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Weiße Rosen in eigener Kotze


Ich empfand es immer als lame, Texte über besonders herausragende Helden des eigenen Erregungshorizonts mit einem Bild der Überforderung – oder noch besser: mit einer Schreibblockade-Metapher – zu beginnen. Wie lässt sich angesichts dieser totalen Geilheit eigentlich überhaupt noch über Kunst schreiben? Oder sowas in der Art. Schlechte Frage, wie ich finde. Schreiben lässt sich fast immer. Und worüber man nicht schreiben kann, darüber muss man: nicht schreiben. Ähnliches gilt schließlich auch für das Begriffspaar reden/schweigen (heute mit Extrabonus: OHNE Wittgenstein-Verweis).

Man könnte jetzt freilich sagen, dass die Reflexionsschleife auch nicht der rettende Texteinstieg ist – und niemals sein kann. Soviel ist sicher: der rhetorische Umweg über die Anklagebank ist nur geringfügig besser als das Ursprungsdelikt, schrammt aber deutlich näher an genau jenem Antipower-Chord vorbei, den Schorsch Kamerun in regelmäßigen Intervallen bei mir anreißt. Dieser Akkord basiert auf Verstellung. Und will wieder und wieder wiederholt werden. Künstler, die diesen Akkord benutzen, interessieren sich auch für: Einschleifung, Überforderung und Wiederaneignung (bis einer blutet).

Schorsch Kamerun hat ein Buch geschrieben, relativ aktuelle Sache, erschienen vor einigen Wochen im Berliner Ullstein Verlag. Das Buch trägt den Titel „Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens“ und zitiert damit gleich mal einen der frühen Kamerun-Songs, erschienen auf dessen erster Solo-Platte „Warum Ändern Schlief“ beim schmerzlich vermissten L’Age D’Or-Label. Ich empfehle dieses Album sehr. Vor allem den Song „Menschen haben keine Ahnung“. Die anderen 2 Kamerun-Alben empfehle ich ebenfalls. Und die Alben der Band Die Goldenen Zitronen, deren Sänger Schorsch Kamerun ist, auch.  Sehr.

Mir ist nicht so ganz klar, warum Schorsch sein Buch mit dem Genre-Zusatz Roman belastet. Klar, subjektiv & fiktional (& innerlich womöglich). Vielleicht ein Stolperstein für all diejenigen Leser*innen, die allzu schnell den vielbeschworenen autobiographischen Pakt eingehen?  Ich habe keine Ahnung und bin auch an der ein oder anderen Stelle genervt von diesem Text – das geht mir bei Schorsch allerdings fast immer so und macht auch einen Teil seiner Faszination auf mich aus. Weiterschreien, zumindest solange, wie der Schrei sich vom bloßen Style unterscheidet. Den richtigen Ton nicht treffen. Nicht treffen wollen (müssen). Schorsch selbst stellt sein Ansinnen in recht klaren Worten dem Text voran:

Denen, die sich auf die Suche nach Umwegen gemacht haben. Weg von einem Leben geprägt von Dominanzen aus Uhren, Zahlen und anderen Feststellungen. Allen, die probiert haben, den Ohrfeigen, Schönschreibklubs und Schuldspiralen eine überraschende, grenzenlose Welt entgegenzusetzen. Ohne Eiche Rustikal, Dauerbenotung und optimiertes Schaffen.

Also erstmal raus aus der Klasse. Und dann wieder zurück, zurück zur Form, zurück zur Chronologie, zurück zum Selbstzweifel und zur Psychologie. Nervt mich auch, an manchen Stellen sogar sehr, weil es manchmal dumm wird („Männer sind Krieger, Sie kämpfen gemeinsam und gegeneinander. In der Kunst ganz besonders.“ 194). Dann find‘ ich es wieder super, also so richtig super:

Musik kann alles! Eine sauber arrangierte, beeindruckend instrumentierte, gekonnt präsentierte Meisterkomposition ist imstande, unendlich langweilig und schwer ärgerlich zu sein. Extra schief, läppisch und wie zufällig hingeworfene Midinoten-Mucke mit inhaltlosen Wortsilben unterlegt, aber dafür mit freier Haltung, kann eine ganze Welt beschreiben. (134)

Und so geht das die ganze Zeit hin und her. Wenn dieser Text eine Entwicklung vollzieht, dann eine, die ich nicht so recht verstehen oder nachvollziehen kann. Ich mag das Buch trotzdem. Weil es an wirklich vielen Stellen ganz wunderbar zur Sache kommt. Das meine ich: genau so, meinetwegen mit oder auch ohne Fiktion. Wenn ich Beschreibungen, wie zum Beispiel die oben zitierte über Musik, dem Schaffen von Schorsch Kamerun, wie zum Beispiel dem oben eingebetteten Wichser-Song, gegenüberstelle – dann empfinde ich das als eine erstaunlich passgenaue Analyse seines Schaffens. Und weitere Beispiele gibt es mehr als genug. Flimmern. Positionen. Das bisschen Totschlag. Schorsch ist ganz oft ganz dicht dran. Das empfand ich in seiner Musik eigentlich immer so. Und in diesem längeren gedruckten Text schafft er das ebenfalls.

Ich finde Schorsch Kamerun wirklich sehr gut. Aus unterschiedlichen Gründen. Dringlichkeit ist einer, Integrität ein anderer. Sich nicht von öden Banden und Style-Seilschaften ausbremsen lassen. Weiternerven, wenn’s denn sein muss. Und daraus dann nicht so ’ne blöde We-will-never-stop-living-this-way-Attitüde rauspressen. Wendige und manchmal auch sehr lustige Manöver gegen die Beschissenheit und Zurichterei. Vielleicht aus Trotz, sicher aus Unbehagen, einem Gefühl des Nicht-Passens und einem instinktiven Wissen um die Alternativlosigkeit des eigenen Tuns.

Schorsch Kamerun, 1963 in Timmendorfer Strand geboren, ist einer der 17 besten Menschen. Wenn ich auch nicht zu ihm aufblicke, weil ich das generell nicht gerne tue, schaue ich ihm gerne zu, bei dem was er so macht. Und höre sehr gerne seine Musik. Ich finde Schorsch Kamerun wirklich sehr gut.

—–
– Schorsch Kamerun, Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens, Berlin 2016, ISBN 978-3-550-08088-3
– Zirkelschluss: Der allerallererste Beitrag, der auf diesem Blog veröffentlicht worden ist, ist ein Video der Goldenen Zitronen

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