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Me, myself & Italy – Teil III

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Für alle Neuankömmlinge, hier die Kurzzusammenfassung:  Pfeffer reist durch Norditalien und schreibt darüber. Die ersten beiden Teile der Berichterstattung gibt es hier und hier zu lesen.

1 person, 1 table, 1 dinner, no english

(Turin) Der Tisch im Ristorante Consorzio in der Via monte di Pietà bleibt mir heute leider verwehrt, ausgebucht bis auf den letzten Platz. „Ich esse auch an der Bar“, versuche ich den Kellner zu überzeugen, aber sein Argument ist von bestechender Klarheit: es gibt überhaupt keine Bar. Er empfiehlt mir das Blanco, einen Block weiter. Das alte Spiel. Kein Englisch, und zwar wirklich: gar keines. Der Kellner ist vermutlich Anfang 20 und versteht meine Frage, auch in ihrer äußersten Verknappung auf 4 Worte „one person, dinner, now“ tatsächlich nicht. Die Kollegin wird gerufen, ihr Englisch ist kaum besser, aber sie lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen und nimmt die Sache in die Hand. Reservierungsschilder werden getauscht, Namen im großen Buch durchgestrichen und umgetragen – und schließlich habe ich ihn, den Tisch. Alora! Ich bestelle auf italienisch und habe nur eine ungefähre Ahnung davon, was mir serviert werden könnte. Aber das ist völlig egal, ich esse eigentlich alles. Die Kellnerin lobt mein Italienisch, unser beider Sprachkenntnis reicht nicht aus, um zu vermitteln, dass ihre Lüge mir schmeichelt. Egal, wir lachen, das entspannt. Ein Rosenverkäufer bertritt das Geschehen und schiebt sich zwischen meinen kleinen Tisch, das französische Ehepaar neben mir und die Bar. Ich winke ab, er schaut fragend. Später frage ich mich, was mein Umfeld wohl gemutmaßt hätte, wenn ich – alleine an einem kleinen Tisch neben der Bar sitzend – eine Rose oder gar mehrere gekauft hätte. Mich amüsiert das in Gang gesetzte Kopfkino und ich beschließe, bei der nächsten Gelegenheit aktiver zu agieren. Weil sich so vielleicht die ein oder andere interessante Situation oder Konstellation herbeiführen ließe. Und selbst wenn nicht: mit Blumen ist es ja eigentlich immer besser als ohne.

Das Essen vergeht, der Abend vergeht. Ich bezahle und suche das bagno. Auf meinem Weg dorthin fällt mir auf, dass es noch ein halbes Dutzend weiterer Tische im Untergeschoss – bei den Toiletten – gibt. Weshalb also die Mühe, die bestehenden Reservierungen zu verschieben und mich im oberen Gastraum zu platzieren? Ich vermute: es hat was mit der Geruchsbelästigung im Keller zu tun. Guter Service, mille grazie.

Rocca dei corvi

Der Tag beginnt früh, schnelles Frühstück, auschecken, ab aufs Boot. Das Ziel: der Rocca dei corvi, ein Felsen in der Nähe des Dorfes Viola St. Gree in den Cottischen Alpen. Ich erreiche den kleinen Parkplatz bei der Kapelle Santa Caterina kurz vor Mittag. Hier ist es verdächtig idyllisch. Eidechsen sonnen sich auf verwitterten Naturmauern, Bauern machen ein Feuer, vermutlich um das viele Laub zu verbrennen, das bereits gefallen ist. Unter solchen Folien von Beschaulichkeit vermutet man ja immer die allerabsonderlichsten Perversionen. Augen in Einmachgläsern oder Dinge dieser Art. Ein Handwerker an der Kapelle erwidert mein Buongiorno, mit einem handfesten Gesprächsanfall. Ich unterbreche ihn mehrmals, um ihm zu versichern, dass ich nichts verstehe (was ich ungewöhnlicherweise tatsächlich nicht tue: seine Rede ist entweder stark dialektgefärbt oder gar eine eigene Sprache, möglicherweise piemontesisch oder ligurisch). Hält ihn natürlich nicht davon ab, weiterzureden – und zwar viel und schnell. Ich stelle mir vor, er woll mich vor einer drohenden Gefahr warnen. Vor Hillbillies oder tollwütigen Trüffelschweinen. Abermals herrliches Kopfkino im Herbstwald.

