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Alba & I – Teil 3

Für alle Quereinsteigerinnen: Pfeffer reist durch den Norden Großbritanniens. Die ersten beiden Teile der Reiseberichterstattung gibt es hier (Schottland: Highlands & westliche Inseln) und hier (Schottland: der Norden, Osten & Edinburgh) zu lesen.

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Gefunden auf der Britannia: „The Queen and The Duke of Edinburgh wave to Concorde.“

Fuck Brexit, I need a Breakxit

Texteinstieg mit einer Überschriftenlüge. Ich bin gar nicht mehr in Alba – oder nur noch ganz kurz. Vor einer langen Fahrt in Richtung Süden, schaue ich im Hafen von Leith, im Norden von Edinburgh vorbei. Dort liegt die Britannia vor Anker, 44 Jahre lang die Yacht der königlichen Familie bis sie 1997 außer Dienst gestellt wird. In der Offiziersmesse stoße ich auf eine recht außergewöhnliche Fotografie. Der Duke of Tikimusterkurzarmhemd and his Trümmerqueen, einer startenden Concorde zuwinkend, aufgenommen auf einem ausgemusterten Schiff – Auslaufmodelle unter sich.

Ich fahre schmunzelnd in den Süden. Die Reiseroute wird spontan geändert, I need a Breakxit, bin erschöpft und brauche ein wenig Urlaub vom Urlaub. Anstelle eines Küstentrips, fahre ich vorbei an Dumfries und Carlisle, streife den Lake District, von dem ich so viel Gutes gehört habe, und erreiche nach der Umfahrung von Manchester nach etwa fünf Stunden mein Ziel in Castleton, im Herzen des Peak District. Hier wohne ich für drei Tage bei Mary und Ann, zwei Schwestern, die für ihre pochierten Eier bekannt sind. Sagen sie selber. Und für ihre Geschichten. Sage ich. Ann hat in Kanada gelebt, war überzeugte Marxistin in einer Aktivistengruppe überzeugter Marxisten. Zum Zerwürfnis kam es über Weißwein. Teile der Gruppe erachteten es als aktivistisch adäquat, das Weltgeschehen Weißweintrinkenderweise vom Wohnzimmertisch aus zu kommentieren – Ann sah das anders. Ann war wohlhabend, Ann war arm. Ann hat einen schwulen Sohn, der mit seinem PHD hadert. Ann macht Pilates, bereut wenig und hat wirklich viel zu erzählen. Ich genieße die Stunde im Frühstücksraum mit ihr und bewundere ihre Energie. Ann reihe ich ein in die Liste meiner Altersvorbilder. So möchte ich gerne sein, in meinen Siebzigern. Vielleicht nicht ganz so ungestüm, aber mindestens genau so unerschrocken.

Schon bei der Ankunft im Peak-District fällt mir ein erster gravierender Unterschied zu Schottland auf. Die Eingangstür muss abgeschlossen werden/sein/bleiben. IMMERIMMERWIRKLICHIMMER. Dafür gibt es gleich mehrere Hinweisschilder. An der Bevölkerungsdichte kann es kaum liegen. In Castleton leben ungefähr 600 Menschen.

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Peak District – gesehen vom Mam Tor

Die Hinweis-Schilder, die vor dem Betreten von Wiesen, Weiden oder Grundstücken warnen, häufen sich in den nächsten Tagen. In Schottland gilt eine Art Jedermannsrecht. In England ist eigentlich alles „Private“. Der Peakdistrict, vor allem im Umkreis von Ortschaften, ist parzelliert und mit Zäunen durchzogen, was in einer merkwürdigen Diskrepanz zum sanften Fluss dieser sanftgrünen Hügellandschaft steht.

Wo keine Zäune stehen, da durchschneiden teure Autos die Serpentinenstraßen des Nationalparks. Lamborghinis, Ferraris, Porsches. Mir fällt auf, dass ich in Schottland kaum Autos dieser Preis- und Statementklasse zu Gesicht bekommen habe. Trennung, so scheint mir, hat hier in England einen hohen Stellenwert. No Entry – kein Zugang – wird zum symbolischen Schild dieser zivilisationsnahen Wandergegend.

Sheffield Sex City

Von meiner Herberge in Castleton, mache ich mich zu Tagesausflügen auf. Ich besteige den Mam Tor, bin unten mit der Sonne oder fahre nach Sheffield, was nur eine halbe Autostunde entfernt liegt. Mein Besuch in dieser ehemaligen Stahlmetropole hat nur einen Grund: Def Leppard.

Spaß. Der Grund ist Jarvis, Jarvis Cocker, geliebter und allerbester Sänger, Fronter und Vordenker der allerbesten Popband Pulp. Me=Fanboy, ein Besuch in Sheffield deshalb: Pflicht.

An Jarvis liebe ich so vieles. Seine narrativen Songtexte (NB: Please do not read the lyrics whilst listening to the recordings). Seinen Look, seinen Habitus. Seinen Fokus auf die Alltäglichkeiten, auf all jenen PULP der Massenkonsum- und Wegwerfgesellschaft. Und obwohl Jarvis sich in seinen Liedern unablässig am boy-meets-girl-Thema abarbeitet, war er für mich immer auch ein queeres Rolemodel. Vielleicht deshalb, weil er so konstant an dieser Außenseitergeschichte von Geilheit und Begehren schreibt, die sich selbst in all ihrer Ungelenkigkeit und in ihrem Schmerz feiert. It seems I saw you in some teenage wet dream / I like your get-up, if you know what I mean.

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J is for Jarvis

Ich parke im 16. Stock eines sehr engen Parkhauses, dessen Ebenen nach Städten benannt sind. Die einzige deutsche Stadt: Essen, piktographisch mit einer Kohlenzeche untermalt. Stockwerk 16: Rom, Kolosseum. Mein erstes Ziel, die Graves-Gallery, empfängt mich mit einer Aufwartung an den berühmten Sohn der Stadt. Damien Hirsts Beautiful Morana Dysgeusia Painting for Jarvis (with Diamonds) ist dort zu sehen. Jarvis Cocker vermachte das Geschenk an die Graves-Gallery als Geste der Solidarität, nachdem die öffentlichen Gelder für das Haus um dreißig Prozent gekürzt wurden und mehr als vierzig Stellen abgebaut werden mussten.

Die Ausstellung hält eine weitere Überraschung in petto, ein recht ungewöhnliches Gemälde, das den heiligen Sebastian, Ikone homoerotischer Malerei, mal nicht von Pfeilen durchbohrt, sondern als Schützen darstellt.

Ich laufe durch die Peace Gardens, wo Kinder in den Wasserfontänen spielen. Ich suche nach Hinweisen und Verbindungen zu Jarvis. Alles, was ich finde, ist eine Idee davon, weshalb man hier wegzieht, wenn man kann. Und einen Plattenladen mit Def-Leppard-Memorabilia. Schnell weg hier.

Manchester

Ich packe meinen Rucksack ein vorletztes Mal und setze mich ein letztes Mal ins Auto, das ich in der Innenstadt von Manchester, eine knappe Stunde Fahrt vom Peak-District entfernt, abgebe. Das erste Thema, mit dem ich konfrontiert werde: Fußball. Kenn‘ ich nicht, Gespräch vorbei, auch gut.

Ich wohne mittendrin, zwischen Gay Village und Northern Quarter, direkt an der Picadilly Station. Manchester schwitzt and so do I. Es ist schwül, a storm is coming sagt der Bartboy in der Experimentalbierbar. Der storm ist eher ein drizzle, jetzt dampft die Stadt, was ihr eigentlich ganz gut zu Gesicht steht.

In Manchester wurde der Kapitalismus bereits mehrfach erfunden und mehrmals zu Grabe getragen. Das Wappentier der Mancunians ist die Biene, die für harte Arbeit und engen Zusammenhalt steht. Nach dem Terroranschlag in der Manchester Arena avanciert die Biene im Moment auch zur Solidaritätsadresse. Tausende von Menschen ließen sich das Insekt bereits tätowieren – unter ihnen auch Ariana Grande und Teile ihrer Crew.

Kapitalismus wird gerne mal als etwas Monströses und in seiner akkumulativen Gier als etwas übertrieben Großes imaginiert. Als Moloch und Elefantenfuß der Moderne. Die historische Bebauung der Innenstadt von Manchester unterstreicht das architektonisch. Sehr. Townhall und City-Library, das sind Gebäude wie aus Gotham. Übergroß und so monströs massiv wie Weniges, das ich zuvor aus der Mitte des 19. Jahrhunderts gesehen habe.

Ich stürze mich ins Getümmel der urban Uniformierten. Saris, Adidassis, curly Chinos, Hijabs und Chadors, Kamiz‘, Wifebeaters, Röcke so kurz wie die Nächte der Methheads, die mich nach spare change fragen. Manchester ist divers – und spannend. Und offensichtlich gespalten. Viel Obdachlosigkeit, viel sichtbare Sucht, noch viel mehr sichtbare SUVs und relativ viele sichtbare Sportwägen. Großbritannien und der Neokapitalimus. Wo, wenn nicht hier.

Ich trinke Salzbiere und IPAs mit Papayanote. Ich esse beim Koreaner, beim Inder, beim Japaner. Im koreanischen Restaurant vermisse ich zum zweiten Mal auf dieser Reise eine Begleitung, weil ich gerne deutlich mehr probieren möchte, als ich essen kann. Erneuter Regen zieht auf. Ich nehme ein Bad und mache ein Erykah-Badu-Selbstportrait mit laufendem Wasserhahn.

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Blumen vor der Manchester Arena

Ich fahre zur Manchester Arena, auch heute – knapp 4 Wochen nach den Anschlägen – finden sich noch Fernsehteams hier ein, um immer weiter zu berichten, worüber es offensichtlich nichts zu berichten gibt. Ich fotografiere die letzten welken Blumen und fühle ein ganz klein wenig von der Trauer, die diese Stadt in Beschlag genommen hat.

Am Abend schaue ich zum ersten Mal auf meiner Reise fern. In der öffentlichen Aufarbeitung von Schreckensereignissen werden gerne Einzelschicksale isoliert und nacherzählt. Von 09/11-Feuerwehrmännern. Oder vom aufopferungsvollen Familienvater aus dem 87. Stock. In Manchester wird die Geschichte von Martyn Henn erzählt, einem jungen schwulen Marketing-Manager. Martyns Mutter Figen Stuart gibt Erstaunliches zu Protokoll: „I don’t feel no hate. I don’t think this person (der Attentäter) deserves any of those emotions I should invest in. I’m staying with my positivity for Martyn and that’s what I hold on to.“

Obgleich sie sich selbst eine stille Beerdigung wünschte, ist sie sich darüber im Klaren, dass sie ihrem verstorbenen Sohn damit nicht gerecht würde. „He lived the live of a diva“ – sagt sie – und verdiene nun einen entsprechenden Abgang. Fernsehkind, das ich bin, kann ich sie jetzt wirklich fühlen, die Großwetterlage der Stadt und verdrücke ein Tränchen, von dem ich nicht genau weiß, ob es mehr der Traurigkeit oder der Zuversicht  geschuldet ist. Ich vermute: vielen Mancunians geht es dieser Tage ähnlich.

Politics

Ein Ziel meiner Reise war es, ein wenig mehr von Großbritannien vor dem Brexit zu erfahren. Während meines Aufenthalts beschleunigen sich die Ereignisse. Die Wahlen, die die Tories ausgerufen haben, um eine größere Mehrheit für die anstehenden Verhandlungen mit der EU hinter sich zu versammeln, haben nicht zum gewünschten Erfolg geführt, Theresa May geht einen kostspieligen und stabilitätsgefährdenden Deal mit der nordirischen DUP ein. Grenfell in Flammen, Messerattacke in London und in Schottland wird vor dem Hintergrund des EU-Austritts bereits über ein zweites Unabhängigkeitsreferendum nachgedacht.

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Death to Tory Scum (Manchester)

Ich habe viel geredet und noch viel mehr zugehört. Im Pub. Im Bus. Am Frühstückstisch. Im Café. Meine Gesprächspartner waren sicher nicht repräsentativ, dafür aber zum Beispiel in Schottland – überraschend einig über ihre Uneinigkeit mit dem Rest Großbritanniens. Alle meine Gastgeber verstehen sich selbst als links, viele haben die SNP gewählt, alle wollen sie weg von Großbritannien – und fast alle wollen zurück in die EU. Westminster ist für meine schottischen Herbergsleute fern und dekadent – und sie fühlen sich dort nicht oder nur sehr schlecht repräsentiert.

Auch im Norden Englands sind meine Gesprächspartner betont links und haben für die aktuelle Regierung kaum mehr als Verachtung übrig. „Death to Torie Scum“ steht auf einem Plakat in Manchester, „Please Fuck Brexit. Thank you.“ auf einem anderen. Aber trotzdem haben auch bei dieser Wahl die Tories mehr Stimmen bekommen, als alle anderen Parteien, die absolute Mehrheit haben sie zwar verloren, bleiben aber stärkste Kraft.

Meine politische Bildung ist offen gesagt ziemlich ausbaufähig, aber dieses erneute Wahlergebnis korrespondiert zumindest für England recht gut mit einem ersten Eindruck, den ich gewonnen habe. Dem Bild einer in Wohlstand und Perspektive äußerst gespaltenen Gesellschaft. Diese Spaltung – so viel ist klar – ist kein exklusiv britisches Phänomen. Aber im Vergleich zu wirtschaftlich ähnlich leistungsfähigen westeuropäischen Ländern, wirkt England auf mich außergewöhnlich zerrissen. Mein Bild von Schottland ist indes ein völlig anderes. Die Schotten, so scheint mir, halten deutlich stärker an einer sozialstaatlichen Idee von Gemeinwohl fest. Und insofern sich der diskursive Wind nicht gründlich dreht, vermute ich, dass ein zweites Referendum tatsächlich zu einer Abspaltung von Großbritannien führen könnte.

Würde ich diese Reise noch einmal antreten, ich würde vermutlich etwas mehr Zeit einplanen. Und auf die äußeren Hebriden fahren. Oder auf die Orkneys. Durch den Lake District wandern. Und Glasgow und Liverpool besuchen. Ich werde wiederkommen müssen. Und ich werde wiederkommen wollen. Weil der „warm welcome“, der mir an den Eingangsschildern meiner Herbergen in Aussicht gestellt, stets in die Tat umgesetzt wurde. Ich habe die Briten – so unterschiedlich sie sein mögen –  sehr ins Herz geschlossen und habe mich auf keiner meiner bisherigen Reisen so viel, lange und intensiv mit den Landsleuten unterhalten. Mein kurzer Italien-Trip im letzten Jahr war ein erster Versuch im Alleine-Reisen. Nach diesem Urlaub ist mir klar: ich, alleine, mit mir und Stift und Zettel (und Regenhose und GPS-Gerät und Erykah-Badu-Gedächtnishandtuch): das hat Zukunft. Und Zukunft, am besten eine strahlende ebensolche, wünsche ich meinen britischen Freunden.

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Hard facts:
– gefahrene Meilen: 1800
– gewanderte Kilometer: 137
– bestiegene Gipfel: 7
– was ich alles nicht gesehen habe, obwohl ich es gerne gesehen hätte: Glasgow, Arran, Liverpool, Gipfel im Nebel, die Orkneys, die äußeren Hebriden, St. Kilda
– auf den Geschmack gekommen in Punkto: Black Pudding, Haggis, Experimentalbiere
– wertvollstes Reiseequipment: Regenhose, GPS-Gerät
– größter Adrenalinmoment: Geldbeutel verlieren – und ihn wiederfinden.
– mehr Bilder: bei instagram
– noch mehr Bilder: bei flickr

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Alba & I – Teil 2

Für alle Neuankömmlinge, hier die Kurzzusammenfassung:  Bonnie Prince Pfeffer reist durch Schottland und schreibt darüber. Den ersten Teil der Berichterstattung gibt es hier zu lesen.

