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Alba & I – Teil 2

Für alle Neuankömmlinge, hier die Kurzzusammenfassung:  Bonnie Prince Pfeffer reist durch Schottland und schreibt darüber. Den ersten Teil der Berichterstattung gibt es hier zu lesen.

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Emotional landscapes – bei Lairg, im Norden von Schottland

Von Landschaften

Lässt sich Landschaft überhaupt anders als symbolisch erfahren? Wird sie nicht spätestens in der Beschreibung zwingend zur Entsprechung von Innerem, also kurz: zum Seelenspiegel der Romantiker, zur emotional landscape der Popkultur?

Wie sehr dies zumindest auf mich und meinen Zugang zur Welt zutrifft, begegnet mir unvermittelt im Modus des Schreckens auf der Wolkeninsel Skye. Der Tag ist schön und war geschäftig. Die Quiraing-Mountains standen auf dem Plan, Dunvegan-Castle und der westlichste Punkt der Insel, der Leuchtturm von Neist. Ich fahre berauscht von den großen Bildern dieser großen Landschaft nach Portree, die Inselhauptstadt, um einige Lebensmittel für die nächsten Tage zu besorgen. Und finde meinen Geldbeutel nicht. Nicht ungewöhnlich, ruhig bleiben, es gibt viele Stellen, die untersucht sein wollen, das Auto wurde die letzten Tage sehr gründlich von mir in Beschlag genommen. Nicht in der Mittelkonsole, nicht im Handschuhfach, nicht in der Umhängetasche, nicht in Rucksack eins, nicht in Rucksack zwei. Die Suche wird hektischer, schneller, wäre das Auto eine Tasche, ungefähr jetzt wäre der Zeitpunkt sie kopfüber auszuschütten.

Nichts, kein Geldbeutel.

Ruhig bleiben. Wenn er nicht hier ist, wo dann? Auf dem Parkplatz von Dunvegan Castle? Denn dort hatte ich ihn zum letzten Mal bewusst in Händen. Oder auf dem Weg zum Leuchtturm in Neist? Im kleinen Laden in Uig, wo ich Kaffee gekauft hatte? Anruf in Uig, nein, kein Geldbeutel. Ich fahre los. Dunvegan Castle. 45 Autominuten entfernt. Die Singletrack-Roads werden mir von der Lust zur Last. Gerade noch in ihrer Beschaulichkeit geherzt, geraten sie mir über der aktuellen Lage zur lästigen Bremse und werden zum Teil der übergeordneten Geldbeutel-Problematik. Wo meine Gedanken keine Stunde zuvor sanft über das hügelige Grün dieser Schafweiden glitten, fräst sich jetzt die immergleiche mentale Schreckensspirale in die karge Geröllpiste. Ist das das Ende dieser Reise? Denn clevererweise sind alle Ausweisdokumente und Kreditkarten in diesem Geldbeutel. Wohin als erstes? Deutsche Botschaft? Wo ist die eigentlich? In Edinburg? Oder London? Wieviele Kilometer sind das? Blitzüberweisung? Kanndochnichtwahrseinalles.

Der Verkehr ist nicht mehr vorbildlich defensiv, sondern unnötig langsam, der Regen nervt, die Schafe nerven noch mehr. Der Geldbeutel wird nicht da sein, dann muss ich weiter, zum Leuchtturm, nochmals eine Stunde über sehr schlechte Straßen. Das B&B muss bar bezahlt werden, aber mit welchem Geld? Was wird Isobel’s mother wohl sagen? Ich biege auf den Parkplatz des Schlosses ein, der mittlerweile leer ist, weil das Schloss seine Pforten schon geschlossen hat. Und dort liegt er, der Geldbeutel. Er ist nass, triefend nass, aber vollständig.

Das Wetter klart auf, der Horizont weitet sich. Sanfte Hügel, euphorisches Grün. Glückspilz Pfeffer in der aufregendsten Landschaft der Welt.

