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Me, myself & Italy – Teil III

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Für alle Neuankömmlinge, hier die Kurzzusammenfassung:  Pfeffer reist durch Norditalien und schreibt darüber. Die ersten beiden Teile der Berichterstattung gibt es hier und hier zu lesen.

1 person, 1 table, 1 dinner, no english

(Turin) Der Tisch im Ristorante Consorzio in der Via monte di Pietà bleibt mir heute leider verwehrt, ausgebucht bis auf den letzten Platz. „Ich esse auch an der Bar“, versuche ich den Kellner zu überzeugen, aber sein Argument ist von bestechender Klarheit: es gibt überhaupt keine Bar. Er empfiehlt mir das Blanco, einen Block weiter. Das alte Spiel. Kein Englisch, und zwar wirklich: gar keines. Der Kellner ist vermutlich Anfang 20 und versteht meine Frage, auch in ihrer äußersten Verknappung auf 4 Worte „one person, dinner, now“ tatsächlich nicht. Die Kollegin wird gerufen, ihr Englisch ist kaum besser, aber sie lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen und nimmt die Sache in die Hand. Reservierungsschilder werden getauscht, Namen im großen Buch durchgestrichen und umgetragen – und schließlich habe ich ihn, den Tisch. Alora! Ich bestelle auf italienisch und habe nur eine ungefähre Ahnung davon, was mir serviert werden könnte. Aber das ist völlig egal, ich esse eigentlich alles. Die Kellnerin lobt mein Italienisch, unser beider Sprachkenntnis reicht nicht aus, um zu vermitteln, dass ihre Lüge mir schmeichelt. Egal, wir lachen, das entspannt. Ein Rosenverkäufer bertritt das Geschehen und schiebt sich zwischen meinen kleinen Tisch, das französische Ehepaar neben mir und die Bar. Ich winke ab, er schaut fragend. Später frage ich mich, was mein Umfeld wohl gemutmaßt hätte, wenn ich – alleine an einem kleinen Tisch neben der Bar sitzend – eine Rose oder gar mehrere gekauft hätte. Mich amüsiert das in Gang gesetzte Kopfkino und ich beschließe, bei der nächsten Gelegenheit aktiver zu agieren. Weil sich so vielleicht die ein oder andere interessante Situation oder Konstellation herbeiführen ließe. Und selbst wenn nicht: mit Blumen ist es ja eigentlich immer besser als ohne.

Das Essen vergeht, der Abend vergeht. Ich bezahle und suche das bagno. Auf meinem Weg dorthin fällt mir auf, dass es noch ein halbes Dutzend weiterer Tische im Untergeschoss – bei den Toiletten – gibt. Weshalb also die Mühe, die bestehenden Reservierungen zu verschieben und mich im oberen Gastraum zu platzieren? Ich vermute: es hat was mit der Geruchsbelästigung im Keller zu tun. Guter Service, mille grazie.

Rocca dei corvi

Der Tag beginnt früh, schnelles Frühstück, auschecken, ab aufs Boot. Das Ziel: der Rocca dei corvi, ein Felsen in der Nähe des Dorfes Viola St. Gree in den Cottischen Alpen. Ich erreiche den kleinen Parkplatz bei der Kapelle Santa Caterina kurz vor Mittag. Hier ist es verdächtig idyllisch. Eidechsen sonnen sich auf verwitterten Naturmauern, Bauern machen ein Feuer, vermutlich um das viele Laub zu verbrennen, das bereits gefallen ist. Unter solchen Folien von Beschaulichkeit vermutet man ja immer die allerabsonderlichsten Perversionen. Augen in Einmachgläsern oder Dinge dieser Art. Ein Handwerker an der Kapelle erwidert mein Buongiorno, mit einem handfesten Gesprächsanfall. Ich unterbreche ihn mehrmals, um ihm zu versichern, dass ich nichts verstehe (was ich ungewöhnlicherweise tatsächlich nicht tue: seine Rede ist entweder stark dialektgefärbt oder gar eine eigene Sprache, möglicherweise piemontesisch oder ligurisch). Hält ihn natürlich nicht davon ab, weiterzureden – und zwar viel und schnell. Ich stelle mir vor, er woll mich vor einer drohenden Gefahr warnen. Vor Hillbillies oder tollwütigen Trüffelschweinen. Abermals herrliches Kopfkino im Herbstwald.

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Der Klettersteig ist eher mäßig gut ausgeschildert, das viele Laub, das kleinere Pfade unsichtbar werden lässt, tut sein übriges. Ich finde den Weg und bin recht schnell beim Zustieg, der direkt an einem Bachlauf liegt. Überraschung! Die erste Senkrechte führt neben einem Wasserfall entlang. Sehr nah neben einem Wasserfall. Der Fels ist nass, das Seil und die Eisentritte ebenfalls. Sehr rutschige Angelegenheit, die ich mit einer eher unkonventionellen Klettertechnik, die ich mal Knietechnik nennen möchte, hinter mich bringe. Recht schnell zeigt sich: der Klettersteig ist anspruchsvoll – als solcher war er auch beschrieben. Die Seilführung ist locker, die Tritte teilweise spärlich und die Überhänge recht zahlreich. Schwerster Steig der bisherigen Tour, ich komme an die Grenzen meines Könnens – und genau dort wollte ich hin. Die Gegend ist einsam – und trotz des kurzen Zustieges höre und sehe ich keinen Menschen weit und breit. Auf einer eher leichten und ungefährlichen Querung nach dem ersten Teil des Steiges passiert es dann: mein Telefon fällt aus der Hosentasche. Nach dem letzten Foto habe ich wohl vergessen, den Reißverschluss zu schließen. Das Telefon rutscht ein paar Meter weit, um dann über einen kleinen Absatz zu fallen. Ich kann das Gebiet, in dem es liegen müsste, ganz gut eingrenzen. Denke ich. Fälschlicherweise, wie sich später herausstellen wird. Mein Puls steigt. Soll ich den Steig verlassen, um nach dem Telefon zu suchen? Steig verlassen, das heißt: die Karabiner vom sichernden Seil nehmen. Ich habe eine Bandschlinge und einen weiteren Karabiner dabei und damit mehr Spielraum. Aber bei weitem nicht genug, um in das anvisierte Gebiet zu gelangen. Ich zögere. Ich weiß, dass die allermeisten Unfälle dort passieren, wo leichtsinnigerweise auf Sicherung verzichtet wird. Andererseits ist die Querung nicht sehr steil, der Fels ist trocken, ich bin konzentriert und bei Kräften.

Ich löse die Karabiner und begebe mich vorsichtig in das vermutete Zielgebiet. Das Problem ist: hier liegen mehrere Schichten Laub, was die Suche ganz erheblich erschwert. Schmerzhafter Bonus – das Laub ist durchmischt mit stacheligen getrockneten Kastanienschalen. Meine Handschuhe schützen nur die Handflächen und die ersten Fingerglieder. Die Suche dauert schon mehr als 10 Minuten. Lange 10 Minuten. Ich spiele mit dem Gedanken, abzubrechen. Ich breche nicht ab. Ich finde das Telefon. Es hat Blessuren, ist aber am Leben. Ich bin sehr erleichtert. Nur begrenzt des materiellen Wertes wegen. Ich habe wieder ein GPS-Gerät in der Tasche – ein probates Beruhigungsmittel bei schlecht ausgeschilderten Waldwegen. Außerdem bin ich Internetsüchtig und bin gerade dem kalten Entzug von der Schippe gesprungen. Phew!

Schnell wieder ans Seil. Auch der zweite Teil der Tour ist anspruchsvoll. Oben wartet Mutter Maria auf mich. Ich nutze sie als Stütze und Stativ. Das machen vermutlich Viele so. Der Blick ist grandios. Auch von hier oben: niemand zu sehen. Weite. Stille. Nur ich und Maria.

Der Abstieg beginnt – der Logik dieses Felsens geschuldet – ähnlich anspruchsvoll wie der Aufstieg. Sehr steil, überhängende Passagen inklusive. Eine Hängebrücke sorgt nochmals für Adrenalin, dann ist es bald geschafft. Ich auch. Schnell zurück zum Auto und ab ins Café. Mache ich gerne: in den kleinen Bergdörfern noch irgendwas einkaufen, die lokale Gastronomie unterstützen, ein bisschen Geld dalassen. Und nicht einfach nur die Straßen kaputtfahren. In Viola St Gree ist das schwierig. Das einzige Café ist geschlossen. In Viola, der Nachbarortschaft auch, ebenso wie in Lisio und in Mombasiglio. Wo sind sie denn, die Bewohner des Valle Maira? Ernüchternde Antwort: sie sitzen in den Shopping Malls und Systemgastronomien von Ceva, einem Klumpen von Stadt. Agglomeration ist der durchaus passende Name dafür. Hier will ich keinen Kaffee, hier will ich nicht sein. Ich lasse mich nach Genua navigieren, zum letzten Ziel meiner Reise.

Genua

Kurz vor Savona öffnet sich unvermittelt das Meer, der typische Schwindel des Wassers, die Weite des Blicks. Keine Streben, keine Pfeiler, keine Häuser, keine Stützen, die zwischen nah und fern, groß und klein vermitteln könnten. Dem bleibt nicht lange so. Alsbald erscheinen die rostigen Lastkräne im Bild, viele, so viele, Fialen der Genueser Bucht.

Genua erreicht mich wie ein Schlag in die Nieren. Der Verkehr ist dicht, der Beton wittert und schwitzt. Rostvernarbte Brücken & Unterführungen, überall stapeln sich Kartonagen und Holzkisten, übereinandergekippt, dazwischen Müll. All die Orientierungspunkte, die das Wasser genommen hat, scheinen sich hier zu multiplizieren. Es stinkt, nach Fisch und Pisse. Dazu das typische Hupkonzert der italienischen Metropolen, Stadt als systematische Überforderung; kurz: es ist herrlich.

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Von Genua weiß und erwarte ich: wenig. Ein blinder Fleck auf meiner Italienkarte, Hauptstadt Liguriens, einst die größte Seemacht Europas & reichste Stadt der Welt, Geburtsort von Kolumbus. Das wars eigentlich auch schon, mehr weiß ich nicht.

In der Bucht von Genua steigt der Gebirgszug der Apenninen landeinwärts steil an und legt damit die gesamte Charakteristik der Stadt als ausschließlich dem Meer zugewandte Ansiedlung fest. Die Nachmittagssonne färbt Wasser und Fassaden, ich ankere das Schiff und mache los. Schnell wird klar: die Überforderung, die ich auf der großen Küstenstraße bereits erahne, setzt sich fort und radikalisiert sich in all den kleinen Gassen, verwinkelten Sträßchen, auf den Treppen und Plätze des Centro Storico. Genua, so bilde ich mir ein, muss genau hier erschlossen werden, kein Museum heute, ich ziehe durch die Straßen und lasse mich mit dem Strom des Genueser Abends treiben.