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Emotional landscapes – bei Lairg, im Norden von Schottland

Von Landschaften

Lässt sich Landschaft überhaupt anders als symbolisch erfahren? Wird sie nicht spätestens in der Beschreibung zwingend zur Entsprechung von Innerem, also kurz: zum Seelenspiegel der Romantiker, zur emotional landscape der Popkultur?

Wie sehr dies zumindest auf mich und meinen Zugang zur Welt zutrifft, begegnet mir unvermittelt im Modus des Schreckens auf der Wolkeninsel Skye. Der Tag ist schön und war geschäftig. Die Quiraing-Mountains standen auf dem Plan, Dunvegan-Castle und der westlichste Punkt der Insel, der Leuchtturm von Neist. Ich fahre berauscht von den großen Bildern dieser großen Landschaft nach Portree, die Inselhauptstadt, um einige Lebensmittel für die nächsten Tage zu besorgen. Und finde meinen Geldbeutel nicht. Nicht ungewöhnlich, ruhig bleiben, es gibt viele Stellen, die untersucht sein wollen, das Auto wurde die letzten Tage sehr gründlich von mir in Beschlag genommen. Nicht in der Mittelkonsole, nicht im Handschuhfach, nicht in der Umhängetasche, nicht in Rucksack eins, nicht in Rucksack zwei. Die Suche wird hektischer, schneller, wäre das Auto eine Tasche, ungefähr jetzt wäre der Zeitpunkt sie kopfüber auszuschütten.

Nichts, kein Geldbeutel.

Ruhig bleiben. Wenn er nicht hier ist, wo dann? Auf dem Parkplatz von Dunvegan Castle? Denn dort hatte ich ihn zum letzten Mal bewusst in Händen. Oder auf dem Weg zum Leuchtturm in Neist? Im kleinen Laden in Uig, wo ich Kaffee gekauft hatte? Anruf in Uig, nein, kein Geldbeutel. Ich fahre los. Dunvegan Castle. 45 Autominuten entfernt. Die Singletrack-Roads werden mir von der Lust zur Last. Gerade noch in ihrer Beschaulichkeit geherzt, geraten sie mir über der aktuellen Lage zur lästigen Bremse und werden zum Teil der übergeordneten Geldbeutel-Problematik. Wo meine Gedanken keine Stunde zuvor sanft über das hügelige Grün dieser Schafweiden glitten, fräst sich jetzt die immergleiche mentale Schreckensspirale in die karge Geröllpiste. Ist das das Ende dieser Reise? Denn clevererweise sind alle Ausweisdokumente und Kreditkarten in diesem Geldbeutel. Wohin als erstes? Deutsche Botschaft? Wo ist die eigentlich? In Edinburg? Oder London? Wieviele Kilometer sind das? Blitzüberweisung? Kanndochnichtwahrseinalles.

Der Verkehr ist nicht mehr vorbildlich defensiv, sondern unnötig langsam, der Regen nervt, die Schafe nerven noch mehr. Der Geldbeutel wird nicht da sein, dann muss ich weiter, zum Leuchtturm, nochmals eine Stunde über sehr schlechte Straßen. Das B&B muss bar bezahlt werden, aber mit welchem Geld? Was wird Isobel’s mother wohl sagen? Ich biege auf den Parkplatz des Schlosses ein, der mittlerweile leer ist, weil das Schloss seine Pforten schon geschlossen hat. Und dort liegt er, der Geldbeutel. Er ist nass, triefend nass, aber vollständig.

Das Wetter klart auf, der Horizont weitet sich. Sanfte Hügel, euphorisches Grün. Glückspilz Pfeffer in der aufregendsten Landschaft der Welt.

Foodporn (für Kleppi)

Ich esse täglich, meistens sogar mehrmals. Einige Eigenheiten der schottischen Küche sind schnell entdeckt und manche davon begleiten mich Tag für Tag. So zum Beispiel Black Pudding, das auf keinem meiner Frühstücksteller mehr fehlen darf. Durch die Vermischung mit Getreide, bekommt diese Blutwurstspeise eine Textur, die ein wenig an weiche Kekse erinnert. Ein Gericht, dass an die kargen und armen Zeiten der Landbevölkerung erinnert – und darin gleicht es dem Haggis – dem Grundsatz der kompletten Verwendung von Schlachtprodukten verpflichtet ist. Ist also eigentlich ’ne recht moderne Kiste, insofern man überhaupt von Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit Fleischkonsum sprechen möchte.

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Haggis, Neeps & Tatties (Haggis mit Steckrüben und Kartoffeln)

Ein Aspekt, der mir bei der Reisevorbereitung nicht bewusst war, der sich aber in meiner Reisekasse durchaus bemerkbar macht: das Frühstück ist so reichhaltig und vielseitig, dass ein Mittagessen eigentlich nie notwendig ist. Selbst bei langen und anstrengenden Wanderungen, komme ich meist mit einem Apfel über den Tag. Bed & Breakfast, das heißt eigentlich: Halbpension.

Haggis – das schottische Nationalgericht – ist auch gut, sehr gut sogar. Ich esse es einmal in einer modernen Interpretation, einmal als Bonbons und einmal in traditioneller Form. Und es schmeckt mir in allen drei Variationen. Das Gericht besteht aus dem Magen eines Schafes, gefüllt mit einer Masse aus Innereien, darunter Herz, Leber, Lunge und Nierenfett, vermischt mit dem Hafermehl, das auch beim Black Pudding zum Einsatz kommt. Die ganze Sache ist meist recht kräftig gewürzt und schmeckt sehr herzhaft. Die Kellnerin in Portree erzählt mir, dass dieses Gericht nicht in die USA importiert werden darf – weil die Einfuhr von Schafslunge dort seit der BSE-Krise 1989 verboten ist. Seither müssen die Exilschotten dort auf Haggis verzichten.

Eigentlich schmeckt mir fast alles, was meinen kulinarischen Weg kreuzt. Besondere Highlights: geräucherter Cheddar von den Orkney-Inseln. Erhältlich in den Varianten Single-, Double- oder Triple-Smoked. Ich habe sie allesamt probiert und für gut befunden. Selbst das ein oder andere Experimentalbier erfreut meinen Gaumen. Das ist durchaus neu. Während meines USA-Aufenthalts hat meine Gattin für ca. 100 Dollar Tankstellen-Kaffee in den Gulli gekippt. Ich habe einen ähnlichen Betrag in IPAs und Microbrewerie-Produkte versenkt, die ich meist nicht oder nur ungern ausgetrunken habe. Richtig richtig gut, also geradezu unfassbar gut, schmeckt mir ein Bier auf Haferbasis von der Isle of Skye. Das einzige Gericht, auf das ich auch in Zukunft gut verzichten kann, ist Fish&Chips. Grober Unfug in meinen Augen. Aber das mag an einer generellen Abneigung gegenüber Fritteusen-Produken liegen.

Insgesamt ist die britische Küche eher reichhaltig ausgerichtet. Delicious, but nutritious. Das sieht man den Briten öfters auch an, Obesity ist ein großes Thema in der aktuellen öffentlichen Debatte.

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Totes Schaf an der Küste von Skerray

UP

Unterwegs nach Norden, Richtung Nullpunkt. Immer weiter nach oben, dorthin, wo die Nadel umspringt. Diese Fahrt – im konkreten Fall von Ullapool nach Skerray – ist Miniatur und Sinnbild so vieler meiner Reisen. Ich habe oftmals den Drang, bis ans Ende zu fahren. Weiter nach Westen, weiter nach Norden. An der Ostküste Amerikas wäre ich am liebsten bis nach Halifax gereist. Aktueller Sehnsuchtspol auf dieser Reise: die Orkneys. Die Shettland-Inseln. Die äußeren Hebriden. Färöer. Als ich das Angebot für einen Tagesausflug sehe, spiele ich kurzzeitig mit dem Gedanken, nach St. Kilda zu fahren, den westlichsten Außenposten Schottlands. Mein Zeitbudget lässt das auf dieser Reise leider nicht zu, aber zumindest die Nordküste des Festlandes, gilt es zu erreichen.

Nach Skerray fahre ich auf der Suche nach einem Sound. Dem Sound von Brandung und Möwen, dem Sound of loneliness.

Ich finde etwas völlig anderes.

Zunächst, beim Eintreffen am Hafen, ein totes Schaf, gerahmt vom klassischen Strandstillleben: ein alter Lederschuh ohne Schnürsenkel, eine verrostete Radfelge. In der Ruine am Wasser: eine kleine Ausstellung: Acryllandschaft, eine Häkelpuppe. Dann treffe ich Rhona und Stephen, die sich ein Haus aus Autoreifen und Stroh gebaut haben. Und dieses Haus ist so städtisch, ist so sehr Kultur, dass es sich meinem ersten Eindruck nach eigentlich selbständig aus dieser so entfernten Weltgegend heraussprengen müsste. Eine große offene Küche, ein Wohnzimmer mit Beamer, Spielekonsole, offener Bar und Billardtisch. Überall Bücher, Musik und Zeitschriften. Das hatte ich mir ganz anders vorgestellt hier oben, aber der Sinn dieses Arrangements erschließt sich mir recht schnell. Vielleicht ist ein Leben in dieser kargen und unerbittlichen Natur so leichter möglich. Weil man sich der Stille aussetzen kann, aber nicht muss. Kulturgut als Blitzableiter, der die genussvolle Wahrnehmung von Entbehrung und Isolation überhaupt erst möglich macht.

Stephen und Rhona sind sehr nett, wie eigentlich alle meine Gastgeber herzlich und nett sind bislang, selbst Isobel’s mother: Glennis & Iain in Fort William, Karen auf Skye, Paul in Ullapool – und jetzt diese beiden. Ich trinke Bier mit Stephen, wir reden über Politik. Darüber wird auch hier noch zu schreiben sein, denn meine schottischen Gastgeber sind allesamt recht auskunftsfreudig. Aber das kommt an anderer Stelle, zum Schluss, in einem dritten Teil dieser Reiseberichterstattung.

Ich bereue, dass ich nicht länger hier bleiben kann. Dieser Ort gefällt mir noch besser als all die anderen Orte meiner bisherigen Reise. Hier ist es peacefull und nicht einfach nur friedlich. Dieser Ort ist angefüllt, mit Ruhe und Sehnsucht. Ich komme wieder, ja wirklich, ganz bestimmt.

Meine Reise führt mich in den Osten. Wenn ich es schon nicht auf die Orkney-Inseln schaffe, so will ich ihnen doch zumindest vom Festland aus zuwinken. Das tue ich am Hafen von Thurso. Ich höre An Orkney Wedding, with Sunrise, trinke einen Tee und verabschiede mich von meinem kleinen Ausflug in den Norden.

Brennende Türme

Die Nachricht vom Hochhausbrand in West-London erreicht mich zum ersten Mal auf der Fahrt von der Isle of Skye nach Ullapool – und jede Wiederholung dieser Meldung unterstreicht das Ausmaß der Katastrophe.

Für mich ist dieser Vorfall eigentümlicherweise das zweite Hochhausunglück, das mich in erster Instanz nur als Wort- und Ton-, nicht aber als Bildmeldung trifft. Ich sehe an diesem Tag keine Zeitschriftenauslage, mein Telefon bleibt unbenutzt und Fernseher sind fern. Ich bin am Ende der mit Bildmeldungen befeuerten Welt. Das war schon einmal so, im September 2001, den ich mit einer Gruppe von geistig behinderten Menschen in einem Ferienhaus im Schwarzwald verbrachte. Die Meldung aus New York erreichte uns damals telefonisch, in den darauffolgenden Stunden war das Radio unsere einzige Nachrichtenquelle. Den Endlosloop der einschlagenden Flugzeuge, sah ich erst 2 Tage später. BBC-Radio liefert zum jetzigen Unglück eine Beschreibung, die pressefotografischen Mustern folgt. Hier wird ein Bild gemalt, von erschöpften Feuerwehrmännern und rußgeschwärzten Helfern. Von verzweifelten Menschen und so vielen Kindern, die ahnen, dass sie ihren Wohnungen und den sie umgebenden Flammen nicht mehr entkommen werden.

Als ich im September vor 16 Jahren die ersten Fotos und Bewegtbilder zu Gesicht bekomme, bin ich bestürzt ob des Ausmaßes dieser Katastrophe. Jetzt kenne ich die Bilder bereits, bevor ich sie sehe. Bei der Presseschau am Freitag sehe ich genau jene Fotos, die ich zuvor erwartet hatte. Was das wohl aussagt, über unser Verständnis von Katastrophen und die sie begleitenden Schreckensbilder?

Grenfell wird zum bestimmenden Thema der nächsten Tage und verdrängt selbst die anstehenden Brexit-Verhandlungen. Vor dem Feuer gab es noch Platz für die skurrilen Sommerloch-Meldungen bei BBC Radio 4. Etwa, dass ein Laster in Stoke on Trent Nägel auf der Straße verloren hat. Der Einsatz von Kehrmaschinen führte leider nicht zum gewünschten Erfolg, weshalb jetzt mit einem großen Magneten experimentiert wird. Oder die Meldung aus Hull, wo ein Bienenschwarm ein Auto in Beschlag genommen hat. Mehrere Imker arbeiten seit 3 Tagen daran, die Königin zu finden – hierfür wurden unter anderem genaue Pläne vom Autohersteller Nissan angefordert. Die geschädigte Besitzerin versteht die Welt nicht mehr und gibt zu Protokoll: As I asked ‚why pick on my car?‘ my husband, who is a bit of a joker, said it was because of all the Bee Gees CDs in the car.

Meldungen dieser Art höre ich in den nächsten Tagen nicht mehr.

Inverness – Capital of the Highlands 

Ich erreiche Inverness – eine Stadt zusammengehalten aus Charityshops, Desillusion und Spucke. Hier sammeln sie sich, die Geprellten und Versehrten. Mangelmagnet Metropole – und als solche muss man Inverness mit 80000 Einwohnern beschreiben. Capital of the Highlands steht auf dem Ortsschild – und high sind hier offensichtlich viele: die Aufgequollenen und Vernarbten. Die Kleipenschläger, kiffenden Kids und überforderten Teenagermütter. Alle sind sie hier.

Den Zugang zu Inverness findet man nicht in Schlössern oder Museen, sondern im Einkaufszentrum. Ich bestelle Pizza. Mit Chips, also Pommes. Das machen hier alle so.

Ein halbwüchsiger Adidas-Junge mit schlechten Zähnen und irrem Blick versperrt mir mit seinem Fahrrad den Weg und fordert „a fag“. Schlagfertigkeit gehört nicht unbedingt zu meinen Stärken, aber hier läge mir eine Antwort auf der Zunge. Angesichts der Tatsache, dass mein Gegenüber tatsächlich recht schlagfertig zu sein scheint – nicht in verbaler Hinsicht – verzichte ich auf meinen Konter und gehe gesenkten Hauptes einfach weiter.

Lässt sich damit die Marktstellung von waffenfähigem Plutonium in Dosen wie Irn Bru erklären? (Sorry, Alex ;-)) Als letzte Zahnschmelzsalbung von frustrierten Irren?

Vor dem Einkaufsszentrum schreit ein Mädchen. Schreiende Frauen werden gerne mal als „keifend“ beschrieben, aber das trifft die Vehemenz und Aggression dieses Ausbruchs in keiner Weise. Sie brüllt und schreit und schreit und SCHREIT und obgleich ich mir darüber im Klaren bin, dass ich weder Grund noch Ziel ihrer sonischen Attacke sein dürfte, macht mir diese Situation Angst.

Vor knapp 3 Jahren töten zwei Mädchen, damals 13 und 14, in Hartlepool  im Nordosten Englands die 39-jährige Angela Wrightson. Wie sich im Laufe der Gerichtsverhandlung herausstellt, quälen die beiden Mädchen die Ermordete über 7 Stunden lang mit einer Schaufel und anderen Werkzeugen. Zwischendurch verlassen sie die Wohnung, um Freunde zu treffen, kehren dann zurück – und setzten ihre tödliche Folter fort. Gründe für ihre Tat können die beiden nicht nennen.

