reisen, das ist auch als Zugeständnis an einen gesellschaftlichen Status zu sehen, dem ich selbst manchmal einen bedrückenden Beigeschmack zumesse. Ich vermute mal, zumindest fühlt sich das nach Tag 2 des Experiments so an: zu Unrecht. Diese Reise muss weder zur zwanghaft optimistischen Single-Kreuzfahrt noch zur wehmütigen Emotour werden, sondern darf gerne so kritisch,  leicht, lustig und ergebnisoffen verlaufen, wie sie begonnen hat. Ich werde berichten.

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Droben

alp

Pfeffer in den Bergen, deshalb die Stille.
Ich bin bald schon wieder zurück, mit Geschichten & Gedanken über Glyk, Umarmungen & Menschenkunde.

Stay tuned & uneasy,

Pfeffer

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Blick vom Schäfler auf die Altenalptürm, Alpstein, September 2016
At the top of the mountain, there’s a special sensation.

 

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Weiße Rosen in eigener Kotze


Ich empfand es immer als lame, Texte über besonders herausragende Helden des eigenen Erregungshorizonts mit einem Bild der Überforderung – oder noch besser: mit einer Schreibblockade-Metapher – zu beginnen. Wie lässt sich angesichts dieser totalen Geilheit eigentlich überhaupt noch über Kunst schreiben? Oder sowas in der Art. Schlechte Frage, wie ich finde. Schreiben lässt sich fast immer. Und worüber man nicht schreiben kann, darüber muss man: nicht schreiben. Ähnliches gilt schließlich auch für das Begriffspaar reden/schweigen (heute mit Extrabonus: OHNE Wittgenstein-Verweis).

Man könnte jetzt freilich sagen, dass die Reflexionsschleife auch nicht der rettende Texteinstieg ist – und niemals sein kann. Soviel ist sicher: der rhetorische Umweg über die Anklagebank ist nur geringfügig besser als das Ursprungsdelikt, schrammt aber deutlich näher an genau jenem Antipower-Chord vorbei, den Schorsch Kamerun in regelmäßigen Intervallen bei mir anreißt. Dieser Akkord basiert auf Verstellung. Und will wieder und wieder wiederholt werden. Künstler, die diesen Akkord benutzen, interessieren sich auch für: Einschleifung, Überforderung und Wiederaneignung (bis einer blutet).

Schorsch Kamerun hat ein Buch geschrieben, relativ aktuelle Sache, erschienen vor einigen Wochen im Berliner Ullstein Verlag. Das Buch trägt den Titel „Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens“ und zitiert damit gleich mal einen der frühen Kamerun-Songs, erschienen auf dessen erster Solo-Platte „Warum Ändern Schlief“ beim schmerzlich vermissten L’Age D’Or-Label. Ich empfehle dieses Album sehr. Vor allem den Song „Menschen haben keine Ahnung“. Die anderen 2 Kamerun-Alben empfehle ich ebenfalls. Und die Alben der Band Die Goldenen Zitronen, deren Sänger Schorsch Kamerun ist, auch.  Sehr.

Mir ist nicht so ganz klar, warum Schorsch sein Buch mit dem Genre-Zusatz Roman belastet. Klar, subjektiv & fiktional (& innerlich womöglich). Vielleicht ein Stolperstein für all diejenigen Leser*innen, die allzu schnell den vielbeschworenen autobiographischen Pakt eingehen?  Ich habe keine Ahnung und bin auch an der ein oder anderen Stelle genervt von diesem Text – das geht mir bei Schorsch allerdings fast immer so und macht auch einen Teil seiner Faszination auf mich aus. Weiterschreien, zumindest solange, wie der Schrei sich vom bloßen Style unterscheidet. Den richtigen Ton nicht treffen. Nicht treffen wollen (müssen). Schorsch selbst stellt sein Ansinnen in recht klaren Worten dem Text voran:

Denen, die sich auf die Suche nach Umwegen gemacht haben. Weg von einem Leben geprägt von Dominanzen aus Uhren, Zahlen und anderen Feststellungen. Allen, die probiert haben, den Ohrfeigen, Schönschreibklubs und Schuldspiralen eine überraschende, grenzenlose Welt entgegenzusetzen. Ohne Eiche Rustikal, Dauerbenotung und optimiertes Schaffen.