Genua ist Marseille, ist Neapel und Konstantinopel. Latinas, Asiaten, Schwarzafrikaner. Ich höre französisch, englisch, patois, indisch. Genua ist Hafen mit all seinen Konsequenzen. Hier zirkulieren: Waren, Sprachen, Hoffnungen, ebenso wie Waffen, Keime und Ängste. Eine ältere Dame schiebt einen Leiterwagen mit einem großen Bücherregal über die Straße, zwei Hunde geraten in einen Kampf, eine Nonne nimmt sich einem vernarbten Alkoholiker an, ohne Erfolg – überall bricht Handel und Geschäftigkeit sich Bahn. Die Müllkammern der Innenstadt: mit Blaulicht ausgestattet, auch das spricht eine eindeutige Sprache. Es riecht nach Innereien und Gras. In der Via di Pre zähle ich 83 Menschen auf der Straße, alle sind schwarz, bis auf einen: der Apotheker. In den Metzgereien: Rinderherzen, Lunge, die Hühner werden mit gespreizten Schenkeln präsentiert. In der Via Lomellini dringt Musik aus einem Hauseingang. Ich beschließe, mich selbst beim Wort des letzten Abends zu nehmen, mehr zu wagen und schaue hinein. Ein Teehaus vielleicht? Oder ein Wettbüro? Ein Gebetsraum? Nichts dergleichen, hier wird Körperlichkeit verkauft. Die Situation überfällt mich, ich gehe schnell hinaus, die Nachbarin zwei Häuser weiter, die schweren Einkaufstüten in der Hand, schaut wissend und abschätzig. Die ganze Straße scheint der Prostitution zu gehören. Mich würden die Preise interessieren, ich frage mich, wie man nach so etwas fragt, ohne Kunde werden zu wollen und beleidigend zu sein. Vermutlich: gar nicht.

In einem Geschäft werden ausschließlich elektrische Schreibmaschinen verkauft, es gibt einen Laden für okkulte Praxis, Waschsalons, klein und dreckig, in der querenden Vicolo, die so eng ist, dass ich nicht mal meine Ellenbogen ausstrecken kann, liegt eine Matratze.

Ich frage die Kellnerin beim Abendessen, weshalb sie so gut englisch spricht? Sie kommt aus Rosenheim. Aber auch ihre Kollegin aus Ecuador spricht gut, wie eigentlich alle hier englisch sprechen, auf die ich treffe. Man scheint es hier gewohnt zu sein, nicht ausschließlich italienisch sprechen zu müssen.

Ich schlafe länger als sonst, ich brauche Kraft. Dann raus, ab in die Palazzi. Die Angestellten im Palazzo Rosso und Palazzo Bianco werden von einen integrativen Projekt gestellt, das Menschen mit Behinderungen in Jobs bringt. Der Herr mit Down-Syndrom empfängt mich herzlich und schildert mir mit der typischen Freundlichkeit und Akkuratesse den Rundgang durchs Unesco-Weltkulturerbe. Ich habe viel Kunst gesehen in den letzten Tagen und will an der ein oder anderen Stelle abkürzen, etwa wo Geschirr und Möbel zu sehen sind. Geht nicht. Die Aufsichten nehmen allesamt ihren Auftrag sehr ernst und bestehen darauf, dass ich mir ALLE Räume anschaue. Wirklich alle. Und sie haben ja Recht in ihrer Beharrlichkeit: sonst wären mir vielleicht die ganz wunderbaren Malereien von Jan Provoost entgangen, die mich wirklich beeindrucken, weil sie so völlig uneindeutig zwischen Flächigkeit und Tiefe, Symbolhaftigkeit und realistischer Darstellung hin- und herchangieren. Mehr über Jan Provoost in Erfahrung bringen, das könnte spannend sein.

Meine Beine sind schwer, die Klettersteige und das tapfere Laufprogramm der letzten Woche machen sich bemerkbar. Ich gehe in die Trattoria dell’Acciughetta zum Mittagessen. Ich bestelle Wein, Pasta nera und Polpo. Der Laden ist klein, das Essen ist grandios.Ich bitte den Kellner um eine Reservierung für den Abend. Fully booked. Leider. Ob er einen Tipp habe. „You want the real deal ?“ Si. „Go to Da Mario.“ Ich notiere mir den Tipp des Experten und schlendere weinschlagseitig in Richtung Aquario.

Aquario am Arsch!

Seepferdchen anschauen, Medusen beim quallieren beiwohnen, das könnte ein schöner Plan für den frühen Nachmittag sein, denke ich mir. Und so ist es auch, zumindest anfänglich. Das Aquarium empfängt mich mit gedämpftem Licht  und seichter Ambient-Musik. Die Seepferdchen tanzen ihre formschönen Trapeznummern, ich werde schläfrig. Das scheint nicht nur mir so zu gehen. Im großen Mittelmeerbecken liegt ein müder Sägerochen neben zwei stattlichen Sandtigerhaien. Ich dachte immer, Haie müssten ständig in Bewegung bleiben, aber dem scheint nicht so zu sein. Sie liegen da, mehrere Minuten lang. Und scheinen weder tot noch dem Tode nahe zu sein.

Im nächsten Becken dann: Manatis, zu deutsch sehr bildlich auch Rundschwanzseekühe genannt. Ich mag diese Tiere sehr gerne. Aber nicht hier und bin einigermaßen erstaunt, ob der ausgestellten Großsäuger. Ich ahne Böses. Und bedauerlicherweise liege ich mit meiner Ahnung ganz richtig. Im Becken danach sind Robben zu sehen, zwei Becken weiter Delfine. Der Platzbedarf dieser Tiere und ihr Bewegungsdrang sind hinreichend dokumentiert. Dumm, das. It’s 2016. Arschlochaquarium Genua. Nicht hingehen.

Über der Stadt

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Ich mache mich auf zu einer letzten Bergstrecke, hoch zum Castelletto, den Blick von oben auf die Stadt werfen. Von hier erinnert Genua am ehesten an die Schachtelarchitektur südamerikanischer Küstenstädte, wie ich sie bislang nur aus Filmen kenne. Es wird gebaut, dann wird an-, um- und überbaut, Unterführungen und Brücken entstehen, es wird abgerissen, aufgestockt und ausgeschmückt. Metastatische Architektur, ein Bebauungsplan ohne Plan aber mit ordentlich Funktionalität, ein Wimmelbild für Fortgeschrittene. Es zieht Dunst auf über der Stadt. Wie passend, denke ich mir. Der Vorhang schließt sich, die Reise ist zu Ende.

Ich gehe zurück zur Piazza Principe und schreibe im Hotel ein wenig an diesem Text, der im Gegensatz zu den vorherigen, als Flickenteppich und nicht in einem Rutsch entsteht, was in einer gewissen formalen Korrelation zu meiner Erfahrung dieser Stadt steht. Dann mache ich, was ich eigentlich nie mache: einen Mittagsschlaf. Die Reise hat Kraft gekostet, Kopf und Füße sind müde. Der Schlaf ist kurz und tief, ob er Erholung gebracht hat, vermag ich nicht zu sagen. Nach einem Mittagsschlaf bin ich meist müder als zuvor. Weshalb ich für gewöhnlich keinen halte. Ich mache mich ausgehfertig. Mario wartet, ich bin gespannt auf den „real deal“.

Da Mario

Da Mario liegt in der Salita San Paolo, in unmittelbarer Nähe meines Hotels am Hauptbahnhof von Genua. Die Gegend ist geschäftig, ich laufe an 4 verschiedenen Textilgeschäften vorbei, hier gibt es Jacken, Pulllover, Rucksäcke und Koffer. Alles sieht aus, wie direkt aus dem Seefrachtcontainer gekippt: in Plastikfolie eingeschweißt. Unter weißem Neonlicht sitzen die asiatischen Verkäufer – interessanterweise in allen Läden: paarweise. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier zu großen Verkaufsgesprächen kommt. Vielleicht ist man sich gegenseitig Stütze. Oder man ist da, weil man schon immer da war. Die Salita San Paolo zweigt abschüssig an die Via Andrea Doria – wie das Internet mir später berichten wird, war Genua der Heimathafen des Unglücksschiffes.

Schnell wird klar: hierhin werden sich wenige Touristen verirren, die Gegend ist in jedem Fall schon mal „real“, im Ladengeschäft nebenan, dessen halb heruntergelassenes Eisengitter die Frage, ob offen oder geschlossen sei nicht eindeutig beantwortet,  stapeln sich kaputte Kartonagen mit Plastiksonnenbrillen: tausende von Kartonagen, über- und durcheinandergekippt.

Ich betrete das Da Mario und werde sofort von der nonna, der Dame des Hauses in Empfang genommen, eine strenge Frau, die kaum vom Boden aufblickt und mir meinen Tisch zuweist. Hier gibt es keine freie Platzwahl, das Lokal wird ordentlich von vorne nach hinten befüllt – und den community table gab es hier schon lange bevor ihn findige Gastrostrategen als innovatives Konzept für sich entdeckt haben. Wie sich schnell herausstellt, ist die nonna zuständig für Platzeinweisung, caffè und dolci. Mario oder dessen Nachfolger spielt die Libero-Position, ist mal hier und mal da, hantiert mit Wein oder klopft auf Schultern. Der restliche Service wird von zwei Kellnern erledigt, von zwei sehr flinken Kellnern, der Laden ist groß, ich vermute um die 70-80 Sitzplätze.

Englisch wird nach Kräften gesprochen, gerne gemischt mit französisch und italienisch und viel gutem Willen.Mit Dekoration hält man sich nicht auf, was angenehm so ist. Der Laden ist sauber und die Lampen erfüllen ihren Zweck auch ohne Lichtkonzept.Das Publikum ist so gemischt wie Genua. Hafenarbeiter mit verschlagenen Gesichtern, Rentner, Geschäftsleute. Das Klima ist umtriebig. Ein Lieferjunge trägt 3 Körbe Mandarinen in die Küche, Schmutzwäschebündel werden abgeholt und gegen frische getauscht. Die Bestellungen werden vom Tisch in die Küche und Richtung Bar gerufen, kurz: es ist laut und voller Leben. Die Preise sind unglaublich. Die Primi kosten im Durchschnitt vier Euro, bei den Secondi habe ich mir mit sieben Euro schon eines der teuersten ausgesucht. Der Liter Wasser für einen Euro. Mein komplettes Menu, zwei Gänge + Salat, Kaffee, Wasser und Bier kostet gerade mal fünfzehn Euro. Und das Essen ist höchst anständig, die Pasta gehört zu den besten der ganzen Reise. Ich fotografiere nicht, weil man das hier nicht tut. Kein Instagram, kein Rating. Oldschool-Anpreisung im Oldschool-Format Blog. Perfekter Ort für das letzte Abendessen, ich bin dort angekommen, wo ich hinwollte: bei den Leuten, mittendrin, in Genua.

