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Me, myself & Italy – Teil I

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Ich bin weg. Urlaub, Kurztrip, Roadmovie. Und die Wunschliste ist mal wieder lang und ambitioniert: Tessin, Lombardei, Aostatal, Piemont & Ligurien. Im schnellen Wechsel zwischen Land und Stadt. Wobei Land hier stellvertretend für „Berg“ steht, der neuen Leidenschaft will schließlich gefrönt werden.

So weit, so wenig ungewöhnlich. Rundreisen mit häufigen Ortswechseln entsprechen durchaus meinem touristischen Schema. Was diesen Urlaub besonders macht: ich reise alleine. Zum ersten Mal in meinem Leben, sieht man von Wochenendbesuchen in deutschen Großstädten ab. Aber jetzt mal Urlaub alleine – und zwar so richtig. Gründe dafür gibt es viele, nicht alle sind eindeutig zu benennen. Auf der Sonnenseite zu verbuchen: im eigenen Tempo reisen, ohne Kompromisse und langwierige Gruppenentscheidungen. Und wer schon mal mit mir unterwegs war, weiß was Tempo heißen kann. Meine Schritte sind schnell, meine Taktung hoch. Ich langweile mich schnell und will: viel. In den letzten Wochen mehrte sich zudem der dringende Wunsch, mehr zu lesen und vor allen Dingen: mehr zu schreiben. Das erhoffte ich mir ganz elementar von einer Reise mit mir alleine: und so wie sich die Sache hier gerade gestaltet, bei Paninopause mit Macbook im Café in Brera – scheint der Plan ganz gut aufzugehen.¹

Die gesammelten und aufgeschobenen Themen der letzten Wochen und Monate habe ich dabei – im leichten Teil des Handgepäcks. Das glyk nehme ich mit ins Aostatal und über Tom McCarthy soll in Turin geschrieben werden. Wo, wenn nicht in Sichtweite des Grabtuches, ließe sich besser über dieses furiose Satin Island berichten? Aber jetzt mal schön der Reihe nach. Alles auf Start. Pfeffer on Tour, Klappe die Erste:

Von Schiffen

Die Reise beginnt mit einer angenehmen Überraschung, zumindest für mich. Die Dame am Schalter der Autovermietung kämpft mit dem Reservierungssystem. Und verliert. Meinen mehrmaligen Hinweis, dass ich es gar nicht sonderlich eilig habe und sie sich bitte nicht stressen lassen soll, ignoriert sie, stresst sich ziemlich, beginnt zu fluchen, entschuldigt sich wiederholt, öffnet dann eine Schublade und sagt: „ich hoffe, wir können die Unannehmlichkeit mit einem Upgrade ausgleichen.“ Mir war bis dato zwar gar nicht unannehmlich zu Mute, aber Upgrade, das klingt im Reisebusiness: gut, sehr gut, nach mehr Beinfreiheit und Champagner. Und ich mag Beinfreiheit. Nächste Szene: Pfeffer im Schiff. Bestellt war ein Kleinwagen ohne Extras. Geliefert wurde: ein Großwagen mit Extras. Ich mag Extras. Und ich mag gute Bord-Entertainment-Systeme. Auch meine Zweifel, wie zur Hölle ich denn mit einem Auto dieser Länge in oberitalienischen Innenstädten seitlich einparken sollte, wurden alsbald zerstreut: von einem Extra, das ich auf den ersten 500 gefahrenen Kilometern schon sehr zu schätzen gelernt habe. Kamera auf der Rückseite. Mit Spurassistent oder wie auch immer das heißen mag. Funktioniert in jedem Fall und lässt auch einen Autolegastheniker wie mich die reichlich engen Milaneser Parklücken meistern. Das Gute an einem Auto dieser Größe ist gleichzeitig die Krux an einem Auto dieser Größe. Mein Gepäck ist enorm. Die Outdoortasche, der Wanderrucksack, Klettersteig-Zeug, Jogging-Ausrüstung, eine mittelschwere Bibliothek und eine Reisetasche mit „normalem“ Gepäck. Der Kofferraum ist voll.

Ticino, ti voglio tanto bene.

Ich breche früh auf. Es ist dunkel und kalt, auf der Fahrt zieht Nebel auf. Im Rheintal, 30 Kilometer vor Chur, hebt er sich und die Sonne zündet die Bündner Alpen an. Ich denke an Adrian, den ich vor 2 Wochen im Churer Kabinett der Visionäre traf und der von der Wettergrenze Graubünden erzählte. Recht hatte er.

