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Alba & I – Teil 3

Für alle Quereinsteigerinnen: Pfeffer reist durch den Norden Großbritanniens. Die ersten beiden Teile der Reiseberichterstattung gibt es hier (Schottland: Highlands & westliche Inseln) und hier (Schottland: der Norden, Osten & Edinburgh) zu lesen.

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Gefunden auf der Britannia: „The Queen and The Duke of Edinburgh wave to Concorde.“

Fuck Brexit, I need a Breakxit

Texteinstieg mit einer Überschriftenlüge. Ich bin gar nicht mehr in Alba – oder nur noch ganz kurz. Vor einer langen Fahrt in Richtung Süden, schaue ich im Hafen von Leith, im Norden von Edinburgh vorbei. Dort liegt die Britannia vor Anker, 44 Jahre lang die Yacht der königlichen Familie bis sie 1997 außer Dienst gestellt wird. In der Offiziersmesse stoße ich auf eine recht außergewöhnliche Fotografie. Der Duke of Tikimusterkurzarmhemd and his Trümmerqueen, einer startenden Concorde zuwinkend, aufgenommen auf einem ausgemusterten Schiff – Auslaufmodelle unter sich.

Ich fahre schmunzelnd in den Süden. Die Reiseroute wird spontan geändert, I need a Breakxit, bin erschöpft und brauche ein wenig Urlaub vom Urlaub. Anstelle eines Küstentrips, fahre ich vorbei an Dumfries und Carlisle, streife den Lake District, von dem ich so viel Gutes gehört habe, und erreiche nach der Umfahrung von Manchester nach etwa fünf Stunden mein Ziel in Castleton, im Herzen des Peak District. Hier wohne ich für drei Tage bei Mary und Ann, zwei Schwestern, die für ihre pochierten Eier bekannt sind. Sagen sie selber. Und für ihre Geschichten. Sage ich. Ann hat in Kanada gelebt, war überzeugte Marxistin in einer Aktivistengruppe überzeugter Marxisten. Zum Zerwürfnis kam es über Weißwein. Teile der Gruppe erachteten es als aktivistisch adäquat, das Weltgeschehen Weißweintrinkenderweise vom Wohnzimmertisch aus zu kommentieren – Ann sah das anders. Ann war wohlhabend, Ann war arm. Ann hat einen schwulen Sohn, der mit seinem PHD hadert. Ann macht Pilates, bereut wenig und hat wirklich viel zu erzählen. Ich genieße die Stunde im Frühstücksraum mit ihr und bewundere ihre Energie. Ann reihe ich ein in die Liste meiner Altersvorbilder. So möchte ich gerne sein, in meinen Siebzigern. Vielleicht nicht ganz so ungestüm, aber mindestens genau so unerschrocken.

Schon bei der Ankunft im Peak-District fällt mir ein erster gravierender Unterschied zu Schottland auf. Die Eingangstür muss abgeschlossen werden/sein/bleiben. IMMERIMMERWIRKLICHIMMER. Dafür gibt es gleich mehrere Hinweisschilder. An der Bevölkerungsdichte kann es kaum liegen. In Castleton leben ungefähr 600 Menschen.

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Peak District – gesehen vom Mam Tor

Die Hinweis-Schilder, die vor dem Betreten von Wiesen, Weiden oder Grundstücken warnen, häufen sich in den nächsten Tagen. In Schottland gilt eine Art Jedermannsrecht. In England ist eigentlich alles „Private“. Der Peakdistrict, vor allem im Umkreis von Ortschaften, ist parzelliert und mit Zäunen durchzogen, was in einer merkwürdigen Diskrepanz zum sanften Fluss dieser sanftgrünen Hügellandschaft steht.

Wo keine Zäune stehen, da durchschneiden teure Autos die Serpentinenstraßen des Nationalparks. Lamborghinis, Ferraris, Porsches. Mir fällt auf, dass ich in Schottland kaum Autos dieser Preis- und Statementklasse zu Gesicht bekommen habe. Trennung, so scheint mir, hat hier in England einen hohen Stellenwert. No Entry – kein Zugang – wird zum symbolischen Schild dieser zivilisationsnahen Wandergegend.

