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Weiße Rosen in eigener Kotze


Ich empfand es immer als lame, Texte über besonders herausragende Helden des eigenen Erregungshorizonts mit einem Bild der Überforderung – oder noch besser: mit einer Schreibblockade-Metapher – zu beginnen. Wie lässt sich angesichts dieser totalen Geilheit eigentlich überhaupt noch über Kunst schreiben? Oder sowas in der Art. Schlechte Frage, wie ich finde. Schreiben lässt sich fast immer. Und worüber man nicht schreiben kann, darüber muss man: nicht schreiben. Ähnliches gilt schließlich auch für das Begriffspaar reden/schweigen (heute mit Extrabonus: OHNE Wittgenstein-Verweis).

Man könnte jetzt freilich sagen, dass die Reflexionsschleife auch nicht der rettende Texteinstieg ist – und niemals sein kann. Soviel ist sicher: der rhetorische Umweg über die Anklagebank ist nur geringfügig besser als das Ursprungsdelikt, schrammt aber deutlich näher an genau jenem Antipower-Chord vorbei, den Schorsch Kamerun in regelmäßigen Intervallen bei mir anreißt. Dieser Akkord basiert auf Verstellung. Und will wieder und wieder wiederholt werden. Künstler, die diesen Akkord benutzen, interessieren sich auch für: Einschleifung, Überforderung und Wiederaneignung (bis einer blutet).

Schorsch Kamerun hat ein Buch geschrieben, relativ aktuelle Sache, erschienen vor einigen Wochen im Berliner Ullstein Verlag. Das Buch trägt den Titel „Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens“ und zitiert damit gleich mal einen der frühen Kamerun-Songs, erschienen auf dessen erster Solo-Platte „Warum Ändern Schlief“ beim schmerzlich vermissten L’Age D’Or-Label. Ich empfehle dieses Album sehr. Vor allem den Song „Menschen haben keine Ahnung“. Die anderen 2 Kamerun-Alben empfehle ich ebenfalls. Und die Alben der Band Die Goldenen Zitronen, deren Sänger Schorsch Kamerun ist, auch.  Sehr.

Mir ist nicht so ganz klar, warum Schorsch sein Buch mit dem Genre-Zusatz Roman belastet. Klar, subjektiv & fiktional (& innerlich womöglich). Vielleicht ein Stolperstein für all diejenigen Leser*innen, die allzu schnell den vielbeschworenen autobiographischen Pakt eingehen?  Ich habe keine Ahnung und bin auch an der ein oder anderen Stelle genervt von diesem Text – das geht mir bei Schorsch allerdings fast immer so und macht auch einen Teil seiner Faszination auf mich aus. Weiterschreien, zumindest solange, wie der Schrei sich vom bloßen Style unterscheidet. Den richtigen Ton nicht treffen. Nicht treffen wollen (müssen). Schorsch selbst stellt sein Ansinnen in recht klaren Worten dem Text voran:

Denen, die sich auf die Suche nach Umwegen gemacht haben. Weg von einem Leben geprägt von Dominanzen aus Uhren, Zahlen und anderen Feststellungen. Allen, die probiert haben, den Ohrfeigen, Schönschreibklubs und Schuldspiralen eine überraschende, grenzenlose Welt entgegenzusetzen. Ohne Eiche Rustikal, Dauerbenotung und optimiertes Schaffen.

Also erstmal raus aus der Klasse. Und dann wieder zurück, zurück zur Form, zurück zur Chronologie, zurück zum Selbstzweifel und zur Psychologie. Nervt mich auch, an manchen Stellen sogar sehr, weil es manchmal dumm wird („Männer sind Krieger, Sie kämpfen gemeinsam und gegeneinander. In der Kunst ganz besonders.“ 194). Dann find‘ ich es wieder super, also so richtig super:

Musik kann alles! Eine sauber arrangierte, beeindruckend instrumentierte, gekonnt präsentierte Meisterkomposition ist imstande, unendlich langweilig und schwer ärgerlich zu sein. Extra schief, läppisch und wie zufällig hingeworfene Midinoten-Mucke mit inhaltlosen Wortsilben unterlegt, aber dafür mit freier Haltung, kann eine ganze Welt beschreiben. (134)

Und so geht das die ganze Zeit hin und her. Wenn dieser Text eine Entwicklung vollzieht, dann eine, die ich nicht so recht verstehen oder nachvollziehen kann. Ich mag das Buch trotzdem. Weil es an wirklich vielen Stellen ganz wunderbar zur Sache kommt. Das meine ich: genau so, meinetwegen mit oder auch ohne Fiktion. Wenn ich Beschreibungen, wie zum Beispiel die oben zitierte über Musik, dem Schaffen von Schorsch Kamerun, wie zum Beispiel dem oben eingebetteten Wichser-Song, gegenüberstelle – dann empfinde ich das als eine erstaunlich passgenaue Analyse seines Schaffens. Und weitere Beispiele gibt es mehr als genug. Flimmern. Positionen. Das bisschen Totschlag. Schorsch ist ganz oft ganz dicht dran. Das empfand ich in seiner Musik eigentlich immer so. Und in diesem längeren gedruckten Text schafft er das ebenfalls.

Ich finde Schorsch Kamerun wirklich sehr gut. Aus unterschiedlichen Gründen. Dringlichkeit ist einer, Integrität ein anderer. Sich nicht von öden Banden und Style-Seilschaften ausbremsen lassen. Weiternerven, wenn’s denn sein muss. Und daraus dann nicht so ’ne blöde We-will-never-stop-living-this-way-Attitüde rauspressen. Wendige und manchmal auch sehr lustige Manöver gegen die Beschissenheit und Zurichterei. Vielleicht aus Trotz, sicher aus Unbehagen, einem Gefühl des Nicht-Passens und einem instinktiven Wissen um die Alternativlosigkeit des eigenen Tuns.