Enden

Die Reise geht zu Ende. Die Taschen sind gepackt, die letzten Abschnitte dieses Textes schreibe ich am Frühstückstisch des Hotels. Ein Fazit muss nicht gezogen werden, das Aufgeschriebene dürfte meine Begeisterung für die vergangenen Tage hinreichend abbilden. Das Projekt Alleine-Reisen ist weit mehr als nur geglückt. Ich bin zufrieden und entflammt, wie ich es länger nicht mehr war. Ich war 7 Tage alleine unterwegs, aber einsam war ich zu keinem Zeitpunkt. Die Abendessen, angstbesetzte Fragezeichen, werden schnell zum unverzichtbaren Höhepunkt des Tages. Die Vorstellung, ich könnte mich an bestimmten Ausblicken und Situationen weniger freuen, weil ich sie nicht teilen kann, stimmt so nicht. Die Gleichung ist deutlich komplexer, gerade in den Bergen fühle ich mich teilweise euphorisiert vom Blick und von der Stille. Auf dieser Reise habe ich deutlich weniger geredet als sonst – und auch weniger gelacht, dafür mehr gelächelt. Alleine Reisen ist schnell wendig und spontan, aber auch: kräftezehrend, weil niemand mitplant, mitdenkt und mitlenkt.

Alleine Reisen, vor allem in Kombination mit dem Schreiben, das hat mir sehr gut gefallen und sich als tragfähige Idee für die Zukunft erwiesen.

Jetzt geht es zurück aufs Schiff, Anker lichten und ab an den See.

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Me, myself & Italy – Teil II

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Es geht weiter. Allen, die hier erst einsteigen, sei der Weg zum Anfang empfohlen. Wer abkürzen möchte, hier die Kurzzusammenfassung: ich bin im Urlaub, im Norden Italiens. Und schreibe darüber.

Mein letzter Abend in Mailand verläuft leicht ärgerlich. Zum ersten Mal auf dieser Reise vermisse ich eine Begleitung. Nicht weil ich Allianz, Zustimmung oder Unterhaltung suche, ich brauche eher: eine Phalanx, ein Schild. Meine Gattin könnte da gute Dienste leisten, aber die musste sich ja den Fuß kaputt tanzen und fällt als Beschützerin leider aus.

Der Grund: der Service, er nervt. Das passiert mir immer wieder mal in Italien – und wie mir aus meinem Freundeskreis berichtet wird: nicht nur mir. Abendessen, gehobenes Ambiente, noch gehobenere Preise, um die sechzig Sitzplätze, 10 Kellner, alle männlich, Machismo at its best. Englisch ist schwierig bis unmöglich (mitten in Mailand), kein Problem, ich kann einigermaßen gut italienisch lesen und auch ein wenig sprechen. Aber da scheint der Zug schon abgefahren zu sein. Die 4 unterschiedlichen Kellner, mit denen ich zu tun habe, könnte man der Größe und Unfreundlichkeit nach staffeln wie die Daltons. Von desinteressiert bis latent aggressiv. Ich frage mich, an was das liegt. Mein Ausländer-Status und die schlechten Sprachkenntnisse auf allen Seiten scheinen eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen, die anderen Gäste werden zumindest ein wenig freundlicher bedient. Sonderlich bedrohlich wirke ich für gewöhnlich nicht. Ich beschließe, diesem Thema nicht weiter nachzuspüren, weil mich die Faktoren oder Argumente eigentlich gar nicht gesteigert interessieren. Ich kenne das Dienstleistungsspiel beruflich recht gut und die Grundgleichung ist denkbar einfach: sei freundlich. Und dass das durchaus geht, ja fast bis zur Perfektion sogar, wird am darauf folgenden Tag in Turin unter Beweis gestellt. Aber dazu später. Ich frage mich noch kurz, ob ich mich in Gesellschaft weniger geärgert hätte. Hätte ich nicht. Aber ich hätte mich besser verstecken können. Essen ist übrigens mäßig, in Anbetracht der Preise: sehr mäßig.

Vale d’Aosta

Ich falle in die Bar, von der Bar ins Bett und beginne den Tag recht früh. Ein letztes Frühstück im Prunksaal, dann ab auf das Schiff und los in Richtung Nordwesten. Dichter Nebel, der sich bei der Einfahrt ins Aostatal innerhalb von Minuten lichtet. Berge! Sehe ich ja öfter in den letzten Monaten, aber das ist immer wieder erhebend. Mein Schiff schraubt sich mühelos die Serpentinen in Richtung Valtournenche nach oben, die Musik, das Wetter, die Laune: alles gut. Ziel dieses Abstechers nach Norden: die Via ferrata Gorbeillon. Der Zustieg vom Parkplatz bei Paquier ist denkbar kurz, schon nach einer knappen viertel Stunde klinke ich meine Karabiner ein. Das Sicherungsseil ist bei diesem Klettersteig mit recht viel Spiel gelegt, Eisenstifte eher spärlich gesät, was die Ganze Sache für mich recht spannend macht, weil ich – in Ermangelung guter Technik – oftmals eher mit Kraft klettere. Ich gewöhne mich recht schnell daran und finde Spaß am Felskontakt. Kurz vor dem Gipfel des Gorbeillon-Felsens wartet eine Drahtseil-Brücke inklusive Zustieg im Überhang. Kann umstiegen werden. Wird freilich nicht umstiegen. Ich beobachte meinen Schatten und bin leicht euphorisch.

Der Gipfelaufenthalt wird anders als gedacht. Der Plan war eigentlich: aufs Matterhorn schauen, Wolfgang hören – und schauen, in welche Wechselwirkung Kultur und Natur in diesem Setting miteinander treten. Geht natürlich gar nicht, weil: geht natürlich gar nicht. Ich weiß nicht genau, wann ich auf diese törichte Idee gekommen bin, aber mir wird ganz schnell klar: aufhören, ist albern, sehr albern sogar. Und nicht nur, weil das Matterhorn gar nicht so majestätisch zentralperspektivisch vor mir thront, wie ich mir das vor dem inneren Auge vorgestellt hatte (es presst sich eher so semiimposant durch einen recht profanen Wald), sondern auch, weil das freilich auf eine schwärmerische Art von Kulturgutbeschreibung hinausläuft, die ich für erbrechenswert halte. Ich lasse das also, beiße in ein Stück Käse, verabschiede mich vom Matterhorn und mache mich an den Abstieg. Zurück in Paquier nehme ich einen caffè und ein Stück Kuchen. Die Frau in der kleinen Bar, die nur von nett ausschauenden Rentnern bevölkert wird, spricht kein englisch. Aber sie lächelt und freut sich, dass mir der Kuchen schmeckt. So einfach kann es sein.

Auf dem Parkplatz verwandelt sich das Schiff in einen Eisbrecher. Das ist auch dringend nötig, wenn man den Gletscherkalbungstechno in Betracht zieht, der hier aus den Boxen dringt. Wolfang im DJ-Balduin-Remix, im Original vom grandiosen Jan Harder aka Yes Set aus dem Ira/TikiTaka-Umfeld. DJ Balduin, das ist mein Freund Ksaen, früher Xen, davor und noch immer: Christoph. Seine erste Platte. Auf seinem ersten Label, das glyk heißt – und dem ich Glück wünsche. Weil das ganz hervorragende Musik von einem ganz hervorragenden Typen ist. Mit Ksaen verbindet mich so einiges. Wir haben viele grandiose Nächte zusammen erlebt, wir haben gemeinsam Schallplatten aufgelegt. Wir haben getanzt und gefeiert. Das Abseitige, die Unbedarftheit und vor allem uns selbst. Ksaens Zugang zur Kunst war schon immer einer, der von Skepsis gegenüber dem allzu Geraden und offensichtlich Schönen geprägt war. Im Zweifel für den Fehler, die Störung und den Knacks. Das zieht sich auch durch diese Schallplatte. Yes Set zu veröffentlichen, sich DJ Balduin zu nennen, die Schrift, das Cover, der Sound: herrje und hurra!

Ich fahre weiter, ich drehe die Musik auf, die See ist flach, der Nebel senkt sich.

Pfeffer im Piemont

Mailand gefiel mir gut, Turin gefällt mir auf Anhieb: besser. Die Stadt scheint zu wissen, was Kummer bedeutet – das sieht man ihr trotz all der historischen Prachtbauten schnell an. Das Turiner Straßenpublikum ist diverser, weniger schön vielleicht – und weniger optimiert. Ich sehe weniger Hektik, mehr Narben und krumme Rücken und Nasen, aber auch mehr Lächeln.

Ich erreiche den Dom in der Dämmerung und bin ein wenig überrascht: das letzte Abendmahl, das mich in Mailand schon nicht interessiert hatte (was gut so ist, das Bild ist so begehrt wie beschädigt und die Wartelisten dementsprechend lang), hängt hier. Über dem Eingang, in Übergröße. Und ziemlich dunkel. Denke ich. Fälschlicherweise. Hier handelt es sich tatsächlich um eine Reproduktion in Originalgröße. 9 auf 4m. Nur die Schäden wurden offensichtlich nicht mitkopiert. Das ändert an meinem Desinteresse diesem Bild gegenüber wenig bis nichts. Zur Kopie des Monumentalschinkens passt dann auch die musikalische Untermalung dieses Kirchenbesuchs. Eine sehr zuckerwattige Orgelbearbeitung von Bachs Air. Und dieses – an sich ganz fabelhafte Stück Musik – ist nun nicht gerade arm an zuckerwattigen Interpretationen. Von all den Air-Verbrechen, die ich bislang gehört habe, definitiv unter den Top Drei.

Aber ich bin schließlich weder der Musik noch daVinci wegen hier im Dom, sondern wegen des berühmten Turiner Grabtuchs, das mal wieder nicht zu sehen ist. Ist es eigentlich nie. Eine Kopie davon darf täglich für ein paar Stunden verehrt werden. Obwohl es ja eigentlich nichts mehr zu verehren gibt, die Radiokarbon-Untersuchungen haben da eine ganz eindeutige Sprache gesprochen. 14. Jahrhundert. Nach Christus. Das Gute an Religion: Argumente, vor allen Dingen wissenschaftliche, zählen nur bedingt. Der Turiner Erzbischof Kardinal Anastasio Balestrero unterstreicht, beim Grabtuch handele es sich um eine „Offenbarung des Antlitzes und des Körpers Christi.“ Nun gut. Mich erinnert der Schattenmann auf dem Stück Stoff ja tatsächlich eher an den Sänger der Black-Metal-Band Gorgoroth (vergleiche das mit dem). Was das über mein Verhältnis zu Reliquien der katholischen Kirche und zu Mitgliedern skandinavischer Schwarzmetal-Formationen aussagt, darf gerne im Dunkeln bleiben.

