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Viviane Sassen / Peter Piller

piller

Unverhofft kommt ab und an, zum Beispiel vorletztes Wochenende, als ich mit dem Anwalt und der Technoqueen durch die aktuellen Ausstellungen des geschätzten Fotomuseum Winterthur stolperte, wo momentan Arbeiten von Viviane Sassen (In and out of Fashion), Peter Piller (Belegkontrolle) und Rudy Burckhardt (Im Dickicht der Großstadt) gezeigt werden.

Dem Werk von Viviane Sassen begegnete ich zum ersten Mal im Palazzo Encyclopedico in den Gärten Venedigs, wo  anlässlich der Biennale 2013 Teile ihrer Parasomnia- und Flamboya-Serie gezeigt wurden. Seither bin ich mindestens Freund, wenn nicht gar Fan, in jedem Fall aber: gespannt auf mehr. Und auch die Modefotografien von Viviane Sassen gefallen mir äußerst gut – hier kommt viel von dem zum Tragen, was bereits die Bilder der Afrika-Werkgruppen ausmacht: das radikalisierte Spiel mit Überlagerungen und damit einhergehend: der Verrätselung von Flächen bis hin zur optischen Unauflösbarkeit, das stilisierte Arrangement von Körpern, Gegenständen und schattenspendenden Objekten, der Einsatz von Farbe, der Wille zum großen Bild. Sassens Fotografien faszinieren, weil sie gerne im Grenzbereich zur Collage wildern. Welches Bein gehört hier in welchen Schuh, welches Becken in wessen Schoß? Layering als Look und soziokultureller Effekt im Sinne von: zeitlicher, sozialer und körperlicher Überlagerung. In manchen Arbeiten scheinbar federleicht, an anderen Stellen kubistisch komprimiert. Chapeau!

Selten war Modefotografie mutiger und progressiver als hier. Kein Wunder, dass die Bescheidwisser vom Butt-Magazine bereits 2003 zum Fototermin mit Hidden-Cameras-Darling Joel Gibb luden (gerade vorgekramt – hier das Beweisfoto. Das zugehörige Interview, bei dem es unter anderem um das konzeptionelle Gewicht von Piss-Sex in Songlyrics geht ist übrigens uneingeschränkt empfehlenswert).

Die zweite Ausstellung, die eigentlich die erste in unserer Tour war – an dieser Stelle wird aus steigerungsdramatischen Gesichtspunkten etwas getrickst – hieß „Belegkontrolle“ und zeigte Fotografien von Peter Piller oder genauer gesagt: größtenteils solche, die Peter Piller aus Zeitungen und Magazinen ausgeschnitten und über die Jahre gesammelt hat.

Piller war mir bis zu jenem Tag völlig unbekannt, aber wie zu Beginn schon erwähnt: unverhofft kommt ab und an. Pillers Foto-Archiv jedenfalls hat mich (in dieser Reihenfolge): verwundert, belustigt, beseelt.

Wenn es darum geht Infotexte, Waschzettel und Bedienungs- oder Handlungsanleitungen zu ignorieren, bin ich immer ganz vorne dabei, weshalb sich mir zunächst der Zusammenhang der ausgestellten Zeitungsfotos nicht erschliessen wollte – die Titel der Serien waren in Bodennähe angebracht und mir auf den ersten Blick entgangen. Ich war also erstmal: verwundert. Auf die Verwunderung folgte große Belustigung, das hat mit den entdeckten Serientiteln zu tun: „Auto berühren“, „Schießende Mädchen“, „Vandalismus“ oder „In Löcher blicken“. Das sind die Register nach denen Piller archiviert und gruppiert. In der Serie „Regionales Leuchten“ (siehe Foto oben) sind ausschließlich Personen zu sehen, deren Uniformen den Blitz der Kamera reflektieren. Bilder von Feuerwehrvereinen oder DRK-Festen, wie man sie aus der Lokalpresse kennt. Der im Nachhinein gelesene Infotext zur Ausstellung gibt Aufschluss: Peter Piller arbeitete während seines Kunststudiums in den 90er Jahren bei einer Medienagentur. Werbekunden ließen dort prüfen, ob und wo ihre geschalteten Anzeigen tatsächlich auch erschienen waren. Beim täglichen Durchblättern der Presse stieß Peter Piller auf Fotografien, die sein Interesse weckten und die er bald zu archivieren begann. Über die Jahre entstand so das mittlerweile über 7000 Bilder umfassende Archiv Peter Piller (einen guten ersten Eindruck davon bekommt man zum Beispiel auf der Homepage des Künstlers).

So weit, so gut, so Klamauk. Aber hier wird die ganze Sache erst interessant. Denn die Arbeiten von Piller erschöpfen sich keineswegs in lustigen Labels und Situationskomik. Bei genauerem Hinsehen haftet ihnen ein melancholischer Mehrwert an und ein Blick auf die Welt, der weder nostalgisch noch zynisch ist und im Zweifelsfall auch auf die Lacher verzichten kann. Hier geht es – zumindest nehme ich das so wahr – auch darum, das Gezeigte in seiner Beschränktheit und Enge ebenso ernst zu nehmen, wie den Schmerz, der in diesen Bildern und Lebenswirklichkeiten steckt. Die Luftarchiv-Aufnahmen von Einfamilienhäusern („Von Erde Schöner“) bringen diese Facette des Werks für mich am besten zur Geltung. Hier schwingt der Stolz auf das Eigenheim ebenso mit wie die Piefigkeit eines Lebens in der Neubausiedlung („Autowäsche“). Die Lethargie („Schlafende Häuser“) geht Hand in Hand mit der Beschränktheit und Aussichtslosigkeit („Wendehammer / Straßenende“) – und über allem: schmutzige Wolken („Schmutzige Wolken“).

Das Bildarchiv von Peter Piller lädt zur ausgiebigen – und gerne auch mehrstufigen Betrachtung ein. Hier ist eindeutig mehr zu sehen, als man zunächst vermutet – und es darf gelacht und gegrübelt werden. „Ich misstraue dem ersten Blick“ sagt Piller selbst im sehenswerten Kurzinterview mit der ARD und formuliert ein Plädoyer dafür, Bilder genau anzuschauen, weil sie möglicherweise dazu in der Lage sind, Auskunft zu geben – über diese unsere rätselhafte Welt.

*****
peterpiller.de
vivianesassen.com
Fotomuseum Winterthur
Foto: aus der Serie „Regionales Leuchten“ von Peter Piller

2 Comments

  1. gaechter

    Guten Tag
    Bitte senden Sie diesen Beitrag an meinen Freund und Kollegen
    Peter Knapp, Ex CreativDirector und Photograph
    peter.knapp@sfr.fr
    Mit freundlichen Grüssen
    Hans Peter GAECHTER
    Grossackerstrasse 79
    CH-8041 Zürich

    • Hallo Herr Gaechter,

      können Sie mir kurz sagen, weshalb ich Herrn Knapp den Beitrag zuschicken soll? Da ich Herrn Knapp nicht persönlich kenne, möchte ich ihn nur ungern mit unaufgefordert geschickten Emails belästigen.

      Mit besten Grüßen,

      Torben Nuding

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