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Wrapped up in books

books

Listen, die Zweite. Und: die letzte. All die glamourösen Ausstellungseröffnungen, Promidates und Sexgeschichten bleiben unsortiert und dürfen gerne im diffusen Grau der dauerbeschleunigten Geschichtsschreibung verblassen. Und über Film und Fernsehen sollen andere schreiben, dazu fehlt mir Interesse und Intellekt.

Heute also: Bücher. Ziemlich übersichtlich, dieser Stapel – und alles andere als  aktuell. Die Zeit, sie rennt, die Faulheit, sie wächst. Dafür aber fast ausschließlich Lektüre, die ich vorbehaltlos weiterempfehlen kann.

Los geht’s mit einem meiner Herz-Autoren evereverever: Raymond Carver, dessen Kurzgeschichten-Band Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden seit kurzem in neuer Übersetzung unter dem Titel Beginners (Fischer) vorliegt. Und die Neuübersetzung war dringend notwendig, wurden die bislang veröffentlichten Fassungen seiner Geschichten äußert radikal von dessen Lektor Gordon Lish gekürzt und editiert. Jetzt also Carver pur. Und abgesehen davon, dass ich Lish durchaus ein Gespür für Sprache und Verdichtung zuspreche, bin ich dennoch froh um diese Ausgabe, weil es so ungewohnt wie aufschlussreich ist dem – jetzt etwas kurvenreicheren – Fluss Carvers Sprache zu folgen.

Ebenfalls ganz weit oben auf meinem Bücherstapel: die Kurzgeschichten von Ivan E. Coyote, in diesem Jahr waren das: The Slow Fix, One in Every Crowd und Loose End (erschienen bei Arsenal Pulp Press). Allen, die Ivan noch nicht kennen, sei folgendes Video einer kurzen Spoken Word Performance mit dem Titel „Dear younger self“ ans Herz gelegt – was für ein Liebesbrief an die queere Jugend!

Von Ivan Coyote ist es nur ein kurzer Weg zu Kanadas finest Folk-Singer Rae Spoon. Wer schon länger mitliest, weiß: Ich bin Fan. Rae schreibt nicht nur bezaubernde Songs, sondern auch hervorragende Geschichten über die Schrecklichkeiten des Heranwachsens als transidente Person in einer evangelikalen Familie und Gemeinschaft. First Spring Grass Fire (Arsenal Pulp Press), das ist sehr nahbare Lektüre, die  erstaunlicherweise an kaum einer Stelle in Bitternis umschlägt.

Es bleibt erst mal queer, zumindest ist das meine erste Assoziation wenn Mama Madonna zur Messe ruft. Die Darlings Kerstin und Sandra Grether haben anlässlich von Mamas Fünfzigstem 2012 mit Madonna und wir (Suhrkamp) einen Band mit Aufsätzen und Interviews aus der deutschen Musikpresse und dem Feuilleton zusammengetragen, für den ich den beiden sehr dankbar bin.  In punkto Mutter bin ich übrigens polymatriel, weil: Christiane Rösinger ist mindestens ebenso Mama wie die Ciccone. Und ihr Reisebuch Berlin-Baku – meine Reise zum Eurovision Song Contest (Fischer) hab ich sehr gerne gelesen. Der Epilog ist mit den Zeilen „Was wir alles nicht gesehen, wo wir überall nicht angehalten, was wir alles nicht erlebt haben“ überschrieben und fasst den generellen Duktus des Buches ganz gut zusammen, file under: nie ohne meine Schwermut.

Apropos Reise. Mit Lynn Breedlove ging es dieses Jahr einmal quer durch die USA und gleichzeitig gerne auch durch: Venen, Prügeleien, Sexgeschichten (Götterspeed bei mox & maritz), ich war unten, oben und wieder unten mit Billie Holiday (Lady Sings the Blues bei Penguin Books)  und Phil Gefter nahm mich mit auf eine Reise durch die Fotografiegeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Photography after Frank, erschienen bei aperture).

Eines einsamen Abends beschlich mich das Gefühl, dringend ein wenig an meinem Wissen über das Gesamtwerk von Bertolt Brecht arbeiten zu müssen. So kam Der gute Mensch von Sezuan (Suhrkamp) in mein Leben und ich weiß jetzt immerhin, wo dieses „betroffen… der Vorhang offen“-Zitat herkommt. Stellenweise höchst amüsiert, stellenweise entsetzlich gelangweilt haben mich Hans Platzgumer / Didi Neidhardt (Musik = Müll bei Limbus) und Wiglaf Droste (Der Ohrfeige nach, bei Edition Tiamat).