Schorsch Kamerun, 1963 in Timmendorfer Strand geboren, ist einer der 17 besten Menschen. Wenn ich auch nicht zu ihm aufblicke, weil ich das generell nicht gerne tue, schaue ich ihm gerne zu, bei dem was er so macht. Und höre sehr gerne seine Musik. Ich finde Schorsch Kamerun wirklich sehr gut.

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– Schorsch Kamerun, Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens, Berlin 2016, ISBN 978-3-550-08088-3
– Zirkelschluss: Der allerallererste Beitrag, der auf diesem Blog veröffentlicht worden ist, ist ein Video der Goldenen Zitronen

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Amazing Angels

Vor etwas mehr als zwei Jahren schrieb ich an dieser Stelle einen längeren Text über die Westboro Baptist Church, eine der extremsten evangelikalen Kirchen der Vereinigten Staaten. Die Westboro Baptist Church fällt seit ihrer Gründung durch den inzwischen verstorbenen Pastor Fred Phelps vor allem durch die öffentliche Verbreitung von Hassbotschaften auf. Bei ihren Kundgebungen – gerne während Gedenkfeiern oder Beerdigungszeremonien – tritt die Krawallkirche aus Kansas immer wieder mit großen bunten Schildern und homophoben, antisemitischen und menschenverachtenden Slogans in Erscheinung. God hates Fags. God hates Israel. Fags die, God laughs. Eine Google-Suche liefert zehntausende von eindeutigen Bildbeweisen.

Es war davon auszugehen, dass sich die Phelps-Familie (die Westboro-Kirche speist sich nämlich nahezu ausschließlich aus Mitgliedern dieses Clans) die mediale Bühne der Gedenkfeiern und Beerdigungen der Attentat-Opfer von Orlando nicht entgehen lassen wird. Die Westboro-Strategen haben ein sicheres Gespür für „heiße“ Themen und tauchen zielsicher immer genau dort auf, wo eine erhöhte Dichte an Fernsehkameras zu verzeichnen ist.

So weit, so wenig überraschend. Was dann aber doch überrascht, positiv, so positiv wie nur  irgendwie denkbar, ist das Aktionsbündnis des Orlando Shakespeare Theater und der Orlando Arts Community. Die beiden Gruppen haben beschlossen, den Bibeltreuen die Stirn zu bieten – und zwar mit himmlischen Mitteln. Verkleidet als Engel mit überdimensionalen Flügeln ersparen Sie den Angehörigen und Trauernden den Blick auf die Hassbotschaften der Westboro-Church – und die Hassparolen der Protestierenden überstimmt der Engelschor mit einem Song. Dass die Wahl ausgerechnet auf Amazing Grace fällt, finde ich bezeichnend, wohnt diesem Lied doch qua Geschichte eine ganz eigene transformative Kraft inne. Ursprünglich von einem in den Sklavenhandel verstrickten Euroamerikaner geschrieben, durchlief das Thema einen komplexen Umdeutungs- und Wiederaneignungsprozess und wurde schließlich zum Protestsong gegen die Sklaverei und zur Hymne von Menschenrechtsaktivisten.

Das Angel-Wings-Bündnis wurde 1999 anlässlich der Beerdigung von Matthew Shepard gegründet und ich halte diese Aktion für ein grandioses Beispiel solidarischer DIY-Kultur. Den Deppen nicht das Feld überlassen. Der Ohnmacht etwas entgegensetzen. Mit einfachsten Mitteln und maximalem Effekt.
Das berührt mich.
Das berührt mich sehr.

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– Kenne deine Feinde (und wisse um ihr Potential) – eine kurze Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Westboro Baptist Church anlässlich des Todes von Gründer Fred Phelps.
Don’t stop the dance – ein Text über Wut, Mut & politische Kommunikation nach Orlando.
Wikipedia-Artikel über die Wirkungsgeschichte von Amazing Grace
Spendenseite des Pulse Tragedy Community Fund 

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Don’t stop the dance

tb

Dunkle Tage, noch dunklere Nächte. Orlando, Florida. Wut und Tränen, death & despair. Omar Mateen erschießt im Gay-Club PULSE 49 Menschen, 53 weitere werden verletzt.

Ich bin niedergeschlagen. Und wütend. Meine Wut ist diffus, sie läuft Gefahr, sich in den feinmaschigen Netzen der großen Abstrakta zu verfangen. Homophobie, Hass, Radikalisierung. Wozu? Wohin? Woher? Weshalb? Ein Gefühl von Atemnot stellt sich ein, ein Gefühl von Ohnmacht.

Es gibt aber auch eine Wut, die ich an Tag 1 nach Orlando sehr klar benennen kann. Die deutsche Medienlandschaft ist sich nicht sicher, ob dieses Blutbad homophoben Motiven geschuldet ist und geht zunächst von einem terroristischen Akt aus. Eine Farce, die mir auch an anderer Stelle schon negativ aufgestoßen ist, etwa wenn Molotow-Cocktails auf Asylbewerberheime fliegen und die Polizei erst prüfen muss, ob es sich um Übergriffe aus Fremdenhass handelt. Unbehagen, Übelkeit: Wut.

Es dauert erfreulicherweise nur etwa einen halben Tag länger, bis sich diese Perspektive quer durch die Tagespresse deutlich dreht. Die Beiträge dazu kommen oftmals von schwulen Journalisten und sind an einigen Stellen emotional gefärbt, was ich bei Krisenberichterstattung eigentlich für problematisch, unter diesen Umständen allerdings – im Sinne eines Korrektivs – für absolut legitim halte.