Es gibt sie, diese britischen Städte, wo der Zerfall sozialer Verbindlichkeiten spürbar wird. Hier liegt Wut in der Luft. Und die Männer sind gerne mal Kerle. Schläger, Spötter, solche, die sich nichts gefallen lassen. In einer anderen Stadt, in einer anderen Tristesse, sehe ich an einem schönen Sommerabend mehrere Väter – oder sollte man sie besser Erzeuger nennen? – die ihre Söhne beim Boxtraining anfeuern, mal verbal, mal mit einem Schlag auf den Hinterkopf.

In der einen Hand die Bierdose, in der anderen die Hundeleine. Bullmastif oder Staffordshire – egal, Hauptsache massiv. Woher all der Hass? Und wichtiger noch: jetzt, wo er schon da ist. Wohin damit?

„Ich habe nie Einsameres durchschritten“ schreibt Theodor Fontane in seinem sehr lesenswerten Reisetagebuch über die Gegend nördlich von Dalnacardoch, im heutigen Cairngorms-Nationalpark, der ca. 20 Meilen südlich von Inverness beginnt. Auch im entlegendsten Teil der Highlands kam in mir kein Gefühl von Einsamkeit auf, aber hier, in der größten Stadt der Gegend, fühle ich mich zum ersten Mal (und bis auf weiteres auch: zum letzten Mal) auf dieser Reise alleine und hätte gerne Gesellschaft. Als Stütze, als Schild und Alianz, als ein freundliches und wohlgesinntes Gegenüber.

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Old Castle of Wick – an der Nordostküste Schottlands

Von Fans & Fetischisten

Ich verlasse Inverness mit einem Gefühl von Unwohlsein. Das hat weniger mit der Stadt zu tun, die ich unter soziologischen Gesichtspunkten durchaus spannend fand, als vielmehr mit einem Gefühl von Erschöpfung, das meinem straffen Zeitplan geschuldet sein dürfte. Die letzten Tage habe ich nach jeder Nacht die Unterkunft gewechselt, bin viele Meilen gefahren und fleißig gewandert. Ich bin müde und frage mich, warum ich ständig von Gipfel zu Gipfel, von Eindruck zu Eindruck hasten muss und stelle diese Getriebenheit in Frage – nicht zum ersten Mal in meinem Leben, ganz und gar nicht.

Und dann geschieht etwas, das meinem Tag – und auch dem darauf folgenden eine unerwartete Wendung gibt. Ich steuere meine Unterkunft in Urquhart in der Nähe von Elgin an, wo mich mein Gastgeber Kris auf deutsch begrüßt. Er hat zusammen mit seinem Partner eine alte Kirche gekauft, renoviert und zu einem Gästehaus umgebaut. Ich habe hier auch ein Abendessen gebucht. Als ich das Esszimmer betrete – es wird tatsächlich in den Privaträumen der beiden Gastgeber gespeist – stellt sich unvermittelt eine leichte Panik ein, angesiedelt irgendwo mittig zwischen Beiß- und Fluchtreflex. Außer mir gibt es noch weitere vier Gäste, allesamt sprechen sie deutsch.

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Whisky-Shop in Edinburgh

Meine Hemmungen, soviel wird schnell klar, sind unbegründet. Ich habe es mit einem Ehepaar aus Hessen und zwei Brüdern aus dem Rheinland zu tun. Angenehme Zeitgenossen, die ein Thema verbindet, das hier in der Speyside auf der Hand liegt: Whisky. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis sind die Whisky-Fans recht zahlreich, aber das hier sind keine Fans, das sind Fetischisten. Recht schnell stellt sich heraus, dass beide Gruppen zahlreiche gemeinsame Bekannte haben: Whiskyimporteure und Vertriebler, Mitglieder von Stammtischen und Internetforen. Wenn hier von Käufen gesprochen wird, dann geht es gerne mal um Fässer und nicht nur um Flaschen. Meine Frage, wo denn die finanzielle Schmerzgrenze im Einkauf liege, wird gekonnt umschifft. Etwas später erzählt einer der Akteure, dass er sich zuletzt einen 1960er-Jahrgang der Bowmore-Brennerei gekauft habe. Preis: 30 Euro. Pro Milliliter. Wenn hier von Whiskyflaschen gesprochen wird, geht es also gerne mal um vierstellige Beträge. Alle Anwesenden sind einmal, meist sogar zweimal im Jahr in Schottland. Die Brennereien haben sie alle schon besucht, die meisten auch mehrmals. Es wird über die Großkonzerne gelästert und über Neugründungen diskutiert. Man trifft sich beim Islay-Festival oder in der Speyside. Lagavulin, Bruichladdich, Strathisla. Zu viel Holz, zu wenig, Fassstärke, Special Editions. Willkommen bei den Whiskywütern.

Und nach drei Stunden lebhaftester Diskussion sagt der ältere der beiden Brüder, derjenige, der sogar den Küfer von Ardbeg beim Namen kennt, plötzlich: ich trinke eigentlich gar keinen Whisky mehr.

DAS ist einer jener raren Momente, die ich festhalten will. Und einer der Gründe, weshalb ich so gerne reise. Dem Sammeln – so sagt die Psychoanalyse – liegt ein melancholischer Impuls zugrunde. Und manchmal auch ein komischer, möchte ich hinzufügen.

Mein Unwohlsein is over. I fall asleep. Es träumt mir von Whisky.

On the edges of Edinburgh

Entgegen meiner Gewohnheiten, in Großstädten gerne mal zentral und eher anonym zu wohnen (wer jetzt an schlichte Business-Hotels denkt, denkt richtig), buche ich mich für meinen Aufenthalt in Edinburgh nicht downtown, sondern in die Vorstadt ein. Hello Suburbia! Ich wohne bei K., alleinerziehend; traumatische Scheidung; Kampf ums Haus, in dem sie gerne mit ihrem Sohn bleiben möchte, um nicht in eine „schlechtere Gegend“ ziehen zu müssen. K. finanziert ihr Leben und ihre Gerichtstermine mit zwei Jobs, sie macht Nägel und betreut einen körperbehinderten Schüler im College. Und sie vermietet Zimmer, für zwei Nächte zum Beispiel an mich.

Edinburgh erreiche ich im Pride-Modus. Meine Vorbehalte gegenüber dem CSD sind zahlreich, aber hier scheint es etwas inklusiver zuzugehen. Das häufigste Banner, das ich zu Gesicht bekomme, fordert Trans Rights. Generell scheint mir die Queer Community hier ein wenig diverser zu sein, als ich das von den meisten anderen Großstädten kenne. Ich laufe ein paar hundert Meter mit der Parade mit, um mich danach von Museum zu Museum zu hangeln. Und es gibt einiges zu entdecken. Joan Baptistes Greuzes „Boy with Lesson-book“ zum Beispiel. Der Entwurf und die Darstellung von Kindheit, das ist ein Thema, das neulich in meiner Facebook-Timeline angestoßen wurde. Und das mich weiterhin beschäftigen wird. Ich treffe auf das zweite tote Schaf der Reise, aber dieses ist deutlich prominenter als das Erste. Klonschaf Dolly steht im National Museum of Scotland. Ich habe bei meinen Wanderungen hunderte, vielleicht tausende von Schafen gesehen. Dieses hat – das mag der Vereinzelung und narrativen Aufladung geschuldet sein – in seiner Backenbärtigkeit etwas menschliches. Ich könnte mir Dolly zumindest auch ganz gut im Tweed-Jacket vorstellen.

Grandios, gesehen in der National Gallery for Modern Art: Tragic Form (Skate) von Ken Currie. Und zum wiederholten Male groß: Ed Ruscha. The music of the balconies nerby was overlayed by the noise of sporadic acts of violence. Denke ich mir eigentlich immer, wenn ich etwas von ihm sehe. Merkzettel: mehr Ruscha schauen. Und auf den gleichen Merkzettel: Nathan Coley.

Edinburgh gefällt mir gut, es geht hier an vielen Stellen erstaunlich unhip zu. Nicht alle Hosen der unter 25-jährigen sind hochgekrempelt, nicht alle Flanken rasiert. Die Stadt ist an manchen Stellen angenehm ungelenk, an anderen völlig over the top, man denke zum Beispiel an diese furchtbar überdimensionierten Monumente: für Horatio Nelson, für Walter Scott – und am schlimmsten: das Nationaldenkmal im Stil der Akropolis. Ansonsten viel Park, viel grün – und da ich die Stadt an einem sonnigen Tag erkunde: viel Gelächter.

Zum Abendessen gehts nach Suburbia, an die Strandpromenade von Portobello, ein Vorort ungefähr drei Meilen östlich des Stadtzentrums. Ich laufe gerade durch die Bath-Street, als mich eine Gruppe von jungen Erwachsenen fast umrennt. Ist schon wieder ein Feuer ausgebrochen? Die Antwort wartet um die Ecke. Der Supermarkt schließt in 3 Minuten. Es muss noch Alkohol gekauft werden.

Ich esse mit Blick auf die Nordsee und Teile der Ostküste Schottlands, die ich auf dieser Reise ausgespart habe. Ich werde wiederkommen müssen, soviel ist klar. Und ich werde wiederkommen wollen.

Dieser Text entsteht größtenteils gar nicht in Schottland, sondern im Peak District von England. Was es mit Bergen wie dem Nam Tor auf sich hat, wie es um das Pilates-Training (zwei mal wöchentlich, montags und donnerstags) von Mary, meiner sehr gesprächigen Gastgeberin so steht, wie der Eierlikör in Sheffield so schmeckt und was die Mancunians so zur aktuellen Lage der Nation zu berichten haben, davon gibt es bald mehr im dritten Teil dieses Reiseberichts.

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– Wo ich bisher war: Fort William & Glen Coe, Oban, Mull, Iona, Staffa, Skye, Ullapool, Skerray, Thurso, Wick, Inerness, Elgin, Edinburgh.
– Auch wenn in diesem Bericht ein gegenteiliger Eindruck entstehen mag: ich bin hier hauptsächlich zum Wandern. Was ich auch fast jeden Tag tue. Und sehr genieße. Aus Platzgründen spare ich hier ganze Tage und all die stilleren Aktivitäten eher aus. Wer Infos zu guten Wanderrouten haben möchte, schickt mir eine kurze Nachricht.
– Was ich an Schottland nicht mag: Irn Bru; dieser schreckliche Schriftsatz, in dem gerne mal gälische Straßen- oder Häusernamen gesetzt sind und der an Esoterik-New-Age-Enya-Kram erinnert (ungefähr so).
– Was ich nicht verstehe: warum das Wasser hier so viel schneller aus Waschbecken abläuft? Größerer Rohrdurchmesser? Irgendwelche schottischen Installateure in meinem Freundeskreis?

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Alba & I

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Ich packe meinen Koffer und nehme mit: einen Rucksack. Und einen Fragenkatalog. Und keinen Koffer. Und mindestens 5 Kleidungsstücke, die ich danach nicht angehabt haben werde. Ich sehe das als Erfolg. Es gab Reisen, da waren das deutlich mehr. Fragt meine Gattin, die kann es bezeugen.

Und dann gehts los: nach Großbritannien, wo ich mehrmals war und von dem ich doch recht wenig weiß. Das zumindest war mein Eindruck, als die Briten im letzen Jahr beschlossen haben, die EU verlassen zu wollen (ob dieser Beschluss vergangene Woche bestätigt wurde oder nicht – darüber wird hier gerade ausgiebigst gestritten).

Mein mangelndes Wissen über die Lage dieser Nation könnte unter anderem meinem sehr selektiven Reiseverhalten geschuldet sein. 3 mal UK, das heißt in meinem Fall: 3 mal London. Vom Rest weiß ich wenig bis nichts. Ähnlich verhält es sich mit vielen anderen europäischen Reisezielen: Prag, Belgrad, Amsterdam. Kopenhagen, Warschau. Alles schöne Städte, keine Frage: aber ebensowenig wie Berlin ein umfassendes Bild der Deutschen zu vermitteln vermag, erzählt mir London von den Briten. Grund genug, ein wenig aufs Land zu fahren und den Engländern in ihre Pints zu spucken und einen Blick unter das Gurkensandwich zu wagen. Manchester. Liverpool. Sheffield. Und ein bisschen Wanderei im Lake-District. So dachte ich mir das anfangs. Dann passierte, was gerne mal passiert, bei der Sichtung der Dinge: der Plan entglitt – und zwar gründlich.

Vor einer Karte des Vereinigten Königreichs sitzend, komme ich ins Grübeln. Von Edinburgh nach Manchester sind es weniger als 250 Meilen  – knappe 4 Stunden Fahrtzeit auf vermutlich gut ausgebauten Straßen. Muss man eigentlich machen. Und Glasgow? Ist auch kaum weiter entfernt. Aber halt! Nicht schon wieder in die Haupt- und Großstadt-Falle tappen, aus der es zu entkommen gilt! Auf die Hebriden wollte ich eigentlich auch schon immer mal – und wo steht eigentlich der höchste Berg Britanniens? Einigermaßen schnell verschiebt sich mein Fokus nach Norden. Edinburgh wird zum Zielflughafen bestimmt, von dort aus weiter in die Highlands, auf die Hebriden, dann die Westküste über Ullapool nach Norden, noch weiter, weiter bis ans Ende des Festlands, mit Blick auf die Orkneys und den Sturm, dann über die Speyside zurück in den Süden, nach Edinburg. So zumindest der vorläufige Plan. Und dann? Mal schauen. Der Rückflug geht ab Manchester, wo ich mindestens 2, besser 3 Nächte verbringen möchte. Dazwischen gibt es Platz für Spontanitäten. Ob England über die Ost- oder die Westküste erkundet wird? Who knows. Das bleibt vorerst offen.

Bonnie Prince Pfeffer – welcome to Scotland

Ankunft am Flughafen von Edinburgh. Ich vermutete im Vorfeld eine etwas angespannte Stimmung wegen der Anschläge in Manchester und London. Aber von Aufregung keine Spur. Der Flughafen ist karg und benutzt, aber nicht uncharmant – und damit so ziemlich das Gegenteil zum Abflughafen Zürich. Auf dem Gepäckband liegen tatsächlich auffallend viele Caddys. Zum Golfen nach Schottland, das scheint nicht nur ein Klischee zu sein.

Die erste Herausforderung steht mit der Übernahme des Mietwagen an. Linksverkehr, das ist eine Challenge auf die ich mich im Vorfeld versucht habe, gedanklich einzustellen. Also, so im Sinne von: reindenken, im Kopf durchspielen. Hat ziemlich schlecht funktioniert. Jetzt sitze ich also im Mietwagen. Auf der rechten Seite. Und muss mit der linken Hand schalten. Und das Auto ist mal wieder VIEL größer, als ich das eigentlich haben wollte. Ich fahre los. Ich muss mich sehr konzentrieren. Ich verfahre mich, weil nach dem Kreisverkehr ein Kreisverkehr kommt. Und dann noch einer. Und weil Google die Ortsnamen auf deutsch ausspricht. Anhalten, durchatmen, nochmal. Ich habe 37 Jahre gebraucht, um mit dem Rechtsverkehr klar zu kommen – und manch Spötter in meinem Freundeskreis belächelt auch heute noch meinen Fahrstil (und meine Gattin hält besser mal die Klappe – sonst konfrontiere ich sie mit derselben des Apothekenautokofferraums. Stichwort: Baum, Baum, BAUM!!!).