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Der Klettersteig ist eher mäßig gut ausgeschildert, das viele Laub, das kleinere Pfade unsichtbar werden lässt, tut sein übriges. Ich finde den Weg und bin recht schnell beim Zustieg, der direkt an einem Bachlauf liegt. Überraschung! Die erste Senkrechte führt neben einem Wasserfall entlang. Sehr nah neben einem Wasserfall. Der Fels ist nass, das Seil und die Eisentritte ebenfalls. Sehr rutschige Angelegenheit, die ich mit einer eher unkonventionellen Klettertechnik, die ich mal Knietechnik nennen möchte, hinter mich bringe. Recht schnell zeigt sich: der Klettersteig ist anspruchsvoll – als solcher war er auch beschrieben. Die Seilführung ist locker, die Tritte teilweise spärlich und die Überhänge recht zahlreich. Schwerster Steig der bisherigen Tour, ich komme an die Grenzen meines Könnens – und genau dort wollte ich hin. Die Gegend ist einsam – und trotz des kurzen Zustieges höre und sehe ich keinen Menschen weit und breit. Auf einer eher leichten und ungefährlichen Querung nach dem ersten Teil des Steiges passiert es dann: mein Telefon fällt aus der Hosentasche. Nach dem letzten Foto habe ich wohl vergessen, den Reißverschluss zu schließen. Das Telefon rutscht ein paar Meter weit, um dann über einen kleinen Absatz zu fallen. Ich kann das Gebiet, in dem es liegen müsste, ganz gut eingrenzen. Denke ich. Fälschlicherweise, wie sich später herausstellen wird. Mein Puls steigt. Soll ich den Steig verlassen, um nach dem Telefon zu suchen? Steig verlassen, das heißt: die Karabiner vom sichernden Seil nehmen. Ich habe eine Bandschlinge und einen weiteren Karabiner dabei und damit mehr Spielraum. Aber bei weitem nicht genug, um in das anvisierte Gebiet zu gelangen. Ich zögere. Ich weiß, dass die allermeisten Unfälle dort passieren, wo leichtsinnigerweise auf Sicherung verzichtet wird. Andererseits ist die Querung nicht sehr steil, der Fels ist trocken, ich bin konzentriert und bei Kräften.

Ich löse die Karabiner und begebe mich vorsichtig in das vermutete Zielgebiet. Das Problem ist: hier liegen mehrere Schichten Laub, was die Suche ganz erheblich erschwert. Schmerzhafter Bonus – das Laub ist durchmischt mit stacheligen getrockneten Kastanienschalen. Meine Handschuhe schützen nur die Handflächen und die ersten Fingerglieder. Die Suche dauert schon mehr als 10 Minuten. Lange 10 Minuten. Ich spiele mit dem Gedanken, abzubrechen. Ich breche nicht ab. Ich finde das Telefon. Es hat Blessuren, ist aber am Leben. Ich bin sehr erleichtert. Nur begrenzt des materiellen Wertes wegen. Ich habe wieder ein GPS-Gerät in der Tasche – ein probates Beruhigungsmittel bei schlecht ausgeschilderten Waldwegen. Außerdem bin ich internetsüchtig und bin gerade dem kalten Entzug von der Schippe gesprungen. Phew!

Schnell wieder ans Seil. Auch der zweite Teil der Tour ist anspruchsvoll. Oben wartet Mutter Maria auf mich. Ich nutze sie als Stütze und Stativ. Das machen vermutlich viele so. Der Blick ist grandios. Auch von hier oben: niemand zu sehen. Weite. Stille. Nur ich und Maria.

