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Alba & I

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Ich packe meinen Koffer und nehme mit: einen Rucksack. Und einen Fragenkatalog. Und keinen Koffer. Und mindestens 5 Kleidungsstücke, die ich danach nicht angehabt haben werde. Ich sehe das als Erfolg. Es gab Reisen, da waren das deutlich mehr. Fragt meine Gattin, die kann es bezeugen.

Und dann gehts los: nach Großbritannien, wo ich mehrmals war und von dem ich doch recht wenig weiß. Das zumindest war mein Eindruck, als die Briten im letzen Jahr beschlossen haben, die EU verlassen zu wollen (ob dieser Beschluss vergangene Woche bestätigt wurde oder nicht – darüber wird hier gerade ausgiebigst gestritten).

Mein mangelndes Wissen über die Lage dieser Nation könnte unter anderem meinem sehr selektiven Reiseverhalten geschuldet sein. 3 mal UK, das heißt in meinem Fall: 3 mal London. Vom Rest weiß ich wenig bis nichts. Ähnlich verhält es sich mit vielen anderen europäischen Reisezielen: Prag, Belgrad, Amsterdam. Kopenhagen, Warschau. Alles schöne Städte, keine Frage: aber ebensowenig wie Berlin ein umfassendes Bild der Deutschen zu vermitteln vermag, erzählt mir London von den Briten. Grund genug, ein wenig aufs Land zu fahren und den Engländern in ihre Pints zu spucken und einen Blick unter das Gurkensandwich zu wagen. Manchester. Liverpool. Sheffield. Und ein bisschen Wanderei im Lake-District. So dachte ich mir das anfangs. Dann passierte, was gerne mal passiert, bei der Sichtung der Dinge: der Plan entglitt – und zwar gründlich.

Vor einer Karte des Vereinigten Königreichs sitzend, komme ich ins Grübeln. Von Edinburgh nach Manchester sind es weniger als 250 Meilen  – knappe 4 Stunden Fahrtzeit auf vermutlich gut ausgebauten Straßen. Muss man eigentlich machen. Und Glasgow? Ist auch kaum weiter entfernt. Aber halt! Nicht schon wieder in die Haupt- und Großstadt-Falle tappen, aus der es zu entkommen gilt! Auf die Hebriden wollte ich eigentlich auch schon immer mal – und wo steht eigentlich der höchste Berg Britanniens? Einigermaßen schnell verschiebt sich mein Fokus nach Norden. Edinburgh wird zum Zielflughafen bestimmt, von dort aus weiter in die Highlands, auf die Hebriden, dann die Westküste über Ullapool nach Norden, noch weiter, weiter bis ans Ende des Festlands, mit Blick auf die Orkneys und den Sturm, dann über die Speyside zurück in den Süden, nach Edinburg. So zumindest der vorläufige Plan. Und dann? Mal schauen. Der Rückflug geht ab Manchester, wo ich mindestens 2, besser 3 Nächte verbringen möchte. Dazwischen gibt es Platz für Spontanitäten. Ob England über die Ost- oder die Westküste erkundet wird? Who knows. Das bleibt vorerst offen.

Bonnie Prince Pfeffer – welcome to Scotland

Ankunft am Flughafen von Edinburgh. Ich vermutete im Vorfeld eine etwas angespannte Stimmung wegen der Anschläge in Manchester und London. Aber von Aufregung keine Spur. Der Flughafen ist karg und benutzt, aber nicht uncharmant – und damit so ziemlich das Gegenteil zum Abflughafen Zürich. Auf dem Gepäckband liegen tatsächlich auffallend viele Caddys. Zum Golfen nach Schottland, das scheint nicht nur ein Klischee zu sein.