Denn eines muss klar sein: dieser Anschlag galt nicht primär der Mitte der Gesellschaft. Wer die Mitte der Gesellschaft treffen will, der geht in einen Supermarkt. Essen müssen wir alle. Wer schwer bewaffnet in einen Gayclub geht, der zielt nicht auf die Mitte, er zielt auf den Rand. Getroffen werden sollte die Queer Community, getroffen werden sollte eine ganz bestimmte Lebensweise. Ob das aus religiösem Fanatismus oder gar aus Selbsthass geschah, wie gerade mancherorts spekuliert wird, das mag zu klären sein. Sicher ist: 50 Menschen sind tot. 50 Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle: sind tot. Und wie sehr die LGBTQ-Community nach wie vor von der Mitte der Gesellschaft entfernt ist, das lässt sich unter anderem auch daran ablesen, dass ihre Mitglieder – in Deutschland wie in den USA – vom Blutspenden noch immer kategorisch ausgeschlossen sind (mehr dazu in den Fußnoten). Ironie der Geschehnisse: die Menschenschlangen mit Blutspendewilligen – die das Fernsehen am Sonntag weltweit als Solidaritätsadresse und Bild der Anteilnahme übertrug – bleiben uns versperrt.

Warum Orlando kein Angriff auf die offene Gesellschaft war, titelt Thorsten Denkler für die SZ. Er meinte uns stellt Daniel Sander bei Spiegel online klar. Und Adriano Sack gibt in der Welt zu bedenken: Es ist nicht eure Welt, die hier zerschossen wurde. In diesen Artikeln wird klargestellt, wer das eigentliche Ziel dieses Angriffs war. Das hat nichts mit gekränktem Stolz (woher? wozu?) der Schwulen und Lesben zu tun – und auch nicht – wie in mancher Kommentarspalte zu lesen – mit einer gesteigerten Geltungsbedürftigkeit. Es ist nur zwingend nötig, diesen Anschlag als das zu sehen, was er war: eine gezielte Kampfansage an die Schutzräume einer Minderheit. Und es ist wichtig, dass das genau so ausgesprochen wird. In der öffentlichen Kommunikation der USA ist das deutlich besser gelungen als in den Statements der Bundeskanzlerin und des Bundespräsidenten. Angela Merkel etwa spricht davon, das „offene und tolerante Leben fortsetzen“ zu wollen, ohne an irgendeiner Stelle die Gruppe der Opfer zu thematisieren. Ein Statement, diffus wie meine Wut. Und als Sahnehäubchen ihrer Argumentation lobt sie dann noch: all diejenigen, die bereit sind, Blut zu spenden.

Ich finde diese Auslassung recht auffällig und frage mich, ob Frau Merkel nicht besser beraten gewesen wäre, wenn sie sich mit ein, zwei Sätzen direkt an die LGBTQ-Community gewendet hätte. Weil: ein Schulterschluss, wie er von Barack Obama und Hillary Clinton in den USA propagiert wurde, ist so dringend nötig wie tröstlich und ermutigend.

Obama sagt in seinem ersten Statement am Sonntag:

This is an especially heartbreaking day for all our friends — our fellow Americans — who are lesbian, gay, bisexual or transgender.  The shooter targeted a nightclub where people came together to be with friends, to dance and to sing, and to live.  The place where they were attacked is more than a nightclub — it is a place of solidarity and empowerment where people have come together to raise awareness, to speak their minds, and to advocate for their civil rights.

Er spricht direkt die LGBTQ-Community an und verknüpft den Ort des Anschlags recht clever mit den Grundsäulen amerikanischer Bürgerrechts-Traditionen: solidarity, empowerment, freedom of speech. Direkt danach richtet er den Fokus vom Speziellen aufs Allgemeine und stellt klar:

Attacks on any American—regardless of race, ethnicity, religion, or sexual orientation—is an attack on all of us.

Rhetorisch noch ein wenig geschickter – und in einer Prägnanz von 120 verwendeten Zeichen, meldet sich Hillary Clinton bei Twitter zu Wort:

To all the LGBT people grieving today: you have millions of allies who will always have your back. I am one of them.

Obama gibt den Staatsmann, Clinton argumentiert in ihrer derzeitigen Rolle etwas wendiger und individualistischer, aber beide setzen sie ein deutliches Zeichen: das Zeichen einer Einigkeit, die offen und ohne Scheu Unterschiede thematisieren kann, ohne den Verdacht zu erwecken, dass sie: kaschiert. Bedauernswert, dass das in Deutschland offenbar (noch) nicht möglich ist.

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Weiterlesen:
Richard Kim – Please don’t stop the music
Democracy Now – Orlando Massacre Comes After Lawmakers in U.S. Filed More Than 200 Anti-LGBT Bills
Die Blutspende-Thematik in Deutschland
Ein Virus kennt keine Moral – Mein Ärger über die Blutspende-Thematik in Deutschland

Bild: Félix Gonzáles Torres.

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Vor und nach: Wien

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Pfeffer on the road, oder besser: Pfeffer in der Luft. Pfeffer im Flieger, Pfeffer im Katapult, feet in the air, head on the ground. Das ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, verzerrt nur zugunsten eines erzählerischen Brennglases, das die Chronologie der Ereignisse außen vor lässt und den effekthascherischen Fokus genau dorthin richtet, wo die Konturen bereits verschwimmen. Willkommen im Schleudergang, welcome to Vienna.