Benjamin singt: „I wish we could open our eyes / to see in all directions at the same time.“ Große Freude. Urlaub. Hurra. Erster Stopp: Lugano. Wie viele Schweizer Städte dieser Lage mittelschwer Bausünden-belastet. Aber deshalb bin ich nicht hier, also nicht der Stadt wegen. Ich fahre mit der Bergbahn vom Stadtteil Paradiso zur Mittelstation des Monte San Salvatore und wandere zum Zustieg der Via ferrata d´arrampicata. Der Klettersteig beginnt gleich ziemlich ambitioniert, sehr steil und ausgesetzt, mit ganz schön wenig Tritten oder Stiften, um nicht zu sagen: gar keinen. Pfeffer im Seil, mit Puddingarmen und einem dicken Grinsen im Gesicht. Sportliche Geschichte und ziemlich genau das, was ich wollte: eine neue Schwierigkeitstufe. Der See schiebt sich ins Panorama, mit der Höhe eröffnet sich die Sicht auf die Tessiner Alpen. Auf dem Gipfel dann: Sonne satt, blauer Himmel, blauer See. Abstieg zurück nach Paradiso, Leinen los, ab an Bord, ab nach Italien.

Milano

Autofahren und Italien. Ein Klischee. 200 Meter nach der Grenze wird das erst mal gehupt. Wirklich.

Ich muss lachen. Die Musik von Max Richter stellt sich als hervorragender Navigationsbegleiter durch die Mailänder Innenstadt heraus. Ich biege ab. Und biege ab. Und biege ab. Und biege ab. Und frage mich, ob das WIRKLICH die schnellste Route zum Hotel sein kann. Ich komme an. Und fahre 35 Minuten um „den Block“. Dann fahre ich in ein Parkhaus. Glück gehabt, das Hotel hat eine Vereinbarung mit dem Parkhausbesitzer. 25 Euro. Pro Nacht. Und für den nächsten Tag wird mir ein Parkplatz vor der Tür versprochen.

Das Hotel ist: absurd. Ich wollte das so. Für Mailand hab ich Prunk gebucht. Turin wird minimal, Genua ist bislang noch offen. Pagen in Uniform, Teppich, Stuck und Staffage bis zum Anschlag, nein: über den Anschlag hinaus. Wobei Anschlag auch irgendwie richtig ist,  vong Ästhetik her.

Vorhänge, Tagesdecken und Teppiche, so schwer und floral, dass man sich durchaus vorstellen kann, sie schluckten nicht nur alles verfügbare Tageslicht (was sie tatsächlich tun), sondern krümmten auch noch den Raum. Das Ganze dann auf – für italienische Innenstädte – nicht ungewöhnlichen 6 Quadratmetern. Ich habe Mühe, all das Dekor neben meinem Bett zu stapeln und sorge mich auch etwas um die Stabilität dieses Arrangements. Es sollen schon Sterne mit weniger Masse in sich zusammengefallen sein.

Schnell raus, durchatmen, ab zum Dom, der mich tatsächlich sehr beeindruckt. Ich war schon öfter mal in großen Kirchen. Im Petersdom, in der Hagia Sophia, im Kölner Dom. Aber immer wieder stellt sich Überwältigung ein. Und wie so oft, kommt das eine nicht ohne das andere aus: Unterwältigt war ich nämlich auch, das bislang einzige Mal auf dieser Reise. In der eher kurzen Warteschlange atmet mir äußerst geschwätziges Ehepaar aus Österreich in den Nacken. Ich beschließe nach wenigen Minuten, meinen Platz zu opfern und stelle mich nochmals neu an, diesmal gefolgt von stoisch gelassenen Japanern. Ich verliere ca. 3. Minuten Mailand  und gewinne vermutlich mehrere Jahre Lebenszeit.

Der Abend kommt, ab ins Restaurant. Eine DER Situationen, auf die ich recht gespannt war. Ich gehe nicht alleine essen. Falsch. Ich ging nicht alleine essen. Zumindest nicht in „richtige“ Restaurants. Bis gestern. Ab zum Dinner in die Chiara Fiori – und zwar mit allem Drum und Dran. 3 Gänge + dolci & caffè. Und ein komisches Gefühl bei der Sache: kam nicht auf. Zumindest keines, das sich nicht durch einen beherzten Schluck Moretti hätte auflösen lassen. In den Pausen zwischen den Gängen lese ich. Oder werde vom grandiosen Service-Personal unterhalten. Oder ich mache das, was ich auch sonst ganz gerne tue: ich beobachte die Umwelt. Und wenn möglich: mich selbst, während ich die Umwelt beobachte. Das Essen ist – Überraschung – grandios. Burrata in Fenchelsud / Pasta mit Kapern und Sardellen / Tartar von der Forelle mit Artischocken und Mandeln. Happy Pfeffer.