Also erstmal raus aus der Klasse. Und dann wieder zurück, zurück zur Form, zurück zur Chronologie, zurück zum Selbstzweifel und zur Psychologie. Nervt mich auch, an manchen Stellen sogar sehr, weil es manchmal dumm wird („Männer sind Krieger, Sie kämpfen gemeinsam und gegeneinander. In der Kunst ganz besonders.“ 194). Dann find‘ ich es wieder super, also so richtig super:

Musik kann alles! Eine sauber arrangierte, beeindruckend instrumentierte, gekonnt präsentierte Meisterkomposition ist imstande, unendlich langweilig und schwer ärgerlich zu sein. Extra schief, läppisch und wie zufällig hingeworfene Midinoten-Mucke mit inhaltlosen Wortsilben unterlegt, aber dafür mit freier Haltung, kann eine ganze Welt beschreiben. (134)

Und so geht das die ganze Zeit hin und her. Wenn dieser Text eine Entwicklung vollzieht, dann eine, die ich nicht so recht verstehen oder nachvollziehen kann. Ich mag das Buch trotzdem. Weil es an wirklich vielen Stellen ganz wunderbar zur Sache kommt. Das meine ich: genau so, meinetwegen mit oder auch ohne Fiktion. Wenn ich Beschreibungen, wie zum Beispiel die oben zitierte über Musik, dem Schaffen von Schorsch Kamerun, wie zum Beispiel dem oben eingebetteten Wichser-Song, gegenüberstelle – dann empfinde ich das als eine erstaunlich passgenaue Analyse seines Schaffens. Und weitere Beispiele gibt es mehr als genug. Flimmern. Positionen. Das bisschen Totschlag. Schorsch ist ganz oft ganz dicht dran. Das empfand ich in seiner Musik eigentlich immer so. Und in diesem längeren gedruckten Text schafft er das ebenfalls.

Ich finde Schorsch Kamerun wirklich sehr gut. Aus unterschiedlichen Gründen. Dringlichkeit ist einer, Integrität ein anderer. Sich nicht von öden Banden und Style-Seilschaften ausbremsen lassen. Weiternerven, wenn’s denn sein muss. Und daraus dann nicht so ’ne blöde We-will-never-stop-living-this-way-Attitüde rauspressen. Wendige und manchmal auch sehr lustige Manöver gegen die Beschissenheit und Zurichterei. Vielleicht aus Trotz, sicher aus Unbehagen, einem Gefühl des Nicht-Passens und einem instinktiven Wissen um die Alternativlosigkeit des eigenen Tuns.

Schorsch Kamerun, 1963 in Timmendorfer Strand geboren, ist einer der 17 besten Menschen. Wenn ich auch nicht zu ihm aufblicke, weil ich das generell nicht gerne tue, schaue ich ihm gerne zu, bei dem was er so macht. Und höre sehr gerne seine Musik. Ich finde Schorsch Kamerun wirklich sehr gut.

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– Schorsch Kamerun, Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens, Berlin 2016, ISBN 978-3-550-08088-3
– Zirkelschluss: Der allerallererste Beitrag, der auf diesem Blog veröffentlicht worden ist, ist ein Video der Goldenen Zitronen

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Amazing Angels

Vor etwas mehr als zwei Jahren schrieb ich an dieser Stelle einen längeren Text über die Westboro Baptist Church, eine der extremsten evangelikalen Kirchen der Vereinigten Staaten. Die Westboro Baptist Church fällt seit ihrer Gründung durch den inzwischen verstorbenen Pastor Fred Phelps vor allem durch die öffentliche Verbreitung von Hassbotschaften auf. Bei ihren Kundgebungen – gerne während Gedenkfeiern oder Beerdigungszeremonien – tritt die Krawallkirche aus Kansas immer wieder mit großen bunten Schildern und homophoben, antisemitischen und menschenverachtenden Slogans in Erscheinung. God hates Fags. God hates Israel. Fags die, God laughs. Eine Google-Suche liefert zehntausende von eindeutigen Bildbeweisen.

Es war davon auszugehen, dass sich die Phelps-Familie (die Westboro-Kirche speist sich nämlich nahezu ausschließlich aus Mitgliedern dieses Clans) die mediale Bühne der Gedenkfeiern und Beerdigungen der Attentat-Opfer von Orlando nicht entgehen lassen wird. Die Westboro-Strategen haben ein sicheres Gespür für „heiße“ Themen und tauchen zielsicher immer genau dort auf, wo eine erhöhte Dichte an Fernsehkameras zu verzeichnen ist.

So weit, so wenig überraschend. Was dann aber doch überrascht, positiv, so positiv wie nur  irgendwie denkbar, ist das Aktionsbündnis des Orlando Shakespeare Theater und der Orlando Arts Community. Die beiden Gruppen haben beschlossen, den Bibeltreuen die Stirn zu bieten – und zwar mit himmlischen Mitteln. Verkleidet als Engel mit überdimensionalen Flügeln ersparen Sie den Angehörigen und Trauernden den Blick auf die Hassbotschaften der Westboro-Church – und die Hassparolen der Protestierenden überstimmt der Engelschor mit einem Song. Dass die Wahl ausgerechnet auf Amazing Grace fällt, finde ich bezeichnend, wohnt diesem Lied doch qua Geschichte eine ganz eigene transformative Kraft inne. Ursprünglich von einem in den Sklavenhandel verstrickten Euroamerikaner geschrieben, durchlief das Thema einen komplexen Umdeutungs- und Wiederaneignungsprozess und wurde schließlich zum Protestsong gegen die Sklaverei und zur Hymne von Menschenrechtsaktivisten.