Wien also. Wo ich lange nicht mehr war. Ziemlich genau seit 22 Jahren. Erinnern kann ich mich an wenig. An Gerüche, eher intensive. Und an Staub und Schwüle. Alles noch da, soviel ist schnell klar. Wien lebt. Wien klebt. Wien riecht. Nach Tabak und Bratfett, nach Pomade und Paprika. Die norwegische Duftforscher und -künstlerin Sissel Tolaas kam schon vor vielen Jahren auf die Idee, Städte olfaktorisch zu kartographieren. Ich halte das für ein absolut schlüssiges Konzept. Wien dürfte im europäischen Vergleich eher zu den schweren Parfums gehören, in bester Allianz mit den Schwesterstädten der Schwarzmeerroute: Bratislava, Budapest und Belgrad. In Budapest & Belgrad war ich bereits. Intensiv, beide. Intensiv und gut. Und Bratislava will zeitnah besucht werden. Slowakei-Spezialisten schreiben mir bitte über die einschlägigen Kommunikationsabwasserkanäle.

Wien ist gesellig and so are we. Weshalb wir auch zu acht anreisen, eigentlich sogar zu achteinhalbt, aber die Hooliganista zieht es vor, mit dem Exmitbewohner im vierten Bezirk zu wohnen, während wir unser Quartier in unmittelbarer Nähe zum Naschmarkt beziehen. Das Aufeinandertreffen der Reisegruppen München und Konstanz ist herzlich und promilleintensiv. Keine Überraschung also. Wir werden zur Kunst und zum Zapfhahn gezogen. Cultural Management at its best. Und die Apothekerin lacht. Warum? Weil sie’s kann und weil ihr das Lachen außergewöhnlich gut steht.

Soweit, so vorhersehbar.

Was mich dann doch ein wenig überrascht: die ausgeprägte Harmonie. Dazu muss man wissen: mein Freundes- und Bekanntenkreis besteht zu nicht unerheblichen Teilen aus alkoholaffinen Alleinunterhaltern & Aufmerksamkeits-Junkies. Freundlichen ebensolchen – und wie sich zum wiederholten Male herausstellt: sehr entspannten Zeitgenossen. Das macht die Sache mit dem Gruppenkuscheln natürlich sehr angenehm. Ich spiele mit dem Gedanken, die Reisegruppe fürs nächste Jahr zum Kobayashi Maru-Test anzumelden – und ich bin optimistisch, dass die Anzahl der geleerten Seidl, Krügerl & Haferl im Anschluss zwar rekordverdächtig hoch sein wird – das vielbeschworene Stimmungsbarometer allerdings ebenso. Gute Gruppe, sehr gute Gruppe.

Mit der Lektorin gehts zur Kunst. Ziemlich eindrücklich: Berlinde de Bruyckere im Leopold-Museum. Ich erwarte nichts und bekomme: viel. Wachsskulpturen, Wunden, Pferdehaar, Menschenhaut, Weltkrieg, Leidhaufen. Nähte, auch im Sinne von Verbindungen, Schmerzensikonographie, Pietà. Guter Auftakt eigentlich, ziemlich Wien eigentlich. Danach geht’s zu Lehmbruch und Minné. Knieender Jüngling, I like your style! Almdudler-Radler ist onomatopoetisch und geschmacklich durchaus interessant, die Painting 2.0-Ausstellung im mumok: für mich eher weniger. Der Kopf ist müde, die Füße sind es auch, ab zum Essen, ab zum G’spritzen, ab ins Bett.

Laufen mit der Marketing-Lore, im Garten des Schlosses Belvedere, an dessen Tor zwei Sphinxen wachen. Frühsport in mondän, danach geht’s kreuz und quer durch die Stadt. Über Plätze, durch Kanäle. Schiff fällt aus, dann halt: Bier. Vor dem Modell der Frankfurter Küche im MAK frage ich mich, woher mir der Name Margarete Schütte Lihotzky bekannt sein könnte – einige Tage später in Konstanz erinnere ich mich. Die Nette-Leit-Show von Hermes Phettberg wurde seinerzeit im Margarete-Schütte-Lihotzky-Saal in Wien aufgezeichnet. Auch gut, Phettberg, sehr sehr gut.

Nach oben, Nordpol, Blini, Kalbskopf. Der Anwalt ist d’accordeon, die Musikanten auch. Mit dem Taxi zurück an den Naschmarkt. Die anvisierte Weinbar schließt, nicht ohne uns vorher den Rüdigerhof zu empfehlen, den wir 5 vor 12 erreichen. Um 00:00 knallen die Korken, Happy Birthday kroetakano. Danke für den Anlass, danke für die Gruppenstiftung, merci, dass es dich gibt! Die einen schlafen, die anderen schminken – die Welt ist der Welt eine Bühne, das haben Teile unserer Reisegruppe längst verinnerlicht.

Frühsport die Zweite, die Kulisse nutzt sich nicht ab. Danach versuche ich, die Halsschmerzen mit Eierspeisen im Café Sperl zu behandeln – mit mäßigem Erfolg. Secession. Ver Sacrum! Ja! Gerald Domenig und ein Glas Wasser! Nochmals ja. Verliebt in Wien, Schifffahrt mit drei „f“ und ohne Anführungszeichen. Status Quo vadis? Zur Hölle? Wo liegt das? Die Lage wird unübersichtlich, der Prater schafft Abhilfe. Wien von oben, alle am Fenster. Ich werde zum Pfeil, lege mich mit Freundin Hubert auf den Bogen und lasse mich abschießen. Jetzt echt mal. Black Mamba Alter. Todesangst wegen 3G. Normalerweise habe ich Todesangst, wegen NICHT 3G. Datenratenjunkie und so. Jetzt wirds existentiell, Schluss mit dem Gelaber. Adrenalin, Panik, die Stimme bleibt weg. Danach Enthusiasmus & Demut – die Erde hat mich wieder. Der Himmel weint, zum ersten mal seit 36 Jahren. Bosna. Kir Royal. Ab in die Bahn, ab in die Fromme Helene.

