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In Sachen Kommunikation

schönthaler

Wenn Nächstenliebe und diffuse Weltverbundenheit im eigenen Denken die Übermacht zu gewinnen drohen, bieten sich Literaturveranstaltungen als gutes Korrektiv an. Was einem dort an zusammengepferchter Ökowirrnis, vestimentären Totalentgleisungen und unbeholfener Hanswurstigkeit entgegenschlägt, entfacht recht schnell das alte gedankliche Bild vom Anreiz all jener Mitmenschen,  die das „Mit“ nicht allzu wörtlich nehmen. Ich weiß wovon ich schreibe, ich war Zeuge – Reihe zwei, live dabei.

Und der Anlass war richtig und wichtig. Kultur- und Trinkfreundin S. lockte neulich mit der Abendgestaltungsidee „Autorengespräch“. Und sie musste nicht allzu viel Überzeugungsarbeit leisten, handelte es sich bei dem zum Gespräch geladenen Autoren doch um Philipp Schönthaler, der sein neues Buch „Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn“ vorstellen und diskutieren sollte. Philipp Schönthaler war ich zuvor bereits einige Male begegnet, wir haben gemeinsame Freunde und trafen uns ab und an zufällig auf der Straße oder an einer der städtischen Tränken. Es mag daran gelegen haben, dass Philipp manchmal eher still ist – oder daran, dass ich manchmal eher laut bin – oder daran, dass wir beide offensichtlich keine Fans von Smalltalk sind – so richtig unterhalten hatten wir uns bis dato jedenfalls nicht. Was nicht wirklich schlimm ist, Philipp ist Autor, Autoren sprechen durch ihr Werk. Und wenn sie sich nach Feierabend noch als angenehme Gesprächspartner qualifizieren, um so besser (tatsächlich ist Philipp ein äußerst angenehmer Gesprächspartner, wie sich bei mehreren Kaltgetränken im Anschluss an das Autorengespräch herausstellen sollte).

Über die oben erwähnte Kultur- und Trinkfreundin erreichte mich auch vor einiger Zeit das erste Buch von Philipp. „Nach oben ist das Leben offen“, eine Sammlung von Kurzgeschichten. Thematische Klammer: Extremsportler. Bergsteiger. Apnoetaucher. Interessiert mich erstmal überhaupt nicht, aber wenn die Kulturfreundin zur Lektüre rät, ist besser Folge zu leisten. Weil sie eigentlich immer recht hat, so auch in diesem Fall. Ich habe das sehr gerne gelesen, das Thema erwies sich bei genauerer Betrachtung recht schnell als Matrix zur Beschreibung von Steigerungs- und Leistungsphantasmen und all den Ambivalenzen, die diese Felder produzieren. Über sich selbst hinauswachsen. Besser werden. Machbarkeitsgrenzen verschieben. Physisch. Mental. Brachial.

Fand ich gut, hab ich gerne gelesen und oft gekauft und verschenkt. Aber damit ist jetzt Schluss. Es gibt Nachschub für die Geschenkeliste, der Debutroman ist da und so sehr gut, dass ich es kaum fassen kann.
In „Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn“ nimmt Philipp den Faden der Selbstoptimierungsstrategien nochmals auf und spinnt ihn um die Lebenswelt zeitgenössischer Wirtschafts- und Marketing-Logik am Beispiel eines Kosmetikkonzerns. Oder, präziser: um die Sprachregeln und Redefiguren, die diese Arbeitsbereiche produzieren. Und es gefällt mir wahnsinnig gut, wie der Roman es schafft aus einer recht eigentümlichen Erzählposition heraus, diese Sprachlogik und die ihr anhaftende Perfidie freizulegen. Das geschieht auf eine höchst eindrückliche, sehr präzise und komplexe Art der literarischen Sprache, die zwischen Imitation und Demaskierung den Hobel an ihr Thema legt und Schicht für Schicht dieser allumfassenden Beschissenheit freilegt. Recht schnell wird klar, wie radikal und total inklusiv die Regeln dieser Art von Marketingsprech wirken. Ob im Career-Center, beim Bewerbungscoaching oder im Assessment-Center: keiner der Beteiligten kann sich davor schützen. Nicht mal im Schlaf. Auch die hehre Kunst hat kaum eine Chance, sich diesem Schleudergang zu entziehen. Der Autor wird zum High-Performer und Kanonenfutter für die Image- und Copywriting-Industrie (was natürlich die Frage nach der Position und dem Stellenwert des Erzählers in diesem Roman zu einer äußert brisanten werden lässt – aber genau dieses Wagnis geht der Roman meiner Meinung nach ganz bewusst ein – und schafft so eine höchst interessante Konstellation von Zugehörigkeit und Beobachterhaltung, die das weiter oben genannte Changieren zwischen Imitation und Demaskierung überhaupt erst ermöglicht).
Das alles hat wenig mit einer façon de parler zu tun, das ist eine Zurichtungsmaschine. Eine autoaggressive Erfolgserkrankung.

Aber warum nicht den Roman selbst sprechen lassen? Für alle Fans von ersten Sätzen, hier der Beginn des Textes:

IN SACHEN KOMMUNIKATION: kann man das auch immer ganz anders angehen. Grundsätzlich ist eine kräftige, sonore Stimme jedoch von Vorteil, eine gepflegte Sprache, gepflegter Ausdruck, Äußeres. Erik blickt in den Spiegel, grimassiert, lässt die Wirbel im Nacken knacken, knetet die Fäuste. Im Kopf beherrscht er die Situation, er ist gut. Er ist wirklich gut, er weiß, dass er gut ist – bei dem Gedanken steigert sich seine Stimmung zusätzlich, er ist jetzt noch besser, nahezu euphorisch streicht er mit der linken Hand seine Krawatte glatt, reißt mit der rechten die Tür auf,

Der Satz endet mit einem Komma. Dann: neuer Absatz, neues Personal, neues Bild. Hier stimmt einfach alles. Der Doppelpunkt im Einstiegssatz. Überhaupt der Einstigssatz,  der so oder ähnlich auch in der einschlägigen Ratgeberliteratur zu finden sein könnte. Die Dreh- und Beschleunigungsfigur in Richtung Komparativ. Der Rhythmus, die Taktung – Chapeau.

Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen. Und empfehle das. Ebenfalls: sehr. Und bin froh, dass ich mal wieder dem Rat der Kultur- und Trinkfreundin gefolgt bin.

An dieser Stelle war in meinen gedanklichen Skizzen eigentlich ein Rückbezug zum Anfang des Textes – also in Richtung Autorengespräch vorgesehen – und warum das alles eher unerfreulich war. Erscheint mir an dieser Stelle aber viel zu banal, um hier große Erwähnung zu finden, von daher nur die Kurzzusammenfassung in Stichworten: systematische Publikums- und Diskussionsteilnehmerunterforderung, blöde Einstiegsfrage (Interessieren sie sich privat für Kosmetik?), Niveaulimbo.

Mehr Infos:
Die Zeit über das Romandebut
Philipp Schönthaler be Matthes & Seitz

 

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