Foodporn (für Kleppi)

Ich esse täglich, meistens sogar mehrmals. Einige Eigenheiten der schottischen Küche sind schnell entdeckt und manche davon begleiten mich Tag für Tag. So zum Beispiel Black Pudding, das auf keinem meiner Frühstücksteller mehr fehlen darf. Durch die Vermischung mit Getreide, bekommt diese Blutwurstspeise eine Textur, die ein wenig an weiche Kekse erinnert. Ein Gericht, dass an die kargen und armen Zeiten der Landbevölkerung erinnert – und darin gleicht es dem Haggis – dem Grundsatz der kompletten Verwendung von Schlachtprodukten verpflichtet ist. Ist also eigentlich ’ne recht moderne Kiste, insofern man überhaupt von Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit Fleischkonsum sprechen möchte.

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Haggis, Neeps & Tatties (Haggis mit Steckrüben und Kartoffeln)

Ein Aspekt, der mir bei der Reisevorbereitung nicht bewusst war, der sich aber in meiner Reisekasse durchaus bemerkbar macht: das Frühstück ist so reichhaltig und vielseitig, dass ein Mittagessen eigentlich nie notwendig ist. Selbst bei langen und anstrengenden Wanderungen, komme ich meist mit einem Apfel über den Tag. Bed & Breakfast, das heißt eigentlich: Halbpension.

Haggis – das schottische Nationalgericht – ist auch gut, sehr gut sogar. Ich esse es einmal in einer modernen Interpretation, einmal als Bonbons und einmal in traditioneller Form. Und es schmeckt mir in allen drei Variationen. Das Gericht besteht aus dem Magen eines Schafes, gefüllt mit einer Masse aus Innereien, darunter Herz, Leber, Lunge und Nierenfett, vermischt mit dem Hafermehl, das auch beim Black Pudding zum Einsatz kommt. Die ganze Sache ist meist recht kräftig gewürzt und schmeckt sehr herzhaft. Die Kellnerin in Portree erzählt mir, dass dieses Gericht nicht in die USA importiert werden darf – weil die Einfuhr von Schafslunge dort seit der BSE-Krise 1989 verboten ist. Seither müssen die Exilschotten dort auf Haggis verzichten.

Eigentlich schmeckt mir fast alles, was meinen kulinarischen Weg kreuzt. Besondere Highlights: geräucherter Cheddar von den Orkney-Inseln. Erhältlich in den Varianten Single-, Double- oder Triple-Smoked. Ich habe sie allesamt probiert und für gut befunden. Selbst das ein oder andere Experimentalbier erfreut meinen Gaumen. Das ist durchaus neu. Während meines USA-Aufenthalts hat meine Gattin für ca. 100 Dollar Tankstellen-Kaffee in den Gulli gekippt. Ich habe einen ähnlichen Betrag in IPAs und Microbrewerie-Produkte versenkt, die ich meist nicht oder nur ungern ausgetrunken habe. Richtig richtig gut, also geradezu unfassbar gut, schmeckt mir ein Bier auf Haferbasis von der Isle of Skye. Das einzige Gericht, auf das ich auch in Zukunft gut verzichten kann, ist Fish&Chips. Grober Unfug in meinen Augen. Aber das mag an einer generellen Abneigung gegenüber Fritteusen-Produken liegen.

Insgesamt ist die britische Küche eher reichhaltig ausgerichtet. Delicious, but nutritious. Das sieht man den Briten öfters auch an, Obesity ist ein großes Thema in der aktuellen öffentlichen Debatte.

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Totes Schaf an der Küste von Skerray

UP

Unterwegs nach Norden, Richtung Nullpunkt. Immer weiter nach oben, dorthin, wo die Nadel umspringt. Diese Fahrt – im konkreten Fall von Ullapool nach Skerray – ist Miniatur und Sinnbild so vieler meiner Reisen. Ich habe oftmals den Drang, bis ans Ende zu fahren. Weiter nach Westen, weiter nach Norden. An der Ostküste Amerikas wäre ich am liebsten bis nach Halifax gereist. Aktueller Sehnsuchtspol auf dieser Reise: die Orkneys. Die Shettland-Inseln. Die äußeren Hebriden. Färöer. Als ich das Angebot für einen Tagesausflug sehe, spiele ich kurzzeitig mit dem Gedanken, nach St. Kilda zu fahren, den westlichsten Außenposten Schottlands. Mein Zeitbudget lässt das auf dieser Reise leider nicht zu, aber zumindest die Nordküste des Festlandes, gilt es zu erreichen.

Nach Skerray fahre ich auf der Suche nach einem Sound. Dem Sound von Brandung und Möwen, dem Sound of loneliness.

Ich finde etwas völlig anderes.

Zunächst, beim Eintreffen am Hafen, ein totes Schaf, gerahmt vom klassischen Strandstillleben: ein alter Lederschuh ohne Schnürsenkel, eine verrostete Radfelge. In der Ruine am Wasser: eine kleine Ausstellung: Acryllandschaft, eine Häkelpuppe. Dann treffe ich Rhona und Stephen, die sich ein Haus aus Autoreifen und Stroh gebaut haben. Und dieses Haus ist so städtisch, ist so sehr Kultur, dass es sich meinem ersten Eindruck nach eigentlich selbständig aus dieser so entfernten Weltgegend heraussprengen müsste. Eine große offene Küche, ein Wohnzimmer mit Beamer, Spielekonsole, offener Bar und Billardtisch. Überall Bücher, Musik und Zeitschriften. Das hatte ich mir ganz anders vorgestellt hier oben, aber der Sinn dieses Arrangements erschließt sich mir recht schnell. Vielleicht ist ein Leben in dieser kargen und unerbittlichen Natur so leichter möglich. Weil man sich der Stille aussetzen kann, aber nicht muss. Kulturgut als Blitzableiter, der die genussvolle Wahrnehmung von Entbehrung und Isolation überhaupt erst möglich macht.

Stephen und Rhona sind sehr nett, wie eigentlich alle meine Gastgeber herzlich und nett sind bislang, selbst Isobel’s mother: Glennis & Iain in Fort William, Karen auf Skye, Paul in Ullapool – und jetzt diese beiden. Ich trinke Bier mit Stephen, wir reden über Politik. Darüber wird auch hier noch zu schreiben sein, denn meine schottischen Gastgeber sind allesamt recht auskunftsfreudig. Aber das kommt an anderer Stelle, zum Schluss, in einem dritten Teil dieser Reiseberichterstattung.

Ich bereue, dass ich nicht länger hier bleiben kann. Dieser Ort gefällt mir noch besser als all die anderen Orte meiner bisherigen Reise. Hier ist es peacefull und nicht einfach nur friedlich. Dieser Ort ist angefüllt, mit Ruhe und Sehnsucht. Ich komme wieder, ja wirklich, ganz bestimmt.

Meine Reise führt mich in den Osten. Wenn ich es schon nicht auf die Orkney-Inseln schaffe, so will ich ihnen doch zumindest vom Festland aus zuwinken. Das tue ich am Hafen von Thurso. Ich höre An Orkney Wedding, with Sunrise, trinke einen Tee und verabschiede mich von meinem kleinen Ausflug in den Norden.

Brennende Türme

Die Nachricht vom Hochhausbrand in West-London erreicht mich zum ersten Mal auf der Fahrt von der Isle of Skye nach Ullapool – und jede Wiederholung dieser Meldung unterstreicht das Ausmaß der Katastrophe.

Für mich ist dieser Vorfall eigentümlicherweise das zweite Hochhausunglück, das mich in erster Instanz nur als Wort- und Ton-, nicht aber als Bildmeldung trifft. Ich sehe an diesem Tag keine Zeitschriftenauslage, mein Telefon bleibt unbenutzt und Fernseher sind fern. Ich bin am Ende der mit Bildmeldungen befeuerten Welt. Das war schon einmal so, im September 2001, den ich mit einer Gruppe von geistig behinderten Menschen in einem Ferienhaus im Schwarzwald verbrachte. Die Meldung aus New York erreichte uns damals telefonisch, in den darauffolgenden Stunden war das Radio unsere einzige Nachrichtenquelle. Den Endlosloop der einschlagenden Flugzeuge, sah ich erst 2 Tage später. BBC-Radio liefert zum jetzigen Unglück eine Beschreibung, die pressefotografischen Mustern folgt. Hier wird ein Bild gemalt, von erschöpften Feuerwehrmännern und rußgeschwärzten Helfern. Von verzweifelten Menschen und so vielen Kindern, die ahnen, dass sie ihren Wohnungen und den sie umgebenden Flammen nicht mehr entkommen werden.

Als ich im September vor 16 Jahren die ersten Fotos und Bewegtbilder zu Gesicht bekomme, bin ich bestürzt ob des Ausmaßes dieser Katastrophe. Jetzt kenne ich die Bilder bereits, bevor ich sie sehe. Bei der Presseschau am Freitag sehe ich genau jene Fotos, die ich zuvor erwartet hatte. Was das wohl aussagt, über unser Verständnis von Katastrophen und die sie begleitenden Schreckensbilder?

Grenfell wird zum bestimmenden Thema der nächsten Tage und verdrängt selbst die anstehenden Brexit-Verhandlungen. Vor dem Feuer gab es noch Platz für die skurrilen Sommerloch-Meldungen bei BBC Radio 4. Etwa, dass ein Laster in Stoke on Trent Nägel auf der Straße verloren hat. Der Einsatz von Kehrmaschinen führte leider nicht zum gewünschten Erfolg, weshalb jetzt mit einem großen Magneten experimentiert wird. Oder die Meldung aus Hull, wo ein Bienenschwarm ein Auto in Beschlag genommen hat. Mehrere Imker arbeiten seit 3 Tagen daran, die Königin zu finden – hierfür wurden unter anderem genaue Pläne vom Autohersteller Nissan angefordert. Die geschädigte Besitzerin versteht die Welt nicht mehr und gibt zu Protokoll: As I asked ‚why pick on my car?‘ my husband, who is a bit of a joker, said it was because of all the Bee Gees CDs in the car.

Meldungen dieser Art höre ich in den nächsten Tagen nicht mehr.

Inverness – Capital of the Highlands 

Ich erreiche Inverness – eine Stadt zusammengehalten aus Charityshops, Desillusion und Spucke. Hier sammeln sie sich, die Geprellten und Versehrten. Mangelmagnet Metropole – und als solche muss man Inverness mit 80000 Einwohnern beschreiben. Capital of the Highlands steht auf dem Ortsschild – und high sind hier offensichtlich viele: die Aufgequollenen und Vernarbten. Die Kleipenschläger, kiffenden Kids und überforderten Teenagermütter. Alle sind sie hier.

Den Zugang zu Inverness findet man nicht in Schlössern oder Museen, sondern im Einkaufszentrum. Ich bestelle Pizza. Mit Chips, also Pommes. Das machen hier alle so.

Ein halbwüchsiger Adidas-Junge mit schlechten Zähnen und irrem Blick versperrt mir mit seinem Fahrrad den Weg und fordert „a fag“. Schlagfertigkeit gehört nicht unbedingt zu meinen Stärken, aber hier läge mir eine Antwort auf der Zunge. Angesichts der Tatsache, dass mein Gegenüber tatsächlich recht schlagfertig zu sein scheint – nicht in verbaler Hinsicht – verzichte ich auf meinen Konter und gehe gesenkten Hauptes einfach weiter.

Lässt sich damit die Marktstellung von waffenfähigem Plutonium in Dosen wie Irn Bru erklären? (Sorry, Alex ;-)) Als letzte Zahnschmelzsalbung von frustrierten Irren?

Vor dem Einkaufsszentrum schreit ein Mädchen. Schreiende Frauen werden gerne mal als „keifend“ beschrieben, aber das trifft die Vehemenz und Aggression dieses Ausbruchs in keiner Weise. Sie brüllt und schreit und schreit und SCHREIT und obgleich ich mir darüber im Klaren bin, dass ich weder Grund noch Ziel ihrer sonischen Attacke sein dürfte, macht mir diese Situation Angst.

Vor knapp 3 Jahren töten zwei Mädchen, damals 13 und 14, in Hartlepool  im Nordosten Englands die 39-jährige Angela Wrightson. Wie sich im Laufe der Gerichtsverhandlung herausstellt, quälen die beiden Mädchen die Ermordete über 7 Stunden lang mit einer Schaufel und anderen Werkzeugen. Zwischendurch verlassen sie die Wohnung, um Freunde zu treffen, kehren dann zurück – und setzten ihre tödliche Folter fort. Gründe für ihre Tat können die beiden nicht nennen.

Es gibt sie, diese britischen Städte, wo der Zerfall sozialer Verbindlichkeiten spürbar wird. Hier liegt Wut in der Luft. Und die Männer sind gerne mal Kerle. Schläger, Spötter, solche, die sich nichts gefallen lassen. In einer anderen Stadt, in einer anderen Tristesse, sehe ich an einem schönen Sommerabend mehrere Väter – oder sollte man sie besser Erzeuger nennen? – die ihre Söhne beim Boxtraining anfeuern, mal verbal, mal mit einem Schlag auf den Hinterkopf.

In der einen Hand die Bierdose, in der anderen die Hundeleine. Bullmastif oder Staffordshire – egal, Hauptsache massiv. Woher all der Hass? Und wichtiger noch: jetzt, wo er schon da ist. Wohin damit?

„Ich habe nie Einsameres durchschritten“ schreibt Theodor Fontane in seinem sehr lesenswerten Reisetagebuch über die Gegend nördlich von Dalnacardoch, im heutigen Cairngorms-Nationalpark, der ca. 20 Meilen südlich von Inverness beginnt. Auch im entlegendsten Teil der Highlands kam in mir kein Gefühl von Einsamkeit auf, aber hier, in der größten Stadt der Gegend, fühle ich mich zum ersten Mal (und bis auf weiteres auch: zum letzten Mal) auf dieser Reise alleine und hätte gerne Gesellschaft. Als Stütze, als Schild und Alianz, als ein freundliches und wohlgesinntes Gegenüber.

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Old Castle of Wick – an der Nordostküste Schottlands

Von Fans & Fetischisten

Ich verlasse Inverness mit einem Gefühl von Unwohlsein. Das hat weniger mit der Stadt zu tun, die ich unter soziologischen Gesichtspunkten durchaus spannend fand, als vielmehr mit einem Gefühl von Erschöpfung, das meinem straffen Zeitplan geschuldet sein dürfte. Die letzten Tage habe ich nach jeder Nacht die Unterkunft gewechselt, bin viele Meilen gefahren und fleißig gewandert. Ich bin müde und frage mich, warum ich ständig von Gipfel zu Gipfel, von Eindruck zu Eindruck hasten muss und stelle diese Getriebenheit in Frage – nicht zum ersten Mal in meinem Leben, ganz und gar nicht.

Und dann geschieht etwas, das meinem Tag – und auch dem darauf folgenden eine unerwartete Wendung gibt. Ich steuere meine Unterkunft in Urquhart in der Nähe von Elgin an, wo mich mein Gastgeber Kris auf deutsch begrüßt. Er hat zusammen mit seinem Partner eine alte Kirche gekauft, renoviert und zu einem Gästehaus umgebaut. Ich habe hier auch ein Abendessen gebucht. Als ich das Esszimmer betrete – es wird tatsächlich in den Privaträumen der beiden Gastgeber gespeist – stellt sich unvermittelt eine leichte Panik ein, angesiedelt irgendwo mittig zwischen Beiß- und Fluchtreflex. Außer mir gibt es noch weitere vier Gäste, allesamt sprechen sie deutsch.

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Whisky-Shop in Edinburgh

Meine Hemmungen, soviel wird schnell klar, sind unbegründet. Ich habe es mit einem Ehepaar aus Hessen und zwei Brüdern aus dem Rheinland zu tun. Angenehme Zeitgenossen, die ein Thema verbindet, das hier in der Speyside auf der Hand liegt: Whisky. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis sind die Whisky-Fans recht zahlreich, aber das hier sind keine Fans, das sind Fetischisten. Recht schnell stellt sich heraus, dass beide Gruppen zahlreiche gemeinsame Bekannte haben: Whiskyimporteure und Vertriebler, Mitglieder von Stammtischen und Internetforen. Wenn hier von Käufen gesprochen wird, dann geht es gerne mal um Fässer und nicht nur um Flaschen. Meine Frage, wo denn die finanzielle Schmerzgrenze im Einkauf liege, wird gekonnt umschifft. Etwas später erzählt einer der Akteure, dass er sich zuletzt einen 1960er-Jahrgang der Bowmore-Brennerei gekauft habe. Preis: 30 Euro. Pro Milliliter. Wenn hier von Whiskyflaschen gesprochen wird, geht es also gerne mal um vierstellige Beträge. Alle Anwesenden sind einmal, meist sogar zweimal im Jahr in Schottland. Die Brennereien haben sie alle schon besucht, die meisten auch mehrmals. Es wird über die Großkonzerne gelästert und über Neugründungen diskutiert. Man trifft sich beim Islay-Festival oder in der Speyside. Lagavulin, Bruichladdich, Strathisla. Zu viel Holz, zu wenig, Fassstärke, Special Editions. Willkommen bei den Whiskywütern.

Und nach drei Stunden lebhaftester Diskussion sagt der ältere der beiden Brüder, derjenige, der sogar den Küfer von Ardbeg beim Namen kennt, plötzlich: ich trinke eigentlich gar keinen Whisky mehr.

DAS ist einer jener raren Momente, die ich festhalten will. Und einer der Gründe, weshalb ich so gerne reise. Dem Sammeln – so sagt die Psychoanalyse – liegt ein melancholischer Impuls zugrunde. Und manchmal auch ein komischer, möchte ich hinzufügen.

Mein Unwohlsein is over. I fall asleep. Es träumt mir von Whisky.

On the edges of Edinburgh

Entgegen meiner Gewohnheiten, in Großstädten gerne mal zentral und eher anonym zu wohnen (wer jetzt an schlichte Business-Hotels denkt, denkt richtig), buche ich mich für meinen Aufenthalt in Edinburgh nicht downtown, sondern in die Vorstadt ein. Hello Suburbia! Ich wohne bei K., alleinerziehend; traumatische Scheidung; Kampf ums Haus, in dem sie gerne mit ihrem Sohn bleiben möchte, um nicht in eine „schlechtere Gegend“ ziehen zu müssen. K. finanziert ihr Leben und ihre Gerichtstermine mit zwei Jobs, sie macht Nägel und betreut einen körperbehinderten Schüler im College. Und sie vermietet Zimmer, für zwei Nächte zum Beispiel an mich.

Edinburgh erreiche ich im Pride-Modus. Meine Vorbehalte gegenüber dem CSD sind zahlreich, aber hier scheint es etwas inklusiver zuzugehen. Das häufigste Banner, das ich zu Gesicht bekomme, fordert Trans Rights. Generell scheint mir die Queer Community hier ein wenig diverser zu sein, als ich das von den meisten anderen Großstädten kenne. Ich laufe ein paar hundert Meter mit der Parade mit, um mich danach von Museum zu Museum zu hangeln. Und es gibt einiges zu entdecken. Joan Baptistes Greuzes „Boy with Lesson-book“ zum Beispiel. Der Entwurf und die Darstellung von Kindheit, das ist ein Thema, das neulich in meiner Facebook-Timeline angestoßen wurde. Und das mich weiterhin beschäftigen wird. Ich treffe auf das zweite tote Schaf der Reise, aber dieses ist deutlich prominenter als das Erste. Klonschaf Dolly steht im National Museum of Scotland. Ich habe bei meinen Wanderungen hunderte, vielleicht tausende von Schafen gesehen. Dieses hat – das mag der Vereinzelung und narrativen Aufladung geschuldet sein – in seiner Backenbärtigkeit etwas menschliches. Ich könnte mir Dolly zumindest auch ganz gut im Tweed-Jacket vorstellen.

Grandios, gesehen in der National Gallery for Modern Art: Tragic Form (Skate) von Ken Currie. Und zum wiederholten Male groß: Ed Ruscha. The music of the balconies nerby was overlayed by the noise of sporadic acts of violence. Denke ich mir eigentlich immer, wenn ich etwas von ihm sehe. Merkzettel: mehr Ruscha schauen. Und auf den gleichen Merkzettel: Nathan Coley.

Edinburgh gefällt mir gut, es geht hier an vielen Stellen erstaunlich unhip zu. Nicht alle Hosen der unter 25-jährigen sind hochgekrempelt, nicht alle Flanken rasiert. Die Stadt ist an manchen Stellen angenehm ungelenk, an anderen völlig over the top, man denke zum Beispiel an diese furchtbar überdimensionierten Monumente: für Horatio Nelson, für Walter Scott – und am schlimmsten: das Nationaldenkmal im Stil der Akropolis. Ansonsten viel Park, viel grün – und da ich die Stadt an einem sonnigen Tag erkunde: viel Gelächter.

Zum Abendessen gehts nach Suburbia, an die Strandpromenade von Portobello, ein Vorort ungefähr drei Meilen östlich des Stadtzentrums. Ich laufe gerade durch die Bath-Street, als mich eine Gruppe von jungen Erwachsenen fast umrennt. Ist schon wieder ein Feuer ausgebrochen? Die Antwort wartet um die Ecke. Der Supermarkt schließt in 3 Minuten. Es muss noch Alkohol gekauft werden.

Ich esse mit Blick auf die Nordsee und Teile der Ostküste Schottlands, die ich auf dieser Reise ausgespart habe. Ich werde wiederkommen müssen, soviel ist klar. Und ich werde wiederkommen wollen.

Dieser Text entsteht größtenteils gar nicht in Schottland, sondern im Peak District von England. Was es mit Bergen wie dem Nam Tor auf sich hat, wie es um das Pilates-Training (zwei mal wöchentlich, montags und donnerstags) von Mary, meiner sehr gesprächigen Gastgeberin so steht, wie der Eierlikör in Sheffield so schmeckt und was die Mancunians so zur aktuellen Lage der Nation zu berichten haben, davon gibt es bald mehr im dritten Teil dieses Reiseberichts.

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– Wo ich bisher war: Fort William & Glen Coe, Oban, Mull, Iona, Staffa, Skye, Ullapool, Skerray, Thurso, Wick, Inerness, Elgin, Edinburgh.
– Auch wenn in diesem Bericht ein gegenteiliger Eindruck entstehen mag: ich bin hier hauptsächlich zum Wandern. Was ich auch fast jeden Tag tue. Und sehr genieße. Aus Platzgründen spare ich hier ganze Tage und all die stilleren Aktivitäten eher aus. Wer Infos zu guten Wanderrouten haben möchte, schickt mir eine kurze Nachricht.
– Was ich an Schottland nicht mag: Irn Bru; dieser schreckliche Schriftsatz, in dem gerne mal gälische Straßen- oder Häusernamen gesetzt sind und der an Esoterik-New-Age-Enya-Kram erinnert (ungefähr so).
– Was ich nicht verstehe: warum das Wasser hier so viel schneller aus Waschbecken abläuft? Größerer Rohrdurchmesser? Irgendwelche schottischen Installateure in meinem Freundeskreis?

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