Lauch isst Knoblauch, true dat! Gut ist’s da, Spielkarte and der Decke, Schnitzel auf dem Teller, Bier auf der Hose. Erste Spuren des Überschwangs, souveräner Superservice.

Die Abreise naht, letztes Naschmarkt-Frühstück, Parr für die Einen, Käfer für die Anderen. Trennung in Raketenbrennstufen – und die Staranwältin hat völlig recht: nach einem Wochenende mit derart vielen guten Leuten und maximalisierter Auflagefläche fällt der Abschied immer besonders schwer. Herdentrieb-Phantomschmerz, aber hilft ja alles nichts. Tschüss Hubert, Tschau Gattin, Pfiati Lore, Lauch & Lektorin. Gehab‘ dich wohl Frau Hooliganista, bye Kroeta und Herr Anwalt: ruf meinen Anwalt an.

Tschüss Wien.
Ich Wir kommeN wieder.

 

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How the East was won (and where it got us)

New YorkEinige Wochen sind seit Amerika vergangen – ich war damals mit der Gattin und der Lektorin unterwegs, besuchte die reizenden M&Ms und verfasste bereits vor Ort, in Portland/Maine, eine erste kleine Skizze dieser Reiseunternehmung. Und seither wollte ich immer mal wieder noch 1,2 Sätze zu Papier bringen, über die Staaten, über den Status, über den „state I am in“. Wenn ich eines über mich und meinen sprachlichen Umgang mit der Welt in den letzten Jahren gelernt habe, dann sicherlich: dass das Fazit zu den mir eher unliebsamen Textsorten gehört. Ich schiebe und hebe das gerne auf und berufe mich sogar, wenn es denn sein muss, auf die Poststrukturalisten und beschwöre den Aufschub. Als Möglichkeit und modus operandi, als Chance, dieser ganzen Urteilerei zu entfliehen. Fazit? Bleibt mir fremd. Abschluss? Nein Danke. Aber ein wenig Aufschluss, das würde ich mir ab und zu schon wünschen.

Amerika, auch das erwähnte ich bereits im vorangegangenen Text, „is hard to see“. Ein kulturell so überformter wie phantasmagorisch strapazierter Begriff. America. Land of the free. Wo fast alles möglich sein soll und gleichzeitig alles so stark reglementiert ist, dass vom Park vor lauter Schildern fast nichts übrig bleibt (Do not furnish the lawn!). Entferne dich 20 Fuß von diesem Gebäude, wenn du rauchen möchtest. Und dann nochmal zwanzig, weil da schon wieder ein Schild steht. Fast schon angenehm klar, wenn in Burlington/Vermont das Rauchen gleich in ganzen Straßenzügen verboten wird. An Nicht-Rauchen in der Öffentlichkeit habe ich mich übrigens ähnlich schnell gewöhnt, wie damals – 2007 – an das Nicht-Rauchen in geschlossenen Gastro-Räumen.

Die ersten Etappen unserer kleinen Reise (hier nachzulesen) führen uns von New York entlang der Küste nach Norden, wo es erst schön wird und dann noch schöner. Portland/Maine ist einer jener Orte über den ich nichts wusste – und der mich nachhaltig begeistert. Der Abschied vorm Leuchtturm ist etwas wehmütig, aber der Nebel und seine Weichzeichnerfunktion machen vieles wett, erst auf den Digitalfotos – und mittlerweile auch in meiner Erinnerung. Wir wollen unbedingt weiter, weiter nach oben, vielleicht auch weiter in die Wildnis – das kann ich gar nicht so genau beurteilen, weil die genaue Motivation unserer kleinen Polarexpedition nie ausgesprochen war – aber sicher auch um Themen wie Ursprünglichkeit kreiste. Das hat dann erstmal gar nicht so gut geklappt – unser oceanfront beach house in Lincolnville/Maine ist zwar genau das: oceanfront. Dafür aber auch: highwayback. Mit dem Auto von der Ferienwohnung direkt auf den Highway zu fahren, das scheint für viele Amerikaner ein aufpreiswerter Vorteil zu sein. Wir bemühen uns, auch an dieser Stelle auf ein Fazit zu verzichten und den abendlichen Blick auf den Atlantik ebenso zu nutzen, wie die schnelle Verbindung in den Acadia National Park. Wir klettern. Und sehen das Wasser glitzern wie selten zuvor. Drei Peanuts an der Bucht, an der Küste, zwischen Seen. Die Köpfe im Wind, mit Hummer und Haar. Skandinacadia, wie schön, wie schön.

Freunde hatten uns schon im Vorfeld den aberwitzigen Plan ausgeredet, die kanadische Grenze in Richtung Halifax zu überqueren. Weil, so die neuschottischen Connaisseure: da ändert sich nicht viel. Wenn Kanada, dann doch besser nach Montreal, Quebec oder Toronto. Wir streichen Kanada kurzerhand aus unserer Route und entscheiden uns für eine lustige Rundfahrt durch Neuengland. Nächster Stop. New Hampshire. Live free or die. White Mountains, von der Küste in die Berge. Idyllischer als das „Mount Jefferson View“ kann ein Motel vermutlich kaum liegen. 10 kleine Holzhütten an der Nationalparkgrenze. Bergluft, Grillenkrach und eine kaltklare Nacht. Und mittendrin ein Polizeiauto, unbemannt, mit laufendem Motor. Steht da 2 Stunden oder länger. Die Polkappen scheinen hier ebenso weit weg wie die Aussicht auf ein Schusswaffenverbot.