Sheffield Sex City

Von meiner Herberge in Castleton, mache ich mich zu Tagesausflügen auf. Ich besteige den Mam Tor, bin unten mit der Sonne oder fahre nach Sheffield, was nur eine halbe Autostunde entfernt liegt. Mein Besuch in dieser ehemaligen Stahlmetropole hat nur einen Grund: Def Leppard.

Spaß. Der Grund ist Jarvis, Jarvis Cocker, geliebter und allerbester Sänger, Fronter und Vordenker der allerbesten Popband Pulp. Me=Fanboy, ein Besuch in Sheffield deshalb: Pflicht.

An Jarvis liebe ich so vieles. Seine narrativen Songtexte (NB: Please do not read the lyrics whilst listening to the recordings). Seinen Look, seinen Habitus. Seinen Fokus auf die Alltäglichkeiten, auf all jenen PULP der Massenkonsum- und Wegwerfgesellschaft. Und obwohl Jarvis sich in seinen Liedern unablässig am boy-meets-girl-Thema abarbeitet, war er für mich immer auch ein queeres Rolemodel. Vielleicht deshalb, weil er so konstant an dieser Außenseitergeschichte von Geilheit und Begehren schreibt, die sich selbst in all ihrer Ungelenkigkeit und in ihrem Schmerz feiert. It seems I saw you in some teenage wet dream / I like your get-up, if you know what I mean.

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J is for Jarvis

Ich parke im 16. Stock eines sehr engen Parkhauses, dessen Ebenen nach Städten benannt sind. Die einzige deutsche Stadt: Essen, piktographisch mit einer Kohlenzeche untermalt. Stockwerk 16: Rom, Kolosseum. Mein erstes Ziel, die Graves-Gallery, empfängt mich mit einer Aufwartung an den berühmten Sohn der Stadt. Damien Hirsts Beautiful Morana Dysgeusia Painting for Jarvis (with Diamonds) ist dort zu sehen. Jarvis Cocker vermachte das Geschenk an die Graves-Gallery als Geste der Solidarität, nachdem die öffentlichen Gelder für das Haus um dreißig Prozent gekürzt wurden und mehr als vierzig Stellen abgebaut werden mussten.

Die Ausstellung hält eine weitere Überraschung in petto, ein recht ungewöhnliches Gemälde, das den heiligen Sebastian, Ikone homoerotischer Malerei, mal nicht von Pfeilen durchbohrt, sondern als Schützen darstellt.

Ich laufe durch die Peace Gardens, wo Kinder in den Wasserfontänen spielen. Ich suche nach Hinweisen und Verbindungen zu Jarvis. Alles, was ich finde, ist eine Idee davon, weshalb man hier wegzieht, wenn man kann. Und einen Plattenladen mit Def-Leppard-Memorabilia. Schnell weg hier.

Manchester

Ich packe meinen Rucksack ein vorletztes Mal und setze mich ein letztes Mal ins Auto, das ich in der Innenstadt von Manchester, eine knappe Stunde Fahrt vom Peak-District entfernt, abgebe. Das erste Thema, mit dem ich konfrontiert werde: Fußball. Kenn‘ ich nicht, Gespräch vorbei, auch gut.

Ich wohne mittendrin, zwischen Gay Village und Northern Quarter, direkt an der Picadilly Station. Manchester schwitzt and so do I. Es ist schwül, a storm is coming sagt der Bartboy in der Experimentalbierbar. Der storm ist eher ein drizzle, jetzt dampft die Stadt, was ihr eigentlich ganz gut zu Gesicht steht.

In Manchester wurde der Kapitalismus bereits mehrfach erfunden und mehrmals zu Grabe getragen. Das Wappentier der Mancunians ist die Biene, die für harte Arbeit und engen Zusammenhalt steht. Nach dem Terroranschlag in der Manchester Arena avanciert die Biene im Moment auch zur Solidaritätsadresse. Tausende von Menschen ließen sich das Insekt bereits tätowieren – unter ihnen auch Ariana Grande und Teile ihrer Crew.

