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How the East was won (and where it got us)

New YorkEinige Wochen sind seit Amerika vergangen – ich war damals mit der Gattin und der Lektorin unterwegs, besuchte die reizenden M&Ms und verfasste bereits vor Ort, in Portland/Maine, eine erste kleine Skizze dieser Reiseunternehmung. Und seither wollte ich immer mal wieder noch 1,2 Sätze zu Papier bringen, über die Staaten, über den Status, über den „state I am in“. Wenn ich eines über mich und meinen sprachlichen Umgang mit der Welt in den letzten Jahren gelernt habe, dann sicherlich: dass das Fazit zu den mir eher unliebsamen Textsorten gehört. Ich schiebe und hebe das gerne auf und berufe mich sogar, wenn es denn sein muss, auf die Poststrukturalisten und beschwöre den Aufschub. Als Möglichkeit und modus operandi, als Chance, dieser ganzen Urteilerei zu entfliehen. Fazit? Bleibt mir fremd. Abschluss? Nein Danke. Aber ein wenig Aufschluss, das würde ich mir ab und zu schon wünschen.

Amerika, auch das erwähnte ich bereits im vorangegangenen Text, „is hard to see“. Ein kulturell so überformter wie phantasmagorisch strapazierter Begriff. America. Land of the free. Wo fast alles möglich sein soll und gleichzeitig alles so stark reglementiert ist, dass vom Park vor lauter Schildern fast nichts übrig bleibt (Do not furnish the lawn!). Entferne dich 20 Fuß von diesem Gebäude, wenn du rauchen möchtest. Und dann nochmal zwanzig, weil da schon wieder ein Schild steht. Fast schon angenehm klar, wenn in Burlington/Vermont das Rauchen gleich in ganzen Straßenzügen verboten wird. An Nicht-Rauchen in der Öffentlichkeit habe ich mich übrigens ähnlich schnell gewöhnt, wie damals – 2007 – an das Nicht-Rauchen in geschlossenen Gastro-Räumen.

Die ersten Etappen unserer kleinen Reise (hier nachzulesen) führen uns von New York entlang der Küste nach Norden, wo es erst schön wird und dann noch schöner. Portland/Maine ist einer jener Orte über den ich nichts wusste – und der mich nachhaltig begeistert. Der Abschied vorm Leuchtturm ist etwas wehmütig, aber der Nebel und seine Weichzeichnerfunktion machen vieles wett, erst auf den Digitalfotos – und mittlerweile auch in meiner Erinnerung. Wir wollen unbedingt weiter, weiter nach oben, vielleicht auch weiter in die Wildnis – das kann ich gar nicht so genau beurteilen, weil die genaue Motivation unserer kleinen Polarexpedition nie ausgesprochen war – aber sicher auch um Themen wie Ursprünglichkeit kreiste. Das hat dann erstmal gar nicht so gut geklappt – unser oceanfront beach house in Lincolnville/Maine ist zwar genau das: oceanfront. Dafür aber auch: highwayback. Mit dem Auto von der Ferienwohnung direkt auf den Highway zu fahren, das scheint für viele Amerikaner ein aufpreiswerter Vorteil zu sein. Wir bemühen uns, auch an dieser Stelle auf ein Fazit zu verzichten und den abendlichen Blick auf den Atlantik ebenso zu nutzen, wie die schnelle Verbindung in den Acadia National Park. Wir klettern. Und sehen das Wasser glitzern wie selten zuvor. Drei Peanuts an der Bucht, an der Küste, zwischen Seen. Die Köpfe im Wind, mit Hummer und Haar. Skandinacadia, wie schön, wie schön.

Freunde hatten uns schon im Vorfeld den aberwitzigen Plan ausgeredet, die kanadische Grenze in Richtung Halifax zu überqueren. Weil, so die neuschottischen Connaisseure: da ändert sich nicht viel. Wenn Kanada, dann doch besser nach Montreal, Quebec oder Toronto. Wir streichen Kanada kurzerhand aus unserer Route und entscheiden uns für eine lustige Rundfahrt durch Neuengland. Nächster Stop. New Hampshire. Live free or die. White Mountains, von der Küste in die Berge. Idyllischer als das „Mount Jefferson View“ kann ein Motel vermutlich kaum liegen. 10 kleine Holzhütten an der Nationalparkgrenze. Bergluft, Grillenkrach und eine kaltklare Nacht. Und mittendrin ein Polizeiauto, unbemannt, mit laufendem Motor. Steht da 2 Stunden oder länger. Die Polkappen scheinen hier ebenso weit weg wie die Aussicht auf ein Schusswaffenverbot.