Satin Island

Das Grabtuch interessiert mich nicht, aber ich nutze es gerne als McGuffin, um endlich mal über SATIN ISLAND, den zumindest in Teilen ganz hervorragenden Roman von Tom McCarthy zu schreiben. Und der beginnt so:

In Turin wird das berühmte Grabtuch aufbewahrt, das einen Abdruck der Leiche Christi nach der Kreuzigung zeigt: auf dem Rücken liegend, die Hände über dem Geschlecht verschränkt, die Augen geschlossen, der Kopf dornengekrönt. Allerdings ist das Bild auf dem bloßen Leinen kaum erkennbar. Es tauchte erst im späten neunzehnten Jahrhundert auf, als ein Amateurfotograf sich das Negativ einer Aufnahme des Objekts ansah und die Gestalt bemerkte – blass und verblichen, aber dennoch da. Nur im Negativ: Das Negativ wurde zum Positiv, was bedeutet, dass das Leichentuch selbst faktisch schon ein Negativ war.

McCarthy benutzt das Grabtuch als initialen Aufhänger, um die Komplexität seiner literarischen Rede zu steigern – und an dieser Schraube dreht er in recht atemberaubender Geschwindigkeit die ersten 100 Seiten von Satin Island. Der Roman spielt auf sehr eindrückliche Weise mit Ideen der Überlagerung und Übertragung. Alles affiziert alles, mit Sinn oder Unsinn. „Die Welt funktionierte jeden Tag, weil ich sie am Tag zuvor mit Bedeutung ausgestattet hatte.“ Die Berichterstattung über eine Ölpest wird zur Ölpest. „Das Material der Welt ist schwarz“ und Aphrodite tollt im schwarzen Schaum umher. Das ist technisch brillant (und ich vermute auch: meisterlich übersetzt) und wahnsinnig clever. Ein Text, der sich permanent bricht und in seinen Referenzen eine ungeheure Wucht entfaltet: „Ich? Nennt mich U.“ Hier spricht ein Anthropologe und zwar in mehrfacher Hinsicht. Große Empfehlung, auch wenn das Buch meiner Meinung in der zweiten Hälfte etwas kippt, weil ihm ja eigentlich nichts anderes übrig bleibt, als zu kippen. Ist die eigene Gemachtheit erstmal derart radikal ausgestellt, dürfte es schwer fallen, eine Geschichte aus den Zylindern zu zaubern, die den Motor in Fahrt halten. Eben.
Lesen, bitte, wenns manchmal auch ob all der Besser- und Bescheidwisserei ein wenig nervt.

Trick or treat

Es ist Halloween, die Kinder verkleiden sich, ziehen durch die Straßen und bitten um Süßigkeiten. Sogar in kleineren Supermärkten und Bars. Scheint hier üblich zu sein und Kinder sind in Italien ja eigentlich ohnehin überall willkommen, dementsprechend haben sich die Betreiber mit ordentlich Süßkram eingedeckt. Ich gehe in die Bar und trinke ein Bier in Gedenken an #kroetakano. Der Barmann sagt mir, dass Menabrea mal eine gute Marke war, bevor sie an Deutsche verkauft wurde. Dann fragt er mich, wo ich herkomme. Wir lachen. Er entschuldigt sich, dass der Fernseher kaputt ist. Ich versichere ihm, dass ich nicht fernsehen will. Tatsächlich nerven mich die allgegenwärtigen Fernseher etwas. 4 Minuten später betreten zwei ältere Damen die Bar, es kommt, soviel verstehe ich – zu einer hitzigen Diskussion über das Thema Fernsehen. Dann bastelt der Barmann eine Art Stativ aus Plastikröhrchen, drapiert sein Tabletgroßes Telefon darauf und stellt es so auf die Bar, dass die Damen es sehen können. Der Kanal der Wahl: MTV Italy.

La Badessa

Ich gehe zum Abendessen. Schon wieder Kirche, zumindest sieht es hier ganz ähnlich aus. La Badessa an der Piazza Carlo Emanuele II schmückt sich mit Sakralkunst, und zwar reichlich. Klingt furchtbar, ist es aber ganz und gar nicht. So ungefähr sieht das aus. Der Abend wird zu genau dem Kontrapunkt, den ich nach Mailand brauche. Grandioses Essen, und ein herzlicher und unaufgeregter Service, der mich mittels Menu Degustazione in 5 Gängen durch die Feinheiten der Piemonteser Küche führt. Es gibt Flan mit Birnen, Thymian und Käse, Vitello Tonnato ohne Matsch, eine Maronenpolenta, die schmeckt wie eine glückliche Kindheit, Kalbsbäckchen, Stockfisch-Gnocchi, die ganz anders und noch viel besser schmecken, als ich sie mir zunächst vorstelle; kurz: der Abend wird hervorragend, ich komme wieder. René, Adresse notieren und rechtzeitig servieren.

Kino. Kunst. Konzentration.

Tag 2 in Turin beginnt mit einem eher kurz gehaltenen Frühstück, dann ab in die Stadt. Es ist 8:30, die Straßen sind leer. Ich weiß warum. Weil alle vorm Museo Egizio in der Schlange stehen. Vor der Tür, die Treppe runter, um die Häuserecke, um den Block. Ich beobachte das Ganze für 5 Minuten. Kein Fortschritt. Kein Ägypten für Pfeffer heute. Ich gehe stattdessen in die Mole, das ist ein einigermaßen beeindruckend hoher Bau, in der Planungsphase Ende des 19. Jahrhunderts war er kurz mal das höchste Gebäude der Welt. Heute ist hier das Filmmuseum beherbergt. Auf den Vorhang, durch den die Besucher müssen, wird „The Purple Rose of Cairo“ projiziert. Gefällt mir gut.

Film interessiert mich insgesamt, mit wenigen Ausnahmen, eher nicht so. Aber einer der Ausnahmen wird hier eine große Ausstellung gewidmet. Gus Van Sant. Sehr lohnenswerte Geschichte, mich beeindrucken vor allen Dingen die Fotoarbeiten von Van Sant. Ich folge John Robinson durch die Gänge der Highschool und bin mit Matt Damon in der Wüste. Ich werde mir demnächst mal verstärkt Gedanken um Gus Van Sant machen, weil ich gar nicht genau artikulieren kann, was genau ich an ihm so schätze. Das hat sicher etwas mit seiner Haltung zu tun. Und mit seinem Gespür für fallen angels. Ich werde berichten.

Danach gehts in den Palazzo Madame, wo ich gerade im Café sitze, unter einem Cignaroli-Gemälde, nebst mehreren leeren Tassen und dem ersten Bier (Cheers Kroeta!). Eigentlich hatte ich vor, in einer der Prunk-Kaffeehaus-Institutionen ein wenig zu schreiben. Aber recht schnell wird mir klar: das läuft nicht. Ich kenne das schon, aus Wien und Belgrad und zuletzt aus dem Mailänder Hotel. Ich finde in diesen Räumen nicht statt. Nicht, weil ich unangemessen gekleidet wäre. Aber all das Dekor engt mich ein und krümmt mir Wirbelsäule und Großhirnrinde.

Auch über den Palazzo Madame ließe sich freilich vortrefflich palavern, zum Beispiel über die wirklich grotesken Portraits im Cabinetto Rotondo. Aber dieser Text ist ohnehin schon deutlich länger als geplant, die Zeit, sie rennt und mein inneres ADHS-Äffchen übt Schlagzeug. René erledigt das dann via facebook-Status im Januar, ok? Ich will mich noch ein wenig verirren. Und  in die Küche des Piemonts stürzen. Morgen gehts schon wieder weiter, Richtung Süden, an die ligurische Küste. Mal sehen, wie es sich da so verhält.

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Me, myself & Italy – Teil I

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Ich bin weg. Urlaub, Kurztrip, Roadmovie. Und die Wunschliste ist mal wieder lang und ambitioniert: Tessin, Lombardei, Aostatal, Piemont & Ligurien. Im schnellen Wechsel zwischen Land und Stadt. Wobei Land hier stellvertretend für „Berg“ steht, der neuen Leidenschaft will schließlich gefrönt werden.

So weit, so wenig ungewöhnlich. Rundreisen mit häufigen Ortswechseln entsprechen durchaus meinem touristischen Schema. Was diesen Urlaub besonders macht: ich reise alleine. Zum ersten Mal in meinem Leben, sieht man von Wochenendbesuchen in deutschen Großstädten ab. Aber jetzt mal Urlaub alleine – und zwar so richtig. Gründe dafür gibt es viele, nicht alle sind eindeutig zu benennen. Auf der Sonnenseite zu verbuchen: im eigenen Tempo reisen, ohne Kompromisse und langwierige Gruppenentscheidungen. Und wer schon mal mit mir unterwegs war, weiß was Tempo heißen kann. Meine Schritte sind schnell, meine Taktung hoch. Ich langweile mich schnell und will: viel. In den letzten Wochen mehrte sich zudem der dringende Wunsch, mehr zu lesen und vor allen Dingen: mehr zu schreiben. Das erhoffte ich mir ganz elementar von einer Reise mit mir alleine: und so wie sich die Sache hier gerade gestaltet, bei Paninopause mit Macbook im Café in Brera – scheint der Plan ganz gut aufzugehen.¹

Die gesammelten und aufgeschobenen Themen der letzten Wochen und Monate habe ich dabei – im leichten Teil des Handgepäcks. Das glyk nehme ich mit ins Aostatal und über Tom McCarthy soll in Turin geschrieben werden. Wo, wenn nicht in Sichtweite des Grabtuches, ließe sich besser über dieses furiose Satin Island berichten? Aber jetzt mal schön der Reihe nach. Alles auf Start. Pfeffer on Tour, Klappe die Erste:

Von Schiffen

Die Reise beginnt mit einer angenehmen Überraschung, zumindest für mich. Die Dame am Schalter der Autovermietung kämpft mit dem Reservierungssystem. Und verliert. Meinen mehrmaligen Hinweis, dass ich es gar nicht sonderlich eilig habe und sie sich bitte nicht stressen lassen soll, ignoriert sie, stresst sich ziemlich, beginnt zu fluchen, entschuldigt sich wiederholt, öffnet dann eine Schublade und sagt: „ich hoffe, wir können die Unannehmlichkeit mit einem Upgrade ausgleichen.“ Mir war bis dato zwar gar nicht unannehmlich zu Mute, aber Upgrade, das klingt im Reisebusiness: gut, sehr gut, nach mehr Beinfreiheit und Champagner. Und ich mag Beinfreiheit. Nächste Szene: Pfeffer im Schiff. Bestellt war ein Kleinwagen ohne Extras. Geliefert wurde: ein Großwagen mit Extras. Ich mag Extras. Und ich mag gute Bord-Entertainment-Systeme. Auch meine Zweifel, wie zur Hölle ich denn mit einem Auto dieser Länge in oberitalienischen Innenstädten seitlich einparken sollte, wurden alsbald zerstreut: von einem Extra, das ich auf den ersten 500 gefahrenen Kilometern schon sehr zu schätzen gelernt habe. Kamera auf der Rückseite. Mit Spurassistent oder wie auch immer das heißen mag. Funktioniert in jedem Fall und lässt auch einen Autolegastheniker wie mich die reichlich engen Milaneser Parklücken meistern. Das Gute an einem Auto dieser Größe ist gleichzeitig die Krux an einem Auto dieser Größe. Mein Gepäck ist enorm. Die Outdoortasche, der Wanderrucksack, Klettersteig-Zeug, Jogging-Ausrüstung, eine mittelschwere Bibliothek und eine Reisetasche mit „normalem“ Gepäck. Der Kofferraum ist voll.