Nach einer halben Stunde entspannt sich die Lage ein wenig und die ersten Routinen stellen sich ein. Was auffällt: die Schotten scheinen eine Affinität zu Schildern zu pflegen. Der so oft besungene deutsche Schilderwald wirkt im Vergleich dazu jedenfalls eher wie eine Baumschule. Eine Sonderbaumschule. Mit ganz wenig Schülern. An vielen Stellen wird hier z.B. die Reduzierung der Höchstgeschwindigkeit mit vier Schildern angezeigt, das funktioniert dann wie eine Autobahnausfahrt in Deutschland. Erstes Schild mit der neuen Höchtgeschwindigkeit und darunter 3 Strichen, 200 Meter später das zweite Schild mit 2 Strichen, dann das Dritte, dann die finale Warnung. Das führt einerseits zu einem sehr geschmeidigen Fahrverhalten, das ohne abruptes Bremsen auskommt, andererseits zu einer enormen Dichte an Hinweisen, die in einem merkwürdigen Kontrast zu der oftmals recht kargen Landschaft steht. Es wird auf Kinder hingewiesen, auf Schafe, Wild und Rinder, auf Parkplätze, scenic views – und ganz hervorragend: auf „Elderly People“.

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Ankunft im Glen Coe

Fort William

Nach einer Fahrt, die sich um ca. eine Stunde länger gestaltet als von den Navigationsdiensten prognostiziert (das liegt nicht an meinem Fahrvermögen, sondern daran, dass ich mehrmals anhalten muss, um das unfassbare Panorama des Glen Coe zu bestaunen), erreiche ich meine ersten Unterkunft, bei Glennys und Iain in der Nähe von Fort William, wo ich drei Nächte verbringen werde. Die beiden sind Pensionäre und führen mit 6 Betten ein eher kleines, aber dafür sehr familiäres Bed&Breakfast. Mein Zimmer ist einfach, hochwertig und mit viel Bedacht ausgestattet. Und so scheinen mir auch Glennys und Iain zu sein: bedacht. Und sehr freundlich. Ich lasse mir den Weg zum nächsten Pub erklären und schlendere bei bestem Wetter entlang des Caledonian Canal ins The Lochy, zu Venison-Burger und Ale. Danach gehts früh ins Bett, der Tag war lang, hier ist er der nördlichen Lage wegen noch länger (Sonnenuntergang 22:30) und so ist es noch hell als ich mit Blick auf den Ben Nevis einschlafe.

Ben oder Beinn / Sein oder Sein lassen

Ob man jetzt von Ben oder Beinn spricht, das hängt vor allem davon ab, in welcher Sprachfamilie man sich bewegt. Ben heißt jedenfalls Berg und der Ben Nevis ist der höchste Berg des gesamten Vereinigten Königreichs. Außerdem dürfte der Ben Nevis auch der Grund für die Größe von Fort William sein. Das selbstbetitelte Outdoor Capital ist mit knapp 5000 Einwohnern der größte Ort der westlichen Highlands und Ausgangspunkt für all diejenigen, die hier sportlichen Aktivitäten nachgehen wollen. Auch ich habe den Ben Nevis auf meiner Liste. Und streiche ihn gleich am ersten Morgen um 05:00 (Sonnenaufgang 4:20) von selbiger. Die Wetterprognosen sind schlecht, starke Regenfälle sind für die nächsten 2 Tage angesagt. Die Route, die ich ausgesucht hatte, gilt als sehr anspruchsvoll, vor allem der Zustieg von Norden über die Carn-Mór-Dearg-Arête hat ordentliche Tücken. Ich kenne Untergrund und Gestein nicht und den normalen Touristenweg möchte ich nicht nehmen – der gilt als technisch einfach und wird im Sommer von ca. 500-1000 Menschen pro Tag begangen. Ich bin nicht in die Highlands entflohen, um im Gipfelstau zu stehen und beschließe statt dessen, ein Stück weit ins Glen Coe hineinzufahren, um dort meine ersten drei Munros zu erklimmen. Munros, das sind all jenen schottischen Berge, die höher als 3000 Fuß sind, gelistet – daher der Name – von Sir Hugh Munro, der 1891 erstmals seine „Tables of the 3000 ft Mountains of Scotland“ herausgab. Seither ist das Munro-Bagging zu einer Art Volkssport in Schottland geworden. Ein Zeitvertreib, der tatsächlich recht zeitintensiv ist. Auf der Liste der Munros stehen 282 Gipfel. Meine heutigen Munros heißen Stob Coire nan Lochan, Bidean nam Bian und Stob Coire Sgreammhach – über das Schottisch-Gälische wird noch zu reden sein, aber dazu komme ich an anderer Stelle. Die Wanderung gilt als mittelschwer und ich mache mich bei leichtem Nebel auf den Weg.

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Stob Coire nan Lochan

Der Aufstieg ist sehr steil, es gibt keine Wegmarkierungen. Viele der großen Felsen sind komplett mit Moos überwachsen, das sich wie ein Schwamm mit Feuchtigkeit vollgesogen hat – hier Halt zu finden, ist kaum möglich. Schon an dieser Stelle wird mir klar, dass es vermutlich eine gute Idee gewesen ist, auf den Nevis-Gipfel zu verzichten. Später in der Tour, kurz nach dem Scheitelpunkt des Stob Coire nan Lochan – die Sicht beträgt hier weniger als 20 Meter und es regnet – bin ich kurz unachtsam und verliere die Route aus dem Blick. Ein Fehler, der mich viel Kraft und Zeit kosten wird. Ich versuche, die Route zu erreichen, ohne zurücksteigen zu müssen und quere an der Westflanke parallel durch stark rutschendes Geröll, um nach einer halben Stunde festzustellen, dass ein Weiterkommen von meiner jetzigen Position eindeutig zu gefährlich ist. Ich beschließe, in den sauren Apfel zu beißen und umzukehren. Und finde den Weg nicht mehr. Der Nebel ist zu dicht. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich theoretisch, wie ein Kompass funktioniert, jetzt weiß ich es auch praktisch. Meine Ankunft auf dem Gipfel des Bidean nam Bian verzögert sich um schlappe 2 Stunden. Ich bin nass und erschöpft, aber glücklich. Über den Grat zum Stob Coire Sgreamhach und danach über den Rücken des Beinn Fhada zurück zum Parkplatz. Lektion 1: 1000 Meter in Schottland fühlen sich gerne mal an wie 3000 in den Alpen. Das liegt unter anderem daran, dass man hier eigentlich immer von Meeresniveau aus einsteigt. Und an den ständig wechselnden Wetterbedingungen und der enormen Feuchtigkeit.

Von Inseln I: Mull

Nach dem ersten Bergschock und aufgrund der Wetterbedingungen, beschließe ich, den zweiten Tag auf dem Wasser zu verbringen. Iain, mein Herbergsvater, Frühstückskoch und Ratgeber versichert mir: do it, it’s gonna be amazing. Und so breche ich schon sehr früh in Richtung Oban auf, ein hübsches Städtchen, das ich bislang nur von Whiskyflaschen-Etiketten kenne. Von dort aus geht es mit der großen Fähre nach Mull (gälisch: Eilean Muile), wo Collin, Busfahrer und Unterhalter der Western Motor Tours auf mich und ca. 30 andere Inselhopper wartet. Auf der Strecke vom Fährhafen Craignure nach Fionnphort im Westen von Mull erzählt Collin von der wirtschaftlichen Lage, vom einfachen und doch so komplizierten Leben der Islander. Mull ist wild. Hier leben Seeadler und Otter, Wild, Schafe und Rinder. Und ungefähr 3000 Menschen. Es gibt 4 Grundschulen von denen eine im Moment nur einen einzigen Schüler unterrichtet. Maybe the best educated kid in whole Scotland, scherzt Collin. Aber in seine Scherze mischt sich immer wieder Wehmut. Eine weiterführende Schule gibt es auf Mull nicht. Die Kinder werden nach Oban aufs Internat geschickt. Und kehren für gewöhnlich nicht wieder auf die Insel zurück. „It divides us“, sagt Collin, der noch immer auf Mull lebt. Viele Menschen ziehen weg, abgesehen vom Tourismus ist die wirtschaftliche Lage eher schwierig – und gleichzeitig kaufen immer mehr Städter sich hier Ferien- und Wochenendhäuser und treiben die Preise für Wohneigentum in die Höhe – ein Phänomen, das sich auf allen Inseln der inneren Hebriden findet.

Islander, Highlander, Mainlander & Städter

Insulaner zu sein, das ist eine Eigenschaft, die jenseits von Postleitzahlen schwer zu fassen ist. Islander fühlen sich vom Rest der Nation separiert – und beziehen daraus auch ein Selbstverständnis. Unter den einzelnen Inseln herrscht Konkurrenz. Für Collin ist Skye, die größte und touristisch am besten erschlossene Insel der inneren Hebriden gar keine Insel mehr, seitdem sie durch eine Brücke mit dem Festland verbunden ist. Am Frühstückstisch in Portree (Port Rìgh) erzählt ein Postangestellter von der Insel Arran, dass er kurzzeitig einen Kollegen von den Orkney-Inseln hatte – kurzzeitig deshalb, weil dem Mann wegen Dummheit gekündigt werden musste – typisch Orkney eben. Und jene Bewohner Orkneys wiederum fühlen sich derart fern vom Rest der Nation, dass sie mit Mainland nicht etwa das Festland bezeichnen, sondern die größte Insel ihres Archipels. Islander, das kann eine stolze Selbstbeschreibung sein, ebenso wie eine Wehmutsdiagnose, die all jene Bewohner abgelegener Weltgegenden nachzufühlen vermögen. Und im schlimmsten Fall wird der Islander zum Hinterwäldler, zum Dummkopf, zum Landei. Je weiter weg, desto dümmer. Innere Hebriden. Äußere Hebriden. Orkneys. Shettlands. Ob St. Kilda eine Rolle spielt, das weiß ich nicht. Wohnt da eigentlich jemand? (Antwort: früher ja, heute eher nein, also: Militär. Interessanter Wikipedia-Artikel übrigens.)

Von Inseln II: Iona & Staffa

Das Wetter klart auf, wir erreichen die nur acht Quadratkilometer große Insel Iona bei  Sonnenschein. Iona gilt nach wie vor als spirituelles Zentrum Schottlands. Von hier nahm die Christianisierung der Schotten durch den heiligen Columbus ihren Anfang und hier befinden sich die Grabstätten vieler schottischer Könige, unter anderem  die von Mac Beth. Auch heute noch hält die Insel die religiöse Tradition hoch – wie ohnehin in Schottland Religion eine größere Rolle spielt, als ich dachte. Die Kirchen sind zahlreich und offensichtlich gut besucht. Hatte ich mir alles atheistischer vorgestellt, vermutlich weil mein Klischee des Schotten sich um eine Idee von Unbeugsamkeit herum versammelt, der eine atheistische Haltung gut zu Gesicht stünde. Ich irre, wie so oft.

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Isle of Iona

Von Iona geht es weiter nach Staffa, eine 200 auf 600 Meter große unbewohnte Basaltformation. Wer den Weg zu dieser Insel auf sich nimmt- eine immerhin fast einstündige Fahrt mit einem kleinen Schiff – der kommt entweder, um Fingal’s Cave oder die Papageientaucherkolonie zu bestaunen. Ich tue beides.

Fingal’s Cave ist eine sehr eindrückliche, mehr als 80 Meter lange Höhlenformation, die der Atlantik über Jahrtausende aus dem Basalt gepeitscht hat. Fast noch eindrücklicher als die Höhle selbst, ist die kulturelle Überformung derselben, an der seit ihrer Entdeckung im späten 18. Jahrhundert eifrig  gearbeitet wurde. William Turner, Theodor Fontane, Jules Verne und nicht zuletzt Felix Mendelsohn-Bartholdy haben diese Höhle, beschrieben, gemalt, Geschichten darüber erzählt und Musikstücke nach ihr benannt. Mit einigem Erfolg: schon früh wird Staffa zum Sehnsuchtspol eines romantischen Tourismus, der das Erhabene im Wilden, Ungestümen, Windumpeitschten und Weltfernen zu finden sucht. In diesem Sinne: bin auch ich ein romantischer Tourist. Einer allerdings, der in einem Boot mit 30 pensionierten Amerikanern sitzt. Und der froh ist, um die schiere Lautstärke des Schiffsmotors. ’nough said.

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Staffa – Fingal’s Cave

Die Papageientaucher aus dem ersten Stock sind erstaunliche Tiere – und scheinen tatächlich die Nähe der Menschen zu schätzen. Und das nicht etwa, weil sie gefüttert werden – nein, die Touristen scheinen eine Art Schutzschild zu sein. Größere Gruppen von Menschen halten wohl die Möwen fern. Und Möwen sind die größten Feinde für den Nachwuchs dieser lustigen Vögel.

Von Inseln III: Skye

Die Isle of Skyeheißt auf gälisch An t-Eilean Sgitheanach: die Wolkenisel. Ich erreiche sie bei bestem Hebriden-Wetter. Es regnet und die Sicht ist schlecht. Mein erstes Ziel liegt im Norden: The Old Man of Storr – die knapp 50 Meter hohe Felsnadel auf der Halbinsel Trotternish zählt zu den größten Sehenswürdigkeiten der Insel. Die Sicht ist so schlecht, dass ich den Old Man vom Parkplatz aus gar nicht sehen kann – und das, obwohl er kaum 300 Meter entfernt sein dürfte.

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Old Man of Storr – gesehen vom Gipfelzustieg auf den Storr

Ich kenne das Spiel schon. Es heißt Wetter und sollte zwar zur Kenntnis genommen, aber keinesfalls überbewertet werden, weil: es regnet hier eigentlich täglich, meist auch mehrmals. Regen in seiner vollen Bandbreite: light rain showers, heavy rainshowers, mal mit Wind, mal ohne. Das Gute: es hört auch ganz schön oft auf zu regnen. So auch heute. Als ich ungefähr auf der Höhe des Old Man angekommen bin, beginnt es aufzuklaren. Ähnliches geschieht einen Tag später in den Quiraing-Mountains, wo sich nach wirklich heftigen Regenfällen und schlimmstarken Windböen recht unvermittelt der Nebel hebt, der Regen verstummt und innerhalb von wenigen Minuten ein unfassbares Panorama sichtbar wird. So etwas kann passieren, muss es aber natürlich nicht. Die Gipfeltour auf den Sgurr Dearg, von dem aus ich mir gerne den Inaccessible Pin, den schwersten Munro Schottlands, angeschaut hätte, muss ich 100 Höhenmeter vor dem Ziel abbrechen. Die Sicht ist derart schlecht, dass ich mich mehrmals verlaufe – und der sehr steile Aufstieg durch loses Geröll ist schlichtweg zu gefährlich.

Ah, the weatherrr – you have to take it as it comes, sagt Isobels Mutter, die Matronin des B&Bs in Portree. Sie stellt sich mir übrigens als Isobel’s mother vor. Ich habe keinen Grund, das in Frage zu stellen und spreche sie künftig einfach nur indirekt an. Das Gasthaus ist unter ihrer Führung zu einer Art Kitschkulissensammlung erstarrt. Auch das scheint mir eine Art von Sehensürdigkeit zu sein. Man betritt das Haus durch einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum – und landet in einer BBC-Requisite vom Flying Circus. Floral-Teppich, beleuchtete Plastikblumen, ein lebensgroßer Plüschhund, Vitrinen mit Porzellanfiguren, die Hochzeitsszenen nachstellen. Ich frage mich, wie sich die Persönlichkeit von Isobel’s mother und diese absurde Kulisse ineinander vermitteln lassen. Weil: Isobel’s mother ist eine resolute Frau. Wenn sie das Frühstück serviert, kracht der Boden wie ein historisches Schiffsdeck auf hoher See. Ich vermute: das liegt zu gleichen Teilen am Boden und an ihr. Der Kiltträger am Nachbartisch wird streng ermahnt, schon als er sein Mobiltelefon nur aus der Hemdtasche zieht. Weil: Handys sind am Frühstückstisch streng verboten, das war bei Glennys und Iain auch so – und auch in B&B Nummer 3 finden sich Verbotsschilder im Frühstücksraum. Das mag man als Bevormundung sehen, ich finde es äußerst erfrischend. Und es fördert tatsächlich die Konversation unter den Gästen. So erfahre ich von einer 6-tägigen Bootsfahrt auf dem Kaledonischen Kanal (der tatsächlich nicht mal 80 km lang ist – wer auf der Suche nach der wahren Entschleunigungserfahrung ist: here you are). Oder von der oben erwähnten Orkney-Epidosde. Iain erzählt mir von den wilden Hasen, weil im Vorgarten gerade einer Rast macht (they do more damage than they do good – but aren’t they cute?).