Der Abstieg beginnt – der Logik dieses Felsens geschuldet – ähnlich anspruchsvoll wie der Aufstieg. Sehr steil, überhängende Passagen inklusive. Eine Hängebrücke sorgt nochmals für Adrenalin, dann ist es bald geschafft. Ich auch. Schnell zurück zum Auto und ab ins Café. Mache ich gerne: in den kleinen Bergdörfern noch irgendwas einkaufen, die lokale Gastronomie unterstützen, ein bisschen Geld dalassen. Und nicht einfach nur die Straßen kaputtfahren. In Viola St Gree ist das schwierig. Das einzige Café ist geschlossen. In Viola, der Nachbarortschaft auch, ebenso wie in Lisio und in Mombasiglio. Wo sind sie denn, die Bewohner des Valle Maira? Ernüchternde Antwort: sie sitzen in den Shopping Malls und Systemgastronomien von Ceva, einem Klumpen von Stadt. Agglomeration ist der durchaus passende Name dafür. Hier will ich keinen Kaffee, hier will ich nicht sein. Ich lasse mich nach Genua navigieren, zum letzten Ziel meiner Reise.

Genua

Kurz vor Savona öffnet sich unvermittelt das Meer, der typische Schwindel des Wassers, die Weite des Blicks. Keine Streben, keine Pfeiler, keine Häuser, keine Stützen, die zwischen nah und fern, groß und klein vermitteln könnten. Dem bleibt nicht lange so. Alsbald erscheinen die rostigen Lastkräne im Bild, viele, so viele, Fialen der Genueser Bucht.

Genua erreicht mich wie ein Schlag in die Nieren. Der Verkehr ist dicht, der Beton wittert und schwitzt. Rostvernarbte Brücken & Unterführungen, überall stapeln sich Kartonagen und Holzkisten, übereinandergekippt, dazwischen Müll. All die Orientierungspunkte, die das Wasser genommen hat, scheinen sich hier zu multiplizieren. Es stinkt, nach Fisch und Pisse. Dazu das typische Hupkonzert der italienischen Metropolen, Stadt als systematische Überforderung; kurz: es ist herrlich.

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Von Genua weiß und erwarte ich: wenig. Ein blinder Fleck auf meiner Italienkarte, Hauptstadt Liguriens, einst die größte Seemacht Europas & reichste Stadt der Welt, Geburtsort von Kolumbus. Das wars eigentlich auch schon, mehr weiß ich nicht.

In der Bucht von Genua steigt der Gebirgszug der Apenninen landeinwärts steil an und legt damit die gesamte Charakteristik der Stadt als ausschließlich dem Meer zugewandte Ansiedlung fest. Die Nachmittagssonne färbt Wasser und Fassaden, ich ankere das Schiff und mache los. Schnell wird klar: die Überforderung, die ich auf der großen Küstenstraße bereits erahne, setzt sich fort und radikalisiert sich in all den kleinen Gassen, verwinkelten Sträßchen, auf den Treppen und Plätze des Centro Storico. Genua, so bilde ich mir ein, muss genau hier erschlossen werden, kein Museum heute, ich ziehe durch die Straßen und lasse mich mit dem Strom des Genueser Abends treiben.

Genua ist Marseille, ist Neapel und Konstantinopel. Latinas, Asiaten, Schwarzafrikaner. Ich höre französisch, englisch, patois, indisch. Genua ist Hafen mit all seinen Konsequenzen. Hier zirkulieren: Waren, Sprachen, Hoffnungen, ebenso wie Waffen, Keime und Ängste. Eine ältere Dame schiebt einen Leiterwagen mit einem großen Bücherregal über die Straße, zwei Hunde geraten in einen Kampf, eine Nonne nimmt sich einem vernarbten Alkoholiker an, ohne Erfolg – überall bricht Handel und Geschäftigkeit sich Bahn. Die Müllkammern der Innenstadt: mit Blaulicht ausgestattet, auch das spricht eine eindeutige Sprache. Es riecht nach Innereien und Gras. In der Via di Pre zähle ich 83 Menschen auf der Straße, alle sind schwarz, bis auf einen: der Apotheker. In den Metzgereien: Rinderherzen, Lunge, die Hühner werden mit gespreizten Schenkeln präsentiert. In der Via Lomellini dringt Musik aus einem Hauseingang. Ich beschließe, mich selbst beim Wort des letzten Abends zu nehmen, mehr zu wagen und schaue hinein. Ein Teehaus vielleicht? Oder ein Wettbüro? Ein Gebetsraum? Nichts dergleichen, hier wird Körperlichkeit verkauft. Die Situation überfällt mich, ich gehe schnell hinaus, die Nachbarin zwei Häuser weiter, die schweren Einkaufstüten in der Hand, schaut wissend und abschätzig. Die ganze Straße scheint der Prostitution zu gehören. Mich würden die Preise interessieren, ich frage mich, wie man nach so etwas fragt, ohne Kunde werden zu wollen und beleidigend zu sein. Vermutlich: gar nicht.