Ticino, ti voglio tanto bene.

Ich breche früh auf. Es ist dunkel und kalt, auf der Fahrt zieht Nebel auf. Im Rheintal, 30 Kilometer vor Chur, hebt er sich und die Sonne zündet die Bündner Alpen an. Ich denke an Adrian, den ich vor 2 Wochen im Churer Kabinett der Visionäre traf und der von der Wettergrenze Graubünden erzählte. Recht hatte er.

Benjamin singt: „I wish we could open our eyes / to see in all directions at the same time.“ Große Freude. Urlaub. Hurra. Erster Stopp: Lugano. Wie viele Schweizer Städte dieser Lage mittelschwer Bausünden-belastet. Aber deshalb bin ich nicht hier, also nicht der Stadt wegen. Ich fahre mit der Bergbahn vom Stadtteil Paradiso zur Mittelstation des Monte San Salvatore und wandere zum Zustieg der Via ferrata d´arrampicata. Der Klettersteig beginnt gleich ziemlich ambitioniert, sehr steil und ausgesetzt, mit ganz schön wenig Tritten oder Stiften, um nicht zu sagen: gar keinen. Pfeffer im Seil, mit Puddingarmen und einem dicken Grinsen im Gesicht. Sportliche Geschichte und ziemlich genau das, was ich wollte: eine neue Schwierigkeitstufe. Der See schiebt sich ins Panorama, mit der Höhe eröffnet sich die Sicht auf die Tessiner Alpen. Auf dem Gipfel dann: Sonne satt, blauer Himmel, blauer See. Abstieg zurück nach Paradiso, Leinen los, ab an Bord, ab nach Italien.

Milano

Autofahren und Italien. Ein Klischee. 200 Meter nach der Grenze wird das erst mal gehupt. Wirklich.

Ich muss lachen. Die Musik von Max Richter stellt sich als hervorragender Navigationsbegleiter durch die Mailänder Innenstadt heraus. Ich biege ab. Und biege ab. Und biege ab. Und biege ab. Und frage mich, ob das WIRKLICH die schnellste Route zum Hotel sein kann. Ich komme an. Und fahre 35 Minuten um „den Block“. Dann fahre ich in ein Parkhaus. Glück gehabt, das Hotel hat eine Vereinbarung mit dem Parkhausbesitzer. 25 Euro. Pro Nacht. Und für den nächsten Tag wird mir ein Parkplatz vor der Tür versprochen.

Das Hotel ist: absurd. Ich wollte das so. Für Mailand hab ich Prunk gebucht. Turin wird minimal, Genua ist bislang noch offen. Pagen in Uniform, Teppich, Stuck und Staffage bis zum Anschlag, nein: über den Anschlag hinaus. Wobei Anschlag auch irgendwie richtig ist,  vong Ästhetik her.

Vorhänge, Tagesdecken und Teppiche, so schwer und floral, dass man sich durchaus vorstellen kann, sie schluckten nicht nur alles verfügbare Tageslicht (was sie tatsächlich tun), sondern krümmten auch noch den Raum. Das Ganze dann auf – für italienische Innenstädte – nicht ungewöhnlichen 6 Quadratmetern. Ich habe Mühe, all das Dekor neben meinem Bett zu stapeln und sorge mich auch etwas um die Stabilität dieses Arrangements. Es sollen schon Sterne mit weniger Masse in sich zusammengefallen sein.

Schnell raus, durchatmen, ab zum Dom, der mich tatsächlich sehr beeindruckt. Ich war schon öfter mal in großen Kirchen. Im Petersdom, in der Hagia Sophia, im Kölner Dom. Aber immer wieder stellt sich Überwältigung ein. Und wie so oft, kommt das eine nicht ohne das andere aus: Unterwältigt war ich nämlich auch, das bislang einzige Mal auf dieser Reise. In der eher kurzen Warteschlange atmet mir äußerst geschwätziges Ehepaar aus Österreich in den Nacken. Ich beschließe nach wenigen Minuten, meinen Platz zu opfern und stelle mich nochmals neu an, diesmal gefolgt von stoisch gelassenen Japanern. Ich verliere ca. 3. Minuten Mailand  und gewinne vermutlich mehrere Jahre Lebenszeit.

Der Abend kommt, ab ins Restaurant. Eine DER Situationen, auf die ich recht gespannt war. Ich gehe nicht alleine essen. Falsch. Ich ging nicht alleine essen. Zumindest nicht in „richtige“ Restaurants. Bis gestern. Ab zum Dinner in die Chiara Fiori – und zwar mit allem Drum und Dran. 3 Gänge + dolci & caffè. Und ein komisches Gefühl bei der Sache: kam nicht auf. Zumindest keines, das sich nicht durch einen beherzten Schluck Moretti hätte auflösen lassen. In den Pausen zwischen den Gängen lese ich. Oder werde vom grandiosen Service-Personal unterhalten. Oder ich mache das, was ich auch sonst ganz gerne tue: ich beobachte die Umwelt. Und wenn möglich: mich selbst, während ich die Umwelt beobachte. Das Essen ist – Überraschung – grandios. Burrata in Fenchelsud / Pasta mit Kapern und Sardellen / Tartar von der Forelle mit Artischocken und Mandeln. Happy Pfeffer.

In der Bar treffe ich Chunyŏng aus Südkorea. Europa wegen sexueller Freiheit, Mailand wegen Mode. Er erzählt, dass er nirgends so einsam war, wie in seiner Heimat, die Abweichung mit sozialer Isolation sanktioniert. Eine Landkarte von Gaysia, die mir schon öfter beschrieben wurde. Mailand ist für ihn Mekka in mehrfacher Hinsicht. Möglichkeitsraum in Sex und Stoffen. Chunyŏng ist young, gifted & gay – wie so viele hier.

Heimweg durch die Via Monte Napoleone, vorbei an Prada, Gucci und Versace. Tausende von Taschen um mich. Ein Panoptikum aus hohen Preisen, hohen Mauern & hohen Wangenknochen. Mailand, die Stadt der Gier, Geilheit und gated communities.

Zur Kunst, zum Fieber

Ich falle ins Dekor, hoffe, dass mir all die Ornamente im Nacht nicht den Atem rauben werden und schlafe ein. Tag 2 beginnt mit Blumenbouquets! Und noch mehr Blumenbouquets. Der Frühstücksraum riecht nach den Niederlanden. Wahnsinn, Teil 2. Aber all die Opulenz ist ein guter Kompagnon, wenn es um ausgedehntes Schlemmen geht.

Mailand schläft noch, es ist ja auch erst halb neun, die Straßen sind leer, über der Stadt liegt Nebel. Ich gehe ins Museo del Novecento und schaue mir die Futuristen an. „All things move, all things run, all things are rapidly changing. A profile is never motionless before our eyes, but it constantly appears and disappears.“ Ich mag das ganz gern, trotz all seiner geistesgeschichtlichen Ambivalenzen. Zwei Stockwerke darüber: die Schnitte von Lucio Fontana. Mag ich auch, sehr sogar. Hinter einer seiner Lichtskulpturen sieht man auf die Schlange zum Dom. Wow! Mein Timing scheint gut gewesen zu sein. Große Kirchen, große Schlangen.

In einem anderen Stockwerk entdecke ich die Scheiße von Pierro Manzoni, schmunzle, denke an Yves und den Kunstzirkus und an die Lektorin, mit der ich die ganze „Scheiße“ besprochen, beschrieben und diskutiert habe. 100 Mal. Oder öfter. Schön war das, hallo Lektorin, viel Spaß in Paris!

Un caffè und weiter in die Pinacoteca di Brera. 17 mal Sebastian und richtig große Bilder. In mehreren Räumen hängen Hinweis-Schilder, die das Rauchen verbieten. Die Größe erschlägt mich. Auch körperlich. Im Museum selbst ist die Restaurationsabteilung mitausgestellt. Als Raum-im-Raum-Konzept mit Glasverschalung und Roboterarmen. Sehr geil. Soll man nicht fotografieren, aber ich habe das Hinweis-Schild erst gesehen, nachdem ich es fotografiert habe. Kopfkino läuft, Film ab.

Jetzt geht es gleich zum Abendessen und morgen noch vor Sonnenaufgang ins Aostatal, auf den Berg bzw. Felsen. Bild- und Textbeweise folgen.

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¹ Nicht nur der Vollständigkeit halber soll auch der nicht ganz so sonnigen Argumentations-Seite  die Stirn geboten werden: ich wollte alleine reisen, weil ich alleine lebe. Und obgleich mein Freundeskreis aus ungewöhnlich vielen ebenfalls allein lebenden Menschen besteht: mit zunehmendem Alter nehmen die Paare und die sie umgebenden Verpflichtungen deutlich zu. Alleine reisen, das ist auch als Zugeständnis an einen gesellschaftlichen Status zu sehen, dem ich selbst manchmal einen bedrückenden Beigeschmack zumesse. Ich vermute mal, zumindest fühlt sich das nach Tag 2 des Experiments so an: zu Unrecht. Diese Reise muss weder zur zwanghaft optimistischen Single-Kreuzfahrt noch zur wehmütigen Emotour werden, sondern darf gerne so kritisch,  leicht, lustig und ergebnisoffen verlaufen, wie sie begonnen hat. Ich werde berichten.

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Droben

alp

Pfeffer in den Bergen, deshalb die Stille.
Ich bin bald schon wieder zurück, mit Geschichten & Gedanken über Glyk, Umarmungen & Menschenkunde.

Stay tuned & uneasy,

Pfeffer

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Blick vom Schäfler auf die Altenalptürm, Alpstein, September 2016
At the top of the mountain, there’s a special sensation.