Ich habe den little chat am Morgen jedenfalls fest in meine Urlaubsroutine aufgenommen und bin schon gespannt, was Karrrren morgen so zu sagen hat. Karrren ist Farmerin, mit Gummistiefeln und rosigen Wangen. Und hier, auf ihrer Pferde- und Schaffarm im Norden von Skye, wohne ich gerade. Noch bis morgen früh, dann verlasse ich die schöne Inselwelt der Inneren Hebriden und mache mich weiter auf den Weg nach Norden.

Nächster Stopp: Ullapool.

Wie es weitergeht, mit Schottland und mir, weshalb man Haggis nicht in die USA importieren darf und Black Pudding ein ganz ausgezeichneter Frühstücksbestandteil ist, wie mein Verhältnis zu geräuchertem Orkney-Cheddar sich entwickelt und weshalb ich der größte Glückspilz unter Schottlands Wolken bin – davon bald mehr an dieser Stelle.


Mehr Bilder gibt es auf instagram zu sehen (und die volle Breitseite wird nach und nach in dieses flickr-Album geladen).

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The story of my shirt

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Mode interessiert mich immer dann am meisten, wenn ihr transformatives narratives Potential zum Vorschein kommt. Das geschieht in den Entwürfen von Rei Kawakubo ebenso wie im vestimentären Verständnis von Carrie Brownstein, Kathleen Hanna, Wolfgang Tillmans oder Alok Vaid-Menon. Auf der Straße, im Supermarkt oder im Club – spannend wird Kleidung immer dort, wo gute Geschichten erzählt werden. Als Alexandra O’Donovan von storyofmyshirt mich vor einigen Tagen darum bat, ihr einige Fragen zu meinem liebsten Shirt zu beantworten, musste ich nicht lange zögern. Meine Geschichte über Patrick Cowley, The Black Madonna, Netzstümpfe & Rudy Loewe gibt es hier auf storyofmyshirt zu lesen.

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Always Ultra

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Die Entscheidung fiel äußerst leicht. Als Steffi & Fanny im Sommer mit der Bitte um einen Textbeitrag zu mir kamen, musste ich nicht lange überlegen. Schreiben, das heißt für mich in erster Linie auch: nachdenken über. Und nachfühlen. Einen Vibe erspüren, eine Haltung nachvollziehen, freistellen oder unterstreichen. Praktisch, dass die meiste Arbeit eigentlich schon gemacht war – ALWAYS ULTRA, die Partyreihe der beiden, gehört seit Anbeginn zu meinen Highlights der Konstanzer Nacht, der Sound von Tomoko ist mir brechende Welle & sicherer Hafen zugleich. Darüber eine Agenda, die angenehm aus den allgegenwärtigen Machismen der Nacht hervorsticht. Feministisch. Queer. Und kompromisslos der musikalischen Qualität verpflichtet. Hier muss ich mich nicht lange einfühlen, hier fühle ich mich per se: zuhause.

Ein weiterer Grund für meine Begeisterung: Ines Njers vom WE SUM collective sollte die Bilder für diese Reportage machen. In den letzten Jahren bin ich öfter mit den Bildern von Ines in Berührung gekommen und schätze ihre Arbeit sehr – und damit meine ich nicht nur ihren fotografischen Stil (nahbar, bedacht, mega), sondern auch ihr herzliches und unkompliziertes Wesen.

Die Reportage ist gestern Abend unter dem Titel LAUTER LEBEN mit ALWAYS ULTRA bei WE SUM online gegangen. Ich finde sie sehr gelungen. Schaut doch kurz vorbei und macht euch ein Bild.

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Foto: Fannylla, Tomoko & Chillinda – aufgenommen von Ines Njers / WE SUM collective

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Me, myself & Italy – Teil III

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Für alle Neuankömmlinge, hier die Kurzzusammenfassung:  Pfeffer reist durch Norditalien und schreibt darüber. Die ersten beiden Teile der Berichterstattung gibt es hier und hier zu lesen.

1 person, 1 table, 1 dinner, no english

(Turin) Der Tisch im Ristorante Consorzio in der Via monte di Pietà bleibt mir heute leider verwehrt, ausgebucht bis auf den letzten Platz. „Ich esse auch an der Bar“, versuche ich den Kellner zu überzeugen, aber sein Argument ist von bestechender Klarheit: es gibt überhaupt keine Bar. Er empfiehlt mir das Blanco, einen Block weiter. Das alte Spiel. Kein Englisch, und zwar wirklich: gar keines. Der Kellner ist vermutlich Anfang 20 und versteht meine Frage, auch in ihrer äußersten Verknappung auf 4 Worte „one person, dinner, now“ tatsächlich nicht. Die Kollegin wird gerufen, ihr Englisch ist kaum besser, aber sie lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen und nimmt die Sache in die Hand. Reservierungsschilder werden getauscht, Namen im großen Buch durchgestrichen und umgetragen – und schließlich habe ich ihn, den Tisch. Alora! Ich bestelle auf italienisch und habe nur eine ungefähre Ahnung davon, was mir serviert werden könnte. Aber das ist völlig egal, ich esse eigentlich alles. Die Kellnerin lobt mein Italienisch, unser beider Sprachkenntnis reicht nicht aus, um zu vermitteln, dass ihre Lüge mir schmeichelt. Egal, wir lachen, das entspannt. Ein Rosenverkäufer bertritt das Geschehen und schiebt sich zwischen meinen kleinen Tisch, das französische Ehepaar neben mir und die Bar. Ich winke ab, er schaut fragend. Später frage ich mich, was mein Umfeld wohl gemutmaßt hätte, wenn ich – alleine an einem kleinen Tisch neben der Bar sitzend – eine Rose oder gar mehrere gekauft hätte. Mich amüsiert das in Gang gesetzte Kopfkino und ich beschließe, bei der nächsten Gelegenheit aktiver zu agieren. Weil sich so vielleicht die ein oder andere interessante Situation oder Konstellation herbeiführen ließe. Und selbst wenn nicht: mit Blumen ist es ja eigentlich immer besser als ohne.

Das Essen vergeht, der Abend vergeht. Ich bezahle und suche das bagno. Auf meinem Weg dorthin fällt mir auf, dass es noch ein halbes Dutzend weiterer Tische im Untergeschoss – bei den Toiletten – gibt. Weshalb also die Mühe, die bestehenden Reservierungen zu verschieben und mich im oberen Gastraum zu platzieren? Ich vermute: es hat was mit der Geruchsbelästigung im Keller zu tun. Guter Service, mille grazie.

Rocca dei corvi

Der Tag beginnt früh, schnelles Frühstück, auschecken, ab aufs Boot. Das Ziel: der Rocca dei corvi, ein Felsen in der Nähe des Dorfes Viola St. Gree in den Cottischen Alpen. Ich erreiche den kleinen Parkplatz bei der Kapelle Santa Caterina kurz vor Mittag. Hier ist es verdächtig idyllisch. Eidechsen sonnen sich auf verwitterten Naturmauern, Bauern machen ein Feuer, vermutlich um das viele Laub zu verbrennen, das bereits gefallen ist. Unter solchen Folien von Beschaulichkeit vermutet man ja immer die allerabsonderlichsten Perversionen. Augen in Einmachgläsern oder Dinge dieser Art. Ein Handwerker an der Kapelle erwidert mein Buongiorno, mit einem handfesten Gesprächsanfall. Ich unterbreche ihn mehrmals, um ihm zu versichern, dass ich nichts verstehe (was ich ungewöhnlicherweise tatsächlich nicht tue: seine Rede ist entweder stark dialektgefärbt oder gar eine eigene Sprache, möglicherweise piemontesisch oder ligurisch). Hält ihn natürlich nicht davon ab, weiterzureden – und zwar viel und schnell. Ich stelle mir vor, er woll mich vor einer drohenden Gefahr warnen. Vor Hillbillies oder tollwütigen Trüffelschweinen. Abermals herrliches Kopfkino im Herbstwald.

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Der Klettersteig ist eher mäßig gut ausgeschildert, das viele Laub, das kleinere Pfade unsichtbar werden lässt, tut sein übriges. Ich finde den Weg und bin recht schnell beim Zustieg, der direkt an einem Bachlauf liegt. Überraschung! Die erste Senkrechte führt neben einem Wasserfall entlang. Sehr nah neben einem Wasserfall. Der Fels ist nass, das Seil und die Eisentritte ebenfalls. Sehr rutschige Angelegenheit, die ich mit einer eher unkonventionellen Klettertechnik, die ich mal Knietechnik nennen möchte, hinter mich bringe. Recht schnell zeigt sich: der Klettersteig ist anspruchsvoll – als solcher war er auch beschrieben. Die Seilführung ist locker, die Tritte teilweise spärlich und die Überhänge recht zahlreich. Schwerster Steig der bisherigen Tour, ich komme an die Grenzen meines Könnens – und genau dort wollte ich hin. Die Gegend ist einsam – und trotz des kurzen Zustieges höre und sehe ich keinen Menschen weit und breit. Auf einer eher leichten und ungefährlichen Querung nach dem ersten Teil des Steiges passiert es dann: mein Telefon fällt aus der Hosentasche. Nach dem letzten Foto habe ich wohl vergessen, den Reißverschluss zu schließen. Das Telefon rutscht ein paar Meter weit, um dann über einen kleinen Absatz zu fallen. Ich kann das Gebiet, in dem es liegen müsste, ganz gut eingrenzen. Denke ich. Fälschlicherweise, wie sich später herausstellen wird. Mein Puls steigt. Soll ich den Steig verlassen, um nach dem Telefon zu suchen? Steig verlassen, das heißt: die Karabiner vom sichernden Seil nehmen. Ich habe eine Bandschlinge und einen weiteren Karabiner dabei und damit mehr Spielraum. Aber bei weitem nicht genug, um in das anvisierte Gebiet zu gelangen. Ich zögere. Ich weiß, dass die allermeisten Unfälle dort passieren, wo leichtsinnigerweise auf Sicherung verzichtet wird. Andererseits ist die Querung nicht sehr steil, der Fels ist trocken, ich bin konzentriert und bei Kräften.

Ich löse die Karabiner und begebe mich vorsichtig in das vermutete Zielgebiet. Das Problem ist: hier liegen mehrere Schichten Laub, was die Suche ganz erheblich erschwert. Schmerzhafter Bonus – das Laub ist durchmischt mit stacheligen getrockneten Kastanienschalen. Meine Handschuhe schützen nur die Handflächen und die ersten Fingerglieder. Die Suche dauert schon mehr als 10 Minuten. Lange 10 Minuten. Ich spiele mit dem Gedanken, abzubrechen. Ich breche nicht ab. Ich finde das Telefon. Es hat Blessuren, ist aber am Leben. Ich bin sehr erleichtert. Nur begrenzt des materiellen Wertes wegen. Ich habe wieder ein GPS-Gerät in der Tasche – ein probates Beruhigungsmittel bei schlecht ausgeschilderten Waldwegen. Außerdem bin ich internetsüchtig und bin gerade dem kalten Entzug von der Schippe gesprungen. Phew!

Schnell wieder ans Seil. Auch der zweite Teil der Tour ist anspruchsvoll. Oben wartet Mutter Maria auf mich. Ich nutze sie als Stütze und Stativ. Das machen vermutlich viele so. Der Blick ist grandios. Auch von hier oben: niemand zu sehen. Weite. Stille. Nur ich und Maria.

Der Abstieg beginnt – der Logik dieses Felsens geschuldet – ähnlich anspruchsvoll wie der Aufstieg. Sehr steil, überhängende Passagen inklusive. Eine Hängebrücke sorgt nochmals für Adrenalin, dann ist es bald geschafft. Ich auch. Schnell zurück zum Auto und ab ins Café. Mache ich gerne: in den kleinen Bergdörfern noch irgendwas einkaufen, die lokale Gastronomie unterstützen, ein bisschen Geld dalassen. Und nicht einfach nur die Straßen kaputtfahren. In Viola St Gree ist das schwierig. Das einzige Café ist geschlossen. In Viola, der Nachbarortschaft auch, ebenso wie in Lisio und in Mombasiglio. Wo sind sie denn, die Bewohner des Valle Maira? Ernüchternde Antwort: sie sitzen in den Shopping Malls und Systemgastronomien von Ceva, einem Klumpen von Stadt. Agglomeration ist der durchaus passende Name dafür. Hier will ich keinen Kaffee, hier will ich nicht sein. Ich lasse mich nach Genua navigieren, zum letzten Ziel meiner Reise.

Genua

Kurz vor Savona öffnet sich unvermittelt das Meer, der typische Schwindel des Wassers, die Weite des Blicks. Keine Streben, keine Pfeiler, keine Häuser, keine Stützen, die zwischen nah und fern, groß und klein vermitteln könnten. Dem bleibt nicht lange so. Alsbald erscheinen die rostigen Lastkräne im Bild, viele, so viele, Fialen der Genueser Bucht.

Genua erreicht mich wie ein Schlag in die Nieren. Der Verkehr ist dicht, der Beton wittert und schwitzt. Rostvernarbte Brücken & Unterführungen, überall stapeln sich Kartonagen und Holzkisten, übereinandergekippt, dazwischen Müll. All die Orientierungspunkte, die das Wasser genommen hat, scheinen sich hier zu multiplizieren. Es stinkt, nach Fisch und Pisse. Dazu das typische Hupkonzert der italienischen Metropolen, Stadt als systematische Überforderung; kurz: es ist herrlich.

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Von Genua weiß und erwarte ich: wenig. Ein blinder Fleck auf meiner Italienkarte, Hauptstadt Liguriens, einst die größte Seemacht Europas & reichste Stadt der Welt, Geburtsort von Kolumbus. Das wars eigentlich auch schon, mehr weiß ich nicht.

In der Bucht von Genua steigt der Gebirgszug der Apenninen landeinwärts steil an und legt damit die gesamte Charakteristik der Stadt als ausschließlich dem Meer zugewandte Ansiedlung fest. Die Nachmittagssonne färbt Wasser und Fassaden, ich ankere das Schiff und mache los. Schnell wird klar: die Überforderung, die ich auf der großen Küstenstraße bereits erahne, setzt sich fort und radikalisiert sich in all den kleinen Gassen, verwinkelten Sträßchen, auf den Treppen und Plätze des Centro Storico. Genua, so bilde ich mir ein, muss genau hier erschlossen werden, kein Museum heute, ich ziehe durch die Straßen und lasse mich mit dem Strom des Genueser Abends treiben.

Genua ist Marseille, ist Neapel und Konstantinopel. Latinas, Asiaten, Schwarzafrikaner. Ich höre französisch, englisch, patois, indisch. Genua ist Hafen mit all seinen Konsequenzen. Hier zirkulieren: Waren, Sprachen, Hoffnungen, ebenso wie Waffen, Keime und Ängste. Eine ältere Dame schiebt einen Leiterwagen mit einem großen Bücherregal über die Straße, zwei Hunde geraten in einen Kampf, eine Nonne nimmt sich einem vernarbten Alkoholiker an, ohne Erfolg – überall bricht Handel und Geschäftigkeit sich Bahn. Die Müllkammern der Innenstadt: mit Blaulicht ausgestattet, auch das spricht eine eindeutige Sprache. Es riecht nach Innereien und Gras. In der Via di Pre zähle ich 83 Menschen auf der Straße, alle sind schwarz, bis auf einen: der Apotheker. In den Metzgereien: Rinderherzen, Lunge, die Hühner werden mit gespreizten Schenkeln präsentiert. In der Via Lomellini dringt Musik aus einem Hauseingang. Ich beschließe, mich selbst beim Wort des letzten Abends zu nehmen, mehr zu wagen und schaue hinein. Ein Teehaus vielleicht? Oder ein Wettbüro? Ein Gebetsraum? Nichts dergleichen, hier wird Körperlichkeit verkauft. Die Situation überfällt mich, ich gehe schnell hinaus, die Nachbarin zwei Häuser weiter, die schweren Einkaufstüten in der Hand, schaut wissend und abschätzig. Die ganze Straße scheint der Prostitution zu gehören. Mich würden die Preise interessieren, ich frage mich, wie man nach so etwas fragt, ohne Kunde werden zu wollen und beleidigend zu sein. Vermutlich: gar nicht.