In der Bar treffe ich Chunyŏng aus Südkorea. Europa wegen sexueller Freiheit, Mailand wegen Mode. Er erzählt, dass er nirgends so einsam war, wie in seiner Heimat, die Abweichung mit sozialer Isolation sanktioniert. Eine Landkarte von Gaysia, die mir schon öfter beschrieben wurde. Mailand ist für ihn Mekka in mehrfacher Hinsicht. Möglichkeitsraum in Sex und Stoffen. Chunyŏng ist young, gifted & gay – wie so viele hier.

Heimweg durch die Via Monte Napoleone, vorbei an Prada, Gucci und Versace. Tausende von Taschen um mich. Ein Panoptikum aus hohen Preisen, hohen Mauern & hohen Wangenknochen. Mailand, die Stadt der Gier, Geilheit und gated communities.

Zur Kunst, zum Fieber

Ich falle ins Dekor, hoffe, dass mir all die Ornamente im Nacht nicht den Atem rauben werden und schlafe ein. Tag 2 beginnt mit Blumenbouquets! Und noch mehr Blumenbouquets. Der Frühstücksraum riecht nach den Niederlanden. Wahnsinn, Teil 2. Aber all die Opulenz ist ein guter Kompagnon, wenn es um ausgedehntes Schlemmen geht.

Mailand schläft noch, es ist ja auch erst halb neun, die Straßen sind leer, über der Stadt liegt Nebel. Ich gehe ins Museo del Novecento und schaue mir die Futuristen an. „All things move, all things run, all things are rapidly changing. A profile is never motionless before our eyes, but it constantly appears and disappears.“ Ich mag das ganz gern, trotz all seiner geistesgeschichtlichen Ambivalenzen. Zwei Stockwerke darüber: die Schnitte von Lucio Fontana. Mag ich auch, sehr sogar. Hinter einer seiner Lichtskulpturen sieht man auf die Schlange zum Dom. Wow! Mein Timing scheint gut gewesen zu sein. Große Kirchen, große Schlangen.

In einem anderen Stockwerk entdecke ich die Scheiße von Pierro Manzoni, schmunzle, denke an Yves und den Kunstzirkus und an die Lektorin, mit der ich die ganze „Scheiße“ besprochen, beschrieben und diskutiert habe. 100 Mal. Oder öfter. Schön war das, hallo Lektorin, viel Spaß in Paris!

Un caffè und weiter in die Pinacoteca di Brera. 17 mal Sebastian und richtig große Bilder. In mehreren Räumen hängen Hinweis-Schilder, die das Rauchen verbieten. Die Größe erschlägt mich. Auch körperlich. Im Museum selbst ist die Restaurationsabteilung mitausgestellt. Als Raum-im-Raum-Konzept mit Glasverschalung und Roboterarmen. Sehr geil. Soll man nicht fotografieren, aber ich habe das Hinweis-Schild erst gesehen, nachdem ich es fotografiert habe. Kopfkino läuft, Film ab.

Jetzt geht es gleich zum Abendessen und morgen noch vor Sonnenaufgang ins Aostatal, auf den Berg bzw. Felsen. Bild- und Textbeweise folgen.

—–
¹ Nicht nur der Vollständigkeit halber soll auch der nicht ganz so sonnigen Argumentations-Seite  die Stirn geboten werden: ich wollte alleine reisen, weil ich alleine lebe. Und obgleich mein Freundeskreis aus ungewöhnlich vielen ebenfalls allein lebenden Menschen besteht: mit zunehmendem Alter nehmen die Paare und die sie umgebenden Verpflichtungen deutlich zu. Alleine reisen, das ist auch als Zugeständnis an einen gesellschaftlichen Status zu sehen, dem ich selbst manchmal einen bedrückenden Beigeschmack zumesse. Ich vermute mal, zumindest fühlt sich das nach Tag 2 des Experiments so an: zu Unrecht. Diese Reise muss weder zur zwanghaft optimistischen Single-Kreuzfahrt noch zur wehmütigen Emotour werden, sondern darf gerne so kritisch,  leicht, lustig und ergebnisoffen verlaufen, wie sie begonnen hat. Ich werde berichten.

4 Comments

  1. Kleppi

    Alter, vielen dank für diesen wunderbaren und lustigen text und ich hoffe du hast noch viel mehr spass auf reisen als ich beim lesen des selbigen hatte. Hau rein. Eigentlich wollten wir dir morgen abend nach mitternacht ein kleines präsent überreichen vong wegen geburtstag und so. Na dann eben nicht. Herzlichste grüsse vom bodensee. Kleppi

    >

    • Alter, das ist ein gutes Stichwort. Übermorgen dann auch: älter, das ist ja der Grund für diese Flucht nach vorne. Danke fürs Besuchsansinnen, ich fühl mich geehrt. Auf bald!

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