 

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Weiße Rosen in eigener Kotze


Ich empfand es immer als lame, Texte über besonders herausragende Helden des eigenen Erregungshorizonts mit einem Bild der Überforderung – oder noch besser: mit einer Schreibblockade-Metapher – zu beginnen. Wie lässt sich angesichts dieser totalen Geilheit eigentlich überhaupt noch über Kunst schreiben? Oder sowas in der Art. Schlechte Frage, wie ich finde. Schreiben lässt sich fast immer. Und worüber man nicht schreiben kann, darüber muss man: nicht schreiben. Ähnliches gilt schließlich auch für das Begriffspaar reden/schweigen (heute mit Extrabonus: OHNE Wittgenstein-Verweis).

Man könnte jetzt freilich sagen, dass die Reflexionsschleife auch nicht der rettende Texteinstieg ist – und niemals sein kann. Soviel ist sicher: der rhetorische Umweg über die Anklagebank ist nur geringfügig besser als das Ursprungsdelikt, schrammt aber deutlich näher an genau jenem Antipower-Chord vorbei, den Schorsch Kamerun in regelmäßigen Intervallen bei mir anreißt. Dieser Akkord basiert auf Verstellung. Und will wieder und wieder wiederholt werden. Künstler, die diesen Akkord benutzen, interessieren sich auch für: Einschleifung, Überforderung und Wiederaneignung (bis einer blutet).

Schorsch Kamerun hat ein Buch geschrieben, relativ aktuelle Sache, erschienen vor einigen Wochen im Berliner Ullstein Verlag. Das Buch trägt den Titel „Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens“ und zitiert damit gleich mal einen der frühen Kamerun-Songs, erschienen auf dessen erster Solo-Platte „Warum Ändern Schlief“ beim schmerzlich vermissten L’Age D’Or-Label. Ich empfehle dieses Album sehr. Vor allem den Song „Menschen haben keine Ahnung“. Die anderen 2 Kamerun-Alben empfehle ich ebenfalls. Und die Alben der Band Die Goldenen Zitronen, deren Sänger Schorsch Kamerun ist, auch.  Sehr.

Mir ist nicht so ganz klar, warum Schorsch sein Buch mit dem Genre-Zusatz Roman belastet. Klar, subjektiv & fiktional (& innerlich womöglich). Vielleicht ein Stolperstein für all diejenigen Leser*innen, die allzu schnell den vielbeschworenen autobiographischen Pakt eingehen?  Ich habe keine Ahnung und bin auch an der ein oder anderen Stelle genervt von diesem Text – das geht mir bei Schorsch allerdings fast immer so und macht auch einen Teil seiner Faszination auf mich aus. Weiterschreien, zumindest solange, wie der Schrei sich vom bloßen Style unterscheidet. Den richtigen Ton nicht treffen. Nicht treffen wollen (müssen). Schorsch selbst stellt sein Ansinnen in recht klaren Worten dem Text voran:

Denen, die sich auf die Suche nach Umwegen gemacht haben. Weg von einem Leben geprägt von Dominanzen aus Uhren, Zahlen und anderen Feststellungen. Allen, die probiert haben, den Ohrfeigen, Schönschreibklubs und Schuldspiralen eine überraschende, grenzenlose Welt entgegenzusetzen. Ohne Eiche Rustikal, Dauerbenotung und optimiertes Schaffen.

Also erstmal raus aus der Klasse. Und dann wieder zurück, zurück zur Form, zurück zur Chronologie, zurück zum Selbstzweifel und zur Psychologie. Nervt mich auch, an manchen Stellen sogar sehr, weil es manchmal dumm wird („Männer sind Krieger, Sie kämpfen gemeinsam und gegeneinander. In der Kunst ganz besonders.“ 194). Dann find‘ ich es wieder super, also so richtig super:

Musik kann alles! Eine sauber arrangierte, beeindruckend instrumentierte, gekonnt präsentierte Meisterkomposition ist imstande, unendlich langweilig und schwer ärgerlich zu sein. Extra schief, läppisch und wie zufällig hingeworfene Midinoten-Mucke mit inhaltlosen Wortsilben unterlegt, aber dafür mit freier Haltung, kann eine ganze Welt beschreiben. (134)

Und so geht das die ganze Zeit hin und her. Wenn dieser Text eine Entwicklung vollzieht, dann eine, die ich nicht so recht verstehen oder nachvollziehen kann. Ich mag das Buch trotzdem. Weil es an wirklich vielen Stellen ganz wunderbar zur Sache kommt. Das meine ich: genau so, meinetwegen mit oder auch ohne Fiktion. Wenn ich Beschreibungen, wie zum Beispiel die oben zitierte über Musik, dem Schaffen von Schorsch Kamerun, wie zum Beispiel dem oben eingebetteten Wichser-Song, gegenüberstelle – dann empfinde ich das als eine erstaunlich passgenaue Analyse seines Schaffens. Und weitere Beispiele gibt es mehr als genug. Flimmern. Positionen. Das bisschen Totschlag. Schorsch ist ganz oft ganz dicht dran. Das empfand ich in seiner Musik eigentlich immer so. Und in diesem längeren gedruckten Text schafft er das ebenfalls.

Ich finde Schorsch Kamerun wirklich sehr gut. Aus unterschiedlichen Gründen. Dringlichkeit ist einer, Integrität ein anderer. Sich nicht von öden Banden und Style-Seilschaften ausbremsen lassen. Weiternerven, wenn’s denn sein muss. Und daraus dann nicht so ’ne blöde We-will-never-stop-living-this-way-Attitüde rauspressen. Wendige und manchmal auch sehr lustige Manöver gegen die Beschissenheit und Zurichterei. Vielleicht aus Trotz, sicher aus Unbehagen, einem Gefühl des Nicht-Passens und einem instinktiven Wissen um die Alternativlosigkeit des eigenen Tuns.

Schorsch Kamerun, 1963 in Timmendorfer Strand geboren, ist einer der 17 besten Menschen. Wenn ich auch nicht zu ihm aufblicke, weil ich das generell nicht gerne tue, schaue ich ihm gerne zu, bei dem was er so macht. Und höre sehr gerne seine Musik. Ich finde Schorsch Kamerun wirklich sehr gut.

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– Schorsch Kamerun, Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens, Berlin 2016, ISBN 978-3-550-08088-3
– Zirkelschluss: Der allerallererste Beitrag, der auf diesem Blog veröffentlicht worden ist, ist ein Video der Goldenen Zitronen

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Amazing Angels

Vor etwas mehr als zwei Jahren schrieb ich an dieser Stelle einen längeren Text über die Westboro Baptist Church, eine der extremsten evangelikalen Kirchen der Vereinigten Staaten. Die Westboro Baptist Church fällt seit ihrer Gründung durch den inzwischen verstorbenen Pastor Fred Phelps vor allem durch die öffentliche Verbreitung von Hassbotschaften auf. Bei ihren Kundgebungen – gerne während Gedenkfeiern oder Beerdigungszeremonien – tritt die Krawallkirche aus Kansas immer wieder mit großen bunten Schildern und homophoben, antisemitischen und menschenverachtenden Slogans in Erscheinung. God hates Fags. God hates Israel. Fags die, God laughs. Eine Google-Suche liefert zehntausende von eindeutigen Bildbeweisen.

Es war davon auszugehen, dass sich die Phelps-Familie (die Westboro-Kirche speist sich nämlich nahezu ausschließlich aus Mitgliedern dieses Clans) die mediale Bühne der Gedenkfeiern und Beerdigungen der Attentat-Opfer von Orlando nicht entgehen lassen wird. Die Westboro-Strategen haben ein sicheres Gespür für „heiße“ Themen und tauchen zielsicher immer genau dort auf, wo eine erhöhte Dichte an Fernsehkameras zu verzeichnen ist.

So weit, so wenig überraschend. Was dann aber doch überrascht, positiv, so positiv wie nur  irgendwie denkbar, ist das Aktionsbündnis des Orlando Shakespeare Theater und der Orlando Arts Community. Die beiden Gruppen haben beschlossen, den Bibeltreuen die Stirn zu bieten – und zwar mit himmlischen Mitteln. Verkleidet als Engel mit überdimensionalen Flügeln ersparen Sie den Angehörigen und Trauernden den Blick auf die Hassbotschaften der Westboro-Church – und die Hassparolen der Protestierenden überstimmt der Engelschor mit einem Song. Dass die Wahl ausgerechnet auf Amazing Grace fällt, finde ich bezeichnend, wohnt diesem Lied doch qua Geschichte eine ganz eigene transformative Kraft inne. Ursprünglich von einem in den Sklavenhandel verstrickten Euroamerikaner geschrieben, durchlief das Thema einen komplexen Umdeutungs- und Wiederaneignungsprozess und wurde schließlich zum Protestsong gegen die Sklaverei und zur Hymne von Menschenrechtsaktivisten.

Das Angel-Wings-Bündnis wurde 1999 anlässlich der Beerdigung von Matthew Shepard gegründet und ich halte diese Aktion für ein grandioses Beispiel solidarischer DIY-Kultur. Den Deppen nicht das Feld überlassen. Der Ohnmacht etwas entgegensetzen. Mit einfachsten Mitteln und maximalem Effekt.
Das berührt mich.
Das berührt mich sehr.

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– Kenne deine Feinde (und wisse um ihr Potential) – eine kurze Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Westboro Baptist Church anlässlich des Todes von Gründer Fred Phelps.
Don’t stop the dance – ein Text über Wut, Mut & politische Kommunikation nach Orlando.
Wikipedia-Artikel über die Wirkungsgeschichte von Amazing Grace
Spendenseite des Pulse Tragedy Community Fund 

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Don’t stop the dance

tb

Dunkle Tage, noch dunklere Nächte. Orlando, Florida. Wut und Tränen, death & despair. Omar Mateen erschießt 49 Menschen, 53 weitere werden verletzt.

Ich bin niedergeschlagen. Und wütend. Meine Wut ist diffus, sie läuft Gefahr, sich in den feinmaschigen Netzen der großen Abstrakta zu verfangen. Homophobie, Hass, Radikalisierung. Wozu? Wohin? Woher? Weshalb? Ein Gefühl von Atemnot stellt sich ein, ein Gefühl von Ohnmacht.

Es gibt aber auch eine Wut, die ich an Tag 1 nach Orlando sehr klar benennen kann. Die deutsche Medienlandschaft ist sich nicht sicher, ob dieses Blutbad homophoben Motiven geschuldet ist und geht zunächst von einem terroristischen Akt aus. Eine Farce, die mir auch an anderer Stelle schon negativ aufgestoßen ist, etwa wenn Molotow-Cocktails auf Asylbewerberheime fliegen und die Polizei erst prüfen muss, ob es sich um Übergriffe aus Fremdenhass handelt. Unbehagen, Übelkeit: Wut.