In Charleston ermordet Dylann Roof 9 Menschen mit einer – Schusswaffe. Den kleinen rauschenden Röhrenfernseher im Motel befragt, 5 Minuten FOX News, Kommentar zur Obamarede. Recently Obama blamed Donald Trump for being a racist, now he’s blaming the weapon lobby – who will he blame next? The american people? Kopfschütteln, Fassungslosigkeit, abschalten. Entrée la nature. Wir laufen in loops, durch Schluchten und Täler. Dann: Mount Washington. Gar nicht mal so richtig hoch, aber immerhin der höchste Punkt im Nordosten. Mehr oben geht also nicht. Weite & Wahnsinn (verständlicherweise nie ohne: Gebühren & Geschrei – ich bin die Mickey Mouse – gib mir 1.000.000 $ und flieg mit mir zu den Sternen).

Wir müssen weiter, Richtung Westen, ins widerspenstige Vermont. Erstmal Kühe. Und Wiesen. Irgendwie Oberbayern. Michael und Chan singen. Von ihrem eigenen dunklen Amerika.

Burlington ist das kulturelle Herz des kleinen und sympathischen Staates. Wir wohnen bei Andrea, die an der University of Burlington unterrichtet und uns ihre umgebaute Garage zur Verfügung stellt. Es ist schwül. An unserer Tür steht: all unauthorised persons will be authorised. Der Spruch brennt sich ein und legt sich über mein Bild von Vermont. Der Biosupermarkt ist eine Kooperative und ziemlich großartig. Tolles Essen überall. Das Wetter ist unentschieden – and so are we. Die Pharmazeutin liest Gewaltcomics, die Lektorin hält sich am PBR fest – und ich bin – kurz vorm Ende dieser Reise – ziemlich einverstanden. Mit meinen Begleitern und der Welt – mit diesem kleinen Teil der amerikanischen Ostküste in all seiner Vielschichtig- und Widersprüchlichkeit.

Wir fahren zurück, nochmal New York, von dem wir nicht genug bekommen können. Das liegt mit Sicherheit auch an unseren fabelhaften Gastgebern und Reiseführern. Auf dem Weg halten wir kurz in North Adams. MASS MoCA. Das vermutlich größte Museum für Contemporary Art in den Staaten. Anselm Kiefer bespielt nicht einen Raum, sondern ein ganzes Gebäude. Sol LeWitt auf 3 Stockwerken, Jim Shaw, Clifford Ross. Reizüberflutung. Ein Tag in den giardini, mit schlechterem Kaffee, aber in gut. Wir erreichen den Hudson. Zwei weitere leuchtende Tage in NYC. Der Toilet Wine steht kalt. Essen und Trinken und noch mehr Trinken und ab in die Nacht und mitten durch den Regen mit den beiden Ms. Franz ist da. Und der Herzbube auch. Und die Neu-New-Yorker J&T. Wildes Gerede. Wir trinken so viele Biere, dass die Barkeeperin Nachschub kaufen muss. Warum denn aufhören, wenn’s doch gerade am schönsten ist. Wir bleiben alle mal schön hier, in dieser dunklen Bar, die nicht cool ist und nicht in, aber gerade für den Moment Insel genug. Das Klischee des Schmelztiegels wurde schon viel zu oft strapaziert – und abgesehen von großen Mengen Bargeld, die mir im Minutentakt zwischen den Fingern wegschmelzen, kann ich gar nicht beurteilen, ob und was in New York so miteinander verschmilzt – aber mit Sicherheit sagen lässt sich: New York vibriert. Und stinkt. Und wie jede anständige Großstadt ist sie Aufputschmittel und Sedativum gleichermaßen. New York nervt. New York brennt. Michael flüstert mir ins Ohr.: Leaving New York / never easy.

Recht hat er, wie so oft.

——
Die harten Fakten: 3 Wochen Ostküste. 7 Bundesstaaten, 2000 Meilen, gefühlte 200 Kaffeestops für die koffeinabhängige Apothekerin, 30 weggeschüttete Kaffees (von der Apothekerin), mehrere Dutzend degustierte Craft-Biere, ebenso viele verbrauchte Blasenpflaster, hervorragendes Essen aus den Küchen unterschiedlichster Kulturen (Ukraine, Venezuela, Korea, Senegal, Japan), öfters mal ziemlich verwundert gewesen, öfters mal ziemlich im Schwung. Gezankt, gelacht und ziemlich viel geschaut. Schnapsschüsse von der Reise gibt es bei flickr.

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Lieber CSD als CSU

stonewall

Meine Beziehung zu CSD-Veranstaltungen war in den letzten Jahren – den Berliner Transgenialen CSD mal ausgenommen – ganz schön kompliziert. Die Gründe dafür sind mannigfaltig und wurden an dieser und anderer Stelle schon des öfteren ausführlich dargelegt: Da wäre zum Beispiel die leidliche Forderung nach dem  Recht auf Eheschließung, wo es doch so viel hübscher wäre, dieser Scheiß-Institution endlich mal den Kampf anzusagen. Oder die öde (und gefährliche!) Marschroute in Richtung Mitte der Gesellschaft. Da war ich schon mal. Kann ich nicht empfehlen. Außerdem habe ich in den letzten Jahren eine heftige Allergie auf Parteiflaggen und Funktionär-Wichte entwickelt – und die Bereitschaft, mich für das Recht von Ja-Sagern einzusetzen, hält sich auch zunehmend in Grenzen.