In einem Geschäft werden ausschließlich elektrische Schreibmaschinen verkauft, es gibt einen Laden für okkulte Praxis, Waschsalons, klein und dreckig, in der querenden Vicolo, die so eng ist, dass ich nicht mal meine Ellenbogen ausstrecken kann, liegt eine Matratze.

Ich frage die Kellnerin beim Abendessen, weshalb sie so gut englisch spricht? Sie kommt aus Rosenheim. Aber auch ihre Kollegin aus Ecuador spricht gut, wie eigentlich alle hier englisch sprechen, auf die ich treffe. Man scheint es hier gewohnt zu sein, nicht ausschließlich italienisch sprechen zu müssen.

Ich schlafe länger als sonst, ich brauche Kraft. Dann raus, ab in die Palazzi. Die Angestellten im Palazzo Rosso und Palazzo Bianco werden von einen integrativen Projekt gestellt, das Menschen mit Behinderungen in Jobs bringt. Der Herr mit Down-Syndrom empfängt mich herzlich und schildert mir mit der typischen Freundlichkeit und Akkuratesse den Rundgang durchs Unesco-Weltkulturerbe. Ich habe viel Kunst gesehen in den letzten Tagen und will an der ein oder anderen Stelle abkürzen, etwa wo Geschirr und Möbel zu sehen sind. Geht nicht. Die Aufsichten nehmen allesamt ihren Auftrag sehr ernst und bestehen darauf, dass ich mir ALLE Räume anschaue. Wirklich alle. Und sie haben ja Recht in ihrer Beharrlichkeit: sonst wären mir vielleicht die ganz wunderbaren Malereien von Jan Provoost entgangen, die mich wirklich beeindrucken, weil sie so völlig uneindeutig zwischen Flächigkeit und Tiefe, Symbolhaftigkeit und realistischer Darstellung hin- und herchangieren. Mehr über Jan Provoost in Erfahrung bringen, das könnte spannend sein.

Meine Beine sind schwer, die Klettersteige und das tapfere Laufprogramm der letzten Woche machen sich bemerkbar. Ich gehe in die Trattoria dell’Acciughetta zum Mittagessen. Ich bestelle Wein, Pasta nera und Polpo. Der Laden ist klein, das Essen ist grandios.Ich bitte den Kellner um eine Reservierung für den Abend. Fully booked. Leider. Ob er einen Tipp habe. „You want the real deal ?“ Si. „Go to Da Mario.“ Ich notiere mir den Tipp des Experten und schlendere weinschlagseitig in Richtung Aquario.

Aquario am Arsch!

Seepferdchen anschauen, Medusen beim quallieren beiwohnen, das könnte ein schöner Plan für den frühen Nachmittag sein, denke ich mir. Und so ist es auch, zumindest anfänglich. Das Aquarium empfängt mich mit gedämpftem Licht  und seichter Ambient-Musik. Die Seepferdchen tanzen ihre formschönen Trapeznummern, ich werde schläfrig. Das scheint nicht nur mir so zu gehen. Im großen Mittelmeerbecken liegt ein müder Sägerochen neben zwei stattlichen Sandtigerhaien. Ich dachte immer, Haie müssten ständig in Bewegung bleiben, aber dem scheint nicht so zu sein. Sie liegen da, mehrere Minuten lang. Und scheinen weder tot noch dem Tode nahe zu sein.