Es dauert erfreulicherweise nur etwa einen halben Tag länger, bis sich diese Perspektive quer durch die Tagespresse deutlich dreht. Die Beiträge dazu kommen oftmals von schwulen Journalisten und sind an einigen Stellen emotional gefärbt, was ich bei Krisenberichterstattung eigentlich für problematisch, unter diesen Umständen allerdings – im Sinne eines Korrektivs – für absolut legitim halte.

Denn eines muss klar sein: dieser Anschlag galt nicht primär der Mitte der Gesellschaft. Wer die Mitte der Gesellschaft treffen will, der geht in einen Supermarkt. Essen müssen wir alle. Wer schwer bewaffnet in einen Gayclub geht, der zielt nicht auf die Mitte, er zielt auf den Rand. Getroffen werden sollte die Queer Community, getroffen werden sollte eine ganz bestimmte Lebensweise. Ob das aus religiösem Fanatismus oder gar aus Selbsthass geschah, wie gerade mancherorts spekuliert wird, das mag zu klären sein. Sicher ist: 50 Menschen sind tot. 50 Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle: sind tot. Und wie sehr die LGBTQ-Community nach wie vor von der Mitte der Gesellschaft entfernt ist, das lässt sich unter anderem auch daran ablesen, dass ihre Mitglieder – in Deutschland wie in den USA – vom Blutspenden noch immer kategorisch ausgeschlossen sind (mehr dazu in den Fußnoten). Ironie der Geschehnisse: die Menschenschlangen mit Blutspendewilligen – die das Fernsehen am Sonntag weltweit als Solidaritätsadresse und Bild der Anteilnahme übertrug – bleiben uns versperrt.

Warum Orlando kein Angriff auf die offene Gesellschaft war, titelt Thorsten Denkler für die SZ. Er meinte uns stellt Daniel Sander bei Spiegel online klar. Und Adriano Sack gibt in der Welt zu bedenken: Es ist nicht eure Welt, die hier zerschossen wurde. In diesen Artikeln wird klargestellt, wer das eigentliche Ziel dieses Angriffs war. Das hat nichts mit gekränktem Stolz (woher? wozu?) der Schwulen und Lesben zu tun – und auch nicht – wie in mancher Kommentarspalte zu lesen – mit einer gesteigerten Geltungsbedürftigkeit. Es ist nur zwingend nötig, diesen Anschlag als das zu sehen, was er war: eine gezielte Kampfansage an die Schutzräume einer Minderheit. Und es ist wichtig, dass das genau so ausgesprochen wird. In der öffentlichen Kommunikation der USA ist das deutlich besser gelungen als in den Statements der Bundeskanzlerin und des Bundespräsidenten. Angela Merkel etwa spricht davon, das „offene und tolerante Leben fortsetzen“ zu wollen, ohne an irgendeiner Stelle die Gruppe der Opfer zu thematisieren. Ein Statement, diffus wie meine Wut. Und als Sahnehäubchen ihrer Argumentation lobt sie dann noch: all diejenigen, die bereit sind, Blut zu spenden.

Ich finde diese Auslassung recht auffällig und frage mich, ob Frau Merkel nicht besser beraten gewesen wäre, wenn sie sich mit ein, zwei Sätzen direkt an die LGBTQ-Community gewendet hätte. Weil: ein Schulterschluss, wie er von Barack Obama und Hillary Clinton in den USA propagiert wurde, ist so dringend nötig wie tröstlich und ermutigend.

Obama sagt in seinem ersten Statement am Sonntag:

This is an especially heartbreaking day for all our friends — our fellow Americans — who are lesbian, gay, bisexual or transgender.  The shooter targeted a nightclub where people came together to be with friends, to dance and to sing, and to live.  The place where they were attacked is more than a nightclub — it is a place of solidarity and empowerment where people have come together to raise awareness, to speak their minds, and to advocate for their civil rights.

Er spricht direkt die LGBTQ-Community an und verknüpft den Ort des Anschlags recht clever mit den Grundsäulen amerikanischer Bürgerrechts-Traditionen: solidarity, empowerment, freedom of speech. Direkt danach richtet er den Fokus vom Speziellen aufs Allgemeine und stellt klar:

Attacks on any American—regardless of race, ethnicity, religion, or sexual orientation—is an attack on all of us.

Rhetorisch noch ein wenig geschickter – und in einer Prägnanz von 120 verwendeten Zeichen, meldet sich Hillary Clinton bei Twitter zu Wort:

To all the LGBT people grieving today: you have millions of allies who will always have your back. I am one of them.

Obama gibt den Staatsmann, Clinton argumentiert in ihrer derzeitigen Rolle etwas wendiger und individualistischer, aber beide setzen sie ein deutliches Zeichen: das Zeichen einer Einigkeit, die offen und ohne Scheu Unterschiede thematisieren kann, ohne den Verdacht zu erwecken, dass sie: kaschiert. Bedauernswert, dass das in Deutschland offenbar (noch) nicht möglich ist.

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Weiterlesen:
Richard Kim – Please don’t stop the music
Democracy Now – Orlando Massacre Comes After Lawmakers in U.S. Filed More Than 200 Anti-LGBT Bills
Die Blutspende-Thematik in Deutschland
Ein Virus kennt keine Moral – Mein Ärger über die Blutspende-Thematik in Deutschland

Bild: Félix Gonzáles Torres.

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Vor und nach: Wien

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Pfeffer on the road, oder besser: Pfeffer in der Luft. Pfeffer im Flieger, Pfeffer im Katapult, feet in the air, head on the ground. Das ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, verzerrt nur zugunsten eines erzählerischen Brennglases, das die Chronologie der Ereignisse außen vor lässt und den effekthascherischen Fokus genau dorthin richtet, wo die Konturen bereits verschwimmen. Willkommen im Schleudergang, welcome to Vienna.

Wien also. Wo ich lange nicht mehr war. Ziemlich genau seit 22 Jahren. Erinnern kann ich mich an wenig. An Gerüche, eher intensive. Und an Staub und Schwüle. Alles noch da, soviel ist schnell klar. Wien lebt. Wien klebt. Wien riecht. Nach Tabak und Bratfett, nach Pomade und Paprika. Die norwegische Duftforscher und -künstlerin Sissel Tolaas kam schon vor vielen Jahren auf die Idee, Städte olfaktorisch zu kartographieren. Ich halte das für ein absolut schlüssiges Konzept. Wien dürfte im europäischen Vergleich eher zu den schweren Parfums gehören, in bester Allianz mit den Schwesterstädten der Schwarzmeerroute: Bratislava, Budapest und Belgrad. In Budapest & Belgrad war ich bereits. Intensiv, beide. Intensiv und gut. Und Bratislava will zeitnah besucht werden. Slowakei-Spezialisten schreiben mir bitte über die einschlägigen Kommunikationsabwasserkanäle.

Wien ist gesellig and so are we. Weshalb wir auch zu acht anreisen, eigentlich sogar zu achteinhalbt, aber die Hooliganista zieht es vor, mit dem Exmitbewohner im vierten Bezirk zu wohnen, während wir unser Quartier in unmittelbarer Nähe zum Naschmarkt beziehen. Das Aufeinandertreffen der Reisegruppen München und Konstanz ist herzlich und promilleintensiv. Keine Überraschung also. Wir werden zur Kunst und zum Zapfhahn gezogen. Cultural Management at its best. Und die Apothekerin lacht. Warum? Weil sie’s kann und weil ihr das Lachen außergewöhnlich gut steht.

Soweit, so vorhersehbar.

Was mich dann doch ein wenig überrascht: die ausgeprägte Harmonie. Dazu muss man wissen: mein Freundes- und Bekanntenkreis besteht zu nicht unerheblichen Teilen aus alkoholaffinen Alleinunterhaltern & Aufmerksamkeits-Junkies. Freundlichen ebensolchen – und wie sich zum wiederholten Male herausstellt: sehr entspannten Zeitgenossen. Das macht die Sache mit dem Gruppenkuscheln natürlich sehr angenehm. Ich spiele mit dem Gedanken, die Reisegruppe fürs nächste Jahr zum Kobayashi Maru-Test anzumelden – und ich bin optimistisch, dass die Anzahl der geleerten Seidl, Krügerl & Haferl im Anschluss zwar rekordverdächtig hoch sein wird – das vielbeschworene Stimmungsbarometer allerdings ebenso. Gute Gruppe, sehr gute Gruppe.

Mit der Lektorin gehts zur Kunst. Ziemlich eindrücklich: Berlinde de Bruyckere im Leopold-Museum. Ich erwarte nichts und bekomme: viel. Wachsskulpturen, Wunden, Pferdehaar, Menschenhaut, Weltkrieg, Leidhaufen. Nähte, auch im Sinne von Verbindungen, Schmerzensikonographie, Pietà. Guter Auftakt eigentlich, ziemlich Wien eigentlich. Danach geht’s zu Lehmbruch und Minné. Knieender Jüngling, I like your style! Almdudler-Radler ist onomatopoetisch und geschmacklich durchaus interessant, die Painting 2.0-Ausstellung im mumok: für mich eher weniger. Der Kopf ist müde, die Füße sind es auch, ab zum Essen, ab zum G’spritzen, ab ins Bett.

Laufen mit der Marketing-Lore, im Garten des Schlosses Belvedere, an dessen Tor zwei Sphinxen wachen. Frühsport in mondän, danach geht’s kreuz und quer durch die Stadt. Über Plätze, durch Kanäle. Schiff fällt aus, dann halt: Bier. Vor dem Modell der Frankfurter Küche im MAK frage ich mich, woher mir der Name Margarete Schütte Lihotzky bekannt sein könnte – einige Tage später in Konstanz erinnere ich mich. Die Nette-Leit-Show von Hermes Phettberg wurde seinerzeit im Margarete-Schütte-Lihotzky-Saal in Wien aufgezeichnet. Auch gut, Phettberg, sehr sehr gut.

Nach oben, Nordpol, Blini, Kalbskopf. Der Anwalt ist d’accordeon, die Musikanten auch. Mit dem Taxi zurück an den Naschmarkt. Die anvisierte Weinbar schließt, nicht ohne uns vorher den Rüdigerhof zu empfehlen, den wir 5 vor 12 erreichen. Um 00:00 knallen die Korken, Happy Birthday kroetakano. Danke für den Anlass, danke für die Gruppenstiftung, merci, dass es dich gibt! Die einen schlafen, die anderen schminken – die Welt ist der Welt eine Bühne, das haben Teile unserer Reisegruppe längst verinnerlicht.

