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Me, myself & Italy – Teil II

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Es geht weiter. Allen, die hier erst einsteigen, sei der Weg zum Anfang empfohlen. Wer abkürzen möchte, hier die Kurzzusammenfassung: ich bin im Urlaub, im Norden Italiens. Und schreibe darüber.

Mein letzter Abend in Mailand verläuft leicht ärgerlich. Zum ersten Mal auf dieser Reise vermisse ich eine Begleitung. Nicht weil ich Allianz, Zustimmung oder Unterhaltung suche, ich brauche eher: eine Phalanx, ein Schild. Meine Gattin könnte da gute Dienste leisten, aber die musste sich ja den Fuß kaputt tanzen und fällt als Beschützerin leider aus.

Der Grund: der Service, er nervt. Das passiert mir immer wieder mal in Italien – und wie mir aus meinem Freundeskreis berichtet wird: nicht nur mir. Abendessen, gehobenes Ambiente, noch gehobenere Preise, um die sechzig Sitzplätze, 10 Kellner, alle männlich, Machismo at its best. Englisch ist schwierig bis unmöglich (mitten in Mailand), kein Problem, ich kann einigermaßen gut italienisch lesen und auch ein wenig sprechen. Aber da scheint der Zug schon abgefahren zu sein. Die 4 unterschiedlichen Kellner, mit denen ich zu tun habe, könnte man der Größe und Unfreundlichkeit nach staffeln wie die Daltons. Von desinteressiert bis latent aggressiv. Ich frage mich, an was das liegt. Mein Ausländer-Status und die schlechten Sprachkenntnisse auf allen Seiten scheinen eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen, die anderen Gäste werden zumindest ein wenig freundlicher bedient. Sonderlich bedrohlich wirke ich für gewöhnlich nicht. Ich beschließe, diesem Thema nicht weiter nachzuspüren, weil mich die Faktoren oder Argumente eigentlich gar nicht gesteigert interessieren. Ich kenne das Dienstleistungsspiel beruflich recht gut und die Grundgleichung ist denkbar einfach: sei freundlich. Und dass das durchaus geht, ja fast bis zur Perfektion sogar, wird am darauf folgenden Tag in Turin unter Beweis gestellt. Aber dazu später. Ich frage mich noch kurz, ob ich mich in Gesellschaft weniger geärgert hätte. Hätte ich nicht. Aber ich hätte mich besser verstecken können. Essen ist übrigens mäßig, in Anbetracht der Preise: sehr mäßig.

Vale d’Aosta

Ich falle in die Bar, von der Bar ins Bett und beginne den Tag recht früh. Ein letztes Frühstück im Prunksaal, dann ab auf das Schiff und los in Richtung Nordwesten. Dichter Nebel, der sich bei der Einfahrt ins Aostatal innerhalb von Minuten lichtet. Berge! Sehe ich ja öfter in den letzten Monaten, aber das ist immer wieder erhebend. Mein Schiff schraubt sich mühelos die Serpentinen in Richtung Valtournenche nach oben, die Musik, das Wetter, die Laune: alles gut. Ziel dieses Abstechers nach Norden: die Via ferrata Gorbeillon. Der Zustieg vom Parkplatz bei Paquier ist denkbar kurz, schon nach einer knappen viertel Stunde klinke ich meine Karabiner ein. Das Sicherungsseil ist bei diesem Klettersteig mit recht viel Spiel gelegt, Eisenstifte eher spärlich gesät, was die Ganze Sache für mich recht spannend macht, weil ich – in Ermangelung guter Technik – oftmals eher mit Kraft klettere. Ich gewöhne mich recht schnell daran und finde Spaß am Felskontakt. Kurz vor dem Gipfel des Gorbeillon-Felsens wartet eine Drahtseil-Brücke inklusive Zustieg im Überhang. Kann umstiegen werden. Wird freilich nicht umstiegen. Ich beobachte meinen Schatten und bin leicht euphorisch.