Warum ich nächstes Jahr dennoch am CSD teilnehmen werde? Weil ich dann doch lieber Teil einer komplizierten Beziehung mit einer privilegierten Randgruppe bin (privilegiert, weil größtenteils: cis/white/abled), als Teil der anonymen Masse auf der anderen Seite des Regenbogens. Solange es die Konstanzer Lokalpresse ernsthaft fertig bringt,  CSD-Teilnehmern als „Gestalten“ zu beleidigen und sich davon auch – trotz mehrfacher Nachfrage und lautstarkem Protest – nicht distanziert, läuft etwas grundlegend schief und ich halte das für so ärgerlich wie besorgniserregend. Von all den Kommentatoren („Wann kommt die Heterosexuellen-Parade?“) und Facebook-Trollen („Gestalten ist noch viel zu milde für Pack wie euch“), die so ein Artikel nach sich zieht mal ganz und gar nicht zu schweigen.

Auf einem CSD-Wagen und im Zug waren Männer zu sehen, die sich kunstvoll zu Frauen und moderne Nonnen geschminkt und verkleidet hatten. Eine der Gestalten nannte sich „Schwester Daphne“, die sagte, sie wolle universelle Freude verbreiten und verinnerlichte Schuldgefühle tilgen.

Der eigentliche Dolchstoß, den diese journalistische Frechheit bereithält, steht folgerichtig am Ende des Artikels. Dort heißt es:

Ein Großteil der Passanten zeigte sich neugierig und amüsiert vom bunten Demonstrationszug des CSD. Viele zückten Fotoapparate und Fotohandys. Einige dachten wohl wie Brigitte Müller, die mit ihrer Tochter Elisa aus Waldshut zu Besuch nach Konstanz gekommen war, und vom CSD überrascht wurde: „Uns stört es nicht.“

Ach was. Frau Müller aus Waldshut stört das nicht? Na dann haben wir aber nochmal Glück gehabt. Und was wäre, wenn? Hier wird der Ottonormalbürgerin¹ die Deutungshoheit über gesellschaftliche Randgruppen zugesprochen – na prima. Dass diese Denkfigur eine lange Tradition und zahlreiche Anhänger hat, ist mir schmerzlich klar, widerlich bleibt sie trotzdem. „Uns stört es nicht“ – das kann allenfalls als (momentane) Duldung verstanden werden. Und das, lieber Südkurier, ist mir eindeutig zu wenig. Ich hoffe, die Redaktion des Südkurier ist sich darüber im Klaren, dass sie die via Stellungnahme reklamierte Flagge der Gleichberechtigung², mit Berichterstattungen wie dieser selbst in Brand steckt.

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¹ – No offense Frau Müller – ich kenne Sie nicht und will Ihnen nichts unterstellen – sie werden hier als Vertreterin der Gesellschaftsmitte benutzt, was freilich eher unschön ist und möglicherweise auch ganz schön ungerecht – Protestbriefe bitte an die Lokalredaktion des Südkurier.
² – Stellungnahme des Südkurier: „Es war absolut nicht unsere Absicht, die Teilnehmer zu diskreditieren. Im Gegenteil, wir haben stets alle Aktivitäten für mehr Gleichberechtigung unterstützt. Weil viele Teilnehmer künstlerisch und mit viel Aufwand „gestaltet“ waren, haben wir sie als Gestalten bezeichnet – ein Wort, das wir in seiner Bedeutung und ohne entsprechendes Attribut als nicht negativ behaftet sehen. Es tut uns sehr leid, wenn das für Sie anders rüberkommt.“

Zum vollständigen Südkurier-Artikel

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So much beauty comin‘ out of my ass!

Peaches rettet uns mal wieder den Arsch… bombe!

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Rub, das 6. Studioalbum von Peaches, mit Gastbeiträgen von Kim Gordon und Feist, erscheint am 25. September auf I U She Music / Indigo.
peachesrocks.com

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Ban marriage!

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Angesichts all der bunten Regenbögen, die in den vergangenen 24 Stunden in meine Netzrealität gepostet wurden, bin ich ganz froh um ein dezidiertes Statement von den radikalen Rändern des LGBITQ-Spektrums. Die geliebte Poetry-Aktivistencrew Darkmatter stellt in knappen Sätzen klar, weshalb der Regenbogen auch zur Persi- und Camouflage werden kann und warum längst nicht alle von uns ein Stück vom Hochzeitskuchen abbekommen (wollen).

THX Janani & Alok and keep the rage alive!

„I love when the world makes things explicit: today when cisgender gays and lesbians and their allies will be celebrating gay marriage, a bunch of us will be on the streets for the Trans Day of Action march in NYC with Audre Lorde Project and the abolish the prison industrial complex party in the Bay Area with TGI Justice Project (TGIJP) protesting criminalization and murder of trans people. So many think pieces and neoliberal ‪#‎activists‬ will proclaim the end of the „gay movement,“ but

Let’s get a few things straight:

1. Violence against queer and trans communities of color is steadily increasing. The majority of this violence is comes from the very state that allegedly supports our „equality“ at the hands of the police, prisons, mental health institutions, and ICE. „Victories“ like this Supreme Court ruling are often used to pinkwash the US government and make it seem „LGBT friendly“ even though it’s one of the biggest arbiters of anti-queer and anti-trans violence at home and abroad.

2. Every time there is a symbolic ruling like this there is a significant backlash. This backlash looks like acts of physical and sexual violence against largely low-income gender non-conforming people of color who cannot afford privacy and safety. Policy change does not translate into changing hearts and minds. Community organizing does. Stop discussing progress without understanding punishment.

3. What you call a „rainbow,“ we call the racial wealth divide. It’s much easier to affirm „gay love,“ then it is to call for reparations for colonialism, slavery, and exploitation of labor. As gay marriage gets legalized the majority of LGBT donors are pulling back their funds to support queer and trans work. This leaves those of us doing racial and economic justice work even more broke and less able to get people out of prisons and into stable housing and jobs. But who needs money for bread when you can eat wedding cake?