Das Angel-Wings-Bündnis wurde 1999 anlässlich der Beerdigung von Matthew Shepard gegründet und ich halte diese Aktion für ein grandioses Beispiel solidarischer DIY-Kultur. Den Deppen nicht das Feld überlassen. Der Ohnmacht etwas entgegensetzen. Mit einfachsten Mitteln und maximalem Effekt.
Das berührt mich.
Das berührt mich sehr.

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– Kenne deine Feinde (und wisse um ihr Potential) – eine kurze Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Westboro Baptist Church anlässlich des Todes von Gründer Fred Phelps.
Don’t stop the dance – ein Text über Wut, Mut & politische Kommunikation nach Orlando.
Wikipedia-Artikel über die Wirkungsgeschichte von Amazing Grace
Spendenseite des Pulse Tragedy Community Fund 

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Don’t stop the dance

tb

Dunkle Tage, noch dunklere Nächte. Orlando, Florida. Wut und Tränen, death & despair. Omar Mateen erschießt 49 Menschen, 53 weitere werden verletzt.

Ich bin niedergeschlagen. Und wütend. Meine Wut ist diffus, sie läuft Gefahr, sich in den feinmaschigen Netzen der großen Abstrakta zu verfangen. Homophobie, Hass, Radikalisierung. Wozu? Wohin? Woher? Weshalb? Ein Gefühl von Atemnot stellt sich ein, ein Gefühl von Ohnmacht.

Es gibt aber auch eine Wut, die ich an Tag 1 nach Orlando sehr klar benennen kann. Die deutsche Medienlandschaft ist sich nicht sicher, ob dieses Blutbad homophoben Motiven geschuldet ist und geht zunächst von einem terroristischen Akt aus. Eine Farce, die mir auch an anderer Stelle schon negativ aufgestoßen ist, etwa wenn Molotow-Cocktails auf Asylbewerberheime fliegen und die Polizei erst prüfen muss, ob es sich um Übergriffe aus Fremdenhass handelt. Unbehagen, Übelkeit: Wut.

Es dauert erfreulicherweise nur etwa einen halben Tag länger, bis sich diese Perspektive quer durch die Tagespresse deutlich dreht. Die Beiträge dazu kommen oftmals von schwulen Journalisten und sind an einigen Stellen emotional gefärbt, was ich bei Krisenberichterstattung eigentlich für problematisch, unter diesen Umständen allerdings – im Sinne eines Korrektivs – für absolut legitim halte.

Denn eines muss klar sein: dieser Anschlag galt nicht primär der Mitte der Gesellschaft. Wer die Mitte der Gesellschaft treffen will, der geht in einen Supermarkt. Essen müssen wir alle. Wer schwer bewaffnet in einen Gayclub geht, der zielt nicht auf die Mitte, er zielt auf den Rand. Getroffen werden sollte die Queer Community, getroffen werden sollte eine ganz bestimmte Lebensweise. Ob das aus religiösem Fanatismus oder gar aus Selbsthass geschah, wie gerade mancherorts spekuliert wird, das mag zu klären sein. Sicher ist: 50 Menschen sind tot. 50 Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle: sind tot. Und wie sehr die LGBTQ-Community nach wie vor von der Mitte der Gesellschaft entfernt ist, das lässt sich unter anderem auch daran ablesen, dass ihre Mitglieder – in Deutschland wie in den USA – vom Blutspenden noch immer kategorisch ausgeschlossen sind (mehr dazu in den Fußnoten). Ironie der Geschehnisse: die Menschenschlangen mit Blutspendewilligen – die das Fernsehen am Sonntag weltweit als Solidaritätsadresse und Bild der Anteilnahme übertrug – bleiben uns versperrt.

Warum Orlando kein Angriff auf die offene Gesellschaft war, titelt Thorsten Denkler für die SZ. Er meinte uns stellt Daniel Sander bei Spiegel online klar. Und Adriano Sack gibt in der Welt zu bedenken: Es ist nicht eure Welt, die hier zerschossen wurde. In diesen Artikeln wird klargestellt, wer das eigentliche Ziel dieses Angriffs war. Das hat nichts mit gekränktem Stolz (woher? wozu?) der Schwulen und Lesben zu tun – und auch nicht – wie in mancher Kommentarspalte zu lesen – mit einer gesteigerten Geltungsbedürftigkeit. Es ist nur zwingend nötig, diesen Anschlag als das zu sehen, was er war: eine gezielte Kampfansage an die Schutzräume einer Minderheit. Und es ist wichtig, dass das genau so ausgesprochen wird. In der öffentlichen Kommunikation der USA ist das deutlich besser gelungen als in den Statements der Bundeskanzlerin und des Bundespräsidenten. Angela Merkel etwa spricht davon, das „offene und tolerante Leben fortsetzen“ zu wollen, ohne an irgendeiner Stelle die Gruppe der Opfer zu thematisieren. Ein Statement, diffus wie meine Wut. Und als Sahnehäubchen ihrer Argumentation lobt sie dann noch: all diejenigen, die bereit sind, Blut zu spenden.