Kapitalismus wird gerne mal als etwas Monströses und in seiner akkumulativen Gier als etwas übertrieben Großes imaginiert. Als Moloch und Elefantenfuß der Moderne. Die historische Bebauung der Innenstadt von Manchester unterstreicht das architektonisch. Sehr. Townhall und City-Library, das sind Gebäude wie aus Gotham. Übergroß und so monströs massiv wie Weniges, das ich zuvor aus der Mitte des 19. Jahrhunderts gesehen habe.

Ich stürze mich ins Getümmel der urban Uniformierten. Saris, Adidassis, curly Chinos, Hijabs und Chadors, Kamiz‘, Wifebeaters, Röcke so kurz wie die Nächte der Methheads, die mich nach spare change fragen. Manchester ist divers – und spannend. Und offensichtlich gespalten. Viel Obdachlosigkeit, viel sichtbare Sucht, noch viel mehr sichtbare SUVs und relativ viele sichtbare Sportwägen. Großbritannien und der Neokapitalimus. Wo, wenn nicht hier.

Ich trinke Salzbiere und IPAs mit Papayanote. Ich esse beim Koreaner, beim Inder, beim Japaner. Im koreanischen Restaurant vermisse ich zum zweiten Mal auf dieser Reise eine Begleitung, weil ich gerne deutlich mehr probieren möchte, als ich essen kann. Erneuter Regen zieht auf. Ich nehme ein Bad und mache ein Erykah-Badu-Selbstportrait mit laufendem Wasserhahn.

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Blumen vor der Manchester Arena

Ich fahre zur Manchester Arena, auch heute – knapp 4 Wochen nach den Anschlägen – finden sich noch Fernsehteams hier ein, um immer weiter zu berichten, worüber es offensichtlich nichts zu berichten gibt. Ich fotografiere die letzten welken Blumen und fühle ein ganz klein wenig von der Trauer, die diese Stadt in Beschlag genommen hat.

Am Abend schaue ich zum ersten Mal auf meiner Reise fern. In der öffentlichen Aufarbeitung von Schreckensereignissen werden gerne Einzelschicksale isoliert und nacherzählt. Von 09/11-Feuerwehrmännern. Oder vom aufopferungsvollen Familienvater aus dem 87. Stock. In Manchester wird die Geschichte von Martyn Henn erzählt, einem jungen schwulen Marketing-Manager. Martyns Mutter Figen Stuart gibt Erstaunliches zu Protokoll: „I don’t feel no hate. I don’t think this person (der Attentäter) deserves any of those emotions I should invest in. I’m staying with my positivity for Martyn and that’s what I hold on to.“

Obgleich sie sich selbst eine stille Beerdigung wünschte, ist sie sich darüber im Klaren, dass sie ihrem verstorbenen Sohn damit nicht gerecht würde. „He lived the live of a diva“ – sagt sie – und verdiene nun einen entsprechenden Abgang. Fernsehkind, das ich bin, kann ich sie jetzt wirklich fühlen, die Großwetterlage der Stadt und verdrücke ein Tränchen, von dem ich nicht genau weiß, ob es mehr der Traurigkeit oder der Zuversicht  geschuldet ist. Ich vermute: vielen Mancunians geht es dieser Tage ähnlich.

Politics

Ein Ziel meiner Reise war es, ein wenig mehr von Großbritannien vor dem Brexit zu erfahren. Während meines Aufenthalts beschleunigen sich die Ereignisse. Die Wahlen, die die Tories ausgerufen haben, um eine größere Mehrheit für die anstehenden Verhandlungen mit der EU hinter sich zu versammeln, haben nicht zum gewünschten Erfolg geführt, Theresa May geht einen kostspieligen und stabilitätsgefährdenden Deal mit der nordirischen DUP ein. Grenfell in Flammen, Messerattacke in London und in Schottland wird vor dem Hintergrund des EU-Austritts bereits über ein zweites Unabhängigkeitsreferendum nachgedacht.