Der Gipfelaufenthalt wird anders als gedacht. Der Plan war eigentlich: aufs Matterhorn schauen, Wolfgang hören – und schauen, in welche Wechselwirkung Kultur und Natur in diesem Setting miteinander treten. Geht natürlich gar nicht, weil: geht natürlich gar nicht. Ich weiß nicht genau, wann ich auf diese törichte Idee gekommen bin, aber mir wird ganz schnell klar: aufhören, ist albern, sehr albern sogar. Und nicht nur, weil das Matterhorn gar nicht so majestätisch zentralperspektivisch vor mir thront, wie ich mir das vor dem inneren Auge vorgestellt hatte (es presst sich eher so semiimposant durch einen recht profanen Wald), sondern auch, weil das freilich auf eine schwärmerische Art von Kulturgutbeschreibung hinausläuft, die ich für erbrechenswert halte. Ich lasse das also, beiße in ein Stück Käse, verabschiede mich vom Matterhorn und mache mich an den Abstieg. Zurück in Paquier nehme ich einen caffè und ein Stück Kuchen. Die Frau in der kleinen Bar, die nur von nett ausschauenden Rentnern bevölkert wird, spricht kein englisch. Aber sie lächelt und freut sich, dass mir der Kuchen schmeckt. So einfach kann es sein.

Auf dem Parkplatz verwandelt sich das Schiff in einen Eisbrecher. Das ist auch dringend nötig, wenn man den Gletscherkalbungstechno in Betracht zieht, der hier aus den Boxen dringt. Wolfang im DJ-Balduin-Remix, im Original vom grandiosen Jan Harder aka Yes Set aus dem Ira/TikiTaka-Umfeld. DJ Balduin, das ist mein Freund Ksaen, früher Xen, davor und noch immer: Christoph. Seine erste Platte. Auf seinem ersten Label, das glyk heißt – und dem ich Glück wünsche. Weil das ganz hervorragende Musik von einem ganz hervorragenden Typen ist. Mit Ksaen verbindet mich so einiges. Wir haben viele grandiose Nächte zusammen erlebt, wir haben gemeinsam Schallplatten aufgelegt. Wir haben getanzt und gefeiert. Das Abseitige, die Unbedarftheit und vor allem uns selbst. Ksaens Zugang zur Kunst war schon immer einer, der von Skepsis gegenüber dem allzu Geraden und offensichtlich Schönen geprägt war. Im Zweifel für den Fehler, die Störung und den Knacks. Das zieht sich auch durch diese Schallplatte. Yes Set zu veröffentlichen, sich DJ Balduin zu nennen, die Schrift, das Cover, der Sound: herrje und hurra!

Ich fahre weiter, ich drehe die Musik auf, die See ist flach, der Nebel senkt sich.

Pfeffer im Piemont

Mailand gefiel mir gut, Turin gefällt mir auf Anhieb: besser. Die Stadt scheint zu wissen, was Kummer bedeutet – das sieht man ihr trotz all der historischen Prachtbauten schnell an. Das Turiner Straßenpublikum ist diverser, weniger schön vielleicht – und weniger optimiert. Ich sehe weniger Hektik, mehr Narben und krumme Rücken und Nasen, aber auch mehr Lächeln.

Ich erreiche den Dom in der Dämmerung und bin ein wenig überrascht: das letzte Abendmahl, das mich in Mailand schon nicht interessiert hatte (was gut so ist, das Bild ist so begehrt wie beschädigt und die Wartelisten dementsprechend lang), hängt hier. Über dem Eingang, in Übergröße. Und ziemlich dunkel. Denke ich. Fälschlicherweise. Hier handelt es sich tatsächlich um eine Reproduktion in Originalgröße. 9 auf 4m. Nur die Schäden wurden offensichtlich nicht mitkopiert. Das ändert an meinem Desinteresse diesem Bild gegenüber wenig bis nichts. Zur Kopie des Monumentalschinkens passt dann auch die musikalische Untermalung dieses Kirchenbesuchs. Eine sehr zuckerwattige Orgelbearbeitung von Bachs Air. Und dieses – an sich ganz fabelhafte Stück Musik – ist nun nicht gerade arm an zuckerwattigen Interpretationen. Von all den Air-Verbrechen, die ich bislang gehört habe, definitiv unter den Top Drei.

