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Don’t stop the dance

tb

Dunkle Tage, noch dunklere Nächte. Orlando, Florida. Wut und Tränen, death & despair. Omar Mateen erschießt 49 Menschen, 53 weitere werden verletzt.

Ich bin niedergeschlagen. Und wütend. Meine Wut ist diffus, sie läuft Gefahr, sich in den feinmaschigen Netzen der großen Abstrakta zu verfangen. Homophobie, Hass, Radikalisierung. Wozu? Wohin? Woher? Weshalb? Ein Gefühl von Atemnot stellt sich ein, ein Gefühl von Ohnmacht.

Es gibt aber auch eine Wut, die ich an Tag 1 nach Orlando sehr klar benennen kann. Die deutsche Medienlandschaft ist sich nicht sicher, ob dieses Blutbad homophoben Motiven geschuldet ist und geht zunächst von einem terroristischen Akt aus. Eine Farce, die mir auch an anderer Stelle schon negativ aufgestoßen ist, etwa wenn Molotow-Cocktails auf Asylbewerberheime fliegen und die Polizei erst prüfen muss, ob es sich um Übergriffe aus Fremdenhass handelt. Unbehagen, Übelkeit: Wut.

Es dauert erfreulicherweise nur etwa einen halben Tag länger, bis sich diese Perspektive quer durch die Tagespresse deutlich dreht. Die Beiträge dazu kommen oftmals von schwulen Journalisten und sind an einigen Stellen emotional gefärbt, was ich bei Krisenberichterstattung eigentlich für problematisch, unter diesen Umständen allerdings – im Sinne eines Korrektivs – für absolut legitim halte.

Denn eines muss klar sein: dieser Anschlag galt nicht primär der Mitte der Gesellschaft. Wer die Mitte der Gesellschaft treffen will, der geht in einen Supermarkt. Essen müssen wir alle. Wer schwer bewaffnet in einen Gayclub geht, der zielt nicht auf die Mitte, er zielt auf den Rand. Getroffen werden sollte die Queer Community, getroffen werden sollte eine ganz bestimmte Lebensweise. Ob das aus religiösem Fanatismus oder gar aus Selbsthass geschah, wie gerade mancherorts spekuliert wird, das mag zu klären sein. Sicher ist: 50 Menschen sind tot. 50 Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle: sind tot. Und wie sehr die LGBTQ-Community nach wie vor von der Mitte der Gesellschaft entfernt ist, das lässt sich unter anderem auch daran ablesen, dass ihre Mitglieder – in Deutschland wie in den USA – vom Blutspenden noch immer kategorisch ausgeschlossen sind (mehr dazu in den Fußnoten). Ironie der Geschehnisse: die Menschenschlangen mit Blutspendewilligen – die das Fernsehen am Sonntag weltweit als Solidaritätsadresse und Bild der Anteilnahme übertrug – bleiben uns versperrt.

Warum Orlando kein Angriff auf die offene Gesellschaft war, titelt Thorsten Denkler für die SZ. Er meinte uns stellt Daniel Sander bei Spiegel online klar. Und Adriano Sack gibt in der Welt zu bedenken: Es ist nicht eure Welt, die hier zerschossen wurde. In diesen Artikeln wird klargestellt, wer das eigentliche Ziel dieses Angriffs war. Das hat nichts mit gekränktem Stolz (woher? wozu?) der Schwulen und Lesben zu tun – und auch nicht – wie in mancher Kommentarspalte zu lesen – mit einer gesteigerten Geltungsbedürftigkeit. Es ist nur zwingend nötig, diesen Anschlag als das zu sehen, was er war: eine gezielte Kampfansage an die Schutzräume einer Minderheit. Und es ist wichtig, dass das genau so ausgesprochen wird. In der öffentlichen Kommunikation der USA ist das deutlich besser gelungen als in den Statements der Bundeskanzlerin und des Bundespräsidenten. Angela Merkel etwa spricht davon, das „offene und tolerante Leben fortsetzen“ zu wollen, ohne an irgendeiner Stelle die Gruppe der Opfer zu thematisieren. Ein Statement, diffus wie meine Wut. Und als Sahnehäubchen ihrer Argumentation lobt sie dann noch: all diejenigen, die bereit sind, Blut zu spenden.

Ich finde diese Auslassung recht auffällig und frage mich, ob Frau Merkel nicht besser beraten gewesen wäre, wenn sie sich mit ein, zwei Sätzen direkt an die LGBTQ-Community gewendet hätte. Weil: ein Schulterschluss, wie er von Barack Obama und Hillary Clinton in den USA propagiert wurde, ist so dringend nötig wie tröstlich und ermutigend.

Obama sagt in seinem ersten Statement am Sonntag:

This is an especially heartbreaking day for all our friends — our fellow Americans — who are lesbian, gay, bisexual or transgender.  The shooter targeted a nightclub where people came together to be with friends, to dance and to sing, and to live.  The place where they were attacked is more than a nightclub — it is a place of solidarity and empowerment where people have come together to raise awareness, to speak their minds, and to advocate for their civil rights.

Er spricht direkt die LGBTQ-Community an und verknüpft den Ort des Anschlags recht clever mit den Grundsäulen amerikanischer Bürgerrechts-Traditionen: solidarity, empowerment, freedom of speech. Direkt danach richtet er den Fokus vom Speziellen aufs Allgemeine und stellt klar:

Attacks on any American—regardless of race, ethnicity, religion, or sexual orientation—is an attack on all of us.

Rhetorisch noch ein wenig geschickter – und in einer Prägnanz von 120 verwendeten Zeichen, meldet sich Hillary Clinton bei Twitter zu Wort:

To all the LGBT people grieving today: you have millions of allies who will always have your back. I am one of them.

Obama gibt den Staatsmann, Clinton argumentiert in ihrer derzeitigen Rolle etwas wendiger und individualistischer, aber beide setzen sie ein deutliches Zeichen: das Zeichen einer Einigkeit, die offen und ohne Scheu Unterschiede thematisieren kann, ohne den Verdacht zu erwecken, dass sie: kaschiert. Bedauernswert, dass das in Deutschland offenbar (noch) nicht möglich ist.

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Weiterlesen:
Richard Kim – Please don’t stop the music
Democracy Now – Orlando Massacre Comes After Lawmakers in U.S. Filed More Than 200 Anti-LGBT Bills
Die Blutspende-Thematik in Deutschland
Ein Virus kennt keine Moral – Mein Ärger über die Blutspende-Thematik in Deutschland

Bild: Félix Gonzáles Torres.

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