Frühsport die Zweite, die Kulisse nutzt sich nicht ab. Danach versuche ich, die Halsschmerzen mit Eierspeisen im Café Sperl zu behandeln – mit mäßigem Erfolg. Secession. Ver Sacrum! Ja! Gerald Domenig und ein Glas Wasser! Nochmals ja. Verliebt in Wien, Schifffahrt mit drei „f“ und ohne Anführungszeichen. Status Quo vadis? Zur Hölle? Wo liegt das? Die Lage wird unübersichtlich, der Prater schafft Abhilfe. Wien von oben, alle am Fenster. Ich werde zum Pfeil, lege mich mit Freundin Hubert auf den Bogen und lasse mich abschießen. Jetzt echt mal. Black Mamba Alter. Todesangst wegen 3G. Normalerweise habe ich Todesangst, wegen NICHT 3G. Datenratenjunkie und so. Jetzt wirds existentiell, Schluss mit dem Gelaber. Adrenalin, Panik, die Stimme bleibt weg. Danach Enthusiasmus & Demut – die Erde hat mich wieder. Der Himmel weint, zum ersten mal seit 36 Jahren. Bosna. Kir Royal. Ab in die Bahn, ab in die Fromme Helene.

Lauch isst Knoblauch, true dat! Gut ist’s da, Spielkarte and der Decke, Schnitzel auf dem Teller, Bier auf der Hose. Erste Spuren des Überschwangs, souveräner Superservice.

Die Abreise naht, letztes Naschmarkt-Frühstück, Parr für die Einen, Käfer für die Anderen. Trennung in Raketenbrennstufen – und die Staranwältin hat völlig recht: nach einem Wochenende mit derart vielen guten Leuten und maximalisierter Auflagefläche fällt der Abschied immer besonders schwer. Herdentrieb-Phantomschmerz, aber hilft ja alles nichts. Tschüss Hubert, Tschau Gattin, Pfiati Lore, Lauch & Lektorin. Gehab‘ dich wohl Frau Hooliganista, bye Kroeta und Herr Anwalt: ruf meinen Anwalt an.

Tschüss Wien.
Ich Wir kommeN wieder.

 

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How the East was won (and where it got us)

New YorkEinige Wochen sind seit Amerika vergangen – ich war damals mit der Gattin und der Lektorin unterwegs, besuchte die reizenden M&Ms und verfasste bereits vor Ort, in Portland/Maine, eine erste kleine Skizze dieser Reiseunternehmung. Und seither wollte ich immer mal wieder noch 1,2 Sätze zu Papier bringen, über die Staaten, über den Status, über den „state I am in“. Wenn ich eines über mich und meinen sprachlichen Umgang mit der Welt in den letzten Jahren gelernt habe, dann sicherlich: dass das Fazit zu den mir eher unliebsamen Textsorten gehört. Ich schiebe und hebe das gerne auf und berufe mich sogar, wenn es denn sein muss, auf die Poststrukturalisten und beschwöre den Aufschub. Als Möglichkeit und modus operandi, als Chance, dieser ganzen Urteilerei zu entfliehen. Fazit? Bleibt mir fremd. Abschluss? Nein Danke. Aber ein wenig Aufschluss, das würde ich mir ab und zu schon wünschen.

Amerika, auch das erwähnte ich bereits im vorangegangenen Text, „is hard to see“. Ein kulturell so überformter wie phantasmagorisch strapazierter Begriff. America. Land of the free. Wo fast alles möglich sein soll und gleichzeitig alles so stark reglementiert ist, dass vom Park vor lauter Schildern fast nichts übrig bleibt (Do not furnish the lawn!). Entferne dich 20 Fuß von diesem Gebäude, wenn du rauchen möchtest. Und dann nochmal zwanzig, weil da schon wieder ein Schild steht. Fast schon angenehm klar, wenn in Burlington/Vermont das Rauchen gleich in ganzen Straßenzügen verboten wird. An Nicht-Rauchen in der Öffentlichkeit habe ich mich übrigens ähnlich schnell gewöhnt, wie damals – 2007 – an das Nicht-Rauchen in geschlossenen Gastro-Räumen.

Die ersten Etappen unserer kleinen Reise (hier nachzulesen) führen uns von New York entlang der Küste nach Norden, wo es erst schön wird und dann noch schöner. Portland/Maine ist einer jener Orte über den ich nichts wusste – und der mich nachhaltig begeistert. Der Abschied vorm Leuchtturm ist etwas wehmütig, aber der Nebel und seine Weichzeichnerfunktion machen vieles wett, erst auf den Digitalfotos – und mittlerweile auch in meiner Erinnerung. Wir wollen unbedingt weiter, weiter nach oben, vielleicht auch weiter in die Wildnis – das kann ich gar nicht so genau beurteilen, weil die genaue Motivation unserer kleinen Polarexpedition nie ausgesprochen war – aber sicher auch um Themen wie Ursprünglichkeit kreiste. Das hat dann erstmal gar nicht so gut geklappt – unser oceanfront beach house in Lincolnville/Maine ist zwar genau das: oceanfront. Dafür aber auch: highwayback. Mit dem Auto von der Ferienwohnung direkt auf den Highway zu fahren, das scheint für viele Amerikaner ein aufpreiswerter Vorteil zu sein. Wir bemühen uns, auch an dieser Stelle auf ein Fazit zu verzichten und den abendlichen Blick auf den Atlantik ebenso zu nutzen, wie die schnelle Verbindung in den Acadia National Park. Wir klettern. Und sehen das Wasser glitzern wie selten zuvor. Drei Peanuts an der Bucht, an der Küste, zwischen Seen. Die Köpfe im Wind, mit Hummer und Haar. Skandinacadia, wie schön, wie schön.

Freunde hatten uns schon im Vorfeld den aberwitzigen Plan ausgeredet, die kanadische Grenze in Richtung Halifax zu überqueren. Weil, so die neuschottischen Connaisseure: da ändert sich nicht viel. Wenn Kanada, dann doch besser nach Montreal, Quebec oder Toronto. Wir streichen Kanada kurzerhand aus unserer Route und entscheiden uns für eine lustige Rundfahrt durch Neuengland. Nächster Stop. New Hampshire. Live free or die. White Mountains, von der Küste in die Berge. Idyllischer als das „Mount Jefferson View“ kann ein Motel vermutlich kaum liegen. 10 kleine Holzhütten an der Nationalparkgrenze. Bergluft, Grillenkrach und eine kaltklare Nacht. Und mittendrin ein Polizeiauto, unbemannt, mit laufendem Motor. Steht da 2 Stunden oder länger. Die Polkappen scheinen hier ebenso weit weg wie die Aussicht auf ein Schusswaffenverbot.

In Charleston ermordet Dylann Roof 9 Menschen mit einer – Schusswaffe. Den kleinen rauschenden Röhrenfernseher im Motel befragt, 5 Minuten FOX News, Kommentar zur Obamarede. Recently Obama blamed Donald Trump for being a racist, now he’s blaming the weapon lobby – who will he blame next? The american people? Kopfschütteln, Fassungslosigkeit, abschalten. Entrée la nature. Wir laufen in loops, durch Schluchten und Täler. Dann: Mount Washington. Gar nicht mal so richtig hoch, aber immerhin der höchste Punkt im Nordosten. Mehr oben geht also nicht. Weite & Wahnsinn (verständlicherweise nie ohne: Gebühren & Geschrei – ich bin die Mickey Mouse – gib mir 1.000.000 $ und flieg mit mir zu den Sternen).

Wir müssen weiter, Richtung Westen, ins widerspenstige Vermont. Erstmal Kühe. Und Wiesen. Irgendwie Oberbayern. Michael und Chan singen. Von ihrem eigenen dunklen Amerika.

Burlington ist das kulturelle Herz des kleinen und sympathischen Staates. Wir wohnen bei Andrea, die an der University of Burlington unterrichtet und uns ihre umgebaute Garage zur Verfügung stellt. Es ist schwül. An unserer Tür steht: all unauthorised persons will be authorised. Der Spruch brennt sich ein und legt sich über mein Bild von Vermont. Der Biosupermarkt ist eine Kooperative und ziemlich großartig. Tolles Essen überall. Das Wetter ist unentschieden – and so are we. Die Pharmazeutin liest Gewaltcomics, die Lektorin hält sich am PBR fest – und ich bin – kurz vorm Ende dieser Reise – ziemlich einverstanden. Mit meinen Begleitern und der Welt – mit diesem kleinen Teil der amerikanischen Ostküste in all seiner Vielschichtig- und Widersprüchlichkeit.

Wir fahren zurück, nochmal New York, von dem wir nicht genug bekommen können. Das liegt mit Sicherheit auch an unseren fabelhaften Gastgebern und Reiseführern. Auf dem Weg halten wir kurz in North Adams. MASS MoCA. Das vermutlich größte Museum für Contemporary Art in den Staaten. Anselm Kiefer bespielt nicht einen Raum, sondern ein ganzes Gebäude. Sol LeWitt auf 3 Stockwerken, Jim Shaw, Clifford Ross. Reizüberflutung. Ein Tag in den giardini, mit schlechterem Kaffee, aber in gut. Wir erreichen den Hudson. Zwei weitere leuchtende Tage in NYC. Der Toilet Wine steht kalt. Essen und Trinken und noch mehr Trinken und ab in die Nacht und mitten durch den Regen mit den beiden Ms. Franz ist da. Und der Herzbube auch. Und die Neu-New-Yorker J&T. Wildes Gerede. Wir trinken so viele Biere, dass die Barkeeperin Nachschub kaufen muss. Warum denn aufhören, wenn’s doch gerade am schönsten ist. Wir bleiben alle mal schön hier, in dieser dunklen Bar, die nicht cool ist und nicht in, aber gerade für den Moment Insel genug. Das Klischee des Schmelztiegels wurde schon viel zu oft strapaziert – und abgesehen von großen Mengen Bargeld, die mir im Minutentakt zwischen den Fingern wegschmelzen, kann ich gar nicht beurteilen, ob und was in New York so miteinander verschmilzt – aber mit Sicherheit sagen lässt sich: New York vibriert. Und stinkt. Und wie jede anständige Großstadt ist sie Aufputschmittel und Sedativum gleichermaßen. New York nervt. New York brennt. Michael flüstert mir ins Ohr.: Leaving New York / never easy.

Recht hat er, wie so oft.

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Die harten Fakten: 3 Wochen Ostküste. 7 Bundesstaaten, 2000 Meilen, gefühlte 200 Kaffeestops für die koffeinabhängige Apothekerin, 30 weggeschüttete Kaffees (von der Apothekerin), mehrere Dutzend degustierte Craft-Biere, ebenso viele verbrauchte Blasenpflaster, hervorragendes Essen aus den Küchen unterschiedlichster Kulturen (Ukraine, Venezuela, Korea, Senegal, Japan), öfters mal ziemlich verwundert gewesen, öfters mal ziemlich im Schwung. Gezankt, gelacht und ziemlich viel geschaut. Schnapsschüsse von der Reise gibt es bei flickr.