Aber ich bin schließlich weder der Musik noch daVinci wegen hier im Dom, sondern wegen des berühmten Turiner Grabtuchs, das mal wieder nicht zu sehen ist. Ist es eigentlich nie. Eine Kopie davon darf täglich für ein paar Stunden verehrt werden. Obwohl es ja eigentlich nichts mehr zu verehren gibt, die Radiokarbon-Untersuchungen haben da eine ganz eindeutige Sprache gesprochen. 14. Jahrhundert. Nach Christus. Das Gute an Religion: Argumente, vor allen Dingen wissenschaftliche, zählen nur bedingt. Der Turiner Erzbischof Kardinal Anastasio Balestrero unterstreicht, beim Grabtuch handele es sich um eine „Offenbarung des Antlitzes und des Körpers Christi.“ Nun gut. Mich erinnert der Schattenmann auf dem Stück Stoff ja tatsächlich eher an den Sänger der Black-Metal-Band Gorgoroth (vergleiche das mit dem). Was das über mein Verhältnis zu Reliquien der katholischen Kirche und zu Mitgliedern skandinavischer Schwarzmetal-Formationen aussagt, darf gerne im Dunkeln bleiben.

Satin Island

Das Grabtuch interessiert mich nicht, aber ich nutze es gerne als McGuffin, um endlich mal über SATIN ISLAND, den zumindest in Teilen ganz hervorragenden Roman von Tom McCarthy zu schreiben. Und der beginnt so:

In Turin wird das berühmte Grabtuch aufbewahrt, das einen Abdruck der Leiche Christi nach der Kreuzigung zeigt: auf dem Rücken liegend, die Hände über dem Geschlecht verschränkt, die Augen geschlossen, der Kopf dornengekrönt. Allerdings ist das Bild auf dem bloßen Leinen kaum erkennbar. Es tauchte erst im späten neunzehnten Jahrhundert auf, als ein Amateurfotograf sich das Negativ einer Aufnahme des Objekts ansah und die Gestalt bemerkte – blass und verblichen, aber dennoch da. Nur im Negativ: Das Negativ wurde zum Positiv, was bedeutet, dass das Leichentuch selbst faktisch schon ein Negativ war.

McCarthy benutzt das Grabtuch als initialen Aufhänger, um die Komplexität seiner literarischen Rede zu steigern – und an dieser Schraube dreht er in recht atemberaubender Geschwindigkeit die ersten 100 Seiten von Satin Island. Der Roman spielt auf sehr eindrückliche Weise mit Ideen der Überlagerung und Übertragung. Alles affiziert alles, mit Sinn oder Unsinn. „Die Welt funktionierte jeden Tag, weil ich sie am Tag zuvor mit Bedeutung ausgestattet hatte.“ Die Berichterstattung über eine Ölpest wird zur Ölpest. „Das Material der Welt ist schwarz“ und Aphrodite tollt im schwarzen Schaum umher. Das ist technisch brillant (und ich vermute auch: meisterlich übersetzt) und wahnsinnig clever. Ein Text, der sich permanent bricht und in seinen Referenzen eine ungeheure Wucht entfaltet: „Ich? Nennt mich U.“ Hier spricht ein Anthropologe und zwar in mehrfacher Hinsicht. Große Empfehlung, auch wenn das Buch meiner Meinung in der zweiten Hälfte etwas kippt, weil ihm ja eigentlich nichts anderes übrig bleibt, als zu kippen. Ist die eigene Gemachtheit erstmal derart radikal ausgestellt, dürfte es schwer fallen, eine Geschichte aus den Zylindern zu zaubern, die den Motor in Fahrt halten. Eben.
Lesen, bitte, wenns manchmal auch ob all der Besser- und Bescheidwisserei ein wenig nervt.

Trick or treat

Es ist Halloween, die Kinder verkleiden sich, ziehen durch die Straßen und bitten um Süßigkeiten. Sogar in kleineren Supermärkten und Bars. Scheint hier üblich zu sein und Kinder sind in Italien ja eigentlich ohnehin überall willkommen, dementsprechend haben sich die Betreiber mit ordentlich Süßkram eingedeckt. Ich gehe in die Bar und trinke ein Bier in Gedenken an #kroetakano. Der Barmann sagt mir, dass Menabrea mal eine gute Marke war, bevor sie an Deutsche verkauft wurde. Dann fragt er mich, wo ich herkomme. Wir lachen. Er entschuldigt sich, dass der Fernseher kaputt ist. Ich versichere ihm, dass ich nicht fernsehen will. Tatsächlich nerven mich die allgegenwärtigen Fernseher etwas. 4 Minuten später betreten zwei ältere Damen die Bar, es kommt, soviel verstehe ich – zu einer hitzigen Diskussion über das Thema Fernsehen. Dann bastelt der Barmann eine Art Stativ aus Plastikröhrchen, drapiert sein Tabletgroßes Telefon darauf und stellt es so auf die Bar, dass die Damen es sehen können. Der Kanal der Wahl: MTV Italy.