Im nächsten Becken dann: Manatis, zu deutsch sehr bildlich auch Rundschwanzseekühe genannt. Ich mag diese Tiere sehr gerne. Aber nicht hier und bin einigermaßen erstaunt, ob der ausgestellten Großsäuger. Ich ahne Böses. Und bedauerlicherweise liege ich mit meiner Ahnung ganz richtig. Im Becken danach sind Robben zu sehen, zwei Becken weiter Delfine. Der Platzbedarf dieser Tiere und ihr Bewegungsdrang sind hinreichend dokumentiert. Dumm, das. It’s 2016. Arschlochaquarium Genua. Nicht hingehen.

Über der Stadt

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Ich mache mich auf zu einer letzten Bergstrecke, hoch zum Castelletto, den Blick von oben auf die Stadt werfen. Von hier erinnert Genua am ehesten an die Schachtelarchitektur südamerikanischer Küstenstädte, wie ich sie bislang nur aus Filmen kenne. Es wird gebaut, dann wird an-, um- und überbaut, Unterführungen und Brücken entstehen, es wird abgerissen, aufgestockt und ausgeschmückt. Metastatische Architektur, ein Bebauungsplan ohne Plan aber mit ordentlich Funktionalität, ein Wimmelbild für Fortgeschrittene. Es zieht Dunst auf über der Stadt. Wie passend, denke ich mir. Der Vorhang schließt sich, die Reise ist zu Ende.

Ich gehe zurück zur Piazza Principe und schreibe im Hotel ein wenig an diesem Text, der im Gegensatz zu den vorherigen, als Flickenteppich und nicht in einem Rutsch entsteht, was in einer gewissen formalen Korrelation zu meiner Erfahrung dieser Stadt steht. Dann mache ich, was ich eigentlich nie mache: einen Mittagsschlaf. Die Reise hat Kraft gekostet, Kopf und Füße sind müde. Der Schlaf ist kurz und tief, ob er Erholung gebracht hat, vermag ich nicht zu sagen. Nach einem Mittagsschlaf bin ich meist müder als zuvor. Weshalb ich für gewöhnlich keinen halte. Ich mache mich ausgehfertig. Mario wartet, ich bin gespannt auf den „real deal“.

Da Mario

Da Mario liegt in der Salita San Paolo, in unmittelbarer Nähe meines Hotels am Hauptbahnhof von Genua. Die Gegend ist geschäftig, ich laufe an 4 verschiedenen Textilgeschäften vorbei, hier gibt es Jacken, Pulllover, Rucksäcke und Koffer. Alles sieht aus, wie direkt aus dem Seefrachtcontainer gekippt: in Plastikfolie eingeschweißt. Unter weißem Neonlicht sitzen die asiatischen Verkäufer – interessanterweise in allen Läden: paarweise. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier zu großen Verkaufsgesprächen kommt. Vielleicht ist man sich gegenseitig Stütze. Oder man ist da, weil man schon immer da war. Die Salita San Paolo zweigt abschüssig an die Via Andrea Doria – wie das Internet mir später berichten wird, war Genua der Heimathafen des Unglücksschiffes.

Schnell wird klar: hierhin werden sich wenige Touristen verirren, die Gegend ist in jedem Fall schon mal „real“, im Ladengeschäft nebenan, dessen halb heruntergelassenes Eisengitter die Frage, ob offen oder geschlossen sei nicht eindeutig beantwortet,  stapeln sich kaputte Kartonagen mit Plastiksonnenbrillen: tausende von Kartonagen, über- und durcheinandergekippt.

Ich betrete das Da Mario und werde sofort von der nonna, der Dame des Hauses in Empfang genommen, eine strenge Frau, die kaum vom Boden aufblickt und mir meinen Tisch zuweist. Hier gibt es keine freie Platzwahl, das Lokal wird ordentlich von vorne nach hinten befüllt – und den community table gab es hier schon lange bevor ihn findige Gastrostrategen als innovatives Konzept für sich entdeckt haben. Wie sich schnell herausstellt, ist die nonna zuständig für Platzeinweisung, caffè und dolci. Mario oder dessen Nachfolger spielt die Libero-Position, ist mal hier und mal da, hantiert mit Wein oder klopft auf Schultern. Der restliche Service wird von zwei Kellnern erledigt, von zwei sehr flinken Kellnern, der Laden ist groß, ich vermute um die 70-80 Sitzplätze.