Ich finde diese Auslassung recht auffällig und frage mich, ob Frau Merkel nicht besser beraten gewesen wäre, wenn sie sich mit ein, zwei Sätzen direkt an die LGBTQ-Community gewendet hätte. Weil: ein Schulterschluss, wie er von Barack Obama und Hillary Clinton in den USA propagiert wurde, ist so dringend nötig wie tröstlich und ermutigend.

Obama sagt in seinem ersten Statement am Sonntag:

This is an especially heartbreaking day for all our friends — our fellow Americans — who are lesbian, gay, bisexual or transgender.  The shooter targeted a nightclub where people came together to be with friends, to dance and to sing, and to live.  The place where they were attacked is more than a nightclub — it is a place of solidarity and empowerment where people have come together to raise awareness, to speak their minds, and to advocate for their civil rights.

Er spricht direkt die LGBTQ-Community an und verknüpft den Ort des Anschlags recht clever mit den Grundsäulen amerikanischer Bürgerrechts-Traditionen: solidarity, empowerment, freedom of speech. Direkt danach richtet er den Fokus vom Speziellen aufs Allgemeine und stellt klar:

Attacks on any American—regardless of race, ethnicity, religion, or sexual orientation—is an attack on all of us.

Rhetorisch noch ein wenig geschickter – und in einer Prägnanz von 120 verwendeten Zeichen, meldet sich Hillary Clinton bei Twitter zu Wort:

To all the LGBT people grieving today: you have millions of allies who will always have your back. I am one of them.

Obama gibt den Staatsmann, Clinton argumentiert in ihrer derzeitigen Rolle etwas wendiger und individualistischer, aber beide setzen sie ein deutliches Zeichen: das Zeichen einer Einigkeit, die offen und ohne Scheu Unterschiede thematisieren kann, ohne den Verdacht zu erwecken, dass sie: kaschiert. Bedauernswert, dass das in Deutschland offenbar (noch) nicht möglich ist.

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Weiterlesen:
Richard Kim – Please don’t stop the music
Democracy Now – Orlando Massacre Comes After Lawmakers in U.S. Filed More Than 200 Anti-LGBT Bills
Die Blutspende-Thematik in Deutschland
Ein Virus kennt keine Moral – Mein Ärger über die Blutspende-Thematik in Deutschland

Bild: Félix Gonzáles Torres.

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Vor und nach: Wien

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Pfeffer on the road, oder besser: Pfeffer in der Luft. Pfeffer im Flieger, Pfeffer im Katapult, feet in the air, head on the ground. Das ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, verzerrt nur zugunsten eines erzählerischen Brennglases, das die Chronologie der Ereignisse außen vor lässt und den effekthascherischen Fokus genau dorthin richtet, wo die Konturen bereits verschwimmen. Willkommen im Schleudergang, welcome to Vienna.

Wien also. Wo ich lange nicht mehr war. Ziemlich genau seit 22 Jahren. Erinnern kann ich mich an wenig. An Gerüche, eher intensive. Und an Staub und Schwüle. Alles noch da, soviel ist schnell klar. Wien lebt. Wien klebt. Wien riecht. Nach Tabak und Bratfett, nach Pomade und Paprika. Die norwegische Duftforscher und -künstlerin Sissel Tolaas kam schon vor vielen Jahren auf die Idee, Städte olfaktorisch zu kartographieren. Ich halte das für ein absolut schlüssiges Konzept. Wien dürfte im europäischen Vergleich eher zu den schweren Parfums gehören, in bester Allianz mit den Schwesterstädten der Schwarzmeerroute: Bratislava, Budapest und Belgrad. In Budapest & Belgrad war ich bereits. Intensiv, beide. Intensiv und gut. Und Bratislava will zeitnah besucht werden. Slowakei-Spezialisten schreiben mir bitte über die einschlägigen Kommunikationsabwasserkanäle.

Wien ist gesellig and so are we. Weshalb wir auch zu acht anreisen, eigentlich sogar zu achteinhalbt, aber die Hooliganista zieht es vor, mit dem Exmitbewohner im vierten Bezirk zu wohnen, während wir unser Quartier in unmittelbarer Nähe zum Naschmarkt beziehen. Das Aufeinandertreffen der Reisegruppen München und Konstanz ist herzlich und promilleintensiv. Keine Überraschung also. Wir werden zur Kunst und zum Zapfhahn gezogen. Cultural Management at its best. Und die Apothekerin lacht. Warum? Weil sie’s kann und weil ihr das Lachen außergewöhnlich gut steht.