4.Marriage equality“ is an oxymoron. The institution of marriage is an inherently unequal institution. Marriage is a racist and patriarchal system established to allocate basic rights to couples over other forms of relationships. The institution of marriage has and continues to exacerbate the (racial) wealth divide in this country.

5. We aren’t fighting for more rights, we are fighting for abolition. This is a very different political strategy. We don’t want more freedoms, we want to be free from violence. We aren’t fighting for equality and love, we were fighting for economic justice and liberation. We aren’t fighting for representation, we are fighting for revolution.  Back to the streets.“

(Gepostet am 26. Juni via facebook)

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America is hard to see

 

Urlaub in den United States of America. Osten, Ursprung, Land of the free (New Hampshire empfängt uns auf der Interstate mit der Forderung „live free or die“).

Und nach 12 Tagen und sieben Staaten gleicht mein Kopf einem melting pot – randvoll mit Eindrücken, die meinetwegen gerne so wild und unsortiert nebeneinander verweilen dürfen, wie sie in meine Großhirnrinde gespült wurden.

New York City, unser Ausgangspunkt und Heimathafen*, ist: Wahnsinn. M&M, unsere Gastgeber, Guides und Trinkkumpanen empfangen uns mit offenen Armen und Weißweinflaschen und katapultieren uns mitten ins Getümmel: to the five boroughs and back, verziert mit ordentlich Trendalkoholika und internationalen Küchenverbrechen: koreanisch, ukrainisch, venezuelanisch. Wir drehen am Schicksalsrad in Coney Island, kotzen an Bäume in Brooklyn und staunen über ausgestopfte Giraffen oder Toilettenperformances in Bushwick. MoMA, Times Square, One World Trade. Das Whitney Museum titelt „America is hard to see“ und ich weiß intuitiv um die Bedeutung dieses Slogans.

Nach 5 Tagen NYC brechen wir in Richtung Nordosten auf. M. kommt mit, raus ans Meer, Cape Cod calling. Räder mieten und Regenbogenflaggen zählen – dürften hunderte sein, es ist Pride-Month und Cape Cod trägt schließlich nicht zu unrecht den Beinamen Cape Cock. Eine Lobsterroll besteht aus einem viertel Pfund Hummer, Brot und einer Bruttoregistertonne Butter. Ein Buckelwal kommt selten allein. Mir wurde schon öfters von Beseelungsmomenten im Zusammenhang mit Walbeobachtungen berichtet. Stimmt, gesehen, gefühlt, Wow!

Weiter geht’s – stabbing northwards. Next stop: Boston, Massachusetts, wo alles mal wieder hübsch gleichzeitig ist. In unserer Nachbarschaft wurde am Tag vor unserer Ankunft ein Teenager erschossen. Gang related crime, so die erste Vermutung. Ansonsten fühlt sich Dorchester an, wie Queens, das Essen beim Senegalesen wie eine Offenbarung und Harvard wie eine Wiese mit Backsteinhäusern drumrum.

Wir werden Zeuge einer kuratorischen Kakophonie bei Isabella Stewart Gardner und sehen grandiose Malereien von Meleko Mokgosi. Im Hafen werden ernshaft Teekisten über Bord geworfen, was allerdings ganz gut zur allgemeinen Entertainisierungswut passt (im One World Trade Center schaut man schließlich auch nicht einfach aus dem Fenster – man muss erstmal multimedial aufgepeitscht werden, bevor der Vorhang sich lüftet).

An Abschiede haben wir uns bereits gewöhnt, aber jetzt wird’s nochmal hart. M. muss zurück nach NY, wir fahren weiter ‚gen Norden. Byebuy & thanks a lot, we will always hate you.

Portsmouth in New Hampshire ist so pittoresk wie obskur. Bei Pickwick’s Mercantile werden wir von gefiederten Zylinderhüten bedient. „May I free your hands, Sir?“ Aber klaro, I hope my mind will follow. Bei Geno’s gibts Clamchowder und Krabbenkram, serviert mit Plastiklöffeln, -schalen und -bechern. Es macht Spaß, Dinge wegzuwerfen. Sein Leben zum Beispiel.

Maine empfängt uns strahlend. Unsere Airbnb-Gastgeberin in Portland hat leider keine Restaurantempfehlung für uns, trotz immenser Gastrodichte in unserem Bezirk Munjoy Hill. Hardly any money. Auch das ist eine Wahrheit in einem Land, das in Parzellen und Schichten aufgeteilt ist. Was schön ist, kostet Geld. Wo’s schön ist, ist Rauchen verboten.

Wir treffen Kyle an der Bar. Eine Minute bis Hitler, nach zwei wirft er sein Bier um. Highschoolsoccerteamkarrierist eben. You’re the best people I ever met, what’s yr name again? (x5)

Rain in Maine, auch schön. Küstenwetter. Portland Museum of Art, Restaurant und Lektüre.

Der nächste Abschied naht. Tschüss Portland, we’re heading into the wild. Beachhouse und so. Next stop: Lincolnville. Ohne Wikipedia-Eintrag. Immer weiter nach Norden, ins Nichts.

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Fotos vom Trip gefällig? Bei instagram werden Sie geholfen.

PS: Tipp für OneWTC-Besucher. Besser kein Taschenmesser mitnehmen – das führt zu ungläubigem Kopfschütteln beim Security-Personal, wie meine Gattin feststellen durfte.

*weltstädtisches Geflunker – unsere Homebase war tatsächlich in Hoboken, ein hübsches Städtchen westlich des Hudson River, 15 Minuten entfernt von Manhattan. Der Haken: Hoboken liegt in New Jersey – und das verschweigt man in New York besser, wie uns von allen Seiten versichert wird.

Foto: Glen Ligon: America, gesehen im Whitney Museum of American Art, NYC