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Lieber CSD als CSU

stonewall

Meine Beziehung zu CSD-Veranstaltungen war in den letzten Jahren – den Berliner Transgenialen CSD mal ausgenommen – ganz schön kompliziert. Die Gründe dafür sind mannigfaltig und wurden an dieser und anderer Stelle schon des öfteren ausführlich dargelegt: Da wäre zum Beispiel die leidliche Forderung nach dem  Recht auf Eheschließung, wo es doch so viel hübscher wäre, dieser Scheiß-Institution endlich mal den Kampf anzusagen. Oder die öde (und gefährliche!) Marschroute in Richtung Mitte der Gesellschaft. Da war ich schon mal. Kann ich nicht empfehlen. Außerdem habe ich in den letzten Jahren eine heftige Allergie auf Parteiflaggen und Funktionär-Wichte entwickelt – und die Bereitschaft, mich für das Recht von Ja-Sagern einzusetzen, hält sich auch zunehmend in Grenzen.

Warum ich nächstes Jahr dennoch am CSD teilnehmen werde? Weil ich dann doch lieber Teil einer komplizierten Beziehung mit einer privilegierten Randgruppe bin (privilegiert, weil größtenteils: cis/white/abled), als Teil der anonymen Masse auf der anderen Seite des Regenbogens. Solange es die Konstanzer Lokalpresse ernsthaft fertig bringt,  CSD-Teilnehmern als „Gestalten“ zu beleidigen und sich davon auch – trotz mehrfacher Nachfrage und lautstarkem Protest – nicht distanziert, läuft etwas grundlegend schief und ich halte das für so ärgerlich wie besorgniserregend. Von all den Kommentatoren („Wann kommt die Heterosexuellen-Parade?“) und Facebook-Trollen („Gestalten ist noch viel zu milde für Pack wie euch“), die so ein Artikel nach sich zieht mal ganz und gar nicht zu schweigen.

Auf einem CSD-Wagen und im Zug waren Männer zu sehen, die sich kunstvoll zu Frauen und moderne Nonnen geschminkt und verkleidet hatten. Eine der Gestalten nannte sich „Schwester Daphne“, die sagte, sie wolle universelle Freude verbreiten und verinnerlichte Schuldgefühle tilgen.

Der eigentliche Dolchstoß, den diese journalistische Frechheit bereithält, steht folgerichtig am Ende des Artikels. Dort heißt es:

Ein Großteil der Passanten zeigte sich neugierig und amüsiert vom bunten Demonstrationszug des CSD. Viele zückten Fotoapparate und Fotohandys. Einige dachten wohl wie Brigitte Müller, die mit ihrer Tochter Elisa aus Waldshut zu Besuch nach Konstanz gekommen war, und vom CSD überrascht wurde: „Uns stört es nicht.“

Ach was. Frau Müller aus Waldshut stört das nicht? Na dann haben wir aber nochmal Glück gehabt. Und was wäre, wenn? Hier wird der Ottonormalbürgerin¹ die Deutungshoheit über gesellschaftliche Randgruppen zugesprochen – na prima. Dass diese Denkfigur eine lange Tradition und zahlreiche Anhänger hat, ist mir schmerzlich klar, widerlich bleibt sie trotzdem. „Uns stört es nicht“ – das kann allenfalls als (momentane) Duldung verstanden werden. Und das, lieber Südkurier, ist mir eindeutig zu wenig. Ich hoffe, die Redaktion des Südkurier ist sich darüber im Klaren, dass sie die via Stellungnahme reklamierte Flagge der Gleichberechtigung², mit Berichterstattungen wie dieser selbst in Brand steckt.

—–
¹ – No offense Frau Müller – ich kenne Sie nicht und will Ihnen nichts unterstellen – sie werden hier als Vertreterin der Gesellschaftsmitte benutzt, was freilich eher unschön ist und möglicherweise auch ganz schön ungerecht – Protestbriefe bitte an die Lokalredaktion des Südkurier.
² – Stellungnahme des Südkurier: „Es war absolut nicht unsere Absicht, die Teilnehmer zu diskreditieren. Im Gegenteil, wir haben stets alle Aktivitäten für mehr Gleichberechtigung unterstützt. Weil viele Teilnehmer künstlerisch und mit viel Aufwand „gestaltet“ waren, haben wir sie als Gestalten bezeichnet – ein Wort, das wir in seiner Bedeutung und ohne entsprechendes Attribut als nicht negativ behaftet sehen. Es tut uns sehr leid, wenn das für Sie anders rüberkommt.“

Zum vollständigen Südkurier-Artikel

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