In Charleston ermordet Dylann Roof 9 Menschen mit einer – Schusswaffe. Den kleinen rauschenden Röhrenfernseher im Motel befragt, 5 Minuten FOX News, Kommentar zur Obamarede. Recently Obama blamed Donald Trump for being a racist, now he’s blaming the weapon lobby – who will he blame next? The american people? Kopfschütteln, Fassungslosigkeit, abschalten. Entrée la nature. Wir laufen in loops, durch Schluchten und Täler. Dann: Mount Washington. Gar nicht mal so richtig hoch, aber immerhin der höchste Punkt im Nordosten. Mehr oben geht also nicht. Weite & Wahnsinn (verständlicherweise nie ohne: Gebühren & Geschrei – ich bin die Mickey Mouse – gib mir 1.000.000 $ und flieg mit mir zu den Sternen).

Wir müssen weiter, Richtung Westen, ins widerspenstige Vermont. Erstmal Kühe. Und Wiesen. Irgendwie Oberbayern. Michael und Chan singen. Von ihrem eigenen dunklen Amerika.

Burlington ist das kulturelle Herz des kleinen und sympathischen Staates. Wir wohnen bei Andrea, die an der University of Burlington unterrichtet und uns ihre umgebaute Garage zur Verfügung stellt. Es ist schwül. An unserer Tür steht: all unauthorised persons will be authorised. Der Spruch brennt sich ein und legt sich über mein Bild von Vermont. Der Biosupermarkt ist eine Kooperative und ziemlich großartig. Tolles Essen überall. Das Wetter ist unentschieden – and so are we. Die Pharmazeutin liest Gewaltcomics, die Lektorin hält sich am PBR fest – und ich bin – kurz vorm Ende dieser Reise – ziemlich einverstanden. Mit meinen Begleitern und der Welt – mit diesem kleinen Teil der amerikanischen Ostküste in all seiner Vielschichtig- und Widersprüchlichkeit.

Wir fahren zurück, nochmal New York, von dem wir nicht genug bekommen können. Das liegt mit Sicherheit auch an unseren fabelhaften Gastgebern und Reiseführern. Auf dem Weg halten wir kurz in North Adams. MASS MoCA. Das vermutlich größte Museum für Contemporary Art in den Staaten. Anselm Kiefer bespielt nicht einen Raum, sondern ein ganzes Gebäude. Sol LeWitt auf 3 Stockwerken, Jim Shaw, Clifford Ross. Reizüberflutung. Ein Tag in den giardini, mit schlechterem Kaffee, aber in gut. Wir erreichen den Hudson. Zwei weitere leuchtende Tage in NYC. Der Toilet Wine steht kalt. Essen und Trinken und noch mehr Trinken und ab in die Nacht und mitten durch den Regen mit den beiden Ms. Franz ist da. Und der Herzbube auch. Und die Neu-New-Yorker J&T. Wildes Gerede. Wir trinken so viele Biere, dass die Barkeeperin Nachschub kaufen muss. Warum denn aufhören, wenn’s doch gerade am schönsten ist. Wir bleiben alle mal schön hier, in dieser dunklen Bar, die nicht cool ist und nicht in, aber gerade für den Moment Insel genug. Das Klischee des Schmelztiegels wurde schon viel zu oft strapaziert – und abgesehen von großen Mengen Bargeld, die mir im Minutentakt zwischen den Fingern wegschmelzen, kann ich gar nicht beurteilen, ob und was in New York so miteinander verschmilzt – aber mit Sicherheit sagen lässt sich: New York vibriert. Und stinkt. Und wie jede anständige Großstadt ist sie Aufputschmittel und Sedativum gleichermaßen. New York nervt. New York brennt. Michael flüstert mir ins Ohr.: Leaving New York / never easy.

Recht hat er, wie so oft.

——
Die harten Fakten: 3 Wochen Ostküste. 7 Bundesstaaten, 2000 Meilen, gefühlte 200 Kaffeestops für die koffeinabhängige Apothekerin, 30 weggeschüttete Kaffees (von der Apothekerin), mehrere Dutzend degustierte Craft-Biere, ebenso viele verbrauchte Blasenpflaster, hervorragendes Essen aus den Küchen unterschiedlichster Kulturen (Ukraine, Venezuela, Korea, Senegal, Japan), öfters mal ziemlich verwundert gewesen, öfters mal ziemlich im Schwung. Gezankt, gelacht und ziemlich viel geschaut. Schnapsschüsse von der Reise gibt es bei flickr.

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