La Badessa

Ich gehe zum Abendessen. Schon wieder Kirche, zumindest sieht es hier ganz ähnlich aus. La Badessa an der Piazza Carlo Emanuele II schmückt sich mit Sakralkunst, und zwar reichlich. Klingt furchtbar, ist es aber ganz und gar nicht. So ungefähr sieht das aus. Der Abend wird zu genau dem Kontrapunkt, den ich nach Mailand brauche. Grandioses Essen, und ein herzlicher und unaufgeregter Service, der mich mittels Menu Degustazione in 5 Gängen durch die Feinheiten der Piemonteser Küche führt. Es gibt Flan mit Birnen, Thymian und Käse, Vitello Tonnato ohne Matsch, eine Maronenpolenta, die schmeckt wie eine glückliche Kindheit, Kalbsbäckchen, Stockfisch-Gnocchi, die ganz anders und noch viel besser schmecken, als ich sie mir zunächst vorstelle; kurz: der Abend wird hervorragend, ich komme wieder. René, Adresse notieren und rechtzeitig servieren.

Kino. Kunst. Konzentration.

Tag 2 in Turin beginnt mit einem eher kurz gehaltenen Frühstück, dann ab in die Stadt. Es ist 8:30, die Straßen sind leer. Ich weiß warum. Weil alle vorm Museo Egizio in der Schlange stehen. Vor der Tür, die Treppe runter, um die Häuserecke, um den Block. Ich beobachte das Ganze für 5 Minuten. Kein Fortschritt. Kein Ägypten für Pfeffer heute. Ich gehe stattdessen in die Mole, das ist ein einigermaßen beeindruckend hoher Bau, in der Planungsphase Ende des 19. Jahrhunderts war er kurz mal das höchste Gebäude der Welt. Heute ist hier das Filmmuseum beherbergt. Auf den Vorhang, durch den die Besucher müssen, wird „The Purple Rose of Cairo“ projiziert. Gefällt mir gut.

Film interessiert mich insgesamt, mit wenigen Ausnahmen, eher nicht so. Aber einer der Ausnahmen wird hier eine große Ausstellung gewidmet. Gus Van Sant. Sehr lohnenswerte Geschichte, mich beeindrucken vor allen Dingen die Fotoarbeiten von Van Sant. Ich folge John Robinson durch die Gänge der Highschool und bin mit Matt Damon in der Wüste. Ich werde mir demnächst mal verstärkt Gedanken um Gus Van Sant machen, weil ich gar nicht genau artikulieren kann, was genau ich an ihm so schätze. Das hat sicher etwas mit seiner Haltung zu tun. Und mit seinem Gespür für fallen angels. Ich werde berichten.

Danach gehts in den Palazzo Madame, wo ich gerade im Café sitze, unter einem Cignaroli-Gemälde, nebst mehreren leeren Tassen und dem ersten Bier (Cheers Kroeta!). Eigentlich hatte ich vor, in einer der Prunk-Kaffeehaus-Institutionen ein wenig zu schreiben. Aber recht schnell wird mir klar: das läuft nicht. Ich kenne das schon, aus Wien und Belgrad und zuletzt aus dem Mailänder Hotel. Ich finde in diesen Räumen nicht statt. Nicht, weil ich unangemessen gekleidet wäre. Aber all das Dekor engt mich ein und krümmt mir Wirbelsäule und Großhirnrinde.

Auch über den Palazzo Madame ließe sich freilich vortrefflich palavern, zum Beispiel über die wirklich grotesken Portraits im Cabinetto Rotondo. Aber dieser Text ist ohnehin schon deutlich länger als geplant, die Zeit, sie rennt und mein inneres ADHS-Äffchen übt Schlagzeug. René erledigt das dann via facebook-Status im Januar, ok? Ich will mich noch ein wenig verirren. Und  in die Küche des Piemonts stürzen. Morgen gehts schon wieder weiter, Richtung Süden, an die ligurische Küste. Mal sehen, wie es sich da so verhält.

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