In einem Geschäft werden ausschließlich elektrische Schreibmaschinen verkauft, es gibt einen Laden für okkulte Praxis, Waschsalons, klein und dreckig, in der querenden Vicolo, die so eng ist, dass ich nicht mal meine Ellenbogen ausstrecken kann, liegt eine Matratze.

Ich frage die Kellnerin beim Abendessen, weshalb sie so gut englisch spricht? Sie kommt aus Rosenheim. Aber auch ihre Kollegin aus Ecuador spricht gut, wie eigentlich alle hier englisch sprechen, auf die ich treffe. Man scheint es hier gewohnt zu sein, nicht ausschließlich italienisch sprechen zu müssen.

Ich schlafe länger als sonst, ich brauche Kraft. Dann raus, ab in die Palazzi. Die Angestellten im Palazzo Rosso und Palazzo Bianco werden von einen integrativen Projekt gestellt, das Menschen mit Behinderungen in Jobs bringt. Der Herr mit Down-Syndrom empfängt mich herzlich und schildert mir mit der typischen Freundlichkeit und Akkuratesse den Rundgang durchs Unesco-Weltkulturerbe. Ich habe viel Kunst gesehen in den letzten Tagen und will an der ein oder anderen Stelle abkürzen, etwa wo Geschirr und Möbel zu sehen sind. Geht nicht. Die Aufsichten nehmen allesamt ihren Auftrag sehr ernst und bestehen darauf, dass ich mir ALLE Räume anschaue. Wirklich alle. Und sie haben ja Recht in ihrer Beharrlichkeit: sonst wären mir vielleicht die ganz wunderbaren Malereien von Jan Provoost entgangen, die mich wirklich beeindrucken, weil sie so völlig uneindeutig zwischen Flächigkeit und Tiefe, Symbolhaftigkeit und realistischer Darstellung hin- und herchangieren. Mehr über Jan Provoost in Erfahrung bringen, das könnte spannend sein.

Meine Beine sind schwer, die Klettersteige und das tapfere Laufprogramm der letzten Woche machen sich bemerkbar. Ich gehe in die Trattoria dell’Acciughetta zum Mittagessen. Ich bestelle Wein, Pasta nera und Polpo. Der Laden ist klein, das Essen ist grandios.Ich bitte den Kellner um eine Reservierung für den Abend. Fully booked. Leider. Ob er einen Tipp habe. „You want the real deal ?“ Si. „Go to Da Mario.“ Ich notiere mir den Tipp des Experten und schlendere weinschlagseitig in Richtung Aquario.

Aquario am Arsch!

Seepferdchen anschauen, Medusen beim quallieren beiwohnen, das könnte ein schöner Plan für den frühen Nachmittag sein, denke ich mir. Und so ist es auch, zumindest anfänglich. Das Aquarium empfängt mich mit gedämpftem Licht  und seichter Ambient-Musik. Die Seepferdchen tanzen ihre formschönen Trapeznummern, ich werde schläfrig. Das scheint nicht nur mir so zu gehen. Im großen Mittelmeerbecken liegt ein müder Sägerochen neben zwei stattlichen Sandtigerhaien. Ich dachte immer, Haie müssten ständig in Bewegung bleiben, aber dem scheint nicht so zu sein. Sie liegen da, mehrere Minuten lang. Und scheinen weder tot noch dem Tode nahe zu sein.

Im nächsten Becken dann: Manatis, zu deutsch sehr bildlich auch Rundschwanzseekühe genannt. Ich mag diese Tiere sehr gerne. Aber nicht hier und bin einigermaßen erstaunt, ob der ausgestellten Großsäuger. Ich ahne Böses. Und bedauerlicherweise liege ich mit meiner Ahnung ganz richtig. Im Becken danach sind Robben zu sehen, zwei Becken weiter Delfine. Der Platzbedarf dieser Tiere und ihr Bewegungsdrang sind hinreichend dokumentiert. Dumm, das. It’s 2016. Arschlochaquarium Genua. Nicht hingehen.

Über der Stadt

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Ich mache mich auf zu einer letzten Bergstrecke, hoch zum Castelletto, den Blick von oben auf die Stadt werfen. Von hier erinnert Genua am ehesten an die Schachtelarchitektur südamerikanischer Küstenstädte, wie ich sie bislang nur aus Filmen kenne. Es wird gebaut, dann wird an-, um- und überbaut, Unterführungen und Brücken entstehen, es wird abgerissen, aufgestockt und ausgeschmückt. Metastatische Architektur, ein Bebauungsplan ohne Plan aber mit ordentlich Funktionalität, ein Wimmelbild für Fortgeschrittene. Es zieht Dunst auf über der Stadt. Wie passend, denke ich mir. Der Vorhang schließt sich, die Reise ist zu Ende.

Ich gehe zurück zur Piazza Principe und schreibe im Hotel ein wenig an diesem Text, der im Gegensatz zu den vorherigen, als Flickenteppich und nicht in einem Rutsch entsteht, was in einer gewissen formalen Korrelation zu meiner Erfahrung dieser Stadt steht. Dann mache ich, was ich eigentlich nie mache: einen Mittagsschlaf. Die Reise hat Kraft gekostet, Kopf und Füße sind müde. Der Schlaf ist kurz und tief, ob er Erholung gebracht hat, vermag ich nicht zu sagen. Nach einem Mittagsschlaf bin ich meist müder als zuvor. Weshalb ich für gewöhnlich keinen halte. Ich mache mich ausgehfertig. Mario wartet, ich bin gespannt auf den „real deal“.

Da Mario

Da Mario liegt in der Salita San Paolo, in unmittelbarer Nähe meines Hotels am Hauptbahnhof von Genua. Die Gegend ist geschäftig, ich laufe an 4 verschiedenen Textilgeschäften vorbei, hier gibt es Jacken, Pulllover, Rucksäcke und Koffer. Alles sieht aus, wie direkt aus dem Seefrachtcontainer gekippt: in Plastikfolie eingeschweißt. Unter weißem Neonlicht sitzen die asiatischen Verkäufer – interessanterweise in allen Läden: paarweise. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier zu großen Verkaufsgesprächen kommt. Vielleicht ist man sich gegenseitig Stütze. Oder man ist da, weil man schon immer da war. Die Salita San Paolo zweigt abschüssig an die Via Andrea Doria – wie das Internet mir später berichten wird, war Genua der Heimathafen des Unglücksschiffes.

Schnell wird klar: hierhin werden sich wenige Touristen verirren, die Gegend ist in jedem Fall schon mal „real“, im Ladengeschäft nebenan, dessen halb heruntergelassenes Eisengitter die Frage, ob offen oder geschlossen sei nicht eindeutig beantwortet,  stapeln sich kaputte Kartonagen mit Plastiksonnenbrillen: tausende von Kartonagen, über- und durcheinandergekippt.

Ich betrete das Da Mario und werde sofort von der nonna, der Dame des Hauses in Empfang genommen, eine strenge Frau, die kaum vom Boden aufblickt und mir meinen Tisch zuweist. Hier gibt es keine freie Platzwahl, das Lokal wird ordentlich von vorne nach hinten befüllt – und den community table gab es hier schon lange bevor ihn findige Gastrostrategen als innovatives Konzept für sich entdeckt haben. Wie sich schnell herausstellt, ist die nonna zuständig für Platzeinweisung, caffè und dolci. Mario oder dessen Nachfolger spielt die Libero-Position, ist mal hier und mal da, hantiert mit Wein oder klopft auf Schultern. Der restliche Service wird von zwei Kellnern erledigt, von zwei sehr flinken Kellnern, der Laden ist groß, ich vermute um die 70-80 Sitzplätze.

Englisch wird nach Kräften gesprochen, gerne gemischt mit französisch und italienisch und viel gutem Willen.Mit Dekoration hält man sich nicht auf, was angenehm so ist. Der Laden ist sauber und die Lampen erfüllen ihren Zweck auch ohne Lichtkonzept. Das Publikum ist so gemischt wie Genua. Hafenarbeiter mit verschlagenen Gesichtern, Rentner, Geschäftsleute. Das Klima ist umtriebig. Ein Lieferjunge trägt 3 Körbe Mandarinen in die Küche, Schmutzwäschebündel werden abgeholt und gegen frische getauscht. Die Bestellungen werden vom Tisch in die Küche und Richtung Bar gerufen, kurz: es ist laut und voller Leben. Die Preise sind unglaublich. Die Primi kosten im Durchschnitt vier Euro, bei den Secondi habe ich mir mit sieben Euro schon eines der teuersten ausgesucht. Der Liter Wasser für einen Euro. Mein komplettes Menu, zwei Gänge + Salat, Kaffee, Wasser und Bier kostet gerade mal fünfzehn Euro. Und das Essen ist höchst anständig, die Pasta gehört zu den besten der ganzen Reise. Ich fotografiere nicht, weil man das hier nicht tut. Kein Instagram, kein Rating. Oldschool-Anpreisung im Oldschool-Format Blog. Perfekter Ort für das letzte Abendessen, ich bin dort angekommen, wo ich hinwollte: bei den Leuten, mittendrin, in Genua.

Enden

Die Reise geht zu Ende. Die Taschen sind gepackt, die letzten Abschnitte dieses Textes schreibe ich am Frühstückstisch des Hotels. Ein Fazit muss nicht gezogen werden, das Aufgeschriebene dürfte meine Begeisterung für die vergangenen Tage hinreichend abbilden. Das Projekt Alleine-Reisen ist weit mehr als nur geglückt. Ich bin zufrieden und entflammt, wie ich es länger nicht mehr war. Ich war 7 Tage alleine unterwegs, aber einsam war ich zu keinem Zeitpunkt. Die Abendessen, angstbesetzte Fragezeichen, werden schnell zum unverzichtbaren Höhepunkt des Tages. Die Vorstellung, ich könnte mich an bestimmten Ausblicken und Situationen weniger freuen, weil ich sie nicht teilen kann, stimmt so nicht. Die Gleichung ist deutlich komplexer, gerade in den Bergen fühle ich mich teilweise euphorisiert vom Blick und von der Stille. Auf dieser Reise habe ich deutlich weniger geredet als sonst – und auch weniger gelacht, dafür mehr gelächelt. Alleine Reisen ist schnell, wendig und spontan, aber auch: kräftezehrend, weil niemand mitplant, mitdenkt und mitlenkt.

Alleine Reisen, vor allem in Kombination mit dem Schreiben, das hat mir sehr gut gefallen und sich als tragfähige Idee für die Zukunft erwiesen.

Jetzt geht es zurück aufs Schiff, Anker lichten und ab an den See.

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Me, myself & Italy – Teil II

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Es geht weiter. Allen, die hier erst einsteigen, sei der Weg zum Anfang empfohlen. Wer abkürzen möchte, hier die Kurzzusammenfassung: ich bin im Urlaub, im Norden Italiens. Und schreibe darüber.

Mein letzter Abend in Mailand verläuft leicht ärgerlich. Zum ersten Mal auf dieser Reise vermisse ich eine Begleitung. Nicht weil ich Allianz, Zustimmung oder Unterhaltung suche, ich brauche eher: eine Phalanx, ein Schild. Meine Gattin könnte da gute Dienste leisten, aber die musste sich ja den Fuß kaputt tanzen und fällt als Beschützerin leider aus.

Der Grund: der Service, er nervt. Das passiert mir immer wieder mal in Italien – und wie mir aus meinem Freundeskreis berichtet wird: nicht nur mir. Abendessen, gehobenes Ambiente, noch gehobenere Preise, um die sechzig Sitzplätze, 10 Kellner, alle männlich, Machismo at its best. Englisch ist schwierig bis unmöglich (mitten in Mailand), kein Problem, ich kann einigermaßen gut italienisch lesen und auch ein wenig sprechen. Aber da scheint der Zug schon abgefahren zu sein. Die 4 unterschiedlichen Kellner, mit denen ich zu tun habe, könnte man der Größe und Unfreundlichkeit nach staffeln wie die Daltons. Von desinteressiert bis latent aggressiv. Ich frage mich, an was das liegt. Mein Ausländer-Status und die schlechten Sprachkenntnisse auf allen Seiten scheinen eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen, die anderen Gäste werden zumindest ein wenig freundlicher bedient. Sonderlich bedrohlich wirke ich für gewöhnlich nicht. Ich beschließe, diesem Thema nicht weiter nachzuspüren, weil mich die Faktoren oder Argumente eigentlich gar nicht gesteigert interessieren. Ich kenne das Dienstleistungsspiel beruflich recht gut und die Grundgleichung ist denkbar einfach: sei freundlich. Und dass das durchaus geht, ja fast bis zur Perfektion sogar, wird am darauf folgenden Tag in Turin unter Beweis gestellt. Aber dazu später. Ich frage mich noch kurz, ob ich mich in Gesellschaft weniger geärgert hätte. Hätte ich nicht. Aber ich hätte mich besser verstecken können. Essen ist übrigens mäßig, in Anbetracht der Preise: sehr mäßig.

Vale d’Aosta

Ich falle in die Bar, von der Bar ins Bett und beginne den Tag recht früh. Ein letztes Frühstück im Prunksaal, dann ab auf das Schiff und los in Richtung Nordwesten. Dichter Nebel, der sich bei der Einfahrt ins Aostatal innerhalb von Minuten lichtet. Berge! Sehe ich ja öfter in den letzten Monaten, aber das ist immer wieder erhebend. Mein Schiff schraubt sich mühelos die Serpentinen in Richtung Valtournenche nach oben, die Musik, das Wetter, die Laune: alles gut. Ziel dieses Abstechers nach Norden: die Via ferrata Gorbeillon. Der Zustieg vom Parkplatz bei Paquier ist denkbar kurz, schon nach einer knappen viertel Stunde klinke ich meine Karabiner ein. Das Sicherungsseil ist bei diesem Klettersteig mit recht viel Spiel gelegt, Eisenstifte eher spärlich gesät, was die Ganze Sache für mich recht spannend macht, weil ich – in Ermangelung guter Technik – oftmals eher mit Kraft klettere. Ich gewöhne mich recht schnell daran und finde Spaß am Felskontakt. Kurz vor dem Gipfel des Gorbeillon-Felsens wartet eine Drahtseil-Brücke inklusive Zustieg im Überhang. Kann umstiegen werden. Wird freilich nicht umstiegen. Ich beobachte meinen Schatten und bin leicht euphorisch.

Der Gipfelaufenthalt wird anders als gedacht. Der Plan war eigentlich: aufs Matterhorn schauen, Wolfgang hören – und schauen, in welche Wechselwirkung Kultur und Natur in diesem Setting miteinander treten. Geht natürlich gar nicht, weil: geht natürlich gar nicht. Ich weiß nicht genau, wann ich auf diese törichte Idee gekommen bin, aber mir wird ganz schnell klar: aufhören, ist albern, sehr albern sogar. Und nicht nur, weil das Matterhorn gar nicht so majestätisch zentralperspektivisch vor mir thront, wie ich mir das vor dem inneren Auge vorgestellt hatte (es presst sich eher so semiimposant durch einen recht profanen Wald), sondern auch, weil das freilich auf eine schwärmerische Art von Kulturgutbeschreibung hinausläuft, die ich für erbrechenswert halte. Ich lasse das also, beiße in ein Stück Käse, verabschiede mich vom Matterhorn und mache mich an den Abstieg. Zurück in Paquier nehme ich einen caffè und ein Stück Kuchen. Die Frau in der kleinen Bar, die nur von nett ausschauenden Rentnern bevölkert wird, spricht kein englisch. Aber sie lächelt und freut sich, dass mir der Kuchen schmeckt. So einfach kann es sein.