Nachdem mich Carl Van Vechtens Roman Nigger Heaven von 1926 vorletztes Jahr ziemlich überzeugt hatte, war ich sehr gespannt auf dessen letztes Romanwerk Parties (Walde+Graf) von 1930, aber irgendwas ging trotz des eigentlich zwingenden Titels schief mit uns beiden, bei Parties hatte ich jedenfalls öfter mal das Gefühl, dass der Slang der 30er-Jahre enorm unter der Übersetzung leidet. Memo an mich selbst: bei Gelegenheit mal ins Original reinblättern.

Kein Entkommen gab es dieses Jahr vor Dave Eggers Der Circle (Kiepenheuer & Witsch). Hätte ich vielleicht ebenfalls besser im Original lesen sollen. Aber ich vermute mal: auch das dürfte an einigen Stellen eher platt und holzhammerartig daherkommen. Jedenfalls war mir die ganze Sache spätestens ab den transparenten Tiefseewesen ein wenig zu, äh… transparent – aber vielleicht muss dieses Social-Media-Thema ja auch auf genau diese Weise kommuniziert werden: flach. Und durchsichtig.

Ganz gegenteilig ging es mir mit Justin Torres‘ furiosem Romandebut Wir Tiere (DVA). Ich bin mir nach wie vor nicht ganz sicher, was dieses schmale Bändchen genau von mir will, ich weiß nur, dass es mich vor allem zum Ende hin mit einer Wucht getroffen hat, die ich vorerst nicht vermutet hatte. Starkes Buch! Ebenso undurchsichtig, interessant und ebenfalls ein Romanerstling: Abschied von Atocha von Ben Lerner (rowohlt) – hatte mich nach den ersten zwei Seiten voll auf seiner Seite. Ein so redseliges wie cleveres Vexierspiel, wahnsinnig leicht und licht geschrieben, vor allem angesichts der Thematik, die ernster kaum sein könnte. Es geht um die Kunst. Es geht um die Wahrheit.

Schlecht untergebracht in dieser losen Assoziationskette bekomme ich Texte zum Werk von Thomas Struth, herausgegeben von Hans Rudolf Reust und James Lingwood (Schirmer / Mosel), trotzdem soll das bitte hier stattfinden, weil es aus der Flut an langweiligen und häufig überflüssigen Publikationen von Kunstkatalogen und Kunsttextsammlungen angenehm hervorsticht. Hier haben sich Experten vor Bilder gestellt. Und dann Gedanken gemacht, diese geordnet und aufgeschrieben. Das Resultat: höchst interessante Ansätze zum Werk eines der faszinierendsten Fotografen der Gegenwart.

Kurz vor Schluss dann noch die Überraschung des Jahres. Ich habe schon das ein oder andere Mal darüber nachgedacht, warum mich dieser 80er-Jahre-Retro-Gaming-Roman Ready Player One von Ernest Cline (Crown Publishers) so gefesselt hat, weil eigentlich sind das nicht meine Themen. Ich hab noch immer keine Ahnung. Definitiv eine der unterhaltsamsten und kurzweiligsten Lektüren des Jahres.

Und zum Ende wird’s gewaltig, im Sinne von: groß, enorm,_________ . Arbeit und Struktur von Wolfang Herndorf (rowohlt) hat mich im Netz bereits aus der Fassung gebracht und bleibt auch auf Papier: monolithisch. Kathrin Passig schreibt im Nachwort: „Wolfgang Herndorf hat es gemacht, wie es zu machen ist“. Und trifft mit diesem – hier aufs Äußerste aus dem Kontext gerissenen Zitat – das Thema an der Schläfe. Verbeugung.

*****
Auf diesem Klassenfoto fehlt: sicher einiges. Unbedingt erwähnenswert, weil wirklich groß: Philipp Schönthaler – Das Schiff, das singend zieht auf seiner Bahn (Matthes & Seitz). Vermutlich verliehen oder verschenkt. Vor einigen Monaten habe ich mich hier intensiver mit diesem Roman auseinandergesetzt. Auch erwähnenswert, weil wirklich unterhaltsam: Rafael Horzon – Das weisse Buch (Suhrkamp).

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