Die erste Herausforderung steht mit der Übernahme des Mietwagen an. Linksverkehr, das ist eine Challenge auf die ich mich im Vorfeld versucht habe, gedanklich einzustellen. Also, so im Sinne von: reindenken, im Kopf durchspielen. Hat ziemlich schlecht funktioniert. Jetzt sitze ich also im Mietwagen. Auf der rechten Seite. Und muss mit der linken Hand schalten. Und das Auto ist mal wieder VIEL größer, als ich das eigentlich haben wollte. Ich fahre los. Ich muss mich sehr konzentrieren. Ich verfahre mich, weil nach dem Kreisverkehr ein Kreisverkehr kommt. Und dann noch einer. Und weil Google die Ortsnamen auf deutsch ausspricht. Anhalten, durchatmen, nochmal. Ich habe 37 Jahre gebraucht, um mit dem Rechtsverkehr klar zu kommen – und manch Spötter in meinem Freundeskreis belächelt auch heute noch meinen Fahrstil (und meine Gattin hält besser mal die Klappe – sonst konfrontiere ich sie mit derselben des Apothekenautokofferraums. Stichwort: Baum, Baum, BAUM!!!).

Nach einer halben Stunde entspannt sich die Lage ein wenig und die ersten Routinen stellen sich ein. Was auffällt: die Schotten scheinen eine Affinität zu Schildern zu pflegen. Der so oft besungene deutsche Schilderwald wirkt im Vergleich dazu jedenfalls eher wie eine Baumschule. Eine Sonderbaumschule. Mit ganz wenig Schülern. An vielen Stellen wird hier z.B. die Reduzierung der Höchstgeschwindigkeit mit vier Schildern angezeigt, das funktioniert dann wie eine Autobahnausfahrt in Deutschland. Erstes Schild mit der neuen Höchtgeschwindigkeit und darunter 3 Strichen, 200 Meter später das zweite Schild mit 2 Strichen, dann das Dritte, dann die finale Warnung. Das führt einerseits zu einem sehr geschmeidigen Fahrverhalten, das ohne abruptes Bremsen auskommt, andererseits zu einer enormen Dichte an Hinweisen, die in einem merkwürdigen Kontrast zu der oftmals recht kargen Landschaft steht. Es wird auf Kinder hingewiesen, auf Schafe, Wild und Rinder, auf Parkplätze, scenic views – und ganz hervorragend: auf „Elderly People“.

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Ankunft im Glen Coe

Fort William

Nach einer Fahrt, die sich um ca. eine Stunde länger gestaltet als von den Navigationsdiensten prognostiziert (das liegt nicht an meinem Fahrvermögen, sondern daran, dass ich mehrmals anhalten muss, um das unfassbare Panorama des Glen Coe zu bestaunen), erreiche ich meine ersten Unterkunft, bei Glennys und Iain in der Nähe von Fort William, wo ich drei Nächte verbringen werde. Die beiden sind Pensionäre und führen mit 6 Betten ein eher kleines, aber dafür sehr familiäres Bed&Breakfast. Mein Zimmer ist einfach, hochwertig und mit viel Bedacht ausgestattet. Und so scheinen mir auch Glennys und Iain zu sein: bedacht. Und sehr freundlich. Ich lasse mir den Weg zum nächsten Pub erklären und schlendere bei bestem Wetter entlang des Caledonian Canal ins The Lochy, zu Venison-Burger und Ale. Danach gehts früh ins Bett, der Tag war lang, hier ist er der nördlichen Lage wegen noch länger (Sonnenuntergang 22:30) und so ist es noch hell als ich mit Blick auf den Ben Nevis einschlafe.

