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Double Exposure

Beim policymic stieß ich vor einigen Wochen auf diese hervorragende Fotoserie von Daniela Zalcman. Entstanden im vergangenen Jahr und gefördert vom Pulitzer Center for Crisis Reporting, zeigt Zalcman in doppelbelichteten Portraitfotografien Lesben, Schwule, transidente Personen und LGBTQI-Aktivist_innen aus Uganda.

Uganda scheint spätestens seit der Unterzeichnung des Gesetzes zur Ächtung von homosexuellem Verhalten durch Präsident Museveni am 24. Februar eine der finstersten Nationen dieser Welt zu sein, zumindest für die LGBTQI-Community. Die Gefahr für Leib und Leben, die den portraitierten Personen durchaus droht, beschreibt Zalcman eindrücklich im Interview mit Meredith Bennet-Smith:

„I think they feel the need to demnonstrate that the Anti-Homosexuality Act  isn’t going to bully them into disappearing or giving up their struggle. That commitment is incredibly dangerous – not only has their worlk been explicity criminalized as ‚promotion‘ of homosexuality, there have been multiple reports of beatings and various forms of mob justice.“

Ich trat mit Daniela Zalcman in Kontakt und bat um die Erlaubnis, ihre Fotos hier veröffentlichen zu dürfen. Sie antwortete mir sehr freundlich und ausführlich und bat um Verständnis, dass Sie mir diese Erlaubnis nur ungern erteilen würde, weil die Fotografien gerade noch an Magazine verkauft würden und eine zu große Verbreitung den Marktwert der Fotos schmälere. Verstehe ich natürlich, verzichte deshalb auf das obligatorische Titelbild und verweise auf das Interview bei policymic, wo ein Großteil der Bilder abgebildet ist.

Was mich an dieser Serie so sehr berührt ist nicht unbedingt ihre fotografische Qualität, sondern ihr Thema und der unfassbare Einsatz, der ihr zugrunde liegt – vor allem von Seiten der Portraitierten. Ich mag auch wie stark die Implikationen des Serientitels auf das Thema abfärben: Doppelung als Verstärkung und Versteck, als Unterstreichung und Unkenntlichmachung. Das erinnert an einen Aspekt der Traumatheorie, der besagt, dass sich Akteure in bestimmten Situationen spalten können, damit sich ein Teil der Person dem Kampf zu stellen vermag, während der andere Teil nach einem sicheren Versteck sucht. Und es erinnert an die Worte Hans Mayers, der in seiner Typologie des Außenseiters unter anderem davon ausgeht, dass Außenseiter, wenn sie scheitern, dies immer doppelt tun. An der jeweiligen Handlung und an ihrer Rolle. Als Frau. Als Schwuler. Als Jude.

Und sicher nicht zuletzt in der Liste der intelektuellen Agenten, die dieser Kulturtext aufruft, tritt Mama Butler mit ihrem Aufsatz „Imitation und die Aufsässigkeit der Geschlechtsidentität“ auf den Plan, der die Figur der Doppelung im Sinne von Verundeutlichung und Dissoziation als elementaren Bestandteil von Ideen wie Identität oder „Outing“ beschreibt und bekräftigt, weil jedes Coming Out nur eine neue, andere Form des „Closet“, des Schweigens produziert.

Mit kämpferischem Gestus, der keinesfalls darauf verkürzt werden darf, dass Judith Butler sich selbst nicht als Lesbe bezeichnen möchte, stellt sie die Frage danach, ob „Sexualität überhaupt Sexualität bleiben [kann], nachdem sie sich einmal den Kriterien der Transparenz und der Enthüllung unterworfen hat?“ Mit dieser Einstiegsfrage im Kopf macht sich Butler daran, die Begriffe Identität, Begehren, Imitation, Verdoppelung, Wiederholung, Original und Kopie in ein neues Spannungsverhältnis zueinander zu setzen. Und es ist sehr schön und ermutigend, ihr bei dieser Arbeit zu folgen. Ihr Loblied auf die Verundeutlichung ist nämlich durchaus glasklar und demontiert heterosexuelle Originalitätsansprüche ebenso radikal wie die (Selbst-)Normierungstendenzen minoritärer Subkulturen. Ich habe den Text gerade eben nach einigen Jahren wieder gelesen und finde, er hat kein bisschen an Schlagkraft eingebüßt. Dicke Leseempfehlung meinerseits.

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Weiterlesen:
– Judith Butler: „Imitation und Aufsässigkeit der Geschlechtsidentität“, in: Hark, Sabine (Hg.): Grenzen lesbischer Identitäten. Aufsätze. Berlin 1996. S. 15-37.
– Hans Mayer: Außenseiter“ Frankfurt am Main, 1975.

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