Auf dem Parkplatz verwandelt sich das Schiff in einen Eisbrecher. Das ist auch dringend nötig, wenn man den Gletscherkalbungstechno in Betracht zieht, der hier aus den Boxen dringt. Wolfang im DJ-Balduin-Remix, im Original vom grandiosen Jan Harder aka Yes Set aus dem Ira/TikiTaka-Umfeld. DJ Balduin, das ist mein Freund Ksaen, früher Xen, davor und noch immer: Christoph. Seine erste Platte. Auf seinem ersten Label, das glyk heißt – und dem ich Glück wünsche. Weil das ganz hervorragende Musik von einem ganz hervorragenden Typen ist. Mit Ksaen verbindet mich so einiges. Wir haben viele grandiose Nächte zusammen erlebt, wir haben gemeinsam Schallplatten aufgelegt. Wir haben getanzt und gefeiert. Das Abseitige, die Unbedarftheit und vor allem uns selbst. Ksaens Zugang zur Kunst war schon immer einer, der von Skepsis gegenüber dem allzu Geraden und offensichtlich Schönen geprägt war. Im Zweifel für den Fehler, die Störung und den Knacks. Das zieht sich auch durch diese Schallplatte. Yes Set zu veröffentlichen, sich DJ Balduin zu nennen, die Schrift, das Cover, der Sound: herrje und hurra!

Ich fahre weiter, ich drehe die Musik auf, die See ist flach, der Nebel senkt sich.

Pfeffer im Piemont

Mailand gefiel mir gut, Turin gefällt mir auf Anhieb: besser. Die Stadt scheint zu wissen, was Kummer bedeutet – das sieht man ihr trotz all der historischen Prachtbauten schnell an. Das Turiner Straßenpublikum ist diverser, weniger schön vielleicht – und weniger optimiert. Ich sehe weniger Hektik, mehr Narben und krumme Rücken und Nasen, aber auch mehr Lächeln.

Ich erreiche den Dom in der Dämmerung und bin ein wenig überrascht: das letzte Abendmahl, das mich in Mailand schon nicht interessiert hatte (was gut so ist, das Bild ist so begehrt wie beschädigt und die Wartelisten dementsprechend lang), hängt hier. Über dem Eingang, in Übergröße. Und ziemlich dunkel. Denke ich. Fälschlicherweise. Hier handelt es sich tatsächlich um eine Reproduktion in Originalgröße. 9 auf 4m. Nur die Schäden wurden offensichtlich nicht mitkopiert. Das ändert an meinem Desinteresse diesem Bild gegenüber wenig bis nichts. Zur Kopie des Monumentalschinkens passt dann auch die musikalische Untermalung dieses Kirchenbesuchs. Eine sehr zuckerwattige Orgelbearbeitung von Bachs Air. Und dieses – an sich ganz fabelhafte Stück Musik – ist nun nicht gerade arm an zuckerwattigen Interpretationen. Von all den Air-Verbrechen, die ich bislang gehört habe, definitiv unter den Top Drei.

Aber ich bin schließlich weder der Musik noch daVinci wegen hier im Dom, sondern wegen des berühmten Turiner Grabtuchs, das mal wieder nicht zu sehen ist. Ist es eigentlich nie. Eine Kopie davon darf täglich für ein paar Stunden verehrt werden. Obwohl es ja eigentlich nichts mehr zu verehren gibt, die Radiokarbon-Untersuchungen haben da eine ganz eindeutige Sprache gesprochen. 14. Jahrhundert. Nach Christus. Das Gute an Religion: Argumente, vor allen Dingen wissenschaftliche, zählen nur bedingt. Der Turiner Erzbischof Kardinal Anastasio Balestrero unterstreicht, beim Grabtuch handele es sich um eine „Offenbarung des Antlitzes und des Körpers Christi.“ Nun gut. Mich erinnert der Schattenmann auf dem Stück Stoff ja tatsächlich eher an den Sänger der Black-Metal-Band Gorgoroth (vergleiche das mit dem). Was das über mein Verhältnis zu Reliquien der katholischen Kirche und zu Mitgliedern skandinavischer Schwarzmetal-Formationen aussagt, darf gerne im Dunkeln bleiben.

Satin Island

Das Grabtuch interessiert mich nicht, aber ich nutze es gerne als McGuffin, um endlich mal über SATIN ISLAND, den zumindest in Teilen ganz hervorragenden Roman von Tom McCarthy zu schreiben. Und der beginnt so:

In Turin wird das berühmte Grabtuch aufbewahrt, das einen Abdruck der Leiche Christi nach der Kreuzigung zeigt: auf dem Rücken liegend, die Hände über dem Geschlecht verschränkt, die Augen geschlossen, der Kopf dornengekrönt. Allerdings ist das Bild auf dem bloßen Leinen kaum erkennbar. Es tauchte erst im späten neunzehnten Jahrhundert auf, als ein Amateurfotograf sich das Negativ einer Aufnahme des Objekts ansah und die Gestalt bemerkte – blass und verblichen, aber dennoch da. Nur im Negativ: Das Negativ wurde zum Positiv, was bedeutet, dass das Leichentuch selbst faktisch schon ein Negativ war.

McCarthy benutzt das Grabtuch als initialen Aufhänger, um die Komplexität seiner literarischen Rede zu steigern – und an dieser Schraube dreht er in recht atemberaubender Geschwindigkeit die ersten 100 Seiten von Satin Island. Der Roman spielt auf sehr eindrückliche Weise mit Ideen der Überlagerung und Übertragung. Alles affiziert alles, mit Sinn oder Unsinn. „Die Welt funktionierte jeden Tag, weil ich sie am Tag zuvor mit Bedeutung ausgestattet hatte.“ Die Berichterstattung über eine Ölpest wird zur Ölpest. „Das Material der Welt ist schwarz“ und Aphrodite tollt im schwarzen Schaum umher. Das ist technisch brillant (und ich vermute auch: meisterlich übersetzt) und wahnsinnig clever. Ein Text, der sich permanent bricht und in seinen Referenzen eine ungeheure Wucht entfaltet: „Ich? Nennt mich U.“ Hier spricht ein Anthropologe und zwar in mehrfacher Hinsicht. Große Empfehlung, auch wenn das Buch meiner Meinung in der zweiten Hälfte etwas kippt, weil ihm ja eigentlich nichts anderes übrig bleibt, als zu kippen. Ist die eigene Gemachtheit erstmal derart radikal ausgestellt, dürfte es schwer fallen, eine Geschichte aus den Zylindern zu zaubern, die den Motor in Fahrt halten. Eben.
Lesen, bitte, wenns manchmal auch ob all der Besser- und Bescheidwisserei ein wenig nervt.

Trick or treat

Es ist Halloween, die Kinder verkleiden sich, ziehen durch die Straßen und bitten um Süßigkeiten. Sogar in kleineren Supermärkten und Bars. Scheint hier üblich zu sein und Kinder sind in Italien ja eigentlich ohnehin überall willkommen, dementsprechend haben sich die Betreiber mit ordentlich Süßkram eingedeckt. Ich gehe in die Bar und trinke ein Bier in Gedenken an #kroetakano. Der Barmann sagt mir, dass Menabrea mal eine gute Marke war, bevor sie an Deutsche verkauft wurde. Dann fragt er mich, wo ich herkomme. Wir lachen. Er entschuldigt sich, dass der Fernseher kaputt ist. Ich versichere ihm, dass ich nicht fernsehen will. Tatsächlich nerven mich die allgegenwärtigen Fernseher etwas. 4 Minuten später betreten zwei ältere Damen die Bar, es kommt, soviel verstehe ich – zu einer hitzigen Diskussion über das Thema Fernsehen. Dann bastelt der Barmann eine Art Stativ aus Plastikröhrchen, drapiert sein Tabletgroßes Telefon darauf und stellt es so auf die Bar, dass die Damen es sehen können. Der Kanal der Wahl: MTV Italy.

La Badessa

Ich gehe zum Abendessen. Schon wieder Kirche, zumindest sieht es hier ganz ähnlich aus. La Badessa an der Piazza Carlo Emanuele II schmückt sich mit Sakralkunst, und zwar reichlich. Klingt furchtbar, ist es aber ganz und gar nicht. So ungefähr sieht das aus. Der Abend wird zu genau dem Kontrapunkt, den ich nach Mailand brauche. Grandioses Essen, und ein herzlicher und unaufgeregter Service, der mich mittels Menu Degustazione in 5 Gängen durch die Feinheiten der Piemonteser Küche führt. Es gibt Flan mit Birnen, Thymian und Käse, Vitello Tonnato ohne Matsch, eine Maronenpolenta, die schmeckt wie eine glückliche Kindheit, Kalbsbäckchen, Stockfisch-Gnocchi, die ganz anders und noch viel besser schmecken, als ich sie mir zunächst vorstelle; kurz: der Abend wird hervorragend, ich komme wieder. René, Adresse notieren und rechtzeitig servieren.

Kino. Kunst. Konzentration.

Tag 2 in Turin beginnt mit einem eher kurz gehaltenen Frühstück, dann ab in die Stadt. Es ist 8:30, die Straßen sind leer. Ich weiß warum. Weil alle vorm Museo Egizio in der Schlange stehen. Vor der Tür, die Treppe runter, um die Häuserecke, um den Block. Ich beobachte das Ganze für 5 Minuten. Kein Fortschritt. Kein Ägypten für Pfeffer heute. Ich gehe stattdessen in die Mole, das ist ein einigermaßen beeindruckend hoher Bau, in der Planungsphase Ende des 19. Jahrhunderts war er kurz mal das höchste Gebäude der Welt. Heute ist hier das Filmmuseum beherbergt. Auf den Vorhang, durch den die Besucher müssen, wird „The Purple Rose of Cairo“ projiziert. Gefällt mir gut.

Film interessiert mich insgesamt, mit wenigen Ausnahmen, eher nicht so. Aber einer der Ausnahmen wird hier eine große Ausstellung gewidmet. Gus Van Sant. Sehr lohnenswerte Geschichte, mich beeindrucken vor allen Dingen die Fotoarbeiten von Van Sant. Ich folge John Robinson durch die Gänge der Highschool und bin mit Matt Damon in der Wüste. Ich werde mir demnächst mal verstärkt Gedanken um Gus Van Sant machen, weil ich gar nicht genau artikulieren kann, was genau ich an ihm so schätze. Das hat sicher etwas mit seiner Haltung zu tun. Und mit seinem Gespür für fallen angels. Ich werde berichten.

Danach gehts in den Palazzo Madame, wo ich gerade im Café sitze, unter einem Cignaroli-Gemälde, nebst mehreren leeren Tassen und dem ersten Bier (Cheers Kroeta!). Eigentlich hatte ich vor, in einer der Prunk-Kaffeehaus-Institutionen ein wenig zu schreiben. Aber recht schnell wird mir klar: das läuft nicht. Ich kenne das schon, aus Wien und Belgrad und zuletzt aus dem Mailänder Hotel. Ich finde in diesen Räumen nicht statt. Nicht, weil ich unangemessen gekleidet wäre. Aber all das Dekor engt mich ein und krümmt mir Wirbelsäule und Großhirnrinde.

Auch über den Palazzo Madame ließe sich freilich vortrefflich palavern, zum Beispiel über die wirklich grotesken Portraits im Cabinetto Rotondo. Aber dieser Text ist ohnehin schon deutlich länger als geplant, die Zeit, sie rennt und mein inneres ADHS-Äffchen übt Schlagzeug. René erledigt das dann via facebook-Status im Januar, ok? Ich will mich noch ein wenig verirren. Und  in die Küche des Piemonts stürzen. Morgen gehts schon wieder weiter, Richtung Süden, an die ligurische Küste. Mal sehen, wie es sich da so verhält.

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Me, myself & Italy – Teil I

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Ich bin weg. Urlaub, Kurztrip, Roadmovie. Und die Wunschliste ist mal wieder lang und ambitioniert: Tessin, Lombardei, Aostatal, Piemont & Ligurien. Im schnellen Wechsel zwischen Land und Stadt. Wobei Land hier stellvertretend für „Berg“ steht, der neuen Leidenschaft will schließlich gefrönt werden.

So weit, so wenig ungewöhnlich. Rundreisen mit häufigen Ortswechseln entsprechen durchaus meinem touristischen Schema. Was diesen Urlaub besonders macht: ich reise alleine. Zum ersten Mal in meinem Leben, sieht man von Wochenendbesuchen in deutschen Großstädten ab. Aber jetzt mal Urlaub alleine – und zwar so richtig. Gründe dafür gibt es viele, nicht alle sind eindeutig zu benennen. Auf der Sonnenseite zu verbuchen: im eigenen Tempo reisen, ohne Kompromisse und langwierige Gruppenentscheidungen. Und wer schon mal mit mir unterwegs war, weiß was Tempo heißen kann. Meine Schritte sind schnell, meine Taktung hoch. Ich langweile mich schnell und will: viel. In den letzten Wochen mehrte sich zudem der dringende Wunsch, mehr zu lesen und vor allen Dingen: mehr zu schreiben. Das erhoffte ich mir ganz elementar von einer Reise mit mir alleine: und so wie sich die Sache hier gerade gestaltet, bei Paninopause mit Macbook im Café in Brera – scheint der Plan ganz gut aufzugehen.¹

Die gesammelten und aufgeschobenen Themen der letzten Wochen und Monate habe ich dabei – im leichten Teil des Handgepäcks. Das glyk nehme ich mit ins Aostatal und über Tom McCarthy soll in Turin geschrieben werden. Wo, wenn nicht in Sichtweite des Grabtuches, ließe sich besser über dieses furiose Satin Island berichten? Aber jetzt mal schön der Reihe nach. Alles auf Start. Pfeffer on Tour, Klappe die Erste:

Von Schiffen

Die Reise beginnt mit einer angenehmen Überraschung, zumindest für mich. Die Dame am Schalter der Autovermietung kämpft mit dem Reservierungssystem. Und verliert. Meinen mehrmaligen Hinweis, dass ich es gar nicht sonderlich eilig habe und sie sich bitte nicht stressen lassen soll, ignoriert sie, stresst sich ziemlich, beginnt zu fluchen, entschuldigt sich wiederholt, öffnet dann eine Schublade und sagt: „ich hoffe, wir können die Unannehmlichkeit mit einem Upgrade ausgleichen.“ Mir war bis dato zwar gar nicht unannehmlich zu Mute, aber Upgrade, das klingt im Reisebusiness: gut, sehr gut, nach mehr Beinfreiheit und Champagner. Und ich mag Beinfreiheit. Nächste Szene: Pfeffer im Schiff. Bestellt war ein Kleinwagen ohne Extras. Geliefert wurde: ein Großwagen mit Extras. Ich mag Extras. Und ich mag gute Bord-Entertainment-Systeme. Auch meine Zweifel, wie zur Hölle ich denn mit einem Auto dieser Länge in oberitalienischen Innenstädten seitlich einparken sollte, wurden alsbald zerstreut: von einem Extra, das ich auf den ersten 500 gefahrenen Kilometern schon sehr zu schätzen gelernt habe. Kamera auf der Rückseite. Mit Spurassistent oder wie auch immer das heißen mag. Funktioniert in jedem Fall und lässt auch einen Autolegastheniker wie mich die reichlich engen Milaneser Parklücken meistern. Das Gute an einem Auto dieser Größe ist gleichzeitig die Krux an einem Auto dieser Größe. Mein Gepäck ist enorm. Die Outdoortasche, der Wanderrucksack, Klettersteig-Zeug, Jogging-Ausrüstung, eine mittelschwere Bibliothek und eine Reisetasche mit „normalem“ Gepäck. Der Kofferraum ist voll.

