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Vor und nach: Wien

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Pfeffer on the road, oder besser: Pfeffer in der Luft. Pfeffer im Flieger, Pfeffer im Katapult, feet in the air, head on the ground. Das ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, verzerrt nur zugunsten eines erzählerischen Brennglases, das die Chronologie der Ereignisse außen vor lässt und den effekthascherischen Fokus genau dorthin richtet, wo die Konturen bereits verschwimmen. Willkommen im Schleudergang, welcome to Vienna.

Wien also. Wo ich lange nicht mehr war. Ziemlich genau seit 22 Jahren. Erinnern kann ich mich an wenig. An Gerüche, eher intensive. Und an Staub und Schwüle. Alles noch da, soviel ist schnell klar. Wien lebt. Wien klebt. Wien riecht. Nach Tabak und Bratfett, nach Pomade und Paprika. Die norwegische Duftforscher und -künstlerin Sissel Tolaas kam schon vor vielen Jahren auf die Idee, Städte olfaktorisch zu kartographieren. Ich halte das für ein absolut schlüssiges Konzept. Wien dürfte im europäischen Vergleich eher zu den schweren Parfums gehören, in bester Allianz mit den Schwesterstädten der Schwarzmeerroute: Bratislava, Budapest und Belgrad. In Budapest & Belgrad war ich bereits. Intensiv, beide. Intensiv und gut. Und Bratislava will zeitnah besucht werden. Slowakei-Spezialisten schreiben mir bitte über die einschlägigen Kommunikationsabwasserkanäle.

Wien ist gesellig and so are we. Weshalb wir auch zu acht anreisen, eigentlich sogar zu achteinhalbt, aber die Hooliganista zieht es vor, mit dem Exmitbewohner im vierten Bezirk zu wohnen, während wir unser Quartier in unmittelbarer Nähe zum Naschmarkt beziehen. Das Aufeinandertreffen der Reisegruppen München und Konstanz ist herzlich und promilleintensiv. Keine Überraschung also. Wir werden zur Kunst und zum Zapfhahn gezogen. Cultural Management at its best. Und die Apothekerin lacht. Warum? Weil sie’s kann und weil ihr das Lachen außergewöhnlich gut steht.

Soweit, so vorhersehbar.

Was mich dann doch ein wenig überrascht: die ausgeprägte Harmonie. Dazu muss man wissen: mein Freundes- und Bekanntenkreis besteht zu nicht unerheblichen Teilen aus alkoholaffinen Alleinunterhaltern & Aufmerksamkeits-Junkies. Freundlichen ebensolchen – und wie sich zum wiederholten Male herausstellt: sehr entspannten Zeitgenossen. Das macht die Sache mit dem Gruppenkuscheln natürlich sehr angenehm. Ich spiele mit dem Gedanken, die Reisegruppe fürs nächste Jahr zum Kobayashi Maru-Test anzumelden – und ich bin optimistisch, dass die Anzahl der geleerten Seidl, Krügerl & Haferl im Anschluss zwar rekordverdächtig hoch sein wird – das vielbeschworene Stimmungsbarometer allerdings ebenso. Gute Gruppe, sehr gute Gruppe.

Mit der Lektorin gehts zur Kunst. Ziemlich eindrücklich: Berlinde de Bruyckere im Leopold-Museum. Ich erwarte nichts und bekomme: viel. Wachsskulpturen, Wunden, Pferdehaar, Menschenhaut, Weltkrieg, Leidhaufen. Nähte, auch im Sinne von Verbindungen, Schmerzensikonographie, Pietà. Guter Auftakt eigentlich, ziemlich Wien eigentlich. Danach geht’s zu Lehmbruch und Minné. Knieender Jüngling, I like your style! Almdudler-Radler ist onomatopoetisch und geschmacklich durchaus interessant, die Painting 2.0-Ausstellung im mumok: für mich eher weniger. Der Kopf ist müde, die Füße sind es auch, ab zum Essen, ab zum G’spritzen, ab ins Bett.

Laufen mit der Marketing-Lore, im Garten des Schlosses Belvedere, an dessen Tor zwei Sphinxen wachen. Frühsport in mondän, danach geht’s kreuz und quer durch die Stadt. Über Plätze, durch Kanäle. Schiff fällt aus, dann halt: Bier. Vor dem Modell der Frankfurter Küche im MAK frage ich mich, woher mir der Name Margarete Schütte Lihotzky bekannt sein könnte – einige Tage später in Konstanz erinnere ich mich. Die Nette-Leit-Show von Hermes Phettberg wurde seinerzeit im Margarete-Schütte-Lihotzky-Saal in Wien aufgezeichnet. Auch gut, Phettberg, sehr sehr gut.

Nach oben, Nordpol, Blini, Kalbskopf. Der Anwalt ist d’accordeon, die Musikanten auch. Mit dem Taxi zurück an den Naschmarkt. Die anvisierte Weinbar schließt, nicht ohne uns vorher den Rüdigerhof zu empfehlen, den wir 5 vor 12 erreichen. Um 00:00 knallen die Korken, Happy Birthday kroetakano. Danke für den Anlass, danke für die Gruppenstiftung, merci, dass es dich gibt! Die einen schlafen, die anderen schminken – die Welt ist der Welt eine Bühne, das haben Teile unserer Reisegruppe längst verinnerlicht.

Frühsport die Zweite, die Kulisse nutzt sich nicht ab. Danach versuche ich, die Halsschmerzen mit Eierspeisen im Café Sperl zu behandeln – mit mäßigem Erfolg. Secession. Ver Sacrum! Ja! Gerald Domenig und ein Glas Wasser! Nochmals ja. Verliebt in Wien, Schifffahrt mit drei „f“ und ohne Anführungszeichen. Status Quo vadis? Zur Hölle? Wo liegt das? Die Lage wird unübersichtlich, der Prater schafft Abhilfe. Wien von oben, alle am Fenster. Ich werde zum Pfeil, lege mich mit Freundin Hubert auf den Bogen und lasse mich abschießen. Jetzt echt mal. Black Mamba Alter. Todesangst wegen 3G. Normalerweise habe ich Todesangst, wegen NICHT 3G. Datenratenjunkie und so. Jetzt wirds existentiell, Schluss mit dem Gelaber. Adrenalin, Panik, die Stimme bleibt weg. Danach Enthusiasmus & Demut – die Erde hat mich wieder. Der Himmel weint, zum ersten mal seit 36 Jahren. Bosna. Kir Royal. Ab in die Bahn, ab in die Fromme Helene.

Lauch isst Knoblauch, true dat! Gut ist’s da, Spielkarte and der Decke, Schnitzel auf dem Teller, Bier auf der Hose. Erste Spuren des Überschwangs, souveräner Superservice.

Die Abreise naht, letztes Naschmarkt-Frühstück, Parr für die Einen, Käfer für die Anderen. Trennung in Raketenbrennstufen – und die Staranwältin hat völlig recht: nach einem Wochenende mit derart vielen guten Leuten und maximalisierter Auflagefläche fällt der Abschied immer besonders schwer. Herdentrieb-Phantomschmerz, aber hilft ja alles nichts. Tschüss Hubert, Tschau Gattin, Pfiati Lore, Lauch & Lektorin. Gehab‘ dich wohl Frau Hooliganista, bye Kroeta und Herr Anwalt: ruf meinen Anwalt an.

Tschüss Wien.
Ich Wir kommeN wieder.

 

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