comment 0

Saunadate mit den Dämonen

 

Dem Sommer stehe ich zwiegespalten gegenüber. Meinetwegen könnte die Temperaturskala gerne bei 27 Grad Celsius gekappt werden. Weil: wird ja alles nicht einfacher, wenn man die ganze Zeit schwitzt – außer das Schwitzen natürlich. Mode macht weniger Spaß als sonst, Sport ebenso, Reisen wird beschwerlicher und Denken auch. Selbst der soziokulturelle Lösungsansatz der Sommerfrische wird bei 34 Grad zur Farce – weil frisch ist da gar nichts. Auch nicht auf der Kurischen Nehrung, mit einem Fuß in den Dünen, mit dem anderen im Schlafzimmer von Thomas Mann. Ich war da und weiß im Ungefähren, wovon ich rede. Damals hatte es 24 Grad. Von Beseelung keine Spur. Und 10 Grad mehr hätten diesen Umstand sicher nicht gebessert. Weil 34 Grad, das ist keine Temperatur. Das ist Unterdrückung, Schikane, kurz: eine Frechheit.

Da ich mit dieser leicht ablehnenden Haltung gegenüber dem Sommer recht alleine dastehe und weil es ja nur bedingt sinnvoll ist, Dinge zu beklagen, die schwer bis unmöglich zu ändern sind, arrangiere ich mich mit dem Sommer, der Sonne, der Hitze und dem Wahnsinn. Heuer klappt das erstaunlich gut, was unter anderem am neuen Album von Candie Hank liegen dürfte. Das heißt Demons und fügt sich derart gut in diesen psychotropen Verwisch- und -wackelungszustand einer flirrenden Hitzewelle ein, dass es mir eine wahre Freude ist.

Candie Hank ist eines der vielen Pseudonyme von Patric Catani. Und Catani ist wiederum ein Nom de guerre, der bürgerliche Nachname ist vermutlich Cremer, vielleicht auch Kremer, das scheint niemand so genau zu wissen und für Recherchen, die Anrufe bei Einwohnermeldeämtern nötig machen ist es derzeit – bingo! – zu heiß. Patric Catani ist jedenfalls ein Tausendsassa und einer der umtriebigsten und sympathischsten Musiker des digitalen Berliner Untergrunds. Seine Biographie hier auch nur ansatzweise wiederzugeben, würde ganz eindeutig den Rahmen und mein Zeitbudget sprengen (außerdem ist es – genau! – viel zu heiß!), deshalb hier nur ein kurzer Auszug aus seinem Kampfnamenregister: E. de Cologne, Patric C, Ill Till, EC8OR, Test Tube Kid, A*Class, Driver&Driver, Flex Busterman, Ricardo Prosetti und Very impossible Person. Und eben: Candie Hank. Musikalisch war das immer äußerst vielfältig, auf Genrebeschränkungen scheint Catani wenig Wert zu legen: Digital Hardcore, Chiptune, HipHop, Acid, Mutant Bass und Poststep. Alles nur Worte, die dem musikalische Oeuvre von Herrn Hank kaum gerecht werden. Meine persönlichen Highlights: im mentalen Moshpit mit EC8OR, von Ill Till & den Puppetmastaz den Glauben an HipHop zurück geschenkt bekommen und die dicken A*Class-Bässe, die ich jenseits von Miami derzeit kaum noch für möglich gehalten hatte. Wer sich einen kurzen (?) Überblick über seinen Werdegang verschaffen will, der werfe einen Blick in seinen Lebenslauf und wer noch ne Ecke mehr Zeit erübrigen kann, schaue sich diese immense Diskographie an.

Jetzt also: Demons, bereits die zweite Catani-Schallplatte diesen Jahres. Und die ist wiedermal äußert vielseitig und macht großen Spaß. Sein zweiter Wohnsitz in Bukarest macht sich nicht nur in der Titelgebung (Babyshka Demona, Transylvanian Voodoo) bemerkbar, sondern schlägt sich auch in einigen der Tracks nieder. Hier treffen Surfgitarren auf Balalaikas und Psychobilly und Acid führen eine wilde Ehe. Gesprochen wird rumänisch, englisch und Patois. Die Bässe sind dick und verschoben, fusionieren mit 8bit-Schnipseln, kruden Breaks und ganz merkwürdig großartig klingenden Gitarren. Das Ganze hat eine gewisse 60er-Jahre-Anmutung, obgleich ich mir sicher bin, dass diese Art von Musik den durchschnittlichen Bewohner dieses Jahrzehnts vermutlich direkt in die Nervenheilanstalt getrieben hätte. 60er im Sinne von Gruselkabinett- oder Filmmusik. Das ist Klamauk und Kunst und Krempel. Und ziemlich vielschichtig. Und halluzinogen. Und nicht blöd, an keiner Stelle, gar nicht, nie.

Demons, das ist verrückte Musik im eigentlichen Wortsinne.
Und mein Freund im Kampf um ein Arrangement mit der Hitze.
Dicke Kaufempfehlung.

—–
Mehr Infos:

Patric Catani Music
Shitkatapult

Demons von Candie Hank ist Ende April beim Berliner Label Shitkatapult veröffentlicht worden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s