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Bureaucratics

Jan Banning - Bureaucratics
Hervorragende Ausstellung im Bildungsturm Konstanz. Unter dem Titel „Bureaucratics. In Ämtern und Würden“ werden noch bis zum 29. Juni Fotografien des niederländischen Künstlers Jan Banning gezeigt. Banning selbst beschreibt die Serie so:

Bureaucratics is a comparative photographic study of the culture, rituals and symbols of state civil administrations and its servants in eight countries on five continents, selected on the basis of polical, historical and cultural considerations: Bolivia, China, France, India, Liberia, Russia, the United States, and Yemen. In each country, I visited up to hundreds of offices of members of the executive in different services and at different levels. The visits were unannounced and the accompanying writer, Will Tinnemans, by interviewing kept the employees from tidying up or clearing the office. That way, the photos show what a local citizen would be confronted with when entering.

Die einzelnen Fotos folgen einem streng formalen Aufbau: alle Bilder haben die selbe Größe, das selbe Format und zeigen den jeweiligen Akteur auf Augenhöhe hinter seinem Schreibtisch. Bureaucratics kann also auch als eine Typologie des gegenwärtigen Bürokraten verstanden werden und verweist dadurch auf große Vorbilder der sozialdokumentarischen Fotografie, etwa auf August Sander oder Herlinde Koelbl.

Aufschlussreich an diesen Bildern sind nicht nur die Protagonisten selbst, es sind vielmehr die Dinge: die Berge von Akten oder das Fehlen derselben. Persönliche Gegenstände, Familienfotos, Machtinsignien, politische Symbole. Offene Türen und Pornokalender. Der Ausblick. Der Einblick.
Die Bilder sind voller Details und dem Betrachter drängt sich alsbald der Eindruck auf, dass Bürokratie nicht etwas ist, das sich an Institutionen oder Akteuren alleine festmachen lässt – Bürokratie scheint zu großen Teilen in einer jener diffusen Spalten zu wurzeln, die sich gerne zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Komponenten entspannen. Die ebenso in der Nicht-Abbildbarkeit komplexer Probleme durch Softwarelösungen gründen wie in der verschwundenen Akte, der falschen Excel-Formel und dem Unterforderungsburnout des Sachbearbeiters.

Bürokratie ist aktuell ein Schwerpunktthema des Kulturwissenschaftlichen Kollegs Konstanz (auf dessen Initiative die Ausstellung überhaupt zustande kam), Clusterangehörige und Fellows im Kolleg befassen sich mit der Thematik aus Sicht unterschiedlicher geisteswissenschaftlicher Disziplinen. Die Ausstellung wird von einem Vortrags-Programm begleitet und ich ärgere mich ein wenig darüber, dass der Abend des 18. Juni bei mir leider schon verplant ist, ansonsten hätte ich mir zu gerne den Vortrag von Christoph Bartmann mit dem schönen Titel „Gott und Gold. Die religiösen Ursprünge der neuen Bürokratie“ angehört.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 29. Juni und hat täglich bis 18:00 geöffnet. Dringender Kulturtipp für die Konstanzerinnen und Konstanzer.

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Mehr:
Homepage von Jan Banning
Bildergalerie Bureaucratics
Zur Ausstellung auf der Homepage des Kulturwissenschaftlichen Kollegs Konstanz

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