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Kenne deine Feinde (und wisse um ihr Potential)

Seit dem vergangenen Wochenende mäandert die Nachricht durch die queere Presse, Fred Phelps senior, Gründer und Sprecher der Westboro Baptist Church, stünde kurz vor seinem Tod. So weit, so wenig ungewöhnlich. Phelps ist alt (*1929), auf das Alter folgt der Tod. EndeGelände, overandout. Amen.

Ungewöhnlich – weil ungewöhnlich reflektiert und milde – ist vielmehr der queermediale Umgang mit dieser Nachricht. Keine Spur von Häme, keine Spur von Hass – und das angesichts eines Mannes, der zeitlebens in radikalster Form eben diese zwei Themengebiete – Häme und Hass – bearbeitet hat, wie kein Zweiter.

Für alle, die bislang noch nicht in Berührung mit dieser „Glaubensgemeinschaft“ gekommen sind, hier die Kurzzusammenfassung: die Westboro Baptist Church wurde in den 1950er Jahren von Fred Phelps gegründet und bezeichnet sich selbst als baptistisch/calvinistisch, gehört aber keiner Gemeinschaft an (und wird selbst von den konservativsten Baptistenzirkeln abgelehnt).

Die Kirche hat ihren Sitz in Kansas und besteht aus lediglich 40-70 Mitgliedern, die meisten davon sind die Kinder, Enkel und Urenkel von Phelps. Die zentrale Aussage der Westboro-Schäfchen ist sicherlich „God hates Fags“. Alle Übel dieser Welt, egal ob Tod, Naturkatastrophen oder Terroranschläge stellen laut Phelps lediglich Strafen Gottes für die Duldung von Homosexualität dar.

Vermehrt öffentlich in Erscheinung getreten ist die Gruppe ab Anfang der neunziger Jahre. In regelmäßigen Abständen taucht die Familie seither immer genau dort auf, wo es richtig weh tut: bei Begräbnissen von Schwulen, Hate-Crime-Opfern (unter anderem auch beim Begräbnis von Matthew Shepard) oder gefallenen Soldaten. Bei Gerichtsprozessen, Holocaust-Gedenkstätten oder zur Welt-Aids-Konferenz. Immer im Gepäck: die großformatigen Schilder mit den jeweils „passenden“ Slogans, wie „God hates Fags“, „God hates Jews“ oder „Pray for more dead Soldiers“ (eine kurze Bildersuche gibt einen guten ersten Überblick).

Mittlerweile dürfte es ganze Bibliotheken mit Gerichtsakten über die Kirche geben, 11 der 13 Phelps-Kinder sind Juristen und offensichtlich so streit- wie fortpflanzugslustig: nämlich sehr. Aufgrund der Menge an provozierten Vorfällen und angestrengten Verfahren gegen die Kirche  will der Senat der Vereinigten Staaten ein Gesetz verabschieden, das Demonstrationen auf unter Bundeszuständigkeit fallenden Friedhöfen prinzipiell untersagt (ein immenser Schritt für die USA, beachtet man den Stellenwert der Meinungsfreiheit in der öffentlichen Debatte).

Mehr Infos gibt es im Netz, der Suchbegriff Westboro Baptist Church liefert über 200 Millionen Google-Treffer. Die geneigte Leserin kann sich auch gerne durch die kircheneigenen Domains godhatesfags.com, jewskilledjesus.com oder beastobama.com klicken, die ich an dieser Stelle lieber nicht verlinken möchte. Sehr zu empfehlen ist zudem die BBC-Doku  „The Most Hated Family in America“ von Louis Theroux.

Nun also scheint Phelps senior am Ende seines Lebens angekommen zu sein und es stellt sich die Frage, warum ausgerechnet die LGBTQ-Community auf diese Meldung mit solch erstaunlicher Milde reagiert. Zum einen dürfte das an der Tatsache liegen, dass die Nachricht vom nahenden Tod des Westboro-Patriarchen maßgeblich von dessen Sohn Nathan Phelps verbreitet wurde. Via facebook schrieb dieser am vergangenen Samstag:

“I’ve learned that my father, Fred Phelps, Sr., pastor of the “God Hates Fags” Westboro Baptist Church, was ex-communicated from the “church” back in August of 2013. He is now on the edge of death at Midland Hospice house in Topeka, Kansas. I’m not sure how I feel about this. Terribly ironic that his devotion to his god ends this way. Destroyed by the monster he made. I feel sad for all the hurt he’s caused so many. I feel sad for those who will lose the grandfather and father they loved. And I’m bitterly angry that my family is blocking the family members who left from seeing him, and saying their good-byes.”