Soweit, so vorhersehbar.

Was mich dann doch ein wenig überrascht: die ausgeprägte Harmonie. Dazu muss man wissen: mein Freundes- und Bekanntenkreis besteht zu nicht unerheblichen Teilen aus alkoholaffinen Alleinunterhaltern & Aufmerksamkeits-Junkies. Freundlichen ebensolchen – und wie sich zum wiederholten Male herausstellt: sehr entspannten Zeitgenossen. Das macht die Sache mit dem Gruppenkuscheln natürlich sehr angenehm. Ich spiele mit dem Gedanken, die Reisegruppe fürs nächste Jahr zum Kobayashi Maru-Test anzumelden – und ich bin optimistisch, dass die Anzahl der geleerten Seidl, Krügerl & Haferl im Anschluss zwar rekordverdächtig hoch sein wird – das vielbeschworene Stimmungsbarometer allerdings ebenso. Gute Gruppe, sehr gute Gruppe.

Mit der Lektorin gehts zur Kunst. Ziemlich eindrücklich: Berlinde de Bruyckere im Leopold-Museum. Ich erwarte nichts und bekomme: viel. Wachsskulpturen, Wunden, Pferdehaar, Menschenhaut, Weltkrieg, Leidhaufen. Nähte, auch im Sinne von Verbindungen, Schmerzensikonographie, Pietà. Guter Auftakt eigentlich, ziemlich Wien eigentlich. Danach geht’s zu Lehmbruch und Minné. Knieender Jüngling, I like your style! Almdudler-Radler ist onomatopoetisch und geschmacklich durchaus interessant, die Painting 2.0-Ausstellung im mumok: für mich eher weniger. Der Kopf ist müde, die Füße sind es auch, ab zum Essen, ab zum G’spritzen, ab ins Bett.

Laufen mit der Marketing-Lore, im Garten des Schlosses Belvedere, an dessen Tor zwei Sphinxen wachen. Frühsport in mondän, danach geht’s kreuz und quer durch die Stadt. Über Plätze, durch Kanäle. Schiff fällt aus, dann halt: Bier. Vor dem Modell der Frankfurter Küche im MAK frage ich mich, woher mir der Name Margarete Schütte Lihotzky bekannt sein könnte – einige Tage später in Konstanz erinnere ich mich. Die Nette-Leit-Show von Hermes Phettberg wurde seinerzeit im Margarete-Schütte-Lihotzky-Saal in Wien aufgezeichnet. Auch gut, Phettberg, sehr sehr gut.

Nach oben, Nordpol, Blini, Kalbskopf. Der Anwalt ist d’accordeon, die Musikanten auch. Mit dem Taxi zurück an den Naschmarkt. Die anvisierte Weinbar schließt, nicht ohne uns vorher den Rüdigerhof zu empfehlen, den wir 5 vor 12 erreichen. Um 00:00 knallen die Korken, Happy Birthday kroetakano. Danke für den Anlass, danke für die Gruppenstiftung, merci, dass es dich gibt! Die einen schlafen, die anderen schminken – die Welt ist der Welt eine Bühne, das haben Teile unserer Reisegruppe längst verinnerlicht.

Frühsport die Zweite, die Kulisse nutzt sich nicht ab. Danach versuche ich, die Halsschmerzen mit Eierspeisen im Café Sperl zu behandeln – mit mäßigem Erfolg. Secession. Ver Sacrum! Ja! Gerald Domenig und ein Glas Wasser! Nochmals ja. Verliebt in Wien, Schifffahrt mit drei „f“ und ohne Anführungszeichen. Status Quo vadis? Zur Hölle? Wo liegt das? Die Lage wird unübersichtlich, der Prater schafft Abhilfe. Wien von oben, alle am Fenster. Ich werde zum Pfeil, lege mich mit Freundin Hubert auf den Bogen und lasse mich abschießen. Jetzt echt mal. Black Mamba Alter. Todesangst wegen 3G. Normalerweise habe ich Todesangst, wegen NICHT 3G. Datenratenjunkie und so. Jetzt wirds existentiell, Schluss mit dem Gelaber. Adrenalin, Panik, die Stimme bleibt weg. Danach Enthusiasmus & Demut – die Erde hat mich wieder. Der Himmel weint, zum ersten mal seit 36 Jahren. Bosna. Kir Royal. Ab in die Bahn, ab in die Fromme Helene.

Lauch isst Knoblauch, true dat! Gut ist’s da, Spielkarte and der Decke, Schnitzel auf dem Teller, Bier auf der Hose. Erste Spuren des Überschwangs, souveräner Superservice.