Englisch wird nach Kräften gesprochen, gerne gemischt mit französisch und italienisch und viel gutem Willen.Mit Dekoration hält man sich nicht auf, was angenehm so ist. Der Laden ist sauber und die Lampen erfüllen ihren Zweck auch ohne Lichtkonzept. Das Publikum ist so gemischt wie Genua. Hafenarbeiter mit verschlagenen Gesichtern, Rentner, Geschäftsleute. Das Klima ist umtriebig. Ein Lieferjunge trägt 3 Körbe Mandarinen in die Küche, Schmutzwäschebündel werden abgeholt und gegen frische getauscht. Die Bestellungen werden vom Tisch in die Küche und Richtung Bar gerufen, kurz: es ist laut und voller Leben. Die Preise sind unglaublich. Die Primi kosten im Durchschnitt vier Euro, bei den Secondi habe ich mir mit sieben Euro schon eines der teuersten ausgesucht. Der Liter Wasser für einen Euro. Mein komplettes Menu, zwei Gänge + Salat, Kaffee, Wasser und Bier kostet gerade mal fünfzehn Euro. Und das Essen ist höchst anständig, die Pasta gehört zu den besten der ganzen Reise. Ich fotografiere nicht, weil man das hier nicht tut. Kein Instagram, kein Rating. Oldschool-Anpreisung im Oldschool-Format Blog. Perfekter Ort für das letzte Abendessen, ich bin dort angekommen, wo ich hinwollte: bei den Leuten, mittendrin, in Genua.

Enden

Die Reise geht zu Ende. Die Taschen sind gepackt, die letzten Abschnitte dieses Textes schreibe ich am Frühstückstisch des Hotels. Ein Fazit muss nicht gezogen werden, das Aufgeschriebene dürfte meine Begeisterung für die vergangenen Tage hinreichend abbilden. Das Projekt Alleine-Reisen ist weit mehr als nur geglückt. Ich bin zufrieden und entflammt, wie ich es länger nicht mehr war. Ich war 7 Tage alleine unterwegs, aber einsam war ich zu keinem Zeitpunkt. Die Abendessen, angstbesetzte Fragezeichen, werden schnell zum unverzichtbaren Höhepunkt des Tages. Die Vorstellung, ich könnte mich an bestimmten Ausblicken und Situationen weniger freuen, weil ich sie nicht teilen kann, stimmt so nicht. Die Gleichung ist deutlich komplexer, gerade in den Bergen fühle ich mich teilweise euphorisiert vom Blick und von der Stille. Auf dieser Reise habe ich deutlich weniger geredet als sonst – und auch weniger gelacht, dafür mehr gelächelt. Alleine Reisen ist schnell, wendig und spontan, aber auch: kräftezehrend, weil niemand mitplant, mitdenkt und mitlenkt.

Alleine Reisen, vor allem in Kombination mit dem Schreiben, das hat mir sehr gut gefallen und sich als tragfähige Idee für die Zukunft erwiesen.

Jetzt geht es zurück aufs Schiff, Anker lichten und ab an den See.

6 Comments

  1. alleine reisen, das muss sich für mich noch als das richtige erweisen. erste versuche haben bös geendet, macht vielleicht doch einen unterschied, ob eine frau oder ein mann unterwegs ist. dein bericht macht mir mut, es noch einmal zu versuchen. danke.

    • Danke für das Feedback Jane. Das ist sicher richtig – und ich wollte mit meinem Bericht auch gar nicht missionieren oder Überzeugungsarbeit leisten, sondern nur ein bisschen erzählen, wie es mir so ging – wovor ich mich gefürchtet habe und wie sich das Ganze für mich angefühlt hat. Wenn die das Mut macht, freut mich das natürlich.

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