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Bange

gaffa6

Ich bin uneins, uneinheitlich, zerrissen, getrieben.

Das war fast immer so, wurde gepflegt und befeuert und war mir bislang mehr Motor als Mangel, wenn es um Fragen von Selbstbeschreibung und -spiegelung ging. „Jede Krücke kann zum Zepter werden“, sagt Hermes Phettberg im Rückgriff auf Flauberts Comtess de Mérilhac. Ein lieb gewonnenes Narrativ. 2017 befürchtete ich kurzzeitig, es habe an Strahlkraft verloren.

Ich irrte.

Mein 2017 war dunkel, geprägt von Sorge und Trauer. Schwere Emotionen scheinen über eine eigene Gravitation zu verfügen. Kometenfänger Kummer, alsbald zu Gast im Orbit: der Selbstzweifel, die Angst. Auch nicht neu, wir hatten schon Bekanntschaft. Aber weniger simultan – und weniger geballt.
Angst vor Routine und Kompromissen. Angst vor dem Alter. Angst vor Armut. Angst vor Konfrontation. Angst vor Isolation. Angst davor, meine Träume und Ideen nicht ernst genug zu nehmen. Angst davor, meine Träume und Ideen viel zu ernst zu nehmen. Angst, eine Rolle zu spielen. Angst, keine Rolle zu spielen.

Ich stelle fest, dass ich keine Sprache für meine Trauer habe, kein Vokabular für Zweifel und Sorgen. Ich finde keinen Ausdruck. Das ist ein Gefühl, das ich bislang nicht kenne. Mir entgleitet mein Zugang zur Welt. Ich liege und schlafe. Ich träume nicht, es träumt mir.

Ich weiß nicht, wie ich leben will.

Ich beginne, meine Brüche sichtbar zu machen. Ich rasiere meine Augenbrauen ab, beklebe mich mit Gaffatape, bemale meinen Körper. Der Pierrot betritt die Bühne, mit heilsamen Hausaufgaben im Gepäck. Stillsitzen. Dem eigenen Blick standhalten. Das eigene Gesicht aushalten. Die eigenen Falten aushalten. Sich verändern, maskieren, demaskieren, arrangieren. Sich beobachten, vermessen, taxieren, modellieren. Grimassen schneiden, sich zuzwinkern, lächeln, lachen.

Was nach Sozialpädagogik für Laien klingt, ist mir Stütze und Balsam in diesen Tagen.
Die eigene Zerrüttung sichtbar zu machen und ästhetisch zu überformen, scheint ein probates Mittel im Spannungsfeld von Selbsterforschung, Irritation und Integration – die aufgemalte Verletzlichkeit wird jedenfalls alsbald zu Schild und Rüstung im Umgang mit den eigenen Dämonen.

Mein Name ist Pierrot Pfeffer.
Ich bin 38 Jahre alt.
Ich bin uneins, uneinheitlich, zerrissen, getrieben.
Ich bang my own drum.
(and I like to use gaffa tape!)

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