Die Abreise naht, letztes Naschmarkt-Frühstück, Parr für die Einen, Käfer für die Anderen. Trennung in Raketenbrennstufen – und die Staranwältin hat völlig recht: nach einem Wochenende mit derart vielen guten Leuten und maximalisierter Auflagefläche fällt der Abschied immer besonders schwer. Herdentrieb-Phantomschmerz, aber hilft ja alles nichts. Tschüss Hubert, Tschau Gattin, Pfiati Lore, Lauch & Lektorin. Gehab‘ dich wohl Frau Hooliganista, bye Kroeta und Herr Anwalt: ruf meinen Anwalt an.

Tschüss Wien.
Ich Wir kommeN wieder.

 

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How the East was won (and where it got us)

New YorkEinige Wochen sind seit Amerika vergangen – ich war damals mit der Gattin und der Lektorin unterwegs, besuchte die reizenden M&Ms und verfasste bereits vor Ort, in Portland/Maine, eine erste kleine Skizze dieser Reiseunternehmung. Und seither wollte ich immer mal wieder noch 1,2 Sätze zu Papier bringen, über die Staaten, über den Status, über den „state I am in“. Wenn ich eines über mich und meinen sprachlichen Umgang mit der Welt in den letzten Jahren gelernt habe, dann sicherlich: dass das Fazit zu den mir eher unliebsamen Textsorten gehört. Ich schiebe und hebe das gerne auf und berufe mich sogar, wenn es denn sein muss, auf die Poststrukturalisten und beschwöre den Aufschub. Als Möglichkeit und modus operandi, als Chance, dieser ganzen Urteilerei zu entfliehen. Fazit? Bleibt mir fremd. Abschluss? Nein Danke. Aber ein wenig Aufschluss, das würde ich mir ab und zu schon wünschen.

Amerika, auch das erwähnte ich bereits im vorangegangenen Text, „is hard to see“. Ein kulturell so überformter wie phantasmagorisch strapazierter Begriff. America. Land of the free. Wo fast alles möglich sein soll und gleichzeitig alles so stark reglementiert ist, dass vom Park vor lauter Schildern fast nichts übrig bleibt (Do not furnish the lawn!). Entferne dich 20 Fuß von diesem Gebäude, wenn du rauchen möchtest. Und dann nochmal zwanzig, weil da schon wieder ein Schild steht. Fast schon angenehm klar, wenn in Burlington/Vermont das Rauchen gleich in ganzen Straßenzügen verboten wird. An Nicht-Rauchen in der Öffentlichkeit habe ich mich übrigens ähnlich schnell gewöhnt, wie damals – 2007 – an das Nicht-Rauchen in geschlossenen Gastro-Räumen.

Die ersten Etappen unserer kleinen Reise (hier nachzulesen) führen uns von New York entlang der Küste nach Norden, wo es erst schön wird und dann noch schöner. Portland/Maine ist einer jener Orte über den ich nichts wusste – und der mich nachhaltig begeistert. Der Abschied vorm Leuchtturm ist etwas wehmütig, aber der Nebel und seine Weichzeichnerfunktion machen vieles wett, erst auf den Digitalfotos – und mittlerweile auch in meiner Erinnerung. Wir wollen unbedingt weiter, weiter nach oben, vielleicht auch weiter in die Wildnis – das kann ich gar nicht so genau beurteilen, weil die genaue Motivation unserer kleinen Polarexpedition nie ausgesprochen war – aber sicher auch um Themen wie Ursprünglichkeit kreiste. Das hat dann erstmal gar nicht so gut geklappt – unser oceanfront beach house in Lincolnville/Maine ist zwar genau das: oceanfront. Dafür aber auch: highwayback. Mit dem Auto von der Ferienwohnung direkt auf den Highway zu fahren, das scheint für viele Amerikaner ein aufpreiswerter Vorteil zu sein. Wir bemühen uns, auch an dieser Stelle auf ein Fazit zu verzichten und den abendlichen Blick auf den Atlantik ebenso zu nutzen, wie die schnelle Verbindung in den Acadia National Park. Wir klettern. Und sehen das Wasser glitzern wie selten zuvor. Drei Peanuts an der Bucht, an der Küste, zwischen Seen. Die Köpfe im Wind, mit Hummer und Haar. Skandinacadia, wie schön, wie schön.

Freunde hatten uns schon im Vorfeld den aberwitzigen Plan ausgeredet, die kanadische Grenze in Richtung Halifax zu überqueren. Weil, so die neuschottischen Connaisseure: da ändert sich nicht viel. Wenn Kanada, dann doch besser nach Montreal, Quebec oder Toronto. Wir streichen Kanada kurzerhand aus unserer Route und entscheiden uns für eine lustige Rundfahrt durch Neuengland. Nächster Stop. New Hampshire. Live free or die. White Mountains, von der Küste in die Berge. Idyllischer als das „Mount Jefferson View“ kann ein Motel vermutlich kaum liegen. 10 kleine Holzhütten an der Nationalparkgrenze. Bergluft, Grillenkrach und eine kaltklare Nacht. Und mittendrin ein Polizeiauto, unbemannt, mit laufendem Motor. Steht da 2 Stunden oder länger. Die Polkappen scheinen hier ebenso weit weg wie die Aussicht auf ein Schusswaffenverbot.