Nathan Phelps verließ die Kirche (und seine Familie) am Tag seines 18. Geburtstages, lebt mittlerweile in Kanada und hat sich mehrmal öffentlich gegen die Machenschaften der Westboro Baptist Church ausgesprochen. Er bezeichnet sich als LGBTQ-Aktivist und genießt ein gewisses Ansehen in der amerikanischen Community, was eine Erklärung für die Milde der Reaktionen sein dürfte (egal ob Bilerico-Project, wickedgayblog oder lgbtqnation – allesamt zitieren den facebook-Post von Nathan Phelps).

Die andere, sicherlich interessantere  Erklärung, klingt in einem Beitrag von Brody Levesque auf lgbtqnation an. Levesque schildert dort ein Gespräch mit Judy Shepard, der Mutter von Matthew Shepard. Wir erinnern uns: Fred Phelps störte die Beerdigung lautstark mit einer „Demonstration“ und stritt über Jahre um sein Recht, im Stadtpark von Caspar/Wyoming (der Heimatstadt Shepards) eine Statue aufstellen zu dürfen, die Shepards Bild mit der Unterschrift „Matthew Shepard Entered Hell October 12, 1998, at age 21 in Defiance of God’s Warning: „Thou shalt not lie with mankind as with womankind; it is abomination.“ Leviticus 18:22″ zeigt.

Auf die Frage, was sie von Phelps halte, antwortet Judy Shepard: “Oh we love Freddy, if it wasn’t for him, there would be no Matthew Shepard.“ Denn Matthew Sheppard  ist mittlerweile viel mehr als nur ihr toter Sohn. Er ist zur Ikone und zu einem gewichtigen Narrativ in der Queer Community und darüber hinaus geworden (2009 wurde – nach jahrelangen Irrungen und politischen Blockaden – unter Barack Obama ein Bundesgesetz erlassen, das Hassverbrechen gegen sexuelle Minderheiten mit höheren Strafen belegt – es trägt den Namen  Matthew Shepard and James Byrd, Jr. Hate Crimes Prevention Act).

Matthew Sheppard ist eine Symbolfigur für den Kampf gegen Homophobie, Heterosexismus und Hassverbrechen. Und Fred Phelps  sein (lebendiger) Antagonist. Und allesamt wissen wir, dass jeder Superheld eines Gegenspielers bedarf. Ohne macht’s nur halb so viel Spaß. Wer will schon Batman beim Bügeln beobachten? So verabscheuenswert Phelps und seine Machenschaften sind und sein werden: Die radikalisierte Position dieser geisteskranken Rednecks hat dazu geführt, dass sich plötzlich Gesellschaftsschichten in die Diskussion mit eingemischt haben, die vorher schlichtweg nicht interessiert waren. Levesque schreibt:

„But like Judy, I think protests by Westboro awoke a sense of awareness among the “Mom, Pop, Apple Pie and Chevrolet” Americans as to what is right, and wrong, with this nation’s values. It has become a debate about humanity, dignity, and the fact that all of us, including the LGBT community, are people.“

Die milde Berichterstattung über Phelps scheint also nicht ausschließlich einem humanitärem Reflex und Moralkodex zu entspringen. Die Queer-Community weiß um ihre Feinde. Und um deren Wert für die eigene Sache.

Und der erste, der mir vorwirft, dass ich hier einen Artikel verlinkt habe, der Adolf Hitler mit Fred Phelps vergleicht, bekommt ein Eis. It’s America. Und, um in der Logik zu bleiben: America is doomed.

UPDATE VOM 20. MÄRZ:

Heute wurde von Seiten der Westboro Baptist Church der Tod von Fred Phelps sr. bekannt gegeben. Die ersten medialen Reaktionen folgen bislang dem obig beschriebenen Muster. Das Bilerico-Project etwa schreibt:

Ironically, though, in the end Phelps and Westboro Baptist may have done more than many to move LGBT acceptance forward. By putting their bilious, toxic anti-LGBT vitriol front and center, the Phelps clan helped draw a sharp contrast between hatred and love — and create the space for reasonable Americans to evolve towards the latter.

Der komplette Artikel findet sich hier, einen etwas längeren und recht lesenswerten Bericht von lgbtqnation gibt es hier.

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Bild: Von Travelin‘ Librarian auf flickr unter CC BY-NC 2.0


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