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Songs of Heat & Devotion I-IV

Zweitverwertung, das Original gibt es auf meinem Facebook-Kanal unter dem Hashtag #songsofheatanddevotion. Für alle Social-Media-Skeptiker hier die leicht editierte Oldschool-Blog-Option. 

Hitze und Popmusik, eine bewährtes Duo! Drop it like it’s haaaaawt, alalalalaong!

Es wird viel geschwitzt in der Musik, weniger bei Beethoven und Stockhausen, eher so bei Donna Summer & Snoop Dogg. Schweiß, die körperliche ad-hoc-Antwort auf Hitze, ist im Pop auch allgegenwärtig, gerne als durchsichtiges Textil, eine Art Base-Layer totaler Versextheit.

Und obwohl die Temperaturskala meinetwegen oberhalb von vierundzwanzig Grad Celsius gekappt werden dürfte, interessiert mich Erhitzung als popkulturelles Phänomen ziemlich sehr. Ihr wisst schon, Tic Tac Toe-Pressekonferenz-Style, Nina Hagen gegen Joachim Bublath, sowas in der Art.

Warum also nicht eine Hitze-Playlist erstellen und jedem Sommertag mit einem sonischen Tauchsieder die letzten Tropen Sexsaft aus den Poren zwängen?

Muss also wohl sein.

1. Kante – Die Hitze dauert an (vom Album „Die Tiere sind unruhig“, 2006)

Los geht’s ganz schön wörtlich mit dem letzten Kante-Song auf dem letzten Kante-Album, bevor die Band zur Theaterformation (kein Vorwurf oder so) wurde. Das Album heißt Die Tiere sind unruhig und ist 2006 erschienen. Schöner Titel. Meiner Meinung nach nicht das beste Album der Band, aber trotzdem noch sehr gut. „Über den Bergen hängt Gewitter / und die Hitze dauert an“ – in Musikform gegossene Schwüle, aber hört selbst.

*****

2. Ratatat – Nostrand (vom Album „Classics“, 2006)

RATATAT verbinde ich vielleicht auch deshalb mit Hitze, weil ich selten so geschwitzt habe, wie bei ihrem Konzert im Münchener 59to1. Beweisbilder mit Krötina und Greisnik anbei. In meiner Erinnerung wurde auch noch ein Gruppenbild mit der Band gemacht, aber das kann ich gerade nicht finden. Und mighty Beckinger und Nina waren auch am Start, wenn ich mich recht entsinne.

Das Konzert war in jedem Fall grandios und superheiß. Evan Mast betrat die Bühne mit einem Apfel, in dem ein Räucherstäbchen steckte. Und dann wurde so heftig an Gitarrensaiten und Effekpedalen herumgerissen, dass der Laden zur Schwitzhütte wurde. Trifft ja öfters mal auf Live-Situationen zu, aber der Sound von Ratatat ist auch auf Platte schon eher Slip als Rollkragen. Einfach mal in Nostrand reinhören. Klingt nach mindestens 40 Grad. Geile Band in jedem Fall, auf das Classics-Shirt von Martin Mengele bin ich heute noch neidisch. Wann kommt von denen mal wieder was neues?

*****

3. Rhythm & Sound feat Paul St. Hilaire – Free for all  (vom der 7″-Compilation See mi Yah, 2005)

Ausgezeichnete Hitze-Hits sind sie eigentlich allesamt, die Tracks von Rhythm & Sound, dem grandiosen Dub-Projekt der beiden Basic Channel-Macher Moritz von Oswald und Frank Ernestus. Das liegt sicher nicht zu knapp an der karibischen Tradition, an die die Stücke anknüpfen. Aber auch Echo und Langsamkeit leisten ihren Beitrag zu diesem musikalischen Brennofen. „Free for all“ ist einer von zehn Tracks auf dem grandiosen „See Mi Yah“-Album von 2005. Das Besondere an dieser Veröffentlichung: es handelt sich um ein sogenanntes One-Riddim-Album, das Grundgerüst der zehn Songs besteht lediglich aus einem zweitaktigen Rhythmus-Loop (und dem ein oder anderen minimalen instrumentalen Einsprengsel) – die jeweiligen Gastmusiker individualisieren die Stücke dann durch ihren Gesang.

Hier zu hören ist der geschätzte Paul Saint Hilaire, früher auch mal als Tikiman bekannt, mit einer sehnsuchtsvollen Meditation über die Freiheit. In meinem Umfeld gibt es erstaunlich viele Menschen mit einer selbstattestierten Reggae-Allergie. Wer davon nicht betroffen ist: unbedingt Rhythm & Sound auschecken. Alles Gold, echt mal.

Und: auch geil: der soundstream-Remix dieses Songs.

Plus: Marilyn Mengele playlistet jetzt auch zum Thema Hitze. Schaut mal rein, den ersten Song kannte ich gleich mal nicht, da gibt’s also sicher was zu entdecken.

*****

4. Le Tigre – Hot Topic  (vom Album „Le Tigre“, 1999)

Hot Topic – Herzsong von Herzband und ein Paradestück, wenn es um Identifikationskatalysatoren im Pop geht. Heiß ist hier vor allen Dingen das thematische Eisen, das Le Tigre Official Facebook schmieden: queerfeministische Kunst und die (Un)Sichtbarkeit selbiger. 1999, als dieses grandiose Debutalbum erschien, stand es darum um einiges schlechter als heute. NOCH schlechter! Muss man sich mal vorstellen.

Dass sich dieser Diskurs beschleunigt und intensiviert hat, daran haben Kathleen Hanna, Johanna Fateman, JD Samson & Sadie Bennings einen gehörigen Anteil. Hot Topic entwirft ein Archiv aktivistischer Künstler*innen und macht Sichtbarkeit zur Grundbedingung des eigenen Handelns: „don’t you stop
/ I can’t live if you stop“.

Ein wahnsinnig guter Mutmachsong und gleichzeitig eine Art whoiswho der zeitgenössischen Subkultur und deren Vorbilder, also auch aus enzyklopädischer Sicht für die heranwachsende queere Jugend der Nuller Jahre richtig heißer Shice und superwichtig. Kara Walker, Vaginal Creme Davis und David Wojnarowicz: habe ich über Le Tigre kennen und schätzen gelernt.

Und nicht zuletzt natürlich ein fabelhaft hingeworfener Popsong, der zeigt, dass es kaum mehr als einen Loop, Hitze und Sendungsbewusstsein braucht, um der Welt musikalisch die Stirn zu bieten.

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