In Charleston ermordet Dylann Roof 9 Menschen mit einer – Schusswaffe. Den kleinen rauschenden Röhrenfernseher im Motel befragt, 5 Minuten FOX News, Kommentar zur Obamarede. Recently Obama blamed Donald Trump for being a racist, now he’s blaming the weapon lobby – who will he blame next? The american people? Kopfschütteln, Fassungslosigkeit, abschalten. Entrée la nature. Wir laufen in loops, durch Schluchten und Täler. Dann: Mount Washington. Gar nicht mal so richtig hoch, aber immerhin der höchste Punkt im Nordosten. Mehr oben geht also nicht. Weite & Wahnsinn (verständlicherweise nie ohne: Gebühren & Geschrei – ich bin die Mickey Mouse – gib mir 1.000.000 $ und flieg mit mir zu den Sternen).

Wir müssen weiter, Richtung Westen, ins widerspenstige Vermont. Erstmal Kühe. Und Wiesen. Irgendwie Oberbayern. Michael und Chan singen. Von ihrem eigenen dunklen Amerika.

Burlington ist das kulturelle Herz des kleinen und sympathischen Staates. Wir wohnen bei Andrea, die an der University of Burlington unterrichtet und uns ihre umgebaute Garage zur Verfügung stellt. Es ist schwül. An unserer Tür steht: all unauthorised persons will be authorised. Der Spruch brennt sich ein und legt sich über mein Bild von Vermont. Der Biosupermarkt ist eine Kooperative und ziemlich großartig. Tolles Essen überall. Das Wetter ist unentschieden – and so are we. Die Pharmazeutin liest Gewaltcomics, die Lektorin hält sich am PBR fest – und ich bin – kurz vorm Ende dieser Reise – ziemlich einverstanden. Mit meinen Begleitern und der Welt – mit diesem kleinen Teil der amerikanischen Ostküste in all seiner Vielschichtig- und Widersprüchlichkeit.

Wir fahren zurück, nochmal New York, von dem wir nicht genug bekommen können. Das liegt mit Sicherheit auch an unseren fabelhaften Gastgebern und Reiseführern. Auf dem Weg halten wir kurz in North Adams. MASS MoCA. Das vermutlich größte Museum für Contemporary Art in den Staaten. Anselm Kiefer bespielt nicht einen Raum, sondern ein ganzes Gebäude. Sol LeWitt auf 3 Stockwerken, Jim Shaw, Clifford Ross. Reizüberflutung. Ein Tag in den giardini, mit schlechterem Kaffee, aber in gut. Wir erreichen den Hudson. Zwei weitere leuchtende Tage in NYC. Der Toilet Wine steht kalt. Essen und Trinken und noch mehr Trinken und ab in die Nacht und mitten durch den Regen mit den beiden Ms. Franz ist da. Und der Herzbube auch. Und die Neu-New-Yorker J&T. Wildes Gerede. Wir trinken so viele Biere, dass die Barkeeperin Nachschub kaufen muss. Warum denn aufhören, wenn’s doch gerade am schönsten ist. Wir bleiben alle mal schön hier, in dieser dunklen Bar, die nicht cool ist und nicht in, aber gerade für den Moment Insel genug. Das Klischee des Schmelztiegels wurde schon viel zu oft strapaziert – und abgesehen von großen Mengen Bargeld, die mir im Minutentakt zwischen den Fingern wegschmelzen, kann ich gar nicht beurteilen, ob und was in New York so miteinander verschmilzt – aber mit Sicherheit sagen lässt sich: New York vibriert. Und stinkt. Und wie jede anständige Großstadt ist sie Aufputschmittel und Sedativum gleichermaßen. New York nervt. New York brennt. Michael flüstert mir ins Ohr.: Leaving New York / never easy.

Recht hat er, wie so oft.

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Die harten Fakten: 3 Wochen Ostküste. 7 Bundesstaaten, 2000 Meilen, gefühlte 200 Kaffeestops für die koffeinabhängige Apothekerin, 30 weggeschüttete Kaffees (von der Apothekerin), mehrere Dutzend degustierte Craft-Biere, ebenso viele verbrauchte Blasenpflaster, hervorragendes Essen aus den Küchen unterschiedlichster Kulturen (Ukraine, Venezuela, Korea, Senegal, Japan), öfters mal ziemlich verwundert gewesen, öfters mal ziemlich im Schwung. Gezankt, gelacht und ziemlich viel geschaut. Schnapsschüsse von der Reise gibt es bei flickr.