Ticino, ti voglio tanto bene.

Ich breche früh auf. Es ist dunkel und kalt, auf der Fahrt zieht Nebel auf. Im Rheintal, 30 Kilometer vor Chur, hebt er sich und die Sonne zündet die Bündner Alpen an. Ich denke an Adrian, den ich vor 2 Wochen im Churer Kabinett der Visionäre traf und der von der Wettergrenze Graubünden erzählte. Recht hatte er.

Benjamin singt: „I wish we could open our eyes / to see in all directions at the same time.“ Große Freude. Urlaub. Hurra. Erster Stopp: Lugano. Wie viele Schweizer Städte dieser Lage mittelschwer Bausünden-belastet. Aber deshalb bin ich nicht hier, also nicht der Stadt wegen. Ich fahre mit der Bergbahn vom Stadtteil Paradiso zur Mittelstation des Monte San Salvatore und wandere zum Zustieg der Via ferrata d´arrampicata. Der Klettersteig beginnt gleich ziemlich ambitioniert, sehr steil und ausgesetzt, mit ganz schön wenig Tritten oder Stiften, um nicht zu sagen: gar keinen. Pfeffer im Seil, mit Puddingarmen und einem dicken Grinsen im Gesicht. Sportliche Geschichte und ziemlich genau das, was ich wollte: eine neue Schwierigkeitstufe. Der See schiebt sich ins Panorama, mit der Höhe eröffnet sich die Sicht auf die Tessiner Alpen. Auf dem Gipfel dann: Sonne satt, blauer Himmel, blauer See. Abstieg zurück nach Paradiso, Leinen los, ab an Bord, ab nach Italien.

Milano

Autofahren und Italien. Ein Klischee. 200 Meter nach der Grenze wird das erst mal gehupt. Wirklich.

Ich muss lachen. Die Musik von Max Richter stellt sich als hervorragender Navigationsbegleiter durch die Mailänder Innenstadt heraus. Ich biege ab. Und biege ab. Und biege ab. Und biege ab. Und frage mich, ob das WIRKLICH die schnellste Route zum Hotel sein kann. Ich komme an. Und fahre 35 Minuten um „den Block“. Dann fahre ich in ein Parkhaus. Glück gehabt, das Hotel hat eine Vereinbarung mit dem Parkhausbesitzer. 25 Euro. Pro Nacht. Und für den nächsten Tag wird mir ein Parkplatz vor der Tür versprochen.

Das Hotel ist: absurd. Ich wollte das so. Für Mailand hab ich Prunk gebucht. Turin wird minimal, Genua ist bislang noch offen. Pagen in Uniform, Teppich, Stuck und Staffage bis zum Anschlag, nein: über den Anschlag hinaus. Wobei Anschlag auch irgendwie richtig ist,  vong Ästhetik her.

Vorhänge, Tagesdecken und Teppiche, so schwer und floral, dass man sich durchaus vorstellen kann, sie schluckten nicht nur alles verfügbare Tageslicht (was sie tatsächlich tun), sondern krümmten auch noch den Raum. Das Ganze dann auf – für italienische Innenstädte – nicht ungewöhnlichen 6 Quadratmetern. Ich habe Mühe, all das Dekor neben meinem Bett zu stapeln und sorge mich auch etwas um die Stabilität dieses Arrangements. Es sollen schon Sterne mit weniger Masse in sich zusammengefallen sein.

Schnell raus, durchatmen, ab zum Dom, der mich tatsächlich sehr beeindruckt. Ich war schon öfter mal in großen Kirchen. Im Petersdom, in der Hagia Sophia, im Kölner Dom. Aber immer wieder stellt sich Überwältigung ein. Und wie so oft, kommt das eine nicht ohne das andere aus: Unterwältigt war ich nämlich auch, das bislang einzige Mal auf dieser Reise. In der eher kurzen Warteschlange atmet mir äußerst geschwätziges Ehepaar aus Österreich in den Nacken. Ich beschließe nach wenigen Minuten, meinen Platz zu opfern und stelle mich nochmals neu an, diesmal gefolgt von stoisch gelassenen Japanern. Ich verliere ca. 3. Minuten Mailand  und gewinne vermutlich mehrere Jahre Lebenszeit.

Der Abend kommt, ab ins Restaurant. Eine DER Situationen, auf die ich recht gespannt war. Ich gehe nicht alleine essen. Falsch. Ich ging nicht alleine essen. Zumindest nicht in „richtige“ Restaurants. Bis gestern. Ab zum Dinner in die Chiara Fiori – und zwar mit allem Drum und Dran. 3 Gänge + dolci & caffè. Und ein komisches Gefühl bei der Sache: kam nicht auf. Zumindest keines, das sich nicht durch einen beherzten Schluck Moretti hätte auflösen lassen. In den Pausen zwischen den Gängen lese ich. Oder werde vom grandiosen Service-Personal unterhalten. Oder ich mache das, was ich auch sonst ganz gerne tue: ich beobachte die Umwelt. Und wenn möglich: mich selbst, während ich die Umwelt beobachte. Das Essen ist – Überraschung – grandios. Burrata in Fenchelsud / Pasta mit Kapern und Sardellen / Tartar von der Forelle mit Artischocken und Mandeln. Happy Pfeffer.

In der Bar treffe ich Chunyŏng aus Südkorea. Europa wegen sexueller Freiheit, Mailand wegen Mode. Er erzählt, dass er nirgends so einsam war, wie in seiner Heimat, die Abweichung mit sozialer Isolation sanktioniert. Eine Landkarte von Gaysia, die mir schon öfter beschrieben wurde. Mailand ist für ihn Mekka in mehrfacher Hinsicht. Möglichkeitsraum in Sex und Stoffen. Chunyŏng ist young, gifted & gay – wie so viele hier.

Heimweg durch die Via Monte Napoleone, vorbei an Prada, Gucci und Versace. Tausende von Taschen um mich. Ein Panoptikum aus hohen Preisen, hohen Mauern & hohen Wangenknochen. Mailand, die Stadt der Gier, Geilheit und gated communities.

Zur Kunst, zum Fieber

Ich falle ins Dekor, hoffe, dass mir all die Ornamente im Nacht nicht den Atem rauben werden und schlafe ein. Tag 2 beginnt mit Blumenbouquets! Und noch mehr Blumenbouquets. Der Frühstücksraum riecht nach den Niederlanden. Wahnsinn, Teil 2. Aber all die Opulenz ist ein guter Kompagnon, wenn es um ausgedehntes Schlemmen geht.

Mailand schläft noch, es ist ja auch erst halb neun, die Straßen sind leer, über der Stadt liegt Nebel. Ich gehe ins Museo del Novecento und schaue mir die Futuristen an. „All things move, all things run, all things are rapidly changing. A profile is never motionless before our eyes, but it constantly appears and disappears.“ Ich mag das ganz gern, trotz all seiner geistesgeschichtlichen Ambivalenzen. Zwei Stockwerke darüber: die Schnitte von Lucio Fontana. Mag ich auch, sehr sogar. Hinter einer seiner Lichtskulpturen sieht man auf die Schlange zum Dom. Wow! Mein Timing scheint gut gewesen zu sein. Große Kirchen, große Schlangen.

In einem anderen Stockwerk entdecke ich die Scheiße von Pierro Manzoni, schmunzle, denke an Yves und den Kunstzirkus und an die Lektorin, mit der ich die ganze „Scheiße“ besprochen, beschrieben und diskutiert habe. 100 Mal. Oder öfter. Schön war das, hallo Lektorin, viel Spaß in Paris!

Un caffè und weiter in die Pinacoteca di Brera. 17 mal Sebastian und richtig große Bilder. In mehreren Räumen hängen Hinweis-Schilder, die das Rauchen verbieten. Die Größe erschlägt mich. Auch körperlich. Im Museum selbst ist die Restaurationsabteilung mitausgestellt. Als Raum-im-Raum-Konzept mit Glasverschalung und Roboterarmen. Sehr geil. Soll man nicht fotografieren, aber ich habe das Hinweis-Schild erst gesehen, nachdem ich es fotografiert habe. Kopfkino läuft, Film ab.

Jetzt geht es gleich zum Abendessen und morgen noch vor Sonnenaufgang ins Aostatal, auf den Berg bzw. Felsen. Bild- und Textbeweise folgen.

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¹ Nicht nur der Vollständigkeit halber soll auch der nicht ganz so sonnigen Argumentations-Seite  die Stirn geboten werden: ich wollte alleine reisen, weil ich alleine lebe. Und obgleich mein Freundeskreis aus ungewöhnlich vielen ebenfalls allein lebenden Menschen besteht: mit zunehmendem Alter nehmen die Paare und die sie umgebenden Verpflichtungen deutlich zu. Alleine reisen, das ist auch als Zugeständnis an einen gesellschaftlichen Status zu sehen, dem ich selbst manchmal einen bedrückenden Beigeschmack zumesse. Ich vermute mal, zumindest fühlt sich das nach Tag 2 des Experiments so an: zu Unrecht. Diese Reise muss weder zur zwanghaft optimistischen Single-Kreuzfahrt noch zur wehmütigen Emotour werden, sondern darf gerne so kritisch,  leicht, lustig und ergebnisoffen verlaufen, wie sie begonnen hat. Ich werde berichten.

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Droben

alp

Pfeffer in den Bergen, deshalb die Stille.
Ich bin bald schon wieder zurück, mit Geschichten & Gedanken über Glyk, Umarmungen & Menschenkunde.

Stay tuned & uneasy,

Pfeffer

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Blick vom Schäfler auf die Altenalptürm, Alpstein, September 2016
At the top of the mountain, there’s a special sensation.

 

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Weiße Rosen in eigener Kotze


Ich empfand es immer als lame, Texte über besonders herausragende Helden des eigenen Erregungshorizonts mit einem Bild der Überforderung – oder noch besser: mit einer Schreibblockade-Metapher – zu beginnen. Wie lässt sich angesichts dieser totalen Geilheit eigentlich überhaupt noch über Kunst schreiben? Oder sowas in der Art. Schlechte Frage, wie ich finde. Schreiben lässt sich fast immer. Und worüber man nicht schreiben kann, darüber muss man: nicht schreiben. Ähnliches gilt schließlich auch für das Begriffspaar reden/schweigen (heute mit Extrabonus: OHNE Wittgenstein-Verweis).

Man könnte jetzt freilich sagen, dass die Reflexionsschleife auch nicht der rettende Texteinstieg ist – und niemals sein kann. Soviel ist sicher: der rhetorische Umweg über die Anklagebank ist nur geringfügig besser als das Ursprungsdelikt, schrammt aber deutlich näher an genau jenem Antipower-Chord vorbei, den Schorsch Kamerun in regelmäßigen Intervallen bei mir anreißt. Dieser Akkord basiert auf Verstellung. Und will wieder und wieder wiederholt werden. Künstler, die diesen Akkord benutzen, interessieren sich auch für: Einschleifung, Überforderung und Wiederaneignung (bis einer blutet).

Schorsch Kamerun hat ein Buch geschrieben, relativ aktuelle Sache, erschienen vor einigen Wochen im Berliner Ullstein Verlag. Das Buch trägt den Titel „Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens“ und zitiert damit gleich mal einen der frühen Kamerun-Songs, erschienen auf dessen erster Solo-Platte „Warum Ändern Schlief“ beim schmerzlich vermissten L’Age D’Or-Label. Ich empfehle dieses Album sehr. Vor allem den Song „Menschen haben keine Ahnung“. Die anderen 2 Kamerun-Alben empfehle ich ebenfalls. Und die Alben der Band Die Goldenen Zitronen, deren Sänger Schorsch Kamerun ist, auch.  Sehr.

Mir ist nicht so ganz klar, warum Schorsch sein Buch mit dem Genre-Zusatz Roman belastet. Klar, subjektiv & fiktional (& innerlich womöglich). Vielleicht ein Stolperstein für all diejenigen Leser*innen, die allzu schnell den vielbeschworenen autobiographischen Pakt eingehen?  Ich habe keine Ahnung und bin auch an der ein oder anderen Stelle genervt von diesem Text – das geht mir bei Schorsch allerdings fast immer so und macht auch einen Teil seiner Faszination auf mich aus. Weiterschreien, zumindest solange, wie der Schrei sich vom bloßen Style unterscheidet. Den richtigen Ton nicht treffen. Nicht treffen wollen (müssen). Schorsch selbst stellt sein Ansinnen in recht klaren Worten dem Text voran:

Denen, die sich auf die Suche nach Umwegen gemacht haben. Weg von einem Leben geprägt von Dominanzen aus Uhren, Zahlen und anderen Feststellungen. Allen, die probiert haben, den Ohrfeigen, Schönschreibklubs und Schuldspiralen eine überraschende, grenzenlose Welt entgegenzusetzen. Ohne Eiche Rustikal, Dauerbenotung und optimiertes Schaffen.

Also erstmal raus aus der Klasse. Und dann wieder zurück, zurück zur Form, zurück zur Chronologie, zurück zum Selbstzweifel und zur Psychologie. Nervt mich auch, an manchen Stellen sogar sehr, weil es manchmal dumm wird („Männer sind Krieger, Sie kämpfen gemeinsam und gegeneinander. In der Kunst ganz besonders.“ 194). Dann find‘ ich es wieder super, also so richtig super:

Musik kann alles! Eine sauber arrangierte, beeindruckend instrumentierte, gekonnt präsentierte Meisterkomposition ist imstande, unendlich langweilig und schwer ärgerlich zu sein. Extra schief, läppisch und wie zufällig hingeworfene Midinoten-Mucke mit inhaltlosen Wortsilben unterlegt, aber dafür mit freier Haltung, kann eine ganze Welt beschreiben. (134)

Und so geht das die ganze Zeit hin und her. Wenn dieser Text eine Entwicklung vollzieht, dann eine, die ich nicht so recht verstehen oder nachvollziehen kann. Ich mag das Buch trotzdem. Weil es an wirklich vielen Stellen ganz wunderbar zur Sache kommt. Das meine ich: genau so, meinetwegen mit oder auch ohne Fiktion. Wenn ich Beschreibungen, wie zum Beispiel die oben zitierte über Musik, dem Schaffen von Schorsch Kamerun, wie zum Beispiel dem oben eingebetteten Wichser-Song, gegenüberstelle – dann empfinde ich das als eine erstaunlich passgenaue Analyse seines Schaffens. Und weitere Beispiele gibt es mehr als genug. Flimmern. Positionen. Das bisschen Totschlag. Schorsch ist ganz oft ganz dicht dran. Das empfand ich in seiner Musik eigentlich immer so. Und in diesem längeren gedruckten Text schafft er das ebenfalls.

Ich finde Schorsch Kamerun wirklich sehr gut. Aus unterschiedlichen Gründen. Dringlichkeit ist einer, Integrität ein anderer. Sich nicht von öden Banden und Style-Seilschaften ausbremsen lassen. Weiternerven, wenn’s denn sein muss. Und daraus dann nicht so ’ne blöde We-will-never-stop-living-this-way-Attitüde rauspressen. Wendige und manchmal auch sehr lustige Manöver gegen die Beschissenheit und Zurichterei. Vielleicht aus Trotz, sicher aus Unbehagen, einem Gefühl des Nicht-Passens und einem instinktiven Wissen um die Alternativlosigkeit des eigenen Tuns.

Schorsch Kamerun, 1963 in Timmendorfer Strand geboren, ist einer der 17 besten Menschen. Wenn ich auch nicht zu ihm aufblicke, weil ich das generell nicht gerne tue, schaue ich ihm gerne zu, bei dem was er so macht. Und höre sehr gerne seine Musik. Ich finde Schorsch Kamerun wirklich sehr gut.

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– Schorsch Kamerun, Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens, Berlin 2016, ISBN 978-3-550-08088-3
– Zirkelschluss: Der allerallererste Beitrag, der auf diesem Blog veröffentlicht worden ist, ist ein Video der Goldenen Zitronen