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Death to Tory Scum (Manchester)

Ich habe viel geredet und noch viel mehr zugehört. Im Pub. Im Bus. Am Frühstückstisch. Im Café. Meine Gesprächspartner waren sicher nicht repräsentativ, dafür aber zum Beispiel in Schottland – überraschend einig über ihre Uneinigkeit mit dem Rest Großbritanniens. Alle meine Gastgeber verstehen sich selbst als links, viele haben die SNP gewählt, alle wollen sie weg von Großbritannien – und fast alle wollen zurück in die EU. Westminster ist für meine schottischen Herbergsleute fern und dekadent – und sie fühlen sich dort nicht oder nur sehr schlecht repräsentiert.

Auch im Norden Englands sind meine Gesprächspartner betont links und haben für die aktuelle Regierung kaum mehr als Verachtung übrig. „Death to Torie Scum“ steht auf einem Plakat in Manchester, „Please Fuck Brexit. Thank you.“ auf einem anderen. Aber trotzdem haben auch bei dieser Wahl die Tories mehr Stimmen bekommen, als alle anderen Parteien, die absolute Mehrheit haben sie zwar verloren, bleiben aber stärkste Kraft.

Meine politische Bildung ist offen gesagt ziemlich ausbaufähig, aber dieses erneute Wahlergebnis korrespondiert zumindest für England recht gut mit einem ersten Eindruck, den ich gewonnen habe. Dem Bild einer in Wohlstand und Perspektive äußerst gespaltenen Gesellschaft. Diese Spaltung – so viel ist klar – ist kein exklusiv britisches Phänomen. Aber im Vergleich zu wirtschaftlich ähnlich leistungsfähigen westeuropäischen Ländern, wirkt England auf mich außergewöhnlich zerrissen. Mein Bild von Schottland ist indes ein völlig anderes. Die Schotten, so scheint mir, halten deutlich stärker an einer sozialstaatlichen Idee von Gemeinwohl fest. Und insofern sich der diskursive Wind nicht gründlich dreht, vermute ich, dass ein zweites Referendum tatsächlich zu einer Abspaltung von Großbritannien führen könnte.

Würde ich diese Reise noch einmal antreten, ich würde vermutlich etwas mehr Zeit einplanen. Und auf die äußeren Hebriden fahren. Oder auf die Orkneys. Durch den Lake District wandern. Und Glasgow und Liverpool besuchen. Ich werde wiederkommen müssen. Und ich werde wiederkommen wollen. Weil der „warm welcome“, der mir an den Eingangsschildern meiner Herbergen in Aussicht gestellt, stets in die Tat umgesetzt wurde. Ich habe die Briten – so unterschiedlich sie sein mögen –  sehr ins Herz geschlossen und habe mich auf keiner meiner bisherigen Reisen so viel, lange und intensiv mit den Landsleuten unterhalten. Mein kurzer Italien-Trip im letzten Jahr war ein erster Versuch im Alleine-Reisen. Nach diesem Urlaub ist mir klar: ich, alleine, mit mir und Stift und Zettel (und Regenhose und GPS-Gerät und Erykah-Badu-Gedächtnishandtuch): das hat Zukunft. Und Zukunft, am besten eine strahlende ebensolche, wünsche ich meinen britischen Freunden.

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Hard facts:
– gefahrene Meilen: 1800
– gewanderte Kilometer: 137
– bestiegene Gipfel: 7
– was ich alles nicht gesehen habe, obwohl ich es gerne gesehen hätte: Glasgow, Arran, Liverpool, Gipfel im Nebel, die Orkneys, die äußeren Hebriden, St. Kilda
– auf den Geschmack gekommen in Punkto: Black Pudding, Haggis, Experimentalbiere
– wertvollstes Reiseequipment: Regenhose, GPS-Gerät
– größter Adrenalinmoment: Geldbeutel verlieren – und ihn wiederfinden.
– mehr Bilder: bei instagram
– noch mehr Bilder: bei flickr

2 Comments

  1. Chris

    Hab auch den dritten Teil mit großer Freude gelesen. Grandioses Bild von der Insel mit Facetten zum schmunzeln und weiterschmökern. Weiter so Sergant, wo immer auch die Reise weitergeht.

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