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Lieber CSD als CSU

stonewall

Meine Beziehung zu CSD-Veranstaltungen war in den letzten Jahren – den Berliner Transgenialen CSD mal ausgenommen – ganz schön kompliziert. Die Gründe dafür sind mannigfaltig und wurden an dieser und anderer Stelle schon des öfteren ausführlich dargelegt: Da wäre zum Beispiel die leidliche Forderung nach dem  Recht auf Eheschließung, wo es doch so viel hübscher wäre, dieser Scheiß-Institution endlich mal den Kampf anzusagen. Oder die öde (und gefährliche!) Marschroute in Richtung Mitte der Gesellschaft. Da war ich schon mal. Kann ich nicht empfehlen. Außerdem habe ich in den letzten Jahren eine heftige Allergie auf Parteiflaggen und Funktionär-Wichte entwickelt – und die Bereitschaft, mich für das Recht von Ja-Sagern einzusetzen, hält sich auch zunehmend in Grenzen.

Warum ich nächstes Jahr dennoch am CSD teilnehmen werde? Weil ich dann doch lieber Teil einer komplizierten Beziehung mit einer privilegierten Randgruppe bin (privilegiert, weil größtenteils: cis/white/abled), als Teil der anonymen Masse auf der anderen Seite des Regenbogens. Solange es die Konstanzer Lokalpresse ernsthaft fertig bringt,  CSD-Teilnehmern als „Gestalten“ zu beleidigen und sich davon auch – trotz mehrfacher Nachfrage und lautstarkem Protest – nicht distanziert, läuft etwas grundlegend schief und ich halte das für so ärgerlich wie besorgniserregend. Von all den Kommentatoren („Wann kommt die Heterosexuellen-Parade?“) und Facebook-Trollen („Gestalten ist noch viel zu milde für Pack wie euch“), die so ein Artikel nach sich zieht mal ganz und gar nicht zu schweigen.

Auf einem CSD-Wagen und im Zug waren Männer zu sehen, die sich kunstvoll zu Frauen und moderne Nonnen geschminkt und verkleidet hatten. Eine der Gestalten nannte sich „Schwester Daphne“, die sagte, sie wolle universelle Freude verbreiten und verinnerlichte Schuldgefühle tilgen.

Der eigentliche Dolchstoß, den diese journalistische Frechheit bereithält, steht folgerichtig am Ende des Artikels. Dort heißt es:

Ein Großteil der Passanten zeigte sich neugierig und amüsiert vom bunten Demonstrationszug des CSD. Viele zückten Fotoapparate und Fotohandys. Einige dachten wohl wie Brigitte Müller, die mit ihrer Tochter Elisa aus Waldshut zu Besuch nach Konstanz gekommen war, und vom CSD überrascht wurde: „Uns stört es nicht.“

Ach was. Frau Müller aus Waldshut stört das nicht? Na dann haben wir aber nochmal Glück gehabt. Und was wäre, wenn? Hier wird der Ottonormalbürgerin¹ die Deutungshoheit über gesellschaftliche Randgruppen zugesprochen – na prima. Dass diese Denkfigur eine lange Tradition und zahlreiche Anhänger hat, ist mir schmerzlich klar, widerlich bleibt sie trotzdem. „Uns stört es nicht“ – das kann allenfalls als (momentane) Duldung verstanden werden. Und das, lieber Südkurier, ist mir eindeutig zu wenig. Ich hoffe, die Redaktion des Südkurier ist sich darüber im Klaren, dass sie die via Stellungnahme reklamierte Flagge der Gleichberechtigung², mit Berichterstattungen wie dieser selbst in Brand steckt.

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¹ – No offense Frau Müller – ich kenne Sie nicht und will Ihnen nichts unterstellen – sie werden hier als Vertreterin der Gesellschaftsmitte benutzt, was freilich eher unschön ist und möglicherweise auch ganz schön ungerecht – Protestbriefe bitte an die Lokalredaktion des Südkurier.
² – Stellungnahme des Südkurier: „Es war absolut nicht unsere Absicht, die Teilnehmer zu diskreditieren. Im Gegenteil, wir haben stets alle Aktivitäten für mehr Gleichberechtigung unterstützt. Weil viele Teilnehmer künstlerisch und mit viel Aufwand „gestaltet“ waren, haben wir sie als Gestalten bezeichnet – ein Wort, das wir in seiner Bedeutung und ohne entsprechendes Attribut als nicht negativ behaftet sehen. Es tut uns sehr leid, wenn das für Sie anders rüberkommt.“

Zum vollständigen Südkurier-Artikel

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So much beauty comin‘ out of my ass!

Peaches rettet uns mal wieder den Arsch… bombe!

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Rub, das 6. Studioalbum von Peaches, mit Gastbeiträgen von Kim Gordon und Feist, erscheint am 25. September auf I U She Music / Indigo.
peachesrocks.com