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The Coming of Age

Ich bin einigermaßen gut darin, Dinge aus den Augen zu verlieren, um sie dann Jahre später erneut zu entdecken. Aktuelles Beispiel: The Hidden Cameras. Die mochte ich sehr gerne, Anfang des Jahrtausends, und erinnere mich lebhaft an mehrere tolle Konzerte und ein Bandshirt, das ich trug bis es in Fetzen hing. Die Hidden Cameras waren für einige Jahre ein Teil des Soundtracks meines Lebens und Wegbereiter alternativer queerer Lebensentwürfe. „Ban marriage“ war und ist wahnsinnig wichtig, aber auch Folk-Songs über Piss-Sex (Golden Streams, Music is my Boyfriend), Ausgelassenheit im Darkroom (Smells like Happiness) oder die Beschissenheit der Dinge (Mississauga Goddam) wussten wissen mich durchaus zu überzeugen.

Irgendwann verloren wir uns aus den Augen, was sicher nicht aus purem Zufall geschah, aber auch viel weniger intendiert war, als man es erwarten könnte, wenn eine Liebesbeziehung zerbricht. Das vierte Studioalbum der Cameras (Awoo) war mir in jedem Fall ein wenig zu Folk: Zu viel tralala und Albernheit, in einer Zeit meines Lebens, in der es mich eher nach konzeptioneller Strenge und Reduktion dürstete. Und das waren die Cameras nie: reduziert. Weder was das Lineup betrifft, das gerne mal in Richtung Fußballmanschaftsstärke aufgepumpt wurde, noch stilistisch: hier ging es immer um viel und wild und bunt.

Anfang des Jahres wurde nun die sechste LP der Hidden Cameras veröffentlich – und Butt sei Dank – bekam ich Wind von diesem Ereignis. Die üblichen Musikkanäle Pitchfork, Spex und laut.de scheinen meine Begeisterung über das neueste Machwerk nämlich nicht zu teilen, zumindest findet sich dort wenig bis nichts über das neue Album. Und was soll ich sagen: die Trennung scheint unserem Verhältnis gut getan zu haben. Der 2. Beziehungsanlauf lässt sich zwar etwas pragmatischer an als die zurückliegende Romanze und stellt das Gefühl freundschaftlicher Verbundenheit über die Over-The-Top-Zuckungen früherer Tage – aber das scheint ja symptomatisch für aufgewärmte Zwei-, Drei-, Vier-, -Fünf, Vielsamkeiten. Paarpädagogen und Beziehungsberater halten dafür sicher ein ganzes Arsenal an Erklärungsmustern bereit. Ich vermute mal, in loser Reihenfolge: das Alter, die Erfahrung, die Welt, der Schmerz.

Das aktuelle Album hört nun auf den schönen und popmusikalisch weitestgehend unbeschmutzen Titel  „Age“ und gefällt mir ganz außerordentlich gut. Alleine der Blick auf die Gästeliste des Albums verspricht Großes: Chilly Gonzales und Snax sind mit von der Partie. Da kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen. Und bei der Vorabsingle Gay Goth Scene schummelt sich noch die Stimme von Mary Margaret O’Hara in die Aufnahme – ebenjene Off-Stimme, die knapp 25 Jahre zuvor bereits im Mittelteil von Morrisseys Single November Spawned A Monster zu hören war. Das Resultat: ein Album mit 9 höchst unterschiedlichen Songs. Vergleichsweise einfach mal Doom, Afterparty und Carpe Jugular nacheinander hören und feststellen, dass die Tracks sowohl musikalisch als auch textlich ganz schön unterschiedlich UND ganz schön geil sind. Dazu gibt es dann noch ein Innencover im Posterformat, das das Portrait von Bradley Chelsea Manning (gezeichnet von G.B. Jones) zeigt und vielleicht einen Hinweis darauf gibt, wie der Albumtitel durchaus auch aufzufassen sein könnte: weniger im Sinne von Alter als von Zeitalter. Als Statusupdate aus dem Chelsea Manning-Zeitalter zum Beispiel.

Tolles Album. Gehört gehört.

—–
Mehr Infos:

Homepage der Band
The Hidden Cameras bei laut.de

 

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