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Alle Sätze der Logik sagen aber dasselbe. Nämlich nichts.

Wittgenstein

I don’t like Hörspiele¹ but I do like Ammer & Console. Und Wittgenstein, den mag ich auch. Obwohl ich nie auch nur annähernd zu einem einigermaßen fundierten Verständnis seiner Theorie(n) gekommen bin. Tatsächlich kapituliere ich schon vor dem ersten Satz seines Früh- und Hauptwerkes, des Tractatus logico-philosophicus: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Verstehe ich nicht, aber ich mag den Klang dieses Einstiegs. Und nicht zuletzt darum geht es ja bei Anfängen. Um den richtigen Sound. Außerdem mag ich das Wort Fall, was mit persönlichen Jahreszeitenvorlieben ebenso zu tun hat wie mit Mark E. Smith.

Ich kam immer wieder mal mit Wittgenstein in Berührung. Durch Popmusik und Philosophieseminare. Ab und an blättere ich in seinem posthum veröffentlichten Spätwerk, den Philosophischen Untersuchungen (der Tractatus, das mag an einer Abneigung meinerseits gegen streng formale Logik liegen, blieb mir immer eher fremd) und ab und zu habe ich für einen kurzen Moment das Gefühl, den Kern einer seiner Ideen verstanden zu haben, etwa wenn er über die Abrichtung des Menschen auf Sprache schreibt oder über die Familienähnlichkeiten von Sprachspielen. Aber noch bevor ich mein mentales Auge auf diese Sachverhalte scharf stellen kann, sind sie meist schon verglüht, so wie sich das für Sternschnuppen gehört.

Andreas Ammer und Console-Mastermind Martin Gretschmann sind jetzt auf die einigermaßen merkwürdige Idee gekommen, den Tractatus logico-philosophicus zu einem Hörspiel zu machen. Wobei: merkwürdig erscheint das nur im ersten Moment, wirft man einen Blick auf ihre bisher veröffentlichten gemeinsamen Werke, finden sich dort Auseinandersetzungen mit dem Werk von Personen wie Walter Benjamin, Alexander Kluge, Wilhelm Reich oder Oskar Sala. Und hin und wieder geht es auch um Großereignisse: die olympischen Spiele. Die Verfolgung. Das All.
Jetzt also Wittgenstein in editierter, das heißt hier unter anderem: gekürzter Fassung. Gelesen vom tollen Oswald Wiener, dem Autor von „die verbesserung von mitteleuropa, roman.“ Und ich bin einigermaßen überrascht, wie sehr dieses Experiment fließt. Und trägt. Und überhaupt nicht nervt, sondern vielmehr eine hypnotische Qualität entfaltet. Eine Qualität, die eben nicht nur der großartigen Musik von Console geschuldet ist, sondern aus der Kombination von Sprache und Klängen entspringen zu scheint. Aber macht euch selbst ein Bild, das Hörspiel steht auf der Homepage des Bayerischen Rundfunks bereit.

Weiterlesen:
Ludwig Wittgenstein: Logisch-philosophische Abhandlung, Tractatus logico-philosophicus. Kritische Edition. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998. ISBN 3-518-28959-4
Weiterhören:
Alle Ammer&Console-Hörspiele kann sollte man hier anhören und kaufen.

—–

¹ Der Sinn dafür muss mir irgendwann zwischen Vorpubertät und Adoleszenz verloren gegangen sein. Meine Eltern berichten zumindest, dass ich als Kind sehr gerne Hörspielkasetten gelauscht habe, was vermutlich daran lag, dass ich damals noch nicht lesen konnte. Die Liste der Gründe für meine Abneigung ist lang, hier ein kurzer Auszug:
– Diese grässlich überzogenen Sprecherstimmen. Vermutlich ist so eine Stimmausbildung ziemlich teuer und die Sprecher wollen zeigen, dass sie ordentlich was gelernt haben – mir geht das in den allermeisten Fällen ganz furchtbar auf die Nerven.
– Die schreckliche Hintergrundmusik. Das sind doch keine Klangcollagen, das ist Mist.
– Die Sprechgeschwindigkeit. Fast immer viel zu langsam, vermutlich weil Langsamkeit oftmals mit Tiefe und Beseeltheit korreliert wird (meiner Meinung nach ist das ein grober Irrtum). Wenn irgendwann mal meine Memoiren als Hörspiel veröffentlicht werden sollten, werde ich vertraglich festhalten, dass dies im Duktus und in der Geschwindigkeit einer Tagesschausprecherin passiert. Oder ich bitte Jens Rachut darum, den ganzen Kram in seinem unnachahmlichen Wut-Stakkato einzubrüllen.

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