Ben oder Beinn / Sein oder Sein lassen

Ob man jetzt von Ben oder Beinn spricht, das hängt vor allem davon ab, in welcher Sprachfamilie man sich bewegt. Ben heißt jedenfalls Berg und der Ben Nevis ist der höchste Berg des gesamten Vereinigten Königreichs. Außerdem dürfte der Ben Nevis auch der Grund für die Größe von Fort William sein. Das selbstbetitelte Outdoor Capital ist mit knapp 5000 Einwohnern der größte Ort der westlichen Highlands und Ausgangspunkt für all diejenigen, die hier sportlichen Aktivitäten nachgehen wollen. Auch ich habe den Ben Nevis auf meiner Liste. Und streiche ihn gleich am ersten Morgen um 05:00 (Sonnenaufgang 4:20) von selbiger. Die Wetterprognosen sind schlecht, starke Regenfälle sind für die nächsten 2 Tage angesagt. Die Route, die ich ausgesucht hatte, gilt als sehr anspruchsvoll, vor allem der Zustieg von Norden über die Carn-Mór-Dearg-Arête hat ordentliche Tücken. Ich kenne Untergrund und Gestein nicht und den normalen Touristenweg möchte ich nicht nehmen – der gilt als technisch einfach und wird im Sommer von ca. 500-1000 Menschen pro Tag begangen. Ich bin nicht in die Highlands entflohen, um im Gipfelstau zu stehen und beschließe statt dessen, ein Stück weit ins Glen Coe hineinzufahren, um dort meine ersten drei Munros zu erklimmen. Munros, das sind all jenen schottischen Berge, die höher als 3000 Fuß sind, gelistet – daher der Name – von Sir Hugh Munro, der 1891 erstmals seine „Tables of the 3000 ft Mountains of Scotland“ herausgab. Seither ist das Munro-Bagging zu einer Art Volkssport in Schottland geworden. Ein Zeitvertreib, der tatsächlich recht zeitintensiv ist. Auf der Liste der Munros stehen 282 Gipfel. Meine heutigen Munros heißen Stob Coire nan Lochan, Bidean nam Bian und Stob Coire Sgreammhach – über das Schottisch-Gälische wird noch zu reden sein, aber dazu komme ich an anderer Stelle. Die Wanderung gilt als mittelschwer und ich mache mich bei leichtem Nebel auf den Weg.

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Stob Coire nan Lochan

Der Aufstieg ist sehr steil, es gibt keine Wegmarkierungen. Viele der großen Felsen sind komplett mit Moos überwachsen, das sich wie ein Schwamm mit Feuchtigkeit vollgesogen hat – hier Halt zu finden, ist kaum möglich. Schon an dieser Stelle wird mir klar, dass es vermutlich eine gute Idee gewesen ist, auf den Nevis-Gipfel zu verzichten. Später in der Tour, kurz nach dem Scheitelpunkt des Stob Coire nan Lochan – die Sicht beträgt hier weniger als 20 Meter und es regnet – bin ich kurz unachtsam und verliere die Route aus dem Blick. Ein Fehler, der mich viel Kraft und Zeit kosten wird. Ich versuche, die Route zu erreichen, ohne zurücksteigen zu müssen und quere an der Westflanke parallel durch stark rutschendes Geröll, um nach einer halben Stunde festzustellen, dass ein Weiterkommen von meiner jetzigen Position eindeutig zu gefährlich ist. Ich beschließe, in den sauren Apfel zu beißen und umzukehren. Und finde den Weg nicht mehr. Der Nebel ist zu dicht. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich theoretisch, wie ein Kompass funktioniert, jetzt weiß ich es auch praktisch. Meine Ankunft auf dem Gipfel des Bidean nam Bian verzögert sich um schlappe 2 Stunden. Ich bin nass und erschöpft, aber glücklich. Über den Grat zum Stob Coire Sgreamhach und danach über den Rücken des Beinn Fhada zurück zum Parkplatz. Lektion 1: 1000 Meter in Schottland fühlen sich gerne mal an wie 3000 in den Alpen. Das liegt unter anderem daran, dass man hier eigentlich immer von Meeresniveau aus einsteigt. Und an den ständig wechselnden Wetterbedingungen und der enormen Feuchtigkeit.

Von Inseln I: Mull

Nach dem ersten Bergschock und aufgrund der Wetterbedingungen, beschließe ich, den zweiten Tag auf dem Wasser zu verbringen. Iain, mein Herbergsvater, Frühstückskoch und Ratgeber versichert mir: do it, it’s gonna be amazing. Und so breche ich schon sehr früh in Richtung Oban auf, ein hübsches Städtchen, das ich bislang nur von Whiskyflaschen-Etiketten kenne. Von dort aus geht es mit der großen Fähre nach Mull (gälisch: Eilean Muile), wo Collin, Busfahrer und Unterhalter der Western Motor Tours auf mich und ca. 30 andere Inselhopper wartet. Auf der Strecke vom Fährhafen Craignure nach Fionnphort im Westen von Mull erzählt Collin von der wirtschaftlichen Lage, vom einfachen und doch so komplizierten Leben der Islander. Mull ist wild. Hier leben Seeadler und Otter, Wild, Schafe und Rinder. Und ungefähr 3000 Menschen. Es gibt 4 Grundschulen von denen eine im Moment nur einen einzigen Schüler unterrichtet. Maybe the best educated kid in whole Scotland, scherzt Collin. Aber in seine Scherze mischt sich immer wieder Wehmut. Eine weiterführende Schule gibt es auf Mull nicht. Die Kinder werden nach Oban aufs Internat geschickt. Und kehren für gewöhnlich nicht wieder auf die Insel zurück. „It divides us“, sagt Collin, der noch immer auf Mull lebt. Viele Menschen ziehen weg, abgesehen vom Tourismus ist die wirtschaftliche Lage eher schwierig – und gleichzeitig kaufen immer mehr Städter sich hier Ferien- und Wochenendhäuser und treiben die Preise für Wohneigentum in die Höhe – ein Phänomen, das sich auf allen Inseln der inneren Hebriden findet.

Islander, Highlander, Mainlander & Städter

Insulaner zu sein, das ist eine Eigenschaft, die jenseits von Postleitzahlen schwer zu fassen ist. Islander fühlen sich vom Rest der Nation separiert – und beziehen daraus auch ein Selbstverständnis. Unter den einzelnen Inseln herrscht Konkurrenz. Für Collin ist Skye, die größte und touristisch am besten erschlossene Insel der inneren Hebriden gar keine Insel mehr, seitdem sie durch eine Brücke mit dem Festland verbunden ist. Am Frühstückstisch in Portree (Port Rìgh) erzählt ein Postangestellter von der Insel Arran, dass er kurzzeitig einen Kollegen von den Orkney-Inseln hatte – kurzzeitig deshalb, weil dem Mann wegen Dummheit gekündigt werden musste – typisch Orkney eben. Und jene Bewohner Orkneys wiederum fühlen sich derart fern vom Rest der Nation, dass sie mit Mainland nicht etwa das Festland bezeichnen, sondern die größte Insel ihres Archipels. Islander, das kann eine stolze Selbstbeschreibung sein, ebenso wie eine Wehmutsdiagnose, die all jene Bewohner abgelegener Weltgegenden nachzufühlen vermögen. Und im schlimmsten Fall wird der Islander zum Hinterwäldler, zum Dummkopf, zum Landei. Je weiter weg, desto dümmer. Innere Hebriden. Äußere Hebriden. Orkneys. Shettlands. Ob St. Kilda eine Rolle spielt, das weiß ich nicht. Wohnt da eigentlich jemand? (Antwort: früher ja, heute eher nein, also: Militär. Interessanter Wikipedia-Artikel übrigens.)

Von Inseln II: Iona & Staffa

Das Wetter klart auf, wir erreichen die nur acht Quadratkilometer große Insel Iona bei  Sonnenschein. Iona gilt nach wie vor als spirituelles Zentrum Schottlands. Von hier nahm die Christianisierung der Schotten durch den heiligen Columbus ihren Anfang und hier befinden sich die Grabstätten vieler schottischer Könige, unter anderem  die von Mac Beth. Auch heute noch hält die Insel die religiöse Tradition hoch – wie ohnehin in Schottland Religion eine größere Rolle spielt, als ich dachte. Die Kirchen sind zahlreich und offensichtlich gut besucht. Hatte ich mir alles atheistischer vorgestellt, vermutlich weil mein Klischee des Schotten sich um eine Idee von Unbeugsamkeit herum versammelt, der eine atheistische Haltung gut zu Gesicht stünde. Ich irre, wie so oft.

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Isle of Iona

Von Iona geht es weiter nach Staffa, eine 200 auf 600 Meter große unbewohnte Basaltformation. Wer den Weg zu dieser Insel auf sich nimmt- eine immerhin fast einstündige Fahrt mit einem kleinen Schiff – der kommt entweder, um Fingal’s Cave oder die Papageientaucherkolonie zu bestaunen. Ich tue beides.

Fingal’s Cave ist eine sehr eindrückliche, mehr als 80 Meter lange Höhlenformation, die der Atlantik über Jahrtausende aus dem Basalt gepeitscht hat. Fast noch eindrücklicher als die Höhle selbst, ist die kulturelle Überformung derselben, an der seit ihrer Entdeckung im späten 18. Jahrhundert eifrig  gearbeitet wurde. William Turner, Theodor Fontane, Jules Verne und nicht zuletzt Felix Mendelsohn-Bartholdy haben diese Höhle, beschrieben, gemalt, Geschichten darüber erzählt und Musikstücke nach ihr benannt. Mit einigem Erfolg: schon früh wird Staffa zum Sehnsuchtspol eines romantischen Tourismus, der das Erhabene im Wilden, Ungestümen, Windumpeitschten und Weltfernen zu finden sucht. In diesem Sinne: bin auch ich ein romantischer Tourist. Einer allerdings, der in einem Boot mit 30 pensionierten Amerikanern sitzt. Und der froh ist, um die schiere Lautstärke des Schiffsmotors. ’nough said.

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Staffa – Fingal’s Cave

Die Papageientaucher aus dem ersten Stock sind erstaunliche Tiere – und scheinen tatächlich die Nähe der Menschen zu schätzen. Und das nicht etwa, weil sie gefüttert werden – nein, die Touristen scheinen eine Art Schutzschild zu sein. Größere Gruppen von Menschen halten wohl die Möwen fern. Und Möwen sind die größten Feinde für den Nachwuchs dieser lustigen Vögel.

Von Inseln III: Skye

Die Isle of Skyeheißt auf gälisch An t-Eilean Sgitheanach: die Wolkenisel. Ich erreiche sie bei bestem Hebriden-Wetter. Es regnet und die Sicht ist schlecht. Mein erstes Ziel liegt im Norden: The Old Man of Storr – die knapp 50 Meter hohe Felsnadel auf der Halbinsel Trotternish zählt zu den größten Sehenswürdigkeiten der Insel. Die Sicht ist so schlecht, dass ich den Old Man vom Parkplatz aus gar nicht sehen kann – und das, obwohl er kaum 300 Meter entfernt sein dürfte.

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Old Man of Storr – gesehen vom Gipfelzustieg auf den Storr

Ich kenne das Spiel schon. Es heißt Wetter und sollte zwar zur Kenntnis genommen, aber keinesfalls überbewertet werden, weil: es regnet hier eigentlich täglich, meist auch mehrmals. Regen in seiner vollen Bandbreite: light rain showers, heavy rainshowers, mal mit Wind, mal ohne. Das Gute: es hört auch ganz schön oft auf zu regnen. So auch heute. Als ich ungefähr auf der Höhe des Old Man angekommen bin, beginnt es aufzuklaren. Ähnliches geschieht einen Tag später in den Quiraing-Mountains, wo sich nach wirklich heftigen Regenfällen und schlimmstarken Windböen recht unvermittelt der Nebel hebt, der Regen verstummt und innerhalb von wenigen Minuten ein unfassbares Panorama sichtbar wird. So etwas kann passieren, muss es aber natürlich nicht. Die Gipfeltour auf den Sgurr Dearg, von dem aus ich mir gerne den Inaccessible Pin, den schwersten Munro Schottlands, angeschaut hätte, muss ich 100 Höhenmeter vor dem Ziel abbrechen. Die Sicht ist derart schlecht, dass ich mich mehrmals verlaufe – und der sehr steile Aufstieg durch loses Geröll ist schlichtweg zu gefährlich.

Ah, the weatherrr – you have to take it as it comes, sagt Isobels Mutter, die Matronin des B&Bs in Portree. Sie stellt sich mir übrigens als Isobel’s mother vor. Ich habe keinen Grund, das in Frage zu stellen und spreche sie künftig einfach nur indirekt an. Das Gasthaus ist unter ihrer Führung zu einer Art Kitschkulissensammlung erstarrt. Auch das scheint mir eine Art von Sehensürdigkeit zu sein. Man betritt das Haus durch einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum – und landet in einer BBC-Requisite vom Flying Circus. Floral-Teppich, beleuchtete Plastikblumen, ein lebensgroßer Plüschhund, Vitrinen mit Porzellanfiguren, die Hochzeitsszenen nachstellen. Ich frage mich, wie sich die Persönlichkeit von Isobel’s mother und diese absurde Kulisse ineinander vermitteln lassen. Weil: Isobel’s mother ist eine resolute Frau. Wenn sie das Frühstück serviert, kracht der Boden wie ein historisches Schiffsdeck auf hoher See. Ich vermute: das liegt zu gleichen Teilen am Boden und an ihr. Der Kiltträger am Nachbartisch wird streng ermahnt, schon als er sein Mobiltelefon nur aus der Hemdtasche zieht. Weil: Handys sind am Frühstückstisch streng verboten, das war bei Glennys und Iain auch so – und auch in B&B Nummer 3 finden sich Verbotsschilder im Frühstücksraum. Das mag man als Bevormundung sehen, ich finde es äußerst erfrischend. Und es fördert tatsächlich die Konversation unter den Gästen. So erfahre ich von einer 6-tägigen Bootsfahrt auf dem Kaledonischen Kanal (der tatsächlich nicht mal 80 km lang ist – wer auf der Suche nach der wahren Entschleunigungserfahrung ist: here you are). Oder von der oben erwähnten Orkney-Epidosde. Iain erzählt mir von den wilden Hasen, weil im Vorgarten gerade einer Rast macht (they do more damage than they do good – but aren’t they cute?).

Ich habe den little chat am Morgen jedenfalls fest in meine Urlaubsroutine aufgenommen und bin schon gespannt, was Karrrren morgen so zu sagen hat. Karrren ist Farmerin, mit Gummistiefeln und rosigen Wangen. Und hier, auf ihrer Pferde- und Schaffarm im Norden von Skye, wohne ich gerade. Noch bis morgen früh, dann verlasse ich die schöne Inselwelt der Inneren Hebriden und mache mich weiter auf den Weg nach Norden.

Nächster Stopp: Ullapool.

Wie es weitergeht, mit Schottland und mir, weshalb man Haggis nicht in die USA importieren darf und Black Pudding ein ganz ausgezeichneter Frühstücksbestandteil ist, wie mein Verhältnis zu geräuchertem Orkney-Cheddar sich entwickelt und weshalb ich der größte Glückspilz unter Schottlands Wolken bin – davon bald mehr an dieser Stelle.


Mehr Bilder gibt es auf instagram zu sehen (und die volle Breitseite wird nach und nach in dieses flickr